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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Kirchweihe.

          Der Meister hat den Bau vollbracht,
Die Kirche ragt, wie er's erdacht,
Er hat getüncht die glatte Wand,
Gewölb' und Kuppel schön gespannt,
Die Pfeiler schlank emporgestreckt,
Das Dach mit Ziegeln bunt gedeckt;
Vollendet ist's nach seinem Sinn, –
Doch ist der Gott noch nicht darin!
Der Bildner hat den Bau geschmückt,
Mit farbigen Scheiben ihn erhellt,
Das Bild auf den Altar gestellt,
Standsäulen an den Ort gerückt,
Schön ausgeprägt im Christusbilde
Das Menschenleid, die Gottesmilde,
Am Tabernakel Schnitzwerk zart
Und Uebergoldung nicht gespart;
Vollendet ist's nach seinem Sinn, –
Doch ist der Gott noch nicht darin!
Der Priester hat den Bau geweiht,
Hat betend dreimal ihn umschritten,
Entflammt die ewige Lamp' inmitten,
Auf daß sie leuchte aller Zeit;
Hat Wasser, Asche, Salz und Wein
Gesegnet, hat gesalbt den Stein,
Die heiligen Leiber eingesenkt,
Meßkleider, Glocken, Opferschrein
Mit Weihbronn segnend übersprengt;
Vollendet ist's nach seinem Sinn, –
Doch wohnt der Gott noch nicht darin!
Jetzt öffnen sich die Pforten weit,
Es strömt herein des Volks Gedränge,
Da flüstern Lippen, rauschen Gesänge,
Da kommt die Andacht, kommt das Leid,
Der laute Jubel, das stille Bangen,
Der Fluch, der Dank, das Allverlangen,
Der rasche Zorn, das raschere Zagen,
Der rauhe Spott, das weiche Klagen,
Der Ketzertrotz, der Duldersinn, –
Der Gott ist da, sein Geist weht drin!

Zum Prior sprach in Neuburgs Zelle
Pfaff Wigand: »Euer Abt singt morgen
Die erste Mess' in der Kapelle,
Die wir gebaut. Nun bannt die Sorgen,
Den Ordenszwang einmal im Jahr!
Uebt heit'ren Brauch der Provenzalen
Und der Burgunder Conventualen,
Die jährlich um des Herrn Altar
Die Kränze lustiger Thorheit schlingen;
Herrn Otto soll es Freude bringen,
Den Ernst verwirren eures Alten
Und glätten seine Abbasfalten.
Wer allzuweis' begann, verfährt
Sich oft zum Schluß in Narrengleise;
Laßt uns beginnen umgekehrt,
Zu schließen einst erträglich weise.
Seht, Klosterweisheit gleicht dem Bronnen
Der Reben in verschloss'nen Tonnen;
Ihr dürft sie nicht zu fest verkeilen,
Müßt lüpfen klug den Spund bisweilen;
So wird der Most zur Ruhe kehren
Und sich zu goldner Reinheit klären.
Versäumt es ja nicht, daß die Enge
Des Reifs der wilde Geist nicht sprenge!«
Da wird dem Prior ernstlich bange,
Er spürt verschlossene Weisheit gähren,
Er fühlt das Lüpfen schon, das Klären
Und nickt mit sanft entflammter Wange.

Ein Priestergreis im Silberhaar,
Der Abt Rudwin, steht am Altar.
Er hebt den Kelch von Golde klar;
Die Schale zieren bis zur Mündung
Viel Schilderei'n, der Klostergründung
In Gold gegossene Berichte.
Der Holderstrauch in Waldesdichte,
Der Schleier dran, der windentführte,
Die Rüdenschaar, die ihn erspürte;
Das Stifterpaar von frommem Sinn,
Der Markgraf und die Markgräfin,
Auf hohem Roß zum Funde jagend,
Aus ihren Händen Kirchlein tragend;
Das Alles hat mit Musengunst
Reich ausgeprägt die Goldschmiedkunst.
Nicht glückt's der holden Aventüre,
Daß sie des Priesters Sinn entführe
Vom Opfer, dem er zugewandt.
Sein Mund berührt des Kelches Rand,
Sein Geist versenkt sich festgebannt
Ins heiligste Mysterium.
So hängt in klarer Mittagsstunde
Ein Falter fest am Blumenmunde,
Versunken ganz ins Heiligthum
Des Kelches, still, bewegungslos;
Es haucht kein Lüftchen; alle Dinge
Ruhn, glänzen, schweigen regungslos,
Nur leise zittert seine Schwinge.

