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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 16
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Ein Festspiel.

                  Mit frischem Muth, in grauem Rock,
Am Haupt den Hut breitschirmig fahl,
In Händen den spitzen Alpenstock,
Ziehn beide Wandrer durch ein Thal.
Als aus dem ebnen Land sie schieden,
Lag es in vollem Blüthenfrieden,
War's wonnig schöne Frühlingszeit,
Hier sind die Zeiten noch im Streit;
Es streicht durchs sonnenwarme Thal
Des Gletscherwindes scharfe Schwinge,
Als ob ein blutwarm Herz durchdringe
Des Pfeiles kalter, spitzer Stahl;
Die Wandrer haschen wehende Blüthen,
Doch sehn sie auf der Hand erschrocken
In Thau zergehn die weißen Flocken,
Und wenn sie schütteln von den Hüten
Den weißen Schnee, der drauf gefallen,
Beginnt ein Blüthenduft zu wallen.
Die Sonnenstrahlen sind den Gründen
Noch wie die ersten Heidenlehrer
Der Nebel leuchtende Bekehrer,
Die kämpfend nur ihr Licht entzünden;
Schon ragt ihr Dom, die Ampel glimmt,
Die Wandrer sind fast kirchlich gestimmt.
Zur Rechten rauscht ein Bach vom Hange,
Die Wellen plätschern sich überstürzend,
Wie Dorfeskinder, vom Kirchengange
Mit Scherz und Geschwätz den Heimweg kürzend;
Auf ihren Stirnen leuchtet noch immer
Wie von der Sonntagslehr' ein Schimmer.
Die bunten Blüthenhügel spannten
Damastgeblümte Kirchendecken,
Aus allen Büschen schallt's und Hecken
Wie Singen und Läuten der Ministranten,
Und würzig haucht in Waldeslüften
Vom Tannenharz ein süß Arom,
Wie durch den sonntäglichen Dom
Ein lieblich stilles Weihrauchdüften.

Nun um die Hügelwand sie biegen,
Sehn sie ein Dörflein vor sich liegen
Inmitten grüner Wiesenmatten,
Umdämmert von wald'ger Berge Schatten,
Dahinter schneebedeckte Zinken,
Des Winters ewige Burgen, blinken.
Am Hügel dort welch Volksgedränge,
Welch seltsam Singen, welch sondre Klänge,
Wie Sichelklirren, wie Schlägelfall,
Wie Sensendengeln, wie Tennenhall!
Längst ist vorbei der Tenne Zeit,
Der Ernte Tage sind noch weit;
Bald ist's gelöst; bei einem Feste
Sind sie zwei ungeladene Gäste.

Auf einem Hügel steht ein Wagen
Prunkhaft als Thronsitz aufgerichtet,
Mit Bündeln und Betten überschichtet,
Mit bunten Decken ausgeschlagen,
Darüber grüne Bogenranken
Von Fichtenreisern zierlich schwanken,
Das Rad gehemmt mit einem Keile,
Daß es nicht thalwärts rollend eile.
Mit stolzer Miene sitzt zu Throne
Der Schalk von Wirth, des Dorfes Haupt,
Sein grün Sammtkäpplein ward zur Krone,
Mit Epheugewinden schön umlaubt;
Ein goldner Mantel ihn umwallt,
Deß Anblick fort den Küster quält
Zu spähn im Kirchenschrank alsbald,
Ob nicht der Vespermantel fehlt?
Ein weißer Stab mit farbigem Band
Blinkt zeptergleich in seiner Hand;
Als Maigraf ist er eingezogen,
Zu segnen Flur und Saatenwogen,
Jetzt thront er hoch, nach Recht zu richten,
Der Jahreszeiten Streit zu schlichten;
Ob auch sein Haupthaar dünn und licht
Zu Winters Gunsten ihn besticht,
Lenzhaft doch blüht sein rund Gesicht.

