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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Johannisminne

            O schönes, feierliches Trinken
Im Saal der Nacht, im Mondesblinken,
Wenn dir ins Glas die Wolken spähen
Wie blinzelnde Schenken mit Augenwinken,
Ob's wohl zum Rand gefüllt, zu sehen.
Der Vollmond sitzt mit euch zu Tische,
Daß er dem Wort sein Lauschen mische,
Besieht die Krüge sich, die Zecher,
Taucht dann sein Antlitz in den Becher,
Vorkostend dir, den Trank zu nippen.
Der Gastfreund prüft an eignen Lippen
Den Abendtrunk, womit er ehrt
Den Fremdling, der ihm eingekehrt;
Den Gast anheimelt's traut und lind,
Nicht fremd mehr, nein, des Hauses Kind
Wird, wer des Hauses Becher leert,
Tapetenbilder, Säulen, Wand,
Das ganze Haus ihm traulich bekannt!
Des Wirths Erzählen rührt ihm leise
Das Herz, wie eigenes Erleben;
Selbst um sein Schlummerkissen schweben
Des Hauses stille Geisterkreise.
Wenn dir der Mond den Kelch kredenzt,
Darin sein sinnend Antlitz glänzt,
Bist du in den gestirnten Hallen
Kein Fremdling mehr, du bist das Kind
Des Hauses, drin dir's heimelt lind;
Manch Räthsel läßt den Schleier fallen,
Manch Bildniß winkt bekannt und traut,
Manch ernst Erkennen wird dir reifen,
Und manch Geheimniß dir vertraut;
Doch auch sein Grauen wird dich ergreifen,
Nun seine Geister dich umgleiten,
Und durch dein wachend Träumen schreiten.

In Wigands Laube sind drei Zecher.
Herr Otto spricht: »Mein frommer Wirth,
Nun du uns riefst zum Abschiedsbecher,
Hast du unrechter Zeit citirt
Den Geist, der dir im Keller irrt;
Mein Ritt zur Fern' ist uns kein Scheiden:
Geleitet zieh' ich von euch Beiden.«

Da tröstet Nithart: » Si bene perpendi,
Mein Fürst, sunt quinque causae bibendi.
Wenn wir es reiflich überdenken,
Fünf Gründe gibt's, ein Glas zu leeren,
Der erste; jetzigem Durst zu wehren,
Der zweite: künftigen abzulenken,
Der dritte: zum Willkomm der Gäste,
Der vierte; bei besondrem Feste,
Der fünfte; jeder erste beste!
So stand's am Rand der Bibel fein,
Die mir der Prior Neuburgs lieh;
Die Patres klug! Flink meißeln sie
In Bibelfels ihr Kellerlein.«

Doch Wigand spricht; »Uns Andern bläht
In Weinflut sich so stolz kein Segel,
Dem jeder Windstrich dienstbar weht;
Der Spruch gilt nur als Klosterregel.
Uns blinkt nur Wein der Leichenschmäuse,
Mit feinerm Wort: Johannisminne;
Und ziehn wir auch vereinte Gleise,
Aufs Scheiden lenk' ich doch die Sinne.
Den Abschiedskelch bring' ich dem Strauche,
Der uns umwölbt mit duftigen Hallen,
Dem Laubgeflüster, dem Blüthenhauche;
Ein andrer ist's, wenn heim wir wallen,
Mit andern Blumen, andern Trieben!
In unsre Becher niederstieben
Die Blüthen schon, ihr Leben kürzend,
Selbstmörder, in die Flut sich stürzend.
Den Kelch bring' ich dem Stern der Nacht,
Der, suchend weit im Himmelsrunde,
Nie wiederfindet diese Stunde,
Die heut' im Aug' so hold ihm lacht;
Ein andrer wird er niederstrahlen
Auf künftige Wonnen, künftige Qualen!
Von dieser Scholle Abschied trink' ich,
Lebwohl all ihren Kindern wink' ich,
Die Ueppige wird der Frucht vergessen,
Die mutterstolz ihr Schooß jetzt trägt,
Des Halms, den jetzt ihr Athem bewegt;
Längst modern Frucht und Halm indessen!
Ich trinke Abschied von diesem Weine,
Den wir in unsrer Brust begraben,
Dem unsre Lippen Grabessteine;
Bald wird sein Auferstehn er haben
Als lichter, fröhlicher Gedanke,
Als klimmende Ranke der Geistesreben.
Ich nehme Abschied mit diesem Tranke
Vom Hauch der Lust, an meiner Wange
Fühl' ich ihr Sterbezucken beben;
Vom eignen Wort, im flüchtigen Klange
Verhauchend ein kaum gebornes Leben;
Und von uns selbst, die einst nur kehren
Als Andre, hier den Kelch zu leeren!
Wir sitzen wohl am selben Tische;
Was jetzt wir sind, was jetzt wir leben,
Der Herzen Blühn, der Seelen Streben,
Wird durch die junge Abendfrische
In dämmernden Gestalten schleichen,
Wie Seelen längstbegrabner Leichen;
Denn jeder Stunde Flügelbeben
Streift Theile unsres Lebens ab,
Ein stückweis Sterben ist das Leben,
Das letzte Stück nur fällt ins Grab.«

