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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Alpengeister.

                      »Ich hab' es satt, im Buch der Welt
Zu lesen nur an deinem Lichte,
Als Kindlein, dem beim Unterrichte
Ein Lehrer täppisch den Finger hält
Auf jedem Wörtlein, jeder Letter;
Dein Finger hemmt mein eignes Sehn,
Zerknittert mir die reinen Blätter.«
Da wendet Wigand sich zu gehn:
»Ei, so versuch's und lies allein!«

Vor'm Sennenhaus auf einem Stein
Sitzt Otto horchend, spähend, sinnend,
Das Licht flieht zu den Höhn, zerrinnend,
Und Dämm'rung sargt die Thäler ein.
Die Zeit ist's, wo die Nachtigall
Auf ihres Busches ragendstem Sprossen,
Daß weithin töne des Rufes Schall,
Sich wiegt, zu locken den Genossen.
Die Sennin aus dem Hüttenraum
Tritt an der Felswand steilsten Saum,
Nun jauchzt ein Schrei, dort jauchzt er wieder,
Drauf hier und dort, bergan, thalnieder,
Frau'nstimmen, Männerrufe, gemengt,
Ein Flöten süß vom Jubeln versprengt,
Als ob durch girrende Taubenschaaren
Ein brausender Schwarm von Sperbern gefahren.
In Lüften wogen, branden, verschwimmen
Klangfluthen rings in tönendem Streiten,
Ein wirrer Knäul verschlungener Stimmen!
Doch Liebe faßt aus all' den Fäden
Den rechten, ihre Bahn zu leiten,
Und lieblich löst und knüpft sie jeden.
Horch, wie die Stimmen sich entwirren,
Je zwei und zwei in seligem Reigen
Sich dicht umkreisen, sich näher schwirren,
In Eins nun klingen und nun schweigen!
Ein Stimmenpaar erstarb nicht ferne,
Dann süße Stille, schweigende Sterne;
Der Adler schwebt zum Felsenneste,
Wildtaube flattert in die Aeste.

Im Schweigen schwelgt das Alpenreich,
Da wird des Fürsten Seele weich:
»O seligen Alpenvolks Gemeine,
Hier fällt kein Opfer schnödem Ruhme,
Dein Leben ist das Blühn der Blume,
Und Rosen deine Grabessteine!«
Da rinnt's wie Grabluft kalt aus Klüften,
Wie Geisterschauer weht's in Lüften;
Da regt sich der junge Tannensproß,
Als ob er athme und Arme rege;
Ein Jäger ward's mit Stab und Geschoß;
Er klimmt empor die Felsgehege,
Und wo er wandelt, schweben und schleichen
Gestaltengleiche Nebel die Stege,
Wie um die Wahlstatt Heldenleichen.
Da rührt sich der schwarze Grottenspalt,
Erstarkt zum Körper und wird Gestalt;
Ein Bergmann ist's mit Schurz und Hammer,
Er fährt zur dunklen Grubenkammer,
Um ihn die blauen Flammen streichen
Wie über Versunkenen in Teichen.
Da reckt sich der dürre Strunk am Wege,
Ein Holzknecht wird's mit Beil und Säge;
Er wallt zum Schlag, dem schlachtfeldgleichen,
Gewaltige Trümmer sperren die Wege,
Nicht wehrlos fielen diese Leichen!
Und wo er zieht, aufflattern Raben,
Als lägen Erschlagne unbegraben.
Da streckt sich wachsend der Felsenblock,
Wird nun zum Haupte moosbehaart
Mit milden Zügen, krausem Bart,
Ein riesiger Mönch in grauem Rock.
Er neigt sich an des Abgrunds Rand,
Schlägt Kreuze segnend über die Kluft;
Er blickt empor zu Grat und Wand,
Die Kreuze schlagend in die Luft;
Dann in des Schachtes Finsternisse
Und in des Gletschereises Risse
Wirft luftige Kreuze seine Hand.
So pflanzt er, Liebeswerks Vollstrecker,
In Lüften ganze Todtenäcker
Von körperlosen Kreuzen ein,
Ein würdig Mal den todten Frei'n,
Die in der Alpen Leichenhallen
Namlos und unvermißt zerfallen;
Es drücke sie kein Leichenstein!

Des Fürsten Aug' entzückt's zu wallen,
Erstarkend, durch die mächtigen Massen,
Und Hochmuth will sein Herz erfassen:
»O groß Gefühl: dieß Land ist mein!
O Stolz, der Alpen Fürst zu sein!«

Was scholl da wie ein Lachen? – Nein,
Es klang entrollend nur ein Stein,
Springt räderschlagend über die Wände,
Doch stampft's wie Beine, klatscht wie Hände,
Ein Männlein ist's, ein Alpenwichtlein,
Und mit ihm kollert und springt ein Lichtlein;
Kein Lichtlein! Was er vor sich rollt,
Das ist ein laufendes Krönlein von Gold.
Das springt! Den Satz im Bogen sieh!
Die Krone schießt zum Gletscherschlunde;
Wie tief! Horch, klang's noch nicht am Grunde?
Das Wichtlein winkt: »Ei, hole sie!«

Jetzt schwingt sich's wieder flink nach oben,
Zur höchsten Bergeszinn' erhoben,
Die noch im Rest des Spätroths glüht.
Der Schelm scheint pagenhaft bemüht,
Die königlichen Purpurdecken
Um den granitnen Schemel zu strecken,
Am Thronsitz auf dem höchsten Joch;
Dann winkt er: »Ei, besteig' ihn doch!«

Und neben Otto an der Wand
Ein niederflatternd Quellenband
Wogt nun wie Schleifen, blinkt wie Linnen,
Blüht wie ein Antlitz liebentbrannt,
Schwingt einen Stab in weißer Hand
Als lieblichste der Schäferinnen.
Die Hirtin ist's der Gemsenheerde;
Sie leitet Nachts die flinken Gesellen
Zu duftigsten Triften, süßesten Quellen;
Ha, wie mit traulicher Geberde
Die Thierlein klug aus ihrer Hand
Den hellen Born des Gletschers naschen,
Die süße Kräuterspende haschen!
Nun tost und springt hinab die Wand
Das ganze Rudel flink, kopfüber,
Die Hirtin treu in ihrer Mitten,
Durchs Eisfeld rasch, zur Kluft und drüber,
Bis sie dem fernen Aug' entglitten.
Ein Schalk von Wind, die holde Kleine
Umflatternd in verliebten Sitten,
Verrieth's; ihr Kleid hüllt Ziegenbeine!
»Ei, wer da muß mit Gemsen fliegen,
Mag sich in ihren Schuhen wiegen;
Du aber, reicher Herr der Erde,
Nun zähl' und pferche deine Heerde!«

Der Vollmond hat indeß die Zinnen,
Ein rüstiger Steiger, überklommen;
Geräuschlos, still ist er gekommen,
Wie in die Seelen trauernder Frommen
Die lichten Trostgedanken rinnen.
Von seinem Leuchten übergossen,
Stehn scharf und klar die Berggestalten,
Ums Panzereis Waldmantels Falten,
Ein Kreis von ragenden Genossen,
Als säß' vom Marmorstuhl gehalten,
Vom Silberstrom des Barts umflossen,
Der große Karl und die Genossen,
Hier feierlich Gericht zu halten;
Sein Haupt trägt Stolz und milde Trauer,
Zur Grotte, flimmernd, wölbt sich die Nacht,
Der Mond als Lampe leuchtend wacht,
Und Otto's Herz ergreifen Schauer.
Es tönt kein Laut, kein Hauch sich regt,
Kein Halm, kein Blättlein windbewegt;
Das tiefe, kalte, eh'rne Schweigen
Ist die Beredsamkeit der Oede.
Doch aus der Runde, wortesspröde,
Quillt's wie ein Lied, wie Stimmenreigen,
Das Schweigen selbst ward ein Gesang,
Der nicht durchs Ohr, durchs Herz nur klang.
Wir Berge sind die heiligen Wächter
Des reichen Hortes wohlbewahrt,
Den für die darbenden Geschlechter
Der Geist der Welten aufgespart.
Auf Erden sei noch eine Scholle
Der Armen und Geknechteten Erbe,
Das keinem Schwert je zinsbar zolle,
Und das kein Zepter je verderbe!

Unscheinbar ist, was wir bewachen,
Nur Eis und Stein, nur Luft und Wind;
Doch Quarz und Kohle, geraubt dem Drachen,
Wird reines Gold dem Feenkind.

Bezwing' uns du, der Welt Bezwinger,
Erhöh' dein Zelt in unsrem Stein,
Versuch' den Schneesturm, unsern Ringer,
Bastard der Größe, wie bist du klein!

Doch du, Bezwungener, aufwärts ringe,
Empor dich richtend an unsrer Hand!
Dein Herz hat auch, was Keiner zwinge;
Die tiefe Kluft, die eherne Wand!

Die Gletscherkälte hat es auch,
Daran der Hoffart Strahl sich splittre;
Hat Hochluft auch, an deren Hauch
Das Niedrige zu Staub verwittre!

Daß dich des Erbes nicht entblöße
Dein Zagen, stehn wir schutzbereit;
Die Freiheit nur ist unsre Größe,
Und unser Zauber die Einsamkeit.

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