Unfern dem Thron steht eine Maid,
Umflort von leichtem Sommerkleid,
In goldnen Wellen ihres Haares
Die Erstlinge des Blumenjahres;
Es schmiegt sich an ihr Mieder lose
Ein Zweig der schönen Alpenrose,
Ein Körblein hängt an ihrer Linken,
Draus gelbe Weizenähren blinken
Mit Gartenfrüchten mancherlei,
Des Bergs, des Thales Blumen dabei,
Violen und sammtnes Edelweiß,
Mannstreue und blauer Ehrenpreis;
Ihr Auge an den Blumen hing,
Als ob die Sonne drüber ging.
Ein knospend Weidenpalmenreis
Anmuthig in ihrer Rechten ruhte
Wie eine liebliche Zauberruthe.
Sie sprach: »Ich bin die Sommerszeit,
Mein Kommen grüßt der Jubel weit,
Mein Scheiden hinterläßt das Leid;
Ich bin die Mächtige, Milde, Reiche,
Der schöne Augentrost der Erde;
Wo darbt ein Herz am Weltenherde,
Dem eine Wohlthat ich nicht reiche?
Die Sterne schenk' ich wieder den Lüften,
Die Sonne lös' ich aus Sklaverei,
Des Stromes Fessel hau' ich entzwei,
Der Thäler Becken füll' ich mit Düften,
Kein Blümlein arm birgt sich in Klüften,
Dem ich nicht brächte sein Geschmeide,
Ein farbig Band, eine Schleife von Seide;
Die nackten Bettler: Wälder, Hecken
Kleid' ich mit meinem eignen Kleide,
Wie Sankt Martin, die Blößen zu decken;
Und eurer Scheuern leere Kasten
Füll' ich mit Gold der Garbenlasten.
Es ist die Freude, wo ich walle,
Gleichwie der Aether ausgegossen,
Von dem die Wesen all' umflossen,
In dem sie athmen, leben alle!
Und glaubt ihr mir nicht, mögt ihr fragen
Den grünen Wald mit den jungen Blättern,
Die freudig in den Himmel klettern;
Und glaubt ihr mir nicht, sollen's sagen
Die Lerchen, die aufjauchzend schmettern,
Die Wolken, die in jubelnden Wettern
In meine Arme zu stürzen jagen;
Im See die Fischlein, die im Bogen
Frohlockend an die Luft sich schnellen,
Im Land die rauschenden Saatenwogen,
Die alle Fluren überschwellen!
Fragt jeden Ton, der in Lüften fliegt,
Fragt jeden Hauch, der im Raum sich wiegt,
Fragt alle, die ich befreit, die Seelen,
Fragt alle, die ich gelöst, die Kehlen;
Von euren Todten laßt euch's lehren,
Die, tief verhüllt von eisiger Decke,
Nur durch die Blumen, die ich wecke,
Mit ihren Lieben wieder verkehren.
Nun ich dieß Thal durchzieh', verstelle
Nicht jener Unhold mir dir Schwelle!«

Im Chor die Knaben und Jungfraun sangen,
Im Takt die Sensen und Sicheln klangen:
»So treiben wir den Winter aus,
Von Herd und Haus, zum Land hinaus!«

Da trat ein Junge aus dem Schwarme,
Ein zottig Wolfsfell um den Nacken,
Ein dürr Reisbündel unterem Arme,
Im andern einen Ofenhaken,
Und rieb die Hände, daß er erwarme:
»Ich bin der Winter kalt, husch, husch,
Und rühr' mich nicht aus meinem Busch;
Ich bin, – ich war, – ich glaub', – ich mein'–«
Er stockt. Was er zu sagen dachte,
Weiß nur der ferne Küster allein,
Der ihm den Spruch in Reime brachte.

Des Winters Chor begann fast zagend,
Die dreschenden Schlägel zum Grunde schlagend;
»Dem Winter gönnt zu Gruß und Dank
Sein Plätzchen an der Ofenbank!«

Rasch springt Herr Otto durch die Menge;
»Erlauchter Graf im Blüthenreiche,
Erlaubt, daß ich zu Wort mich dränge;
Der Kampf ist Beiden nicht der gleiche!
Indeß dort für den Sommer wirbt
Ein süßer Zaubermund, verdirbt
Ein schlechter Anwalt hier die Sache.
Dem Fremdling gönnt, daß er die Sprache
Kühn für das Recht des Winters führe!
Ob sie auch nicht den Richter rühre,
– Manch Urtheil ist ja längst beschlossen,
Eh' des Beklagten Wort geflossen, –
Mag's doch mich selbst erfreun, erheben,
Im Kampf ein gutes Recht vertreten!
Dem armen Sünder wird gegeben
Ein freies Stündlein, um zu beten,
Den Todesspruch zwar wandelt's nicht,
Doch gibt's ihm Trost und Zuversicht.«

