Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anastasius Grün >

Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
Schließen

Navigation:

Eine Gebirgsreise.

Neuberg.

            Als dieses Thal, das felsumglänzte,
Von Erz durchblinkte, waldbekränzte,
Mein Lenau, einst dein Schritt durchmessen,
War längst der Mensch hier angesessen;
Da springt die Mürz, Mühlräder jagend,
Vorbei an Wiesen, Ackerstreifen,
Ein spielend Kind, die rollenden Reifen
Vor sich zu Sprung und Tanze schlagend.
Längst hat sich Werkfleiß angesiedelt,
Maschinen rauchen, es sprühn die Essen,
Und wenn der Abend, zu vergessen
Des Tages Müh'n, dann jauchzt und fiedelt,
Hat in den Zauberkreis gezogen
Des Steirertanzes liebliches Wogen
Dich selbst, den nie von Lust Besiegten,
Daß dir nach seinem Takt sich wiegten
Die Träume der Unsterblichkeit.
Einförmig stampft ununterbrochen
Durch Nacht und Tag, durch Lust und Leid
In gleichem Maß des Hammers Pochen,
Nachhallend in der Runde weit;
Du aber weißt's, der Heilkunst Sohn,
Des Thales Puls ist dieser Ton,
Und stockt einst dieses Pulsschlags Pochen,
Des Thales Leben ist gebrochen.
Du sah'st im Thal die Quadermassen
Des mächt'gen Bau's zerbröckelnd fallen,
Der Mönche Dom, die Klosterhallen:
Die Geisteresse, nun verlassen.
Hier schmolz in der Askese Flammen
Der Herzen spröd' Metall zusammen,
Im Feuerflusse darf's nicht stocken;
Ein Amboß hart ist Klosterzucht,
Einförmig stampft in eh'rner Wucht
Der Hammerfall der Horaglocken,
Geschmeidigt Seelenerz zu recken
Und nach des Meisters Form zu strecken.
Du sahst in Bildern wohlerhalten
Die Reih'n der harten Schmiedemeister,
Die Bändiger der Feuergeister,
Der Aebte düstere Gestalten,
Den Blick gesenkt, die Stirn in Falten,
Des Fürsten Bild dann, der sie rief;
Das Lächeln auch gräbt Furchen tief,
Sein Haupt sinnt trüb, als ob's ihn reue;
Die Rosen, die es treu umwallten,
Hier scheinen sie nur eine neue
Kapuzenart für Stirnenfalten.
In gleichem Maß, ununterbrochen,
Durch Nacht und Tag, durch Lust und Leid
Ging hier des Horenpulsschlags Pochen,
Nachzitternd in der Runde weit,
Bis eines Fürsten Wort vor Jahren,
Dem jetzt noch welke Herzen zittern,
Wie dürres Laub vor Herbstgewittern,
Frisch durch dieß Klosterhaus gefahren:
»Die Zeit ist um, das Werk vollbracht,
Vorüber eure Waffenwacht,
Drum räumt die Veste, heilige Streiter,
Ergreift den Stab und wandelt weiter!
Zu dieses Thals verlassenen Hagen
Will der Gesittung Licht ich tragen.«
Die Mönche zogen, noch stehn die Hallen,
Die Mönche starben, die Steine fallen.

Nun meine Mus' in ferne Zeiten
Sich schwingt, zwei Wandrer zu begleiten
Durch dieses Thal, das felsumglänzte,
Von Erz durchblinkte, waldbekränzte.
Welch finstre Oedniß noch! Sie findet
Kein Siedlerhaus, sie zu bewirthen,
Nicht Feuerstellen einz'ler Hirten,
Den Pfad kaum, der im Wald sich windet.
Vom Thalgrund bis zum Geierhorste
Nur dichte, schwarze Tannenforste,
Die Nacht der breiten Riesenschatten
Verschlang das karge Grün der Matten;
Die Mürz rennt sterbensbang durch Ranken,
Ein Kind, in Dämmerung verirrt,
Von raschem Schwalbenflug umschwirrt,
Gleichwie von zuckenden Angstgedanken.

