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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Urmenschen.

                  »Der du vorschreitest meinen Wegen,
O Nithart, wenn dir Alpensöhne
In echter Urkraft, schlichter Schöne
Begegnen in den Alpenstegen,
Noch Unberührte vom Städtehauch
Und von der Niederung Lastern auch,
Dann zeichne mir den Ort, das Haus
Mit einem Alpenrosenstrauß,
Wie mit dem Zeiger eine Schenke,
Daß ich mein Herz zur Labung lenke
Und es erheb', erquicke, stärke
Am schönsten aller Gotteswerke.«
So klang des Fürsten Abschiedsmahnen
An Nithart, den an eigner Stelle
Er ziehen hieß des Berglands Bahnen; –
Noch schmückt das Zeichen keine Schwelle.

Sie schreiten über Alpengipfel,
Vor ihnen gleiten zu Thale nieder
Des Berges vielgestaltige Glieder,
Lichtgrüne Matten, dunkle Wipfel;
Ringsum der Nachbarberge Kreis,
Granitne Wände, ewiges Eis;
Frei kann ihr wandernd Auge wallen
Durch manch Geheimniß der Alpenhallen.
Herr Otto rief: »O Gier, o Lust,
Zu schlürfen reiner Bergluft Hauch,
In ihren freien Wellen auch
Zu baden die befreite Brust!
Was mich beklemmt, fort schleudr' ich's weit,
Fort das Erinnern vergangner Zeit,
Wie Alltagskleider du von dir warfst,
Wenn zum Altar du treten darfst.«
Doch Wigand sprach; »Nicht so! Begleiten
Soll überall mich bergan, bergab,
Wie dieser treue Wanderstab,
Das treue Bild vergangner Zeiten;
So in den Grund der Gegenwart
Pflanz' ich den Stab nach Gärtnerart,
Dran ich mir ziehe ihre Rebe,
Daß sie in Ranken fröhlich schwebe
Und süße Traubenkost mir gebe;
Wär' nicht der Stab, es kröch' alltäglich
Die Ranke hin am Boden kläglich.
So muß ich hier auf Bergeszinnen
Auf deines Hofes Sitten sinnen,
Und der Gedanke wird mir wach:
Wir stehn in Gottes Vorgemach,
Wo jede Wand und jed' Geräth
Den Abglanz trägt der Majestät;
So mahnt mich jetzt der Stoß des Windes,
Der uns vom Haupte schlägt die Hüte,
Auch hier nicht schützt des Fürsten Güte
Vor'm Uebermuth des Hofgesindes.

Herr Otto sprach, umblickend viel:
»O störend Bild, o Widerspiel!
Dort Felsenstirnen scharf geprägt,
Der Gemse Sprung von jäher Wand;
Hier morsch Geröll vom Wind gefegt,
Kreuzottern winden sich im Sand.
Die Wasser, dort als Gletscherschollen,
Sich fest in höchsten Bergschrund keilend,
Als freie Wellen hier mit Grollen
Den Höhn entstürzend und enteilend.
Dort der kristallne Alpensee,
Des Berges Auge, schwärmend droben;
Unfern das Moor, o schneidend Weh,
Den Sumpf zu sehn so hoch erhoben!
Dort Tannen, die sich mächtig recken,
Wie an den Berg ihr Maß zu strecken,
Jed' einz'ler Baum ein Münsterthurm;
Hier zwergig Krummholz, farblos, siechend,
Jed' einz'ler Baum als Ranke kriechend,
Ein knieender Bettler, ein schleichender Wurm!«