Der Maigraf nickt und winkt den Jungen
Fortweisend, dem der Spruch mißlungen.
Dem Fremdling reicht erzürnt der Junge
Das Reißig und den Eisenhaken,
Legt ihm das Wolfsfell um den Nacken,
Drauf fließt das Wort von Otto's Zunge:
»Ich bin der Winter kalt und hart,
Von rauher Kraft, von strenger Art,
Sie beugt und bricht den schwachen Wicht;
Ich tändle nicht, ich kose nicht,
Mein Kommen wird begrüßt mit Leide
Und Jubel höhnt mich, wenn ich scheide;
Im Wohlthun doch macht's mich nicht wanken,
Ich warte nicht auf euer Danken,
Ich duld' es, wie ein großer Mann,
Den ihr verkannt und gelegt in Bann,
Es kränkt ihn nicht, denn euer Haß
Vergrößert nur sein Ruhmesmaß.
Ich bin ein Künstler thatenstolz,
Ich baue Brücken ohne Holz,
Ich zeichne Blumen ohne Stift
Und Landschaftbilder scharf, genau,
Ohn' Kreid' und Kohle, weiß in grau;
Was Wunder, wenn's der Lenz dann trifft,
Daß meine sichern Formenrisse
Mit Farben er zu füllen wisse?
Ich weide keine Heerd' und rolle
Die Welt in Decken reinster Wolle;
Ich zieh' nicht Flachs, doch überspinnen
Kann ich das Land mit den weißesten Linnen;
Ich bin ein Zaubrer, den Wasserfall
Verstein' ich zu festem Bergkristall;
Ein Drechsler dann, der ohne Geräth
Daraus die schlanksten Säulen dreht;
Ich bin ein Schütze von seltnem Brauch,
Der ohne Bolzen nach Vögeln späht
Und sie herabschießt mit dem Hauch!
Ich bin ein Goldschmied überreich,
Der Diamanten wirft in Massen
In Bettlerhütten, auf die Straßen,
Mein Reichthum doch bleibt ewig gleich;
Ich bin ein Arzt auch, daß im Marke
Die Kraft euch ohn' Arznei erstarke,
Die Sehnen mach' ich euch erstraffen,
Die von des Sommers Lüsten schlaffen.
Ich bin ein Priester, dessen Huld
Bekenner wirbt dem Feuerkult,
Daß um den Herd am Flammenscheine
Sich sammle die zerstreute Gemeine,
Daß ihre Herzen lodern, leuchten,
Als ob sie selbst sich Flammen däuchten.
Ich bin ein mächtiger Kerkermeister,
Der ganze Völker in Mauern bannt;
Als Prediger komm' ich dann gesandt,
Der in sich weiset die flüchtigen Geister,
Daß die nach außen abgelenkten
Sich in die Tiefen nach innen senkten.
Ich bin ein Dichter, mit Liedeswürzen
Des Abends Dauer euch zu kürzen;
Da blühn bekränzt die fahlen Rocken
Mit Märchen, wie mit Blumenflocken,
Da flattern alte Sagenklänge,
Als ob ein Vöglein im Zimmer spränge.
Ich bin ein Krieger unüberwindlich,
Für Tand und Weichheit unempfindlich,
Streng gegen Andre, streng auch mir,
Blank meine Rüstung, weiß mein Panier,
Die Reinheit ist's, für die ich ringe,
Die Strenge, die mein Werk vollbringe.
Und weich' ich trunknen Frühlingsschaaren,
Ein Rückzug ist's, doch keine Flucht,
Ich will aus niedrer Thalesschlucht
Zu meinen sonnigen Burgen fahren;
Inmitten deiner flüchtigen Reiche
Stehn aufrecht meine ewigen Vesten,
Bergzinnen mit Kristallpalästen;
O Sommer, zeige mir das Gleiche!
An ihren unersteiglichen Wällen
Wird all dein weichlich Heer zerschellen,
Die flammenden Lanzen morsch zersplittern,
Dein Blumenbanner sich entfärben,
Dein Schlachtenlied in Ohnmacht sterben
Und deiner Krieger Leichen verwittern.«
Da greift dem Richterurtheil vor,
Da singt der sensenschwingende Chor:
»Der Winter hat das Spiel verloren,
Wir treiben ihn aus zu Thüren und Thoren!«

Der Maigraf winkt mit weißem Zweige,
Die Menge mahnend, daß sie schweige:
»Ich sprech' als unbestochner Richter;
Wie hold und lieblich auch dem Schenken
Des langen Winterabends Lichter,
Wenn Zecher sich auf allen Bänken
Inbrünstig in den Kelch versenken;
Der Sommer sendet mir zum Becher
Vom Tagwerk rasch nur hastige Zecher.
Dein Spruch war überzeugend, labend,
Schön lang auch, wie ein Winterabend,
Und dennoch ruf' ich; Sei gebannt!
Des Sommers Eigen sei das Land!
Volksstimme hat den Streit geschlichtet,
Die mächtige Zeit hat selbst gerichtet!
Wer wagt gen sie den Widerstand?
Doch, dem sie reift die Todesstunde,
Gießt sie auch Balsam in die Wunde.
Ein süßes Loos ist Sterben, Scheiden,
Dran sich die großen Herzen weiden;
Ein Leben voll zerstreuten Glanzes
Erst rundet's in Ein Bild, Ein Ganzes!
Uns aber stimmt's die Herzen echt,
Selbst gottgesandte Jahreszeiten,
Eh' unsre Schwellen sie beschreiten,
Zu fragen erst nach ihrem Recht;
Das hält uns wach und waffenfertig
An Felsenpforten, allgewärtig.
Und sieh« –, doch spricht er's nicht zum Schlusse,
Ach, in der Rede vollstem Flusse
Ins Schwanken ist der Thron gekommen!
Das Bürschlein, dem das Wort genommen,
Anschleichend, hat im Rachegrollen
Gelöst vom Rad den schützenden Keil;
Der Wagen wankt, er kommt ins Rollen,
Schießt dann zu Thale, wie ein Pfeil,
Und hinterdrein mit Jauchzen fahren
Gemengt des Winters, des Sommers Schaaren,
Ein Alpengießbach, dessen Wellen
Eisschollen zugleich und Blüthen schwellen.
Wie schade, daß solch kleine Fehde
Vor'm Schluß zerschnitt die weise Rede!

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