Als nun aufs Knie der Priester fällt
Und hinter ihm der Frater schellt,
Das klingt so hohl, so blechern grelle
Wie von der Trift der Leitkuh Schelle.
Herr Nithart schlägt die Orgel heut;
Vom heiligen Chor doch brausen nieder
Nur seine Buhl- und Schelmenlieder,
Der Sänger ist wohl arg zerstreut.
Vom Rauchfaß, das ein Bruder schwingt,
Ein schnöder Stank den Raum durchdringt,
Als glömmen auf den rothen Kohlen
Anstatt des Weihrauchs alte Sohlen.
Der Abt erhebt sich zum Gebet,
Da liegt das Meßbuch ganz verdreht,
Die Ministranten mit Behagen
An Wurst und feistem Braten nagen
Und füllen auf dem Altartisch
Mit Wein die mächtigen Humpen frisch.
Zum Himmel will's den Blick ihm reißen,
Doch sieht er, was sein Aug' nicht glaubt:
Dort nickt bedeckt mit einer weißen
Schlafmütze selbst Gottvaters Haupt!
Ein Narrenfest umtost, umrankt
Rings um und um die heilige Handlung,
Nur Abt Rudwin nicht zuckt, nicht schwankt
Und lauscht allein der Gotteswandlung;
Um seinen Mund kein Lächeln spielt,
Aus seinem Aug' kein Zornblick zielt.
So ragt aufrecht der Priestergreis,
Wie über nebelwirrem Thale,
Das Haupt getaucht in Gottesstrahle,
Des Alpen-Mönchs erhabnes Eis.

Und als er nun, zum Volk sich wendend,
Das Dominus vobiscum spricht,
Da steht vor ihm, das Auge blendend,
Die närrische Gemeine dicht,
Die Heiligensäulen an den Gängen
Das Haupt bedeckt mit Schellenhüten,
Der Fastnachtskränze grelle Blüthen,
Die an den Kirchenfahnen hängen;
Lai'nbrüder, die in Stolabändern
Und umgekehrten Meßgewändern,
Geschminkt die Wangen bunt und Stirnen,
Im Chorgestühl mit leichten Dirnen
Ein Würfelspiel, ein Kartenschlagen,
Wer weiß um welche Preise, wagen;
Ein Frater auf die Kanzel steigt,
Verbeugt sich, räuspert sich und – schweigt
Und äfft Geberden, zieht Grimassen,
Sein Volk scheint's trefflich aufzufassen.
Dem Prior leuchten froh die Züge,
Denn seiner Ehrsucht ward Genüge,
Da er gewählt zum Bischof hier,
Ob Bischof auch der Narr'n und Gecken,
Ob auch die Inful nur Papier,
Sein Hirtenstab ein Haselstecken!
Nur Frater Büchermaler senkt
Sein traurig Haupt in stillen Qualen,
Weil er an Heimgelass'nes denkt,
Ans Bibelbuch, das er soll malen,
Zumeist an jenen Initialen,
Drin Eva's Bildniß vor dem Falle,
Umrahmt von dunkler Laubenhalle;
Er sieht allorts das süße Weib,
Die runden Brüstlein, den weißen Leib!
Hier blinzt aus zarter Nonnentracht
Manch altes, rothes Mönchsgesicht;
Dazwischen weiblich zart und licht
Ein jung Novizenantlitz lacht,
Das Haupt verhüllt im Schleiertuch;
Er liest als Festbrevier das Buch
Des losen Troubadours Vidal;
Da flammt manch süßer Gnadenstrahl,
In jeder Stroph' als Canon klingt's,
Respons und Antiphone singt's:
»Es lebt in Elend qualenvoll,
Wer, was er liebt, nicht sehen soll!«
Der Abt in feierlicher Strenge
Ragt segensprechend aus der Menge,
Aufrecht das Haupt, die Stirne rein,
Die Arme breitend ohne Wanken,
Wie aus dem Taumel wilder Ranken
Ein leuchtend Kreuz von blankem Stein.


So ragt auch durch die Zeit, die schwanke,
Aufrecht ein ewiger Gedanke;
Ob ihr ihn Freiheit, Liebe heißt,
Ob Ehre, Recht, ob Glauben, Geist,
Kein Zerrbild taumelnder Gesellen
Wird sein ureigen Licht entstellen.
Die Brust, die durch die Welt ihn trägt,
Geht, unverwundbar blödem Spotte,
In stolzem Schweigen durch die Rotte,
Bewußt des Gottes, den sie hegt.
Vorahnend stellte dieß zur Schau
Der Meister in des Münsters Bau,
Als er in den Granit gegossen
Den ragendsten all' seiner Gedanken
Und doch ihn willig ließ umranken
Von Witz und Scherz in steinernen Possen;
Nur wer das Ganze kann erfassen,
Dem tönt die Harmonie der Massen,
Und unabwendbar muß er lauschen
Des Menschengeistes seligem Rauschen.

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