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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Herzogsstuhl und Fürstenstein.

                O Freiheit, voller Glockenklang,
Verschmilzt die Sekten zur Gemeine
Um deiner Märtyrer Gebeine!
O Freiheit, heiliger Schlachtgesang,
Berausche mit deinem stolzen Schall
Die Herzen deiner Streiter all,
Erfüll' sie ganz, daß kein andrer Traum
Beim Rollen des Kampfes drin finde Raum!
Musik, geheimnißvolle, liegt
Im Heeressturm, im Lärm der Schlacht,
Im Staub, der übers Blachfeld fliegt,
Im Todesstöhnen, im Waffentosen;
Da faßt ein Rausch, der Helden macht,
Den weichsten Knaben, den Muthlosen
Und bringt zurück der Wangen Rosen,
Die, bangend, vor der Schlacht erblaßten;
Als flög' ein Aar auf seinen Helm,
Kommt Gluth und Muth dem feigsten Schelm.
Doch wehe, wenn die Waffen rasten,
Und müßig wandern dürfen Gedanken
Zu dem, was ist, zu dem, was war,
Zur Blüthenlaube mit klimmenden Ranken,
Zur Liebsten daheim, zum bekränzten Altar,
Zum Mütterlein, das des Stabs entbehrt,
Zum Acker, der des Pflügers begehrt,
Zu künftigen, dürren Siegeskronen,
Die also schweren Kampfs nicht lohnen,
Zu Feldern schon verlorner Schlachten,
Ruhmarm, doch reich an Leichenfrachten.
Ach, solches Sinnen kann entmuthen
Die freudigen Herzen, für dich zu bluten,
Und solche Ruhefrist der Waffen
Kann Memmen fast aus Helden schaffen!
Ach, Schmerzen weckt's und Ungeduld,
Zu sehn in jedem Erdenthale
Die Trümmer alter Freiheitmale,
Zerschellt durch seiner Söhne Schuld!
Wie bitter, noch bewundern müssen
Der frevlen Feinde: List und Kraft,
Die, Götterbild und Säulenschaft
Hinschleudernd, treten mit den Füßen!
Drum möchte fast die Muse zagen,
Seitab vom Kampffeld euch zu leiten,
Wo jetzt der Freiheit Schlacht sie schlagen,
Zu eines Thales fernen Hagen,
Das einst auch sah der Freiheit Schreiten,
Die jetzt verbannt, verhöhnt, vergessen;
Nur Steine ihr Gedächtniß wahren,
Den Menschen Schande zu ersparen.
Muthlos zu Boden könnt' euch's pressen!
Doch nein! So herb ist solche Trauer,
Solch tiefer Fall so schmachbedeckt,
Daß er, ein reinender Wetterschauer,
Uns Alle warnt, ermannt, erschreckt,
Die Ringer, die noch glühn im Strauß,
Befeuernd: Harret aus, harrt aus!
Den Sieger, der erkämpft das Beste,
Ermunternd: Halte fest, halt' feste!

Vor Jahren, wenn vom welschen Strand
Der Wandrer durch das Kärnthnerland
Die Bahn zur deutschen Heimat nahm
Und durch das Moos des Zollfelds kam
Und sah die Rinderheerden im Rasen,
Getränkt aus Römersarkophagen,
Und Lämmer an Marmortafeln grasen,
Als ob sie die Schrift zu lösen wagen,
Und Kinder spielen mit rostesedeln
Schaumünzen der Cäsarenzeit,
Wie Todtengräberjungen mit Schädeln;
Da staunt' er, daß zerstreut so weit
Der alten Roma Riesengebeine,
Und achtete wenig der einzlen Steine.
Da liegt ein Block auch, uralt, fahl,
Vor seinen Füßen am Straßenraine;
Das ist ein altes Freiheitmal.
Besäh' er sich's genau, er fände
Rücklehne, Stufen, Seitenwände,
Roh zum Gestühl den Block behauen.
Hier gab der Fürst einst diesen Gauen
Die Lehn, nachdem er selbst das Land
Zu Lehn erst nahm aus Bauershand.
Jahrhunderte entnervter Zeit
Umspannen, ekle Spinnenbrut,
Mit Schleiern der Vergessenheit
Den Stein, der dumpf im Moose ruht,
Dran wilde Keuler die Flanken reiben,
Drauf Zunftgesellen die Namen schreiben.
Kein Laut, kein Kranz, kein Liedermund
Gibt dieses Steins Bedeutung kund,
Kein Zeichen will zu sprechen wagen,
Und Sünd' ist's hier, nach Freiheit fragen.
So sprachverwirrend war die Zeit,
Daß ihrer Weisen Gilde im Streit,
Ob die verwitterte Schrift am Stein
Mag Römisch oder Wendisch sein? –
Gleichmüthig zieht der Wandrer vorbei,
Als ob's ein Stein wie ein andrer sei.