Pfaff Wigand lächelt: »Wie sind so gleich
Der Berge Reich, des Hofes Reich!
Welch Widerspiel in nächster Näh';
Der kühne Sprung nach Gemsenbrauch,
Der Schlich der Kreuzesotter auch;
Da ist der tiefe klare See,
An dem ihr Bild die Himmel proben!
Da ist das Moor, o schneidend Weh,
Zu sehn den Sumpf so hoch erhoben!
Hochschründe gnug, sich einzukeilen
Für Gletscherherzen, die gleißend kalten,
Indeß hinweg unaufgehalten
Die freien Wellen grollend eilen.
Wie Bergluft ist die Hofluft auch,
Belebend, tödtend wirkt ihr Hauch;
Der Felsenstirnen edel Gepräge,
Sie härtet's doppelt scharf und rein,
Indeß gemeinen Bröckelstein
Als Staub sie wirbelt auf die Wege.
Was Triebkraft ist, das wird sie wecken,
Was Edeltann' ist, wird sie strecken,
An ihrem deinen Wuchs zu messen;
Was Krummholz ist, dem wird sie pressen
Zum Grund die Wipfel lichtvergessen.
Doch hier wie dort aufs Krummholz fahl
Fällt doch der erste Sonnenstrahl,
Weil hier wie dort, – mich läßt's verstimmt, –
Krummholz die höchsten Höhn erklimmt.
Was soll dieß Bild? Dich soll's ermannen;
Du pflanze dir gradwüchsige Tannen!«

Zu Thale wandeln sie mit Schweigen,
Sie sehn die ersten Hütten steigen,
Da jauchzt der Pfaff. »Ha, Nitharts Zeichen!
Es schwankt sein Alpenrosenstrauß
Als Zeiger dort am Bretterhaus;
Den Seelenlabtrunk soll uns reichen
Solch Schenkhaus unteren Blüthenschilde;
O Durst nach Gottes Ebenbilde!«

An offner Thür sie lauschen leis:
Da sitzt ein silberlockiger Greis,
Sein Töchterlein in Leibesschöne,
Ein Hirt, ein Jäger, seine Söhne;
So edle, hohe Kerngestalten,
Als hätten magische Gewalten
Vier Götterbilder aus Griechenhallen
Entführt auf nordischen Alpenboden,
In Marmor hauchend Lebenswallen,
Und sie gehüllt in Steirerloden.
Der Alte rührt die tönende Zither,
Wie rieselnder Wellen keusch Frohlocken,
Wie Windesschmeicheln in Wälderlocken,
Wie rasche Schläge der Hochgewitter;
Von Mund zu Munde wechselnd zieht
In kurzen Strophen das Alpenlied!
Vierversig jetzt, als wie getragen
Zum kecken Satz aus Gemsenbeinen,
Die stampfend das Gerölle schlagen
Gutmüthigen Spotts auf scharfen Steinen;
Zweiversig jetzt, als wie gehoben
Auf Lerchenflügeln zu Sonnenauen,
Die Schwingen goldet der Jubel droben,
Doch netzt sie auch der Wehmut Thauen.
Wenn Poesie dieß Haus besucht,
Trägt sie den Sternenmantel nicht
Mit reicher, wallender Faltenwucht,
Mit krausen Zierraths funkelndem Licht,
Den Kunst aus feinstem Stoff ihr wirkte
Und mit Symbolen und Chiffern umzirkte;
Prunklos betritt sie diese Schwelle
Und bringt nur bunte Kinderbälle.
Jetzt singt der Hirt, der greise Mann,
Die Dirne drauf, der Jäger dann;
O seht, wie hier im Kreise sprangen,
Nun fortgeschnellt, nun aufgefangen,
Der Alpenkinder Liederbälle,
So leichte, farbenbunte, helle,
Wie luftgetragne Seifenblasen!
Doch spiegelt sich im Schaumkristall
Die Alpenwelt mit Wasserfall,
Mit dunklem Wald, mit lichtem Rasen,
Der Himmel selbst in Sturm und Ruh,
Manch gut Stück Menschenherz dazu,
Bis Ball und Bild in Schaum zerrannen.
Pfaff Wigand unterbricht das Lauschen:
»Das sind der Berge Menschentannen,
Das ist der Alpenwasser Rauschen!«

Sie wandeln fort, doch Wigand ruft:
»Ei sieh, da winkt am nächsten Haus
Das Zeichen wieder, der Alpenstrauß!
Ist gar so reich die Alpenluft
An Lieblingskindern, jenen gleich?
Mich dünkt, jetzt kommt ein Nithartstreich.«

