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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 27
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Hoher Besuch.

                      Ans Pfarrhaus kam ein Bote trabend,
Besuch der jungen Herzogin
Zu melden für den nächsten Abend;
Herrn Wigand gibt's nicht freudigen Sinn.
Zum Kellerraum stürzt er in Hast,
Springt mit dem Heber von Faß zu Faß;
Doch keines beut so edles Naß,
Daß er's kredenze solchem Gast;
Zum Garten dann in emsiger Flucht
Und schüttelt rings von Baum zu Baume;
So tadellos scheint keine Frucht,
Daß er sie biete solchem Gaume.
Er späht in Hühnerschlag und Koben,
Ob sich kein Bratenstück dort mäste;
So rund und feist ist keins zu loben,
Das prunken könnt' an solchem Feste.
Er wühlt im Schacht des Linnenschreines,
Ob eins zur Tafelhülle tauge;
So fein und blendend dünkt ihm keines,
Daß sich's entrolle vor solchem Auge.
So blieb das Tischlein ungedeckt,
Der Spieß am Heerde unbesteckt.
Man dächte schier all' irdische Speise
Verpönt in dieses Pfarrhofs Kreise;
Doch bess're Zeiten läßt errathen
Im Haus die Refectorienluft:
Mysterienhaft gemengter Duft
Von Weihrauch und von Ferkelbraten.

Pfaff Wigand seufzt beklommen fast:
»Wenn fürstlicher Besuch im Hause
Der Armut Einkehr hält als Gast,
Wenn Hoheit huldvoll sich zur Rast
Herabläßt zu des Niedern Klause,
Mich mahnt's, wie wenn die prächtigen Schlossen
Zu schlichtem Korn herab sich lassen;
Wie wenn Blitzstrahle, glanzumflossen,
Den Sitz auf niedrem Strohdach fassen;
Wie wenn sich zu den Blüthenbäumen
Schneewolken neigen zum Besuch,
Es sinkt auf warmes Erdenträumen
Der Höh'n erkaltend Leichentuch.«

Doch lieblich wie ein Maienstrahl
Eintrat des Herzogs jung Gemahl,
Das Grüßen ihres Mundes klang
Wie aus den Höh'n der Lerche Sang,
Das Neigen ihres Hauptes war,
Als neige sich im Frühlingshauch
Ein blüthenlichter Rosenstrauch
Zu schlichter Haideblumenschaar.
Es folgen, wie den Maientagen
Sommer und Herbst mit reichen Gaben,
Der hohen Frau zwei Edelknaben,
Die Körbe, schwer von Früchten, tragen.
Da ist die blaue, runde Pflaume,
Die Sinnbildfrucht der nordischen Nacht,
Die hier in Form auf einem Baume
Ihr dunkelblaues Rund gebracht.
Dort der Orange dunkles Gold,
Der Feenball der Südensonnen,
Die ihren Strahl zu Fäden gesponnen
Und schön zu goldnem Knäul gerollt.
Der Pfirsich hier, wie Kinderwangen
Mit frischer Röthe, sammt'nem Flaum,
Gemahnt wie nach dem Kindheittraum
Ein schönverkörpert Rückverlangen.
Dort ist ein Krug mit dunklem Wein,
Man sollt' ihn kaum so lieblich wähnen.
Sein Name mahnt an blutige Thränen,
Lacrymä Christi, blutiger Schein!
Doch Zechern soll er Mahnung sein,
Daß unsres Lebens vollste Welle
Oft nur aus fremden Thränen quelle.
Den Krug entsiegelt Wigand zart:
»Grab' aus vesuvischer Asche, grabe,
O welscher Winzer, uns zur Labe
Manch Thränenfläschchen solcher Art!«

