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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 20
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Zwei Träumer.

                  Traumgeister ziehn durchs Kärnthnerland,
Sternlose Nacht umhüllt das Thal,
Es quillt nur eines Lichtleins Strahl
Durch dunkler Bäume Zweigesrand.
Ein Falter, der, vom Glanz verwirrt,
Am Lichte jenes Fensters schwirrt,
Er könnte sehn den Bauersmann
Die greise Hand zum Abendsegen
Aufs blonde Haupt des Sohnes legen
Und lauschen ihrer Zwiesprach dann.
Weib und Gesind ist längst zur Ruh,
Der Alte klappt sein Kelchglas zu
Und mustert flüchtigen Blicks am Ständer
Die neustaffirten Festgewänder,
Langt dann vom Wandholz feierlich
Ein Kerbholz, staubig, spinnumwunden,
Ein Buch, in braune Haut gebunden,
Und wendet zu dem Jungen sich:
»Zum Wächter seinem alten Recht
Betraut' das Land mein alt Geschlecht;
Der Pflug schrieb in die Feldmark tief
Uns ährengolden den Ahnenbrief.
Durch meinen Mund, durch meine Hand
Ergibt dem Fürsten sich das Land,
Und will zu Thron sein Herzog schreiten,
Muß Einer unsres Stamms ihn leiten
Zum Fürstenstein, dem unbequemen,
Von ihm den alten Eidschwur nehmen
Und Landesbrauch mit ihm vertragen;
So gilt's zu Recht seit alten Tagen.
Dieß Kerbholz ist mit seinen Schnitten
Hauschronik uns und Fürstenbuch;
So oft ein Ahn' nach Vätersitten
Empfing des Fürsten Eidesspruch,
Ward in dieß Holz ein Strich geschnitten;
So schneid' ich morgen wieder einen.
So bündig faßt kein Schreiber sich,
Hier ist ein Fürst nichts als ein Strich.
Vielleicht die Alten mochten's meinen
Dem Schenkwirth gleich, der seinem Zecher
Ankerbt die ungezahlten Becher,
Mit jedem Strich an eine Schuld
Erinnernd, ach, und an – Geduld.«

Der Knabe sieht ihn an mit Zagen,
Dann wagt er bang ein schüchtern Fragen:
»Hört sprechen doch die Herzogsleute:
Die rohe Sitte taugt nicht heute;
Die alten Possen, Schnurren, Schnacken –
Wer wisse noch, wie man sie deute? –
Mögt ihr zum rostigen Zeuge packen!
Befahrt von Otto nichts zu Leide,
Sie sagen ihn so froh, so gut,
Der, was uns frommt, freiwillig thut;
Was braucht es da der bindenden Eide?«

Der alte Bauer lächelt mild:
»Die Antwort geb ich dir im Bild.
Weil heut der Himmel wolkenrein,
Vielleicht noch morgen Sonnenschein,
Willst du dein schirmend Dach abtragen?
Weil in den dürren Sommertagen
Der Waldbach, friedlich murmelnd, schleicht
Und nicht des Steindamms Wand erreicht,
Des Damms Schutzwehr willst du zerschlagen?
Volksbräuche sind der Landessitte,
Was Epheu's Klammern alten Mauern,
Er hält sie fest, daß sie noch dauern,
Wenn längst zerbröckelt die andern Kitte;
Das fahle harte Gestein verstecken
Sie weich in immergrünen Decken.
Da wird wohl auch im schlichten Grün
Ein glückbegabtes Aug' entdecken
Sein reiches, doch verborgnes Blühn.
Mit allen Lebensfasern hängen
Und wachsen sich die Ranken ein,
Daß, sie zu lösen vom Gestein,
Den ganzen Bau du mußt zersprengen.
Drum sollst du Landesbrauch nicht schelten,
Und auch sein Rauhes lasse gelten!
Du kennst in unsrem Alpenland
Den Fels, der graue Mönch benannt,
Ein Block ist's, formlos, vielgespalten,
Mit hundert Klüften, Schründen, Ritzen,
Mit scharfen Kanten, schroffen Spitzen;
Willst du am rechten Standpunkt halten,
Wird milde Form, was früher rauh,
Die Ecken schmelzen zum Gliederbau,
Zu Händen, die's Breviarium halten,
Die tiefen Risse zu weichen Falten,
Du siehst vor dir den Anachoreten,
Vielleicht für uns zum Himmel beten.«