Die Wandrer stehn erstarrt, zu lauschen
Im hehren Bann der Einsamkeit,
Der grünen Wipfel Wellenrauschen
Zieht über ihren Häuptern weit,
Als stünden sie im Schloß der Fee
Auf tiefstem Grund im Alpensee;
Dazwischen schmettern, jauchzen, schallen
Der Waldesvöglein Liederspiele,
Als ob ins leise Wogenwallen
Ein Katarakt von Gesängen fiele.
Horch, Donnerknall und Widerhall!
Im Forste dröhnt von Zeit zu Zeit
Der ält'sten Urwaldbäume Fall,
Wie Patriarchen, nicht vom Leid
Gefällt, nur von der Wucht der Zeit;
Da schweigt ringsum des Sangs Frohlocken,
Waldrauschen selbst verstummt erschrocken,
Denn Schauer nur, beklommnes Schweigen
Will als Musik der Todesreigen.

Den kräft'gen Leib durchzuckt dir oft
Frostschauer rasch und unverhofft,
Dem solchen Sinn der Volksmund gab;
Es sprang der Tod dir übers Grab.
Des Todes Tritt in Waldesbahnen
Weckt Otto's Herz zum Todesahnen:
»Mein Schlürfen süßen Liederschalles,
Mein Festpokal, mein Freudenkranz,
Die Mummenfahrt zum lustigen Siege,
Musik und Tanz, was ist dieß Alles?
Der Weltensonne Widerglanz
Im Flügel einer Eintagsfliege!
Ein Hauch des Tods, – in nichts zerquillt
Das Mücklein und sein Sonnenbild!
Daß meines Schreitens durch die Erde
Ein Mal, nur eine Stapfe bleibe,
Drum in das Herz der Zeit mich schreibe
Ein Werk, dem seine Liebe werde:
Zu dieses Thals verlass'nen Hagen
Will der Gesittung Licht ich tragen.
Es steig' ein Dom, hier sei die Stelle!
Schon seh' ich seine Firste ragen
Von Säulen und Gebälk getragen,
In mächtigem Bau rings Zell' an Zelle;
Ihr Urwaldbäume, Felsenquadern,
Fügt euch dem Maß, ihr sollt nicht hadern,
Nicht missen gewohnten Waldesklang,
Das Wipfelrauschen, den Vogelsang!
Ist Glockenton nicht zu belauschen
Wie goldner Zauberhaine Rauschen?
Sind nicht ein Lied die Orgelklänge,
Als ob ein Chor von Adlern sänge?
Dann ruf' ich Mönche von Citeaux:
Ihr heiligen Pflüger in weißer Kutte,
Ihr Rebenpflanzer in wüstem Schutte,
Eu'r Kleid ist licht, eu'r Thun ist froh;
Kommt wie die ersten Taubenschaaren,
Saatstreuend, in dieß Thal gefahren,
Wählt Rüstzeug aus des Berges Erzen
Und rodet Wälder, rodet Herzen!
Saatkörner, die der Hand entfallen,
Sind schöne Rosenkranzkorallen;
Das Wandeln durch der Halme Wogen
Ein Meditiren hold vor allen;
Der Fruchtbaum, den ihr selbst gezogen,
Ist eine blühende Gotteslehre;
In eurer Hand die volle Aehre,
Die erst in ihr ein Körnlein war,
Stellt euer Betheuern glaublich dar,
Daß sie's in Gottesleib einst kehre.
Zieht ihr die Furchen, wollet denken,
Bis in die Herzen sie zu lenken!
So, Pflügermönche bringt die Strahle
Der mildern Sitten diesem Thale.«

Pfaff Wigand lispelt in die Welle:
»Du rasche, liebliche Forelle,
Laß dir bekommen und behagen
Die Lehre von den Fastentagen.«
Der Fürst sinnt fort: »Die Tag' entwallen,
Ich seh' des Domes weite Hallen
Mit schwarzem Tuche überschlagen,
Den Katafalk inmitten ragen,
Dabei ein Kranz, ein Herzogshut;
Mit Rosen ist das Haar umlaubt
Des Leichnams, der im Sarge ruht,
»Fundator« rühmen weiße Lettern,
Sieh, meine Züge trägt das Haupt!
Die Tuba dröhnt, Posaunen schmettern,
Die Orgel rollt wie fernes Gewittern,
Nicht rührt's den Todten – nur ein Zittern
Bebt in des Kranzes Rosenblättern, –
Doch fühlt die Seele sich getragen
Vom Sange, den die Mönche singen,
Vom Worte, das die Hirten klagen,
Von Strahlen, die ein helles Tagen
Auf hundert Kandelabern ringen:
Der Mann ist's, der zu diesen Hagen
Einst der Gesittung Licht getragen.«