Manch Einzler nur in seltnen Tagen,
Dem Freiheitgluth durchs Herz geschlagen,
Bleibt stehn und nimmt sein Mützlein ab,
Bohrt in den Grund den Wanderstab
Und lehnt sich dran und lauscht und lauscht,
Wie's von den dunklen Bergen rauscht,
Die ernst das grüne Thal umstehn,
Den Katafalk der Freiheitsleiche,
Mit Trauerflüstern, Händeringen,
Wie Leichengäste anzusehn.
Er lauscht, wie sich im Luftbereiche
Die Glockentöne sanft verschlingen
Vom alten Dom Maria Saal,
Dem Heerdenläuten aus dem Thal;
Es hallt so bang, als ob noch heute
Der Freiheit Todestag es läute.
Auf des Gestühles Quadernbau
Ergießt sich linder Abendthau;
Nein, Thränen sind's, die zu den Steinen
Die freien Wolken niederweinen.
Umsonst! weil Wolken, Wälder, Glocken
Nicht kämpfen statt der Herzen, die stocken!

Jetzt ist es anders! Der Enkel Reue
Umgab mit Glanz den Stein aufs Neue;
Vier Bäumchen sprießen aus den Matten,
Liebreich das Mal zu überschatten;
Gefegt, besandet ward der Plan,
Mit ehernem Lanzengitter umfahn,
Drauf Goldschrift ruft dem Wandrer zu:
Vor »Kärnthens Herzogsstuhl« stehst du!
Das ist wohl schön, doch spät, zu spät!
Manch ein Jahrhundert hat's verweht.
O hätten sie damals gefegt, entrückt
Unkraut, das Gottessaat erdrückt!
O hätten sie damals treu gesä't
Zu kräftigem Wurzeln, mildem Blühn
Den echten Kern, der saatengrün
Und freiheitstolz im Herzen ersteht;
Damals gezogen um dieses Mal
Die Lanzenwand von bestem Stahl!
Ihr Männer selbst sollt sein die Lanzen,
Gereiht um diesen Stein der Ehren,
Dem Angriff und Verfall zu wehren!
Seid wandelnde Burgen, lebend'ge Schanzen,
Die kein Erstürmer beugen kann!
Was ist die Lanze ohne Mann?
Dahin! Wenn euch der Putz gefällt,
Mir ist's ein Schminken nur der Leiche;
Der Schmerz bleibt immer der tiefe, gleiche!
Ihr habt den Ekel ihm gesellt.
Lebendig durch die Völker schreite
Der Ruhm und sein geweiht Geleite;
Doch starb er, mahnt uns an sein Sterben
Nicht stündlich mit euren ehernen Scherben!
Soll Steinschrift eurem Hirn ersparen,
Die Last des fremden Ruhms zu wahren?
Schlecht tilgen Bilder, marmorn, erzen,
Die Schuld der dankvergess'nen Herzen.
Dahin, dahin! Nur einen Frei'n
Seh' ich vor mir: ein Vögelein!
Das nimmt vom Herzogsstuhl Besitz,
Als sei's der Aar des Zeus mit dem Blitz!
Jetzt schwingt es singend sich feldein
Gen Karnburgs Höhn zum zweiten Stein,
Ein andres heiliges Mal dem Land,
Das sie den »Fürstenstein« genannt.
Da sitzt es und blickt es stolz einher,
Als ob's der Herzog, nein, noch mehr!
Als ob's ein Bauer Kärnthens wär',
Wohl Edling selbst, der einst hier saß
Und festen Blicks Herrn Otto maß.