Der Knabe schlägt die Augen nieder,
Doch bald, zwar zaghaft, frägt er wieder:
»Ich weiß nicht, was mein Herz besticht
Und stets vom Herzog Otto spricht;
Ein Fürst und macht sich so gering!
Klimmt wie ein Senn auf Alpenfirnen,
Schwingt wie ein Knecht des Dorfes Dirnen
Mit kecker Hand in lustigem Ring,
Zieht mit den Burschen wie ein Gleicher,
Geht schlicht im Jagdwamms, ein so Reicher!
Sein freundlich Grüßen, huldig Neigen
Macht alle Herzen ihm zu eigen.«

Der Greis verweist ihn streng; »Das glaube;
Ein Riese, der sich neigt zum Staube,
Sucht was im Staube, das er klaube;
Du hüte dich, das glaube wieder,
Vor'm Thurm, der nickt, vor'm Berg, der sich bückt,
Und steigt er gar zu dir hernieder,
Dann, armer Schelm, bist du erdrückt!
Was ragen soll, laß ragen einsam,
Nur groß ist's, weil es nicht gemeinsam!
Ich spür' es wohl, mein Sohn, mein lieber,
Der Hofwind, der hereingepfiffen
Ins Kärnthen, hat auch dich ergriffen;
Im Lande schleicht das Wedelfieber.
Dem Kranken aber, der gelehrig,
Bring' ich den Heiltrunk tausendjährig.«

Der Alte hat gelöst die Spangen
Des Buchs, geblättert in den Bogen,
Vom Haupt das Käpplein dann gezogen
Und laut zu lesen angefangen:
»Und also meldet Samuel dem Volke,
Das einen König sich ersehnt mit Flehen:
So sprach der Herr zu mir aus seiner Wolke:
Dieß ist des Königs Recht, so wird's bestehen:
Er wird die Söhn' euch nehmen und sie setzen
Auf sein Gefährt', auf seine Kriegesrosse
Als Reiter und als Hauptleut' seinem Trosse,
Vor seinen Wagen als Trabanten hetzen,
Wird machen sie zu Fröhnern, Ackerleuten,
Sein Korn zu schneiden, sein Gereut zu reuten,
Zu schmieden auch, den Harnisch ihm zu stählen
Und seines Wagens Schienen zu befesten;
Wird nehmen eure Töchter und sie wählen,
Daß sie ihn salben und sein Brod ihm rösten;
Wird nehmen euch von Aeckern, Oelbaumhainen
Und Rebenbergen schier den allerbesten
Und schenken dann an seiner Knechte einen;
Wird nehmen euch von Garben, Schwaden, Reben
Den Zehnt und seinem Kämmerling ihn geben;
Wird eure Jugend, Knecht' und Mägde, nehmen,
Sie werden seinem Tagwerk sich bequemen
Und eure Esel seine Lasten tragen;«

Fraglustig drängt der Knabe zum Wort,
Abwehrend fährt der Alte fort:

»Und eure Esel seine Lasten tragen;
Den Zehnten wird er nehmen eurer Heerden,
Ihr aber werdet seine Knechte werden.
Da werdet ihr den Herrn mit Schrei'n und Klagen
Vor eures Königs Angesicht beschwören,
Des Königs, den ihr einst euch selber gabet;
Am selben Tag wird euch der Herr nicht hören,
Dieweil begehrt ihr einen König habet.«

Der Greis bedeckt das Haupt und legt
Die Hand aufs heilige Buch bewegt:
»O Sohn, dieß ist der Jungbrunn alt,
Drin ewig frisch der Heilquell wallt,
Drin bade des Geistes gebrochne Schwinge,
Daß Flugverjüngung sie durchdringe;
Drein tauche tief die freie Seele,
Daß sie in ihrer Kraft sich stähle!
Ich denke, des Himmels Wölbung klar
Ist eine Schmiede wunderbar,
Und jener alte Fürstenstein
Mag ein gefeiter Amboß sein,
Der Herzogseid dazu der Hammer;
So wird ein Fürst, bös, unbefriedet,
In einen guten umgeschmiedet,
Willkür gelegt in eherne Klammer.
Drum, will es Gott, so soll es währen!
So lang noch jener Jungbrunn quillt,
So lang noch dieser Eidschwur gilt,
So lang der Fürstenstein in Ehren,
Steht auch aufrecht und ungeschwächt
Das alte, freie, stolze Recht.«

Er senkt zum Buch der Stirne Saum
Und träumt im Wachen, immer weiter
Fortklimmend an der Gedankenleiter,
Der Zukunft einen schönen Traum.

Unfern dem Hause traben Reiter,
Fürst Otto mit der Reisigenwacht;
Graf Pfannberg, einer der Begleiter,
Den Herzog leis anstoßend, lacht:
»Seht, Herr, dort jenes Lichtleins Gluth,
Das ist des Edlings Bauerngut,
Des Manns, der Kärnthens Herzoge macht!
Gesammten Volkes Macht und Bann
Vereint in diesem Haus und Mann;
Wie all die Lichtflur, deren Wogen
Bei Tag erfüllt des Thales Gleise,
Ihr Leuchten jetzt zurückgezogen
In jenes einen Lichtleins Strahl!«

Der Herzog sprach halb laut, halb leise:
»Und dieses auch erlischt einmal.«


Auf duftigem Heu im Tennenraum
Lag Edlings Schäfer auch im Traum;
Ein greller Traum! – hinschaukelnd reißt er
In rasche Wirbelfluth den Schläfer,
Als neckten die bunten Gaukelgeister
Gemähten Blumenvolks den Schäfer.
Bald fühlt er sich im Ruck entschweben,
Dem Land und seiner Zeit entglitten,
Bald dann in seiner Heerde Mitten
Bläst er sein Rohr, wie gestern eben.
Bald sieht er Menschen mit Lämmermienen,
Bald Schafe, die ihm Männer schienen,
Doch mählich mag des Traumes Walten
In solches Bild sich ihm gestalten:
Es war ein böser Wolf vor Jahren
In alle Landesheerden gefahren;
Manch Schäflein, von seinen alten Herren
Gehalten bös in allen Dingen,
Ließ lieber sich vom Wolf verschlingen,
Als wieder in morsche Hürden sperren.
Sieh, da beschlossen die Landeshirten
Zurückzuleiten die verirrten,
Hinfort sie vor der Schur zu fragen
Und Scheerenbrauch mit ihnen zu tagen.

Und wieder solch ein Tag ist's heute.
Im festgeschmückten Pferch versammeln
Sprungstöre sich mit Lämmern, Hammeln;
Horch, jetzt ertönt ein hold Geläute!
Ein feist Leithämmlein, schädelschwingend,
Bewegt ein Glöcklein, lieblich klingend,
Ein Täublein ließ zugleich von ferne
Der Hirt auffliegen in die Sterne,
Ein Zeichen ist's dem wolligen Volke,
Kniebeugend zu blinzeln in die Wolke.
Das Täublein will zum Himmel fahren,
Doch zappelnd müht's umsonst die Schwinge,
Der Hirte hält's an Faden und Schlinge,
Will sich's fürs Jahr noch dienstbar sparen.
Die Heerde hat sich wieder erhoben,
Die Taube trauert im finstern Koben.

Da in den Pferch mit Einem Satze
Einspringt des Hirten großer Hund,
Sanft Blöcken gibt sein Kommen kund;
Er hält ein Blatt in seiner Tatze,
Ein schönes Halsband bunt umfing
Den Nacken, dran ein gleißendes Ding.
Nun auf die Schnauze setzt er Brillen
Und liest; »Feinschürige, Wollgeborne!
Nie g'nug zu Scheerende, genug Geschorne!
Zu künden euch des Hirten Willen
An seiner Statt bin ich der Erkorne.
Er sorgt für euch, liebt euch wie Kinder,
Und wie er die nicht scheeren kann,
Erspart' er's gern auch euch nicht minder.
Schwer ist die Zeit! Was er auch sann,
Erhaltung eurer Ställ' und Scheuern
Muß seinen Haushalt stets vertheuern;
Drum will er – zwar mit Widerstreben,
Sein Vaterherz wollt' euch's ersparen –
Statt Eines Vließes, wie seit Jahren,
Sollt jährlich ihr nun zweie geben.«

Er sprach's und sprang von seinem Platze
Zum Pferch hinaus mit Einem Satze;
Dann auf sein widerhaarig Fell
Flink hängt er einen Schafpelz hell,
So ward der Schafhund Hundschaf schnell.
Drauf springt er wieder mit einem Satze
Zum Pferch hinein zu seinem Platze:
»Ganz bin ich Schaf nun, Eures Gleichen!
Nur einem solchen kann's gebühren,
Vorsitz in diesem Kreis zu führen,
Drum schenkt mir des Vertrauens Zeichen.
Laßt uns berathen, gemeinsam, frei,
Was zu erwidern dem Hirten sei.«

Ein Plärren laut, ein Blöcken leise
Ergeht jetzt murmelnd rings im Kreise;
Nur einige Lämmlein, fromm, unschuldig,
Mit Rosabändern um den Kragen,
Verhielten still sich und geduldig,
Ein ewig Nicken war ihr Sagen;
Das sind die Erkornen aus den vielen,
Mit denen des Hirten Kinder spielen.

Ein Sprungstör sprach: »Unangemessen
Ist unsrer Kraft dieß Doppelscheeren,
Das Landesklima nicht zu vergessen!
Den Hirten selber bringt's in Nöthen,
Wenn wir das zweite Vließ entbehren;
Der harte Winter wird uns tödten!
Die karge Trift auf magrer Scholle
Kann zwiefach nicht erstatten die Wolle.«

Ins Wort fällt ihm ein Widder ein:
»Wenn unser Vließ wir sollen steuern
Zu seinen Ställen, Pferchen, Scheuern,
So kann die Schur erspart uns sein:
Wir leben lieber ganz im Frei'n
Und können seines Stalls entrathen!«

Doch Hundschaf rügt: »Kommt mit was Neuen!
Des Schafs Hauptfehler ist Wiederkäuen.«

Ein andres Schäflein kam zu rathen:
»Laßt willig uns das Vließ gewähren,
Doch könnten wahrlich wir entbehren
Dieß Zwicken, Zwacken, Reißen, Ritzen!
In lindre Hand geb' er die Scheeren,
Daß sie die Haut aufs Blut nicht schlitzen.«

Doch Hundschaf drauf verweist es huldig:
»Nur euer Zappeln ist dran schuldig;
Drum haltet unter der Scheere geduldig!«

Ein andres sprach: »Bei schmerzenden Schnitten
Laßt uns des Wehschreis Gunst erbitten.«

Eins meint: »Zu flehn bei Schäfers Gnaden
Um bessre Hunde möcht' ich wagen;
Statt uns zum Pferch manierlich zu jagen,
Beißt dieser Köter uns in die Waden.«

Sein zwiegespalt einfältig Wesen
Fühlt Hundschaf im Schafhund verletzt,
Doch siegbewußt er laut versetzt:
»O der Verleumdung auserlesen,
Verfangend sich in eignen Pfaden:
Denn Schafe haben keine Waden!«

»Vließträger, edel, auserkoren!«
Ein jüngres sprach's, »Glaubt mir, geschoren
Wird nur, der will geschoren sein!«

Doch Hundschaf lächelt listig fein:
»O dreiste Irr- und Ketzerlehre,
Von der euch bald der Strick bekehre
Am widerspenstigen Gelenke!«

Forteifert jenes: »Wir geben, ich denke,
Zwei Vließe nicht, nur Eins allein;
Mein Antrag sei entschiednes Nein!«

Ein trutzig Blöcken rings: »Nein, nein!
Wir wollen nicht geschoren sein!«

Hundschaf faßt nun zum Kern das Tagen;
»Da ihr so freudig eingewilligt,
Zwanglos die Doppelschur gebilligt,
Für solches Vließentgegentragen
Muß ich des Hirten Dank euch sagen.«
Er nickt und springt von seinem Platze
Zum Pferch hinaus mit einem Satze;
Der Schafpelz, den er trug soeben,
Blieb unterwegs in Dornen kleben,
Und wieder kreist im Hürdenrund
Wie sonst der alte, große Hund.

Man schor die Heerde nach Belieben,
Nun eben, weil es Schafe blieben.


Da weckt den Träumer Morgenläuten;
Wie deut' er, was er sah im Schlafen?
Er stellt's dahin; – nicht viel zu deuten
Gibt's, daß ein Schäfer träumt von Schafen.

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