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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Ein Sterbender.

                  In dunkler Nacht ein Jäger bringt
Ins stille Pfarrhaus rasch die Kunde:
»Waldbruder mit dem Tode ringt,
Verlassen, tief im Tannengrunde.«

Zwei Männer ziehn durch Nebelfeuchte,
Herr Wigand trägt den Leib des Herrn,
Der Meßner das Glöcklein und die Leuchte;
So schritten sie in Nacht; es deuchte
Von fern ein klingender, wandelnder Stern.
Schier zauberisch lenkt in Waldesschweigen
Dieß grelle Licht, dieß schrille Klingeln
Durch Büsche, die sich schlummernd neigen,
Auf Wurzeln, die sich träumerisch ringeln;
Da überkommt die Waldesbahnen
Ein rasches, kurzes Tagesahnen,
Der Baum, auf den das Streiflicht sprüht,
Will Ast und Wipfel freudig strecken,
Als hätt' ihn Frühroth angeglüht;
Waldvöglein, das die Klänge wecken,
Durchwühlt sein sträubend Flaumgefieder
Und sinnt auf frische Morgenlieder,
Ihm ward, als klänge Tagesläuten;
Waldblumen öffnen den Pokal,
Zu goldnem Frühtrank zu erbeuten
Den Thau, kredenzt vom Morgenstrahl.
Am schwanken Licht, am flüchtigen Klang
Erwachte Keimen, Blühn, Gesang;
Doch Licht und Klang schwand in den Zweigen,
Und Alles kehrt in Nacht und Schweigen.

Herr Wigand eilt durchs Waldesthal:
»O käm' ich selbst wie solch ein Strahl
Zum Sterbenden, ihm noch zu zeigen
Im hellen Streiflicht all' sein Glück,
Sein irdisch Blühn, bevor ins Schweigen
Der ewigen Nacht er sinkt zurück!
Mein freudig Priesterherz nicht zage
Selbst an den Pforten der Ewigkeit
Zu mahnen an die goldnen Tage
Der flüchtigen Erdenseligkeit;
So wird voran der Seele wallen
Als Leuchte in die dunklen Hallen
Ihr eigner funkelnder Lebensstern.
Wo ein gesunder Lebenskern
In Freiheit sich entfalten konnte,
Dem lächeln selbst im Blätterfall
Die Blüthen schönern Daseins all',
In dessen Glanz er sich einst sonnte.
Drum sprich dem kranken Pflüger treu
Vom Gold der Aehren, die sich neigen,
Er schläft dann ein wie im duftigen Heu
Am Erntefest beim Schall der Geigen.
Dem Gaukler rede noch vor'm Grab
Vom Schwindelseil, vom Bühnengepränge,
Dann ist sein Tod, als trät' er ab
Im Beifallrauschen der klatschenden Menge.
Dem Schiffer sprich vom Ozeane,
Vom Wogenschlag, von Rudrersiegen;
Entschlummern wird er, wie im Kahne,
Den flüsternde Wellen ans Jenseits wiegen.
Dem Freier, der zum Sterben kam,
O red' ihm von Kuß und Ring und Locken;
Das löst sein Herz so wundersam,
Als ging's zum Dom bei Hochzeitglocken.
So soll der kranke Eremite
Der blühenden Einsamkeit noch lauschen;
Er wallt hinüber dann, als schritte
Er sinnend durch das Waldesrauschen.«

Den Bildern, die er wecken will,
Wie zum Symbol pflückt Wigand still
Waldblumen, die im Dämmer schwanken,
Der Wildniß lieblichste Gedanken.

Wie eine Seele weltverdrossen,
In eigne Tiefen streng verschlossen,
Barg tief im Waldgrund sich die Zelle.
Die wilde Rebe klimmend umspannt
Das Fensterlein und dämpft die Helle,
Die fahl durch matte Scheiben bricht;
So legt auch Scham die bergende Hand
Vors Antlitz, daß durchs Auge nicht
Das innere Fühlen sich offenbare.
Die Reue nur baut solche Verstecke,
Daß durch die undurchdrungne Hecke
Kein Lichtstrahl scharfer Mahnung fahre.

Sie treten ein. Kein Bibelspruch
Grüßt von der Wand; da liegt kein Buch,
Kein Rosenkranz, kein Weihbrunnbecken;
Das einzige Kreuzbild ist ein Schwert,
Um das trophäengleich sich strecken
Manch alte Waffen rostverzehrt,
Kampfschärpen dran, verblaßt, bestaubt,
Festkränze, fahl und halbentlaubt.
Vom Prunkgeräth der dunklen Wand
Bis an das Bett des Siedlers spannt
Die Spinne ihre feine Schlinge;
So spinnt wohl auch das Herz des Kranken
Nur leise Fäden der Gedanken
An jene welken, eitlen Dinge.