Dem Vöglein gleich fliegt weit, gar weit
Mein Herz zurück in ferne Zeit.

Der Edling sitzt auf dem Fürstenstein
Aufrecht und fest und späht thalein;
Sein Haupt beschirmt ein grauer Hut,
Den eine rothe Schnur umfließt,
Sein Fuß im groben Bundschuh ruht,
Den eine rothe Schleife schließt;
Ein rother Gurt den Leib umwallt,
Der knapp im grauen Wammse steckt,
Vom grauen Mantel überdeckt.
Den Feldsack hat er umgeschnallt
Mit Käs' und Brod, der Gottesgabe,
Sein Arm stützt sich am Hirtenstabe.
Wie um den Fels das laute Meer
Braust Stimmengewoge ringsumher,
Hier wendischer Laut, dort deutsche Klänge;
So fern im Thal liegt keine Tenne,
So steil am Joch ragt keine Senne,
Die Boten nicht gesandt zur Menge;
So tief im Erzberg liegt kein Schacht,
Der nicht entsandt die Knappenwacht.
Der Edlen Zug theilt das Gedränge;
Doch ob sich's hinter ihm auch schließt,
Ihr seht an seiner Farbenhelle,
Wie er durchs dunkle Volksmeer fließt,
Als ob den grünen Inn ihr säh't
Inmitten fahler Donauwelle,
Wie er allein, getrennt noch geht;
Und müssen vor des Weltends Tagen
Doch Beid' in Eins zusammenschlagen!
Der Herold wallt dem Zug voran,
In Landesfarben angethan,
Auf seiner Brust das Wappenbild:
Drei schwarze Leuen im goldnen Schild
Und Oestreichs rothes Feld dabei,
Vom weißen Gurt getheilt in zwei.
Kreuzträgern nach Prälaten schritten,
Laurenz, der Bischof Gurk's, inmitten,
Dann wallt der Landesedeln Kern,
Der Graf von Görz, Pfalzgraf des Lands,
Graf Pfannberg, Kärnthens heller Stern,
Herr Lichtenstein, ein Name wie Glanz,
Mit ihm der gewaltige Auffenstein,
Freiherr Sonneck aus felsigem Krain;
Die Fähnlein rühren die Flügel im Winde,
Von Golde klirrt das Hofgesinde.
Der Herzog Otto tritt zum Stein,
Am Haupt den schweren Herzogshut,
Um seine Schultern wallt die Fluth
Von Purpursammt und Hermelein;
Ihn engt das lang entwohnte Kleid
In solcher schönen Sommerszeit.
Er denkt; nicht so viel Sammt verschneidet
Der Herr, wenn er die Lilien kleidet.

Da rief der Edling: »Sagt, wer naht
Im Prunk hoffärtigen Gewandes?«

Der Herold sprach: »Der Fürst des Landes,
Auf deinen Sitz führt ihn sein Pfad!«

Der Edling drauf: »Ich will nur weichen,
Wenn er geworden Meinesgleichen!«

Herr Otto geht, doch kehrt er bald
Der Prunklast bar, schlicht an Gestalt;
Sein Haupt beschirmt ein grauer Hut,
Den eine rothe Schnur umfließt,
Sein Fuß im groben Bundschuh ruht,
Den eine rothe Schleife schließt;
Ein rother Gurt den Leib umwallt,
Der knapp im grauen Wammse steckt,
Vom grauen Mantel überdeckt;
Den Feldsack hat er umgeschnallt
Mit Käs' und Brod, der Gottesgabe,
Sein Arm stützt sich am Hirtenstabe.
Ein Page rechts führt an der Leine
Ein abgemagert schwarzes Rind;
Ein Page links lenkt durch die Steine
Sorgsam ein Pflugroß lahm und blind.