Pfaff Wigand flüstert in die Bäume:
»Du Bienlein, spinne stolzere Träume!
Zerbrechen wir auch deine Zellen,
Dein Wachs darf uns den Himmel hellen!«
Da frug der Fürst: »O mein Geselle,
Gefällt's dir schlecht, daß ich die Welle
Der Zeit ins Waldeseinsam lenke,
Meinst du, daß sie die Wildniß kränke?«
Doch Wigand einen Strauch erfaßt
Und schneidet ab den schlanksten Ast:
»Wann übte der sein Tagwerk besser,
Einst als er mit dem Winde rang,
Einst als auf ihm der Finke sang,
Jetzt wo vom Stamm ihn trennt mein Messer,
Daß er den Pilger liebreich stütze,
Thut's noth, auch gegen Schelme nütze?
Zur rechten Zeit traf ihn die Klinge,
Zu rechter Zeit des Vogels Schwinge.
Wer ist's, der Grenzen dir ersinnt,
Wo Leben endet, Sterben beginnt?
Ob nicht ein Welken die Blüthe roth,
Der Tod ein Blühn, das Blühn ein Tod?
Du baust, wenn du zertrümmernd scheinst,
Zertrümmerst, wenn du zu bauen meinst.«

Und eine Spanne Weges weiter
Ein mächt'ger Felsblock liegt im Thal,
Dran lehnend eine Sprossenleiter,
Auf seiner Höh' ein Häuschen schmal,
Dabei ein Gärtlein mit Laubverstecken,
Mit Kräuterbeeten und Blumenhecken, –
Ein rauher Fröhner, dessen Rücken
Des Blumenkorbes Lasten schmücken;
Es warf der Berg vom Leibe fort
Den Block, ein Glied, das abgedorrt,
Waldbruder nahm Besitz vom Stein,
Als würd' er ein neuer Welttheil sein;
Das Felsenhaupt, dem Tod verfallen,
Soll neu in blühendem Leben wallen. –

Und eine Spanne Weges weiter
In Trümmern liegt die Waldkapelle;
Aus Waldesirren ein Befreiter
Weiht' einst der Gottesmaid die Schwelle.
Im Dache nistet jetzt die Eule,
Die Spinn' umflocht das Fensterglas,
Aus Marmorfugen sprießt das Gras,
Vom Sockel sank die Madonnasäule;
Da kniet kein betender Geselle,
Ein grasend Reh beschritt die Schwelle,
Als ob es Christenvolk beschäme.
Die Gottesmaid scheint dankbar mild
Sich neigend, daß das fromme Wild
Aus ihrer Hand die Halme nähme.
So welkt und dorrt, was blühen wollte,
So sprießt und blüht, was welken sollte.

Und Spannen Zeit und Weges weiter
Seht ihr des Liedes Dichter wallen,
Auch er sinnt Tod, doch sinnt er heiter
Des Leibes und Gesangs Zerfallen;
Er spürt des Lebens ewigen Geist
Im Windhauch, der einst Wald hier säte,
Im Beil, das dann zum Feld ihn mähte,
Im Bauherrn, den dieß Kloster preist,
Im Schutzherrn, der's zerfallen heißt.
Auf Dichters Haupt ein Reis zu senken,
Braucht ihr den Waldbaum nicht zu kränken.
Daß seines Schreitens durch die Erde
Ein Mal, nur eine Stapfe werde,
Möcht' er in brachen Seelenboden,
Durch den nur weicher Vogelsang
Und üppig Waldesrauschen klang,
Zwei Mönche setzen, ihn zu roden:
Den Mannesstolz, den Mannestrutz,
Von strenger Regel, von schlichtem Putz,
Zu jäten alten, todten Dorn,
Zu pflanzen schweres Zukunftkorn.
Noch segnend ziehn im Saatengleise
Die Seelen jener Mönche leise;
So mag das Lied einst ziehn durchs Land
Im Geisterreigen, unentdeckt,
Vielleicht in Thaten, die's geweckt,
Am Lichte schreiten unerkannt.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.