Pfaff Wigand senkt die Blicke nieder
Zum Sterbenden im Mönchsgewand,
– Dieß Antlitz dünkt ihm fast bekannt, –
Und dann auf seine Blumen wieder,
Als ob er in dem Straußgewinde
Den Spruchtext seiner Rede finde:
»O laß durch grüne Waldeshallen
Noch einmal deine Seele wallen,
Als schrittst du hin im Morgenscheine,
Sein Gold umries'le Laub und Schaft,
Der Eichbaum taufe priesterhaft
Mit Thau die Gräser und die Steine,
Des Waldes Tagwerk hold beginne
Mit Blühn und Rauschen, Sang und Minne
Der Finke Morgengrüße stammle.
Wie wird dein Herz so weich, so weit!
O schöner Gang! Noch einmal sammle
Die Blumen deiner Einsamkeit.
Da ist die tiefe Selbstbetrachtung,
Der Wildniß hold, wie Erdbeerblüthe,
Daß sie die eigne Frucht ihr hüte;
Da ist die strenge Weltverachtung,
Dem Geisblatt gleich, das Farbenpracht
Und Duft verbarg in Waldesnacht;
Da ist der beflügelte Gottgedanke,
Der wie die wilde Hopfenranke
Vom dunklen Grund durchs Wipfeldicht
Empor sich schwingt ins goldne Licht,
Zu Wolkenflug und Sonn' und Stern!
Wo ein gesunder Lebenskern
In Freiheit sich entfalten konnte,
Dem lächeln selbst im Blätterfall
Die Blüthen schönern Daseins all,
In dessen Glanz er sich einst sonnte.«

Der Siedler drauf kopfschüttelnd spricht:
»Mein Leben war die Pflanze nicht,
Die freudigen Wuchses sprießt zum Licht;
Der Keim war welk, bevor entfaltet,
Das Dasein todt, bevor erkaltet.
Ich war, dieß Wort mag Alles sagen,
Ein Fürstendiener in frühern Tagen;
Ich war, wie jener Lanzenschaft,
Ein Werkzeug nur für fremde Kraft;
Sei auch die Hand stark und gerecht,
Die ihn geführt, doch muß er klagen:
Er könnte grün und ungeschwächt
Der schönste Baum des Waldes ragen!
Ich war der Seidenschärpe gleich,
Nur Hülle für ein fremdes Herz;
Sei dieses Herz auch mild und reich,
Doch rauscht durch sie ein tiefer Schmerz
Der Seelen all' der Schmetterlinge,
Die nicht entfaltet ihre Schwinge.
Der Dunstraum einer prunkenden Gruft
Dünkt' eine Zeit mir Lebensluft.
O Freiheit, als mir ward ein Zeichen,
Wie brach ich in mein Nichts zusammen,
Gleichwie geschminkte Königsleichen
Zerfallen an den Sonnenflammen!
Kein Teppich, drauf ich weichlich walle,
Ist mir die Einsamkeit, sie falle
Als dunkler Vorhang, wie um Särge,
Der mich der Welt, die Welt mir berge.
Sie war die düstre Kerkerhalle,
In die ich, strafend, selbst mich bannte,
Daß ich zu spät das Sein erkannte.«

Von Wigands Mund ein Trostwort fließt:
»Nicht nur der Baum, der einzeln sprießt,
Mag sich nach freiem Drang entfalten;
Es keimt in gleich gesundem Walten
Die Ranke auch, die ihn umschließt.«

Da seufzt der mönchgewordne Ritter,
Rafft sich empor und lächelt bitter:
»Ein Mann, ein Hund zusammen reisen,
Der Mann gradaus auf gebahntem Wege,
Der Hund seitum durch Feld und Stege,
Umzirkend ihn in hundert Kreisen.
Und zeichnest du im Sand die Bahnen,
Gradzeilig wird dich jene gemahnen
Wie Stab und Pfahl, doch diese schwanke
Wie die um ihn geschlungne Ranke;
Solch eine Ranke war mein Leben!
Kommt dann das Hündlein einst zu sterben,
Das weiche Fell, sein Herr wird's erben;
Ein tüchtig Handschuhpaar soll's geben.
Da scheint's, dem Handschuh selbst vermähle
Sich noch des treuen Thieres Seele;
Das ist ein lindes Schmeicheln, Schmiegen,
Ein treu Umzirken der Gelenke,
Daß man der Theile Winden und Biegen
Schier ein genähtes Wedeln denke;
Dem Wink der Herrenhand ergeben,
Gleich folgsam gilt es, ohne Zieren,
Schwert oder Festkranz apportiren.
Und solch ein Handschuh war mein Leben!
Ich schleudr' ihn, nun das Herz mir bricht,
Der feigen Welt ins Angesicht.«

Da fiel zurück das Haupt des Kranken,
Aus Wigands Hand die Blumen sanken.

Der Mann, erkrankt am Weh der Zeit,
Geht sterben tief in Einsamkeit,
Ein wunder Hirsch, auf daß die Föhre
Der Wildniß nur sein Röcheln höre.

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