Die Fraue sprach: »Nun aber lodre
Hell im Kamin der Flammenschein,
Daß Speis' und Trank erst recht gedeih'n,
Daß nicht im Mund das Wort vermodre!
Gesellig ist des Feuers Geist;
Stockt eure Rede, spricht statt euer
Mit Flüstern, Knistern gern das Feuer,
Wißt ihr kein Lied, für euch singt's dreist;
Es weiß zu jauchzen, weiß zu stöhnen,
Jed' Fühlen liegt in seinen Tönen;
Verarmt ihr an Gedanken gleich,
Das Feuer hilft gedankenreich;
Ließt ihr zu Grab Erinnerung gehn,
Das Feuer läßt sie auferstehn.
O starr' ins Flammenspiel hinein,
Du find'st darin dein All und Sein!
Liebst du des Waldes schöne Hallen,
Horch auf, du hörst darin ihr Säuseln,
Siehst Flammen auch wie Laub sich kräuseln
Und flockige Wipfel wanken und wallen;
Wohl gar ein Vöglein findet sich auch,
Das zwitschernd flattert im Flammenstrauch.
Fuhrst du zu Meer, sieh, feurige Wellen
Drin zischen und branden, ebben und schwellen;
Die Windsbraut hörst du ächzend klagen,
Siehst, wie ein Wrack, am Riff zerschlagen,
Aus Feuerfluth die Scheiter ragen.
Freut, Landmann, dich's, im Korn zu gehen,
Du siehst drin goldne Garben wehen
Mit blauen Flämmchen, rothen Funken,
Wie mit Kornblum' und Feldmohn prunken;
Du hörst's darin, willst du nur lauschen,
Genau wie Sommerregen rauschen.
Hat eine Mutter ihr Kind verloren,
In Flammen wird ihr's neu geboren;
Das schaukelt lind wie eine Wiege,
Als ob darin ihr Kindlein liege,
Das athmet wie sein Schlummerhauch,
Glüht rosig wie sein Wänglein auch,
Das wallt so golden wie seine Locken,
Flammt wie sein Aug' in blauem Schein;
Sie horcht bewegt, – sogar das Schrei'n
Des Kindes hört sie süß erschrocken! –
O laßt aufs Knie die Heiden fallen,
Sie sah'n den Gott im Feuer wallen
Und Gaben ausstreun Allen, Allen,
Der Ehrsucht selbst den Purpurschimmer,
Der Habsucht den metallnen Flimmer.
Das Feu'r ist Leben! Ewig Gähren
Und Ringen, Fluthen, Sichselbstverzehren!
Ein ewig Hungern, ewig Naschen,
Ein stät Entflattern und sich Haschen!
Und all' des Glühns und Glänzens Ende?
Ach, eine Handvoll weißer Aschen,
Das Sterbehemd der Lebensbrände.
Drum, Wigand, laßt erglimmen den Span,
Und facht die hellen Flammen an!«

Sprach Wigand drauf: »O Armut bitter!
Auf meinem Holzhof ist kein Splitter!
Traun, daß die Flamme würdig euer,
Trüg' ich Gewürz und Zimmt zusammen,
Wie für des Sonnenvogels Flammen,
Und stieg' als Phönix selbst ins Feuer.
Nicht also! Bessres fällt mir ein,
Viel edler soll die Flamme sein!«

Er läuft zur Kirch' und bringt alsbald
Von dort vier Männer ungestalt,
Ein Arm zu lang, ein Rumpf zu zart,
Zu kurz ein Bein, zu breit ein Kopf;
Er führt sie nicht mit feinster Art,
Den einen hält er rechts am Bart,
Den Andern trägt er links am Schopf,
Zwei Andre unter den Armen stolz;
Die Männer sind allsammt von Holz.
Nochmals hinab zur Kirche springt er,
Und andre vier Gestalten bringt er,
Enteilt aufs Neu in hastigem Lauf
Und trägt die letzten Vier herauf.
Den glimmen Span zu Flammen schwingt er,
Fasst dann ein Männlein nach dem andern
Und läßt sie all' in den Ofen wandern:
»Jakobchen, fein dich rück' und bücke,
Daß dir's nicht auf die Glatze drücke!
Gestrenger Paul, laß dich's nicht härmen,
Einmal ein Frauenherz zu wärmen!
Thoms, leg' die Hand zum Feuerschlunde,
Und prüf', ob's brennt, – wie jene Wunde!
Ach, um dein schön Alumnenkleid,
Sanfter Johannes, thut mir's leid!
Laß sehn doch, Peter, ob der Brand
Die Schlüssel schmilzt in deiner Hand?
Seht Felsen-Peters neu Mirakel:
Ein Felsen brennt wie eine Fackel!«
So trieb er's fort, bis die zwölf Boten
Hellauf in goldnen Flammen lohten.
Ihr heilig Haupt umleuchtet prächtig
Ein neuer wallender Glorienschein;
Ein andres Pfingsten scheint's zu sein,
Die Stirnen sprühn von Funken mächtig,
Ein tönend Brausen ist erklungen,
Als sprächen sie in allen Zungen.

Doch mild verweist die Herzogin:
»Das nenn' ich sündigen Beginn,
Das Gute schleudern in die Flamme,
Unwissend, wo das Bess're stamme;
Die alten Götter wild zerschlagen,
Bevor im Haus die neuen ragen.
Weh Jedem, unter dessen Dache
Kein liebes Heiligthum hält Wache!«

Drauf Wigand spricht: »Uebt milde Rache!
Mir kam ein Traum, und nicht vom Bösen,
Schon harre unter eurem Dache
Die heil'ge Mannschaft, abzulösen
Der alten Krüppelmänner Wache.
Der Traum ist leicht euch auszulegen;
Ihr werdet bald von Künstlerhänden
Uns neue zwölf Apostel senden;
Nur laßt nebstbei die heiligen Streiter
Auflesen unterwegs die Scheiter
Im Herzogswald, im Buchenhagen,
Und sie auf meinen Holzhof tragen.«

Die holde Frau Gewährung lächelt.
Uns aber mahnt das Wort des Pfaffen
Der fernen Zeit, als laubumfächelt
Die Glaubensboten in Waldesgängen
Noch schritten, Reisig aufzuraffen;
Im Ohr blieb mancher von den Klängen,
Am Kleide manche Blüthe hängen,
Manch grünes Blatt an ihren Reisern.
So trugen sie zu dumpfen Häusern
Den frischen Hauch, den würzigen Duft,
Die sonnenwarme Lebensluft.

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