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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Otto.

»Sextus filius (Alberti I.) vocabatur Otto,
Nihil inveni de eo notabile, nisi quod fuit
unus jocundus homo et dilexit jocos et eutra-
peliam.«

Martinus Abbas Scotorum (Petz. II. 657.)

Die Sendung.

              Ist's nur die Luft in Fürstensälen,
Die Nacken beugt und krümmt die Seelen?
Soll's auch die bessern Fürsten ehren,
Wenn Stirnen ihren Estrich kehren?
Ließ ihnen solch beschämend Erbe
Der Vorfahr wohl, der harte, herbe,
Wie, wenn der Sturm sich längst verzogen,
Die Saat noch liegt, die er gebogen?

Im Thronensaal der Burg zu Wien
Versammelt harrt ein glänzender Kreis;
Mit silbernem Schäferstab erschien
In Sammt manch geistlicher Hirtengreis,
Die Herzogsräth' in schwarzer Tracht, –
Wohl manche trugen Trauerfarben
Schier um das Recht, das sie verdarben, –
Herolde schimmern in Wappenpracht,
Und Leibtrabanten halten Wacht.
Im Halbkreis stehn Hofherren und Ritter,
Da wehen Federn, flimmern Flitter,
Goldschellen klingeln am Gewand,
An Krause, Barett und Gürtelband;
Die Schelle, die der Hof einst trug,
Ward für die Narren abgelegt,
Damit wer keine Schelle trägt,
Hinfort doch gelten kann für klug.
Zwei Farben trägt am Leibe Jeder,
Zweifarbig Kleid, zweifarbige Feder,
Der halbe Mann roth oder falb,
Blau oder weiß das andre Halb,
Als hätt' ein Hieb sie einst gespalten,
Sie wiederbelebt ein Zauberwalten,
Die Hälften doch in Hast und Eile
Sie schlecht ergänzt mit dem fremden Theile.
Solch Hofkleid war gewählt verständig,
Die Farbe, die aus zwei'n ihm werth,
Wird flink dem Fürsten zugekehrt;
Jetzt trägt solch Kleid man nur inwendig.
Ein Wort gibt kund der Fürsten Kommen,
Wie Wetterschwüle macht's beklommen,
Die Reden und die Schellen schweigen,
Indeß die Stirnen tief sich neigen,
Selbst der Gedanke, der nicht streichen
Im Fluge darf, beginnt zu schleichen,
Doch kriechend noch sinnt er ans Steigen.
Geht einst der Phönixflug, der rasche,
Im Brand der Spezerein zur Neige,
Dann kriecht ein Würmlein aus der Asche,
Auf daß es wieder als Phönix steige.
Pfaff Wigand stellt der Pforte nah,
Sein Aug', die Schatten meidend, sah
Zum Fensterlicht, vor dessen Bogen
Des Gartens Wipfel grüßend wogen.
Vernehmbar spricht zu ihm der Baum:
Ich steige hoch empor im Licht
Und beug' und biege mich doch nicht!
Ein Vogel schwingt sich durch den Raum;
Ich steige höher noch und sang
Doch frei heraus, wie's Herz mir klang!
Die Wolke zieht mit goldnem Saum:
Ich steig' am höchsten, ging mein Flug
Auch graden Weg und freien Zug!

Thronsessel zwei stehn reich umflossen
Vom goldgestickten Baldachin,
Ihm nah'n die beiden Habsburgsprossen
Im Purpurkleid mit Hermelin,
Aufrecht und fest Otto der Frohe,
Im Antlitz lächelt die innere Lohe,
Doch Albrecht mit dem weisen Sinn
Wird auf der Sänfte hingetragen.
Dem Geiste gleicht der Körper nicht,
Es hat ihm Gift in jüngern Tagen
Des Leibes edlen Bau zerschlagen,
Schön blieb nur Haupt und Angesicht
Hoch ragend über'm Schutt der Glieder,
Dem Kirchlein gleich, vom Feind verschont,
Als er die Königsburg warf nieder,
Weil drin der Geist des Herren wohnt.
Die kühnen Feueraugen fliegen
Stolz über des Leibes Trümmerreste,
Wie über der zerbrochenen Veste
Zwei Adler sich in Lüften wiegen.
Des Mundes Wort scheint zu entwallen
Dem Ahnengeist versunkener Hallen:
»An unsern Zepter ist gediehn
Des Kärnthnerlandes Volk und Flur,
Umsonst vor unsern Thron nach Wien
Entbot ich's zum Vasallenschwur;
Kein Abgesandter kam! Sie halten
Zäh an dem Landesbrauch, dem alten;
Es schwöre nur der Fürst im Land
Und nehme Lehn aus Bauershand.
Ein Volk, wie seine Berge, hart!
So thun wir nach des Propheten Art,
Der selbst das Wanderstäblein nahm,
Als der gerufene Berg nicht kam;
Doch da auch wir von Felsnatur
Und unbeweglich schier vor Allen,
Mag unsres Bruders Liebden wallen
Zum sondren Eid nach Kärnthens Flur.
Vergnüglich ist die schöne Reise
Durch Alpengrün und ewige Eise,
Sie wird euch Mark und Sehnen stählen,
Sie wird erheben eure Seelen.«

Herr Otto rückt unstät am Sitze,
Sein Blick schießt ungeduldige Blitze
Und sucht gar sehnsuchtsvoll die Pforten;
Den Pfaffen Wigand trifft er dorten,
Der eben die Gedanken entsandt
Zu Otto selbst, den er sieht leiden,
Als flinke Pagen, ihn zu entkleiden
Von Würd' und Bürde, Last und Tand.
Sie streifen den Herzogshut vom Haupt,
Vom Epheukranz wird's schmuck umlaubt,
Sie ziehn ihm ab die Goldgewänder,
Die Purpurschleppen, Gürtelbänder;
Die Blöße darf kein Aug' verdrießen,
Sie hüllen ihm die Schultern schnell
Mit schöngeflecktem Pardelfell,
Ein Herrscherzeichen nur sie ließen:
Den Zepterstab! Doch fröhlich schwanken
Daran die klimmenden Weinlaubranken,
Der Thronstuhl wird zum rollenden Wagen,
Ihn und langhalsige Krüge zu tragen,
Auch trifft Gespann sich nah, wenn's gilt,
Luchs, Leu und Tiger, gezähmtes Wild.
Evoe, Evan! Deine Fahrten
Beginne durch des Indus Garten!

Mit Otto's Blick hält im Begegnen
Das Auge Wigands Zwiesprach leise;
Sprach Wigands Blick: Ich will dich segnen
Und rufen Glück und Heil zur