Und Nithart lacht: »Dir muß sich neigen
Besiegt der Prior im edlen Streiten,
Er geigt sein Stück auf fünf der Saiten,
Du spielst den ganzen Zecherreigen
Auf einer Saite nur der Geigen;
Magst nur Johannisminne leiden,
Doch weil das Leben ein ewig Scheiden,
Kann nimmer dich der Becher meiden!
Ein morscher Baum liegt dir die Welt,
Vom ehernen Zeitenflügel gefällt;
Du rettest aus dem moderfeuchten
Dir klug sein schön phosphorisch Leuchten.«

Doch Otto seufzt: »O sprächst du wahr,
Und würd' ich morgen schon ein Andrer
Und zög' ins Land, ein schlichter Wandrer,
Frei und des Fürstenschmuckes bar,
Und könnt' ins Herz der Hütten spähn,
In Tiefen des Menschenauges sehn!
O traurig fahle Fürstenreise,
Erstarrter Strom, umschnürt vom Eise,
Gezwängt in Marmordamms Geleise!
Durch Ehrenpforten, Flitterkränze
Die Welt nur sehn und ihre Lenze!
Ach, hinter Fahnen, damastnen Decken
Und grellem Blumengehäng verstecken
Ihr ehrlich Antlitz gar die Häuser.
Und dann die ewigen Birkenreiser
In Bogen, Pforten, Giebelzeichen!
Mich dünkt's ein lindes Ruthenstreichen,
Durch das sie, rächend ihre Klagen,
Von Ort zu Ort den Fürsten jagen.
Der schöne Menschenlaut, verstummt,
Hat sich zum Glockengruß vermummt,
– Selbst Liebeswort, sonst flötend, zischt
Im Larvenmund entstellt, verwischt; –
Es sprechen nur die Kinder und Alten,
Von Unschuldlächeln und Weisheitfalten
Die Mienen, wie die Reden, voll;
Nur Eines lernt da leicht ein König:
Wie so erfindungsarm eintönig
Das Menschenherz, wenn's schmeicheln soll.«

Der Pfaffe meint: »Rath wüßt' ich dann,
Wohl fänd' ich Manchen, dem's nicht Pein,
Ein Weilchen Oestreichs Fürst zu sein;
Statt dir sei Nithart solch ein Mann,
Euch Beiden mag der Tausch gedeih'n.
Dein Thürmer blickt von Bergeszinnen
Ins weite Land; ihm scheinen Flecken
Im Bild die dunklen Wälderstrecken;
Er ahnt nicht, welch süß Säuseln drinnen,
Wie Vögel singen, Bächlein rinnen,
Und all' die Waldesseligkeiten!
Waldbruder träumt in dunklen Forsten,
Und späht er nach dem Berg zu Zeiten,
Ist's ihm ein Stein nur, kalt, geborsten;
Er ahnt nicht diesen Blick in die Weiten,
Die Fülle Glanzes, die Herrlichkeit,
Für die Gott selbst sein Aug' uns leiht.
Den Thürmer laß in die Wälder gleiten,
Den Bruder laß auf die Zinnen schreiten,
Ihr kurzer Blick wird freier, weiter!
O daß wir manchmal Seelen tauschten,
Mit fremdem Aug' und Herzen lauschten!
Die Seelen würden größer, heiter,
Da würde mancher Haß zerstieben
Und reicher, wärmer unser Lieben!«

Herr Otto ruft: »So sei's! Ich kleide
O Nithart dich in Purpur und Seide,
Mein Zepter leih' ich deinen Händen,
Mein Schwert gürt' ich um deine Lenden;
Als Herzog sollst die Bahn du richten
Durch Glockenklang in Landesweiten,
Ich will im Waldessäuseln schreiten
An deiner Statt und sinnen, dichten.«

Der Dichter spricht in mildem Tone:
»O Fürst, auch wenn du sitzest zu Throne,
Umwallt dich leises Blätterkräuseln,
Ein flüsternd Wehen, ein flehend Säuseln,
Auch drohend kann's wie Grollen rauschen;
O wolle mit offner Seele lauschen!
Auch dieß sind des Naturgeists Stimmen,
Die über den Thron ins Herz dir klimmen;
Da ruft die Weihe, da sollst du dichten,
Gleich uns, der Seelen Räthsel schlichten;
Da rühre Saiten von tönenden Erzen,
Da rühre deines Volkes Herzen!
Lebendig durch die Gärten des Lichtes
Ziehn die Gestalten deines Gedichtes,
Deß mächtige Reime fest erstarrten
In ehernen Tafeln, in Marmorblättern;
Kein Feilen hilft unechten, harten,
Drum bild' aus Wohllaut nur die Lettern;
Ein großes Wort gekrönter Richter
Klingt fort wie Sang unsterblicher Träumer,
Ein schwacher Fürst ist ein schlechter Reimer,
Ein großer Fürst auch ein großer Dichter.«

Der Vollmond lächelt mild dem Bunde,
Die Becher klingen in der Runde,
Drin glänzt des Himmels Widerschein,
Die Sterne sinken in den Wein,
Und in die Brust aus den Bechern fluthen
Des Himmels Glanz, die Sternengluthen.

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