Der Edling fragt': »Nun sagt mir an:
Wer ist der stolze Bauersmann,
Vor dem die Banner niederschwenken,
Ihr Haupt die Landesedeln senken?«

Der Herold sprach: »Der Fürst, der neue!
Er kommt, daß ihr ihm schwöret Treue.«

Der Bauer drauf: »Wird er dem Lande
Wohl ein gerechter Richter sein,
Ein Schirmer freiem Bauernstande
Und unsrem Recht ein goldner Schrein,
Ein Landesvater uns, ein wahrer?
Wird er ein Hort sein Wittwen, Waisen,
Die Nackten kleiden, die Armen speisen?
Ist unsres Pfennigs er ein Sparer,
Einfacher Sitten ein Bewahrer,
Dem Christenglauben ein Verbreiter,
Den Landesehren ein fester Streiter?
Lenkt er das Schwert, nicht ihn das Schwert?
Ist ihm Gerechtigkeit so werth
Und seiner Kinder Wohl und Recht,
Daß arm er blieb' um ihretwillen
In diesem Kleid gering und schlecht
Und hätte nur zum Ackergesind
Solch lahmen Gaul, solch dürres Rind,
Quellwasser nur, den Durst zu stillen?«

Herold und Volk rief im Verein:
»So ist's, so soll's, so wird es sein!«

Der Bauer bleibt am Stuhle fest
Und weiter sich vernehmen läßt:
»Des Landes Kern ist dieser Stein,
Und ich sein Herr und Fürst allein!
Ist Jener so, wie sie ihn loben,
Mag seine Weisheit er mir proben,
Wie er's nach altem Recht beginne,
Daß er von mir den Sitz gewinne?«

Der Pfalzgraf sprach: »Durch rechten Kauf!
Sein Kleid und Hut und Schuh sei dein,
Sein Stier und Hengst noch obendrein
Und sechszig Silberpfennig drauf;
Dein Haus und Feld soll zinsfrei sein!«
Das Hofgesind will schier verzagen.
»Das Bäuerlein hat viel zu fragen!«

Der Edling ruft: »So soll es sein!
Doch sagt, ist solch ein Tausch nicht fein?
Für dieses Gottesland – ein Rind,
Das lahm, und einen Gaul, der blind!
Für Tonnen Golds, die wir ihm messen,
Sei nicht sein Pfennigmaß vergessen!
Ihr Andern merkt's! Nun kennt ihr auch,
Was Fürstenrecht und Fürstenbrauch!«

Der Herold sprach: »So merkt nun auch
Der Landesedlen alten Brauch!
Herr Gradeneck wetzt schon die Schneide,
Das Gras zu mähn auf fremder Weide;
Herr Portendorf hält angebrannt
Den Span, durchs Land zu ziehn als Brenner,
Herr Rauber zäumt und schirrt den Renner
Zum Raubzug, löst euch nicht ein Pfand
Das Recht herrnloser Zeiten, sieh,
Die stärkere Faust nur bändigt die.«

Der Bauer rasch vom Steine schreitet,
Zu dem er jetzt Herrn Otto leitet:
»Nimm, Fürst des Lands, ihn in Besitz
Als Richterstuhl, als Fürstensitz,
Empfängt den Landesherrn er nur;
Drum merke, daß er früher mein!
Ein harter Sitz! Fest wird er sein,
Wenn fest wie dieser ist dein Schwur,
Denn fest, wie er, ist unsre Treue!
Laß Prunk und Waffen ohne Reue;
An diesem Stein probt sich, was echt,
Nur Gotteswaffen gelten recht,
Das Herz im Leib, das Haupt, die Hand!
Sieh unter dir des Volkes Wogen,
Spür' Aller Kraft in dich gezogen,
Sei Aller Haupt und Herz und Hand!
Mundschenk, kredenze den Willkomm
Zum Ehrentrunk dem Fürsten werth,
Marschalk, sink' in die Kniee fromm
Und halt' ihm vor das Landesschwert,
Daß er drauf schwöre vor allem Volke!
Und schreib' es nieder, du in der Wolke!«

Der Mundschenk schöpft die frische Fluth
Des Quells in spitzem Bauernhut.
Herr Otto spricht: »Wie ich nun fasse
Den schlichtesten Kelch mit schlichtestem Nasse
Und trink' auf mein und euer Heil
Und dann zum Grund der Erd' ihn gieße,
Daß froher davon manch Blümlein sprieße;
So auch zu meinem, eurem Heil,
In Lebenswahrheit wie im Bilde,
Gelob' ich Mäßigkeit und Milde.
Und wie ich nun des Schwertes Klinge
Nach aller Himmelsgegend schwinge
Und zieh' im Geist den weiten Bogen
Um dieses Landes fernste Zonen;
So bleib' es Allen, die drin wohnen,
Zu Schutz und Schirm und Recht gezogen.
Und wie ich auf das Kreuz am Degen
Die Finger lege schwurbereit,
Deucht mir's, beschwörend heiligen Eid,
In Christi Wunden sie zu legen,
Ich schwöre – –«

                            Indessen will ich lauschen
Waldwipfeln, die ewige Jugend schwören
Und bald verdorrt zu Grabe rauschen;
Das Friedenslied soll mich bethören
Des Quells, der durch die Wiesen schleicht;
Ein wilder Strom ist's morgen vielleicht!
Ich siedle mich in den Wolken ein,
Die fest wie goldne Burgen ragen,
Doch bald zergehn und verwehn, – doch nein,
Die wohl die rächenden Blitze tragen!

Ein Wiener war im Herzogstroß,
Dem scherzend er vertrieb die Zeit,
Indeß des Eides Strömung breit
Noch von den Herzogslippen floß!
Witzworte sind wie Rankenschwingen,
Die keck den Baum der That umschlingen,
Den kranken werden sie erdrücken,
Doch den gesunden, verschönernd, schmücken.
Der Wiener sprach zum Edling lose:
»Der Kärnthnerherzog, die Alpenrose,
Was haben die für Aehnlichkeit?«

Vom Festschwur wendet sich mit Leid
Der Bauer: »Gebt nur selbst Bescheid,
Daß eine Thorheit nur statt zwei'n!«
Der Wiener sprach; »Bei meinem Eide,
Die Aehnlichkeit ist, daß allbeide
Nur wachsen aus dem harten Stein!
Doch da ihr gram den Aehnlichkeiten,
So löst nun die Verschiedenheiten!
Welch Unterschied trennt hier zu Land
Hoftapezier- und Steinmetzstand?«
Der Bauer murrt: »Ich kenne keinen.«
Der Wiener lacht; »Das kann uns einen!
Denn, traun, ich selber weiß nicht Einen.«

Nach neuem Witzgewild läßt steigen
Er seine Augen, fröhliche Geier;
Sieh, da bezwingt ihn selbst der Feier
Gewalt'ger Ernst, erhab'nes Schweigen.
Es ruhn wie todt die Waldesgipfel,
Die Saaten stehn wie starres Gold,
Kein Wölkchen durch den Aether rollt,
Kein Lüftchen regt die ehernen Wipfel;
Und nicht zu athmen wagt die Menge,
Daß ungehemmt die Fürstenstimme
Allein und frei in den Himmel klimme,
Dem Gotteshauch sich zitternd menge.
Denn zwiefach groß ist solch ein Schwur
Vor allem Volk und aller Natur;
Der Meineid zittre nicht allein
Vor des gekränkten Volkes Rache,
Er muß sich schämen vor dem Stein,
Dem Halm im Gras, dem Vogel am Dache!
Rings lauschen freie Alpensöhne
In Manneskraft, in Leibesschöne,
Mit stolzer Brust, aufrechtem Haupt
Dem Schwure, dem das Herz noch glaubt;
Wie sie in Alpenhochluft auch
Die Sehnen und die Herzen stählen,
So schlürfen gierig ihre Seelen
Herzstärkend jetzt der Freiheit Hauch.

Da wird nachdenklich auch der Wiener,
Denn tiefern Ernst birgt er im Herzen,
Gediegen Gold bei leichteren Erzen;
Sich selber fragt der Fürstendiener:
»Ist's nur die Luft in Gottessälen,
Die aufrecht Nacken hält und Seelen?«

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