Sie lauschen an dem Fenster schon,
Da sitzen Vater, Tochter, Sohn,
All' ungestalt, des Blödsinns Beute,
So mißgestalte Krüppelleute,
Als hätt' ein unfreiwilliger Spötter
Geschnitzt mit Stümperhand in Eile
Aus Kieferknorren mit stumpfem Beile
Zerrbilder jener Marmorgötter;
Ein Kobold noch zum Zeitvertreib,
Den Ort für Bein und Arm vermischt,
Der lange Arm den Boden wischt,
Das kurze Bein knickt unter'm Leib;
Drauf Zauberspuk den Puppennasen
– Nußknacker und Alraun vermengt, –
Ein Greisenleben eingeblasen,
Und Felsen an den Hals gehängt,
Daß selbst ihr Lachen knurrt wie Grollen,
Sterbröcheln scheint ihr Athemrollen,
Ihr Sprechen fernes Wehruflallen
Des Trunknen, in den Brunn gefallen.
Den engen Stirnenpfad beschritt
Noch kein Gedanke siegeslicht,
Des Munds verfallnem Schacht entglitt
Des Worts stoffreiches Erz noch nicht;
Im Antlitz nie das Lächeln spielt,
Dieß Elfenkind aus Rosengärten,
Nur aus den trägen Augen schielt
Ein Wehmutstraum all des Entbehrten!
Unfolgsam sind der Willenskraft
Die Glieder, ohne Wahl gerafft
Vom Leib der Riesen und der Zwerge.
Wigand neigt sich an Otto's Ohr:
»Das Menschenkrummholz ist's der Berge,
Der Unkenruf im Alpenmoor.« –
Da tritt ein Bergmann in die Stube
Und schüttet vor die Blöden frisch
Manch klingend Münzstück auf den Tisch,
Ein Theil des Wochenlohns der Grube;
»Zu füllen meinen Arm mit Kraft,
Hat euren Arm der Herr erschlafft;
Drum mit dem Sold gesunder Glieder
Erstatt' ich euer Erbtheil wieder.«

Da zollt die schöne Sennerin
Manch Wecklein Butter in Blättern rein;
»Sucht mich das Aug' des Liebsten mein,
Euch dank' ich's mit gerührtem Sinn,
Die ihr auf euch zu meinem Frommen
Des Leibes jeden Fehl genommen.«

Ein Jäger kam; vom Rücken glitt
Des feisten Bockes Keulenstück:
»Den scharfen Blick, den sichern Tritt,
Die feste Hand, das Schützenglück,
Euch dank', euch zahl' ich's gern zurück.«

Da bringt ein junges Bauernweib
Des weißen Brods manch runden Laib;
»Ihr, die von uns mild abgelenkt,
Was Leiber lähmt und Seelen kränkt,
Nehmt jeden Makel, jede Klage
Vom Kindlein, das im Schooß ich trage.«

Herr Otto sprach; »Dein heitres Lehren,
Wigand, hier müßt's ein Herz versteinen;
Was ich vergaß, hier lern' ich's; – weinen!
Und opfre meine ersten Zähren
Den Armen, die sie selbst entbehren.«

Der Priester rief; »Ich aber suche
Nach einem eignen, schöneren Sterne,
Der auszusöhnen die Armen lerne
Mit Gott und ihrem Erdenfluche.«

Die Wandrer schritten stumm von hinnen,
Mit wunden Seelen, tief im Sinnen.
Zu Wigand kehrt sich Otto mild:
»Vom Hofgetrieb dein schalkhaft Bild
Wohl mußt's vor solchem Graun zerrinnen?«

Doch Wigand drauf: »Nicht will's zerrinnen!
Nur klarer ward's, daß ganz ich's deute;
Sieh neben Kraftgestalten wohnen
Verkomm'nen Geistes Krüppelleute
Wie an den Bergen, so um Thronen;
Hier mag wie dort mit Sold und Ehren
Ein schöner Wahn des Volks sie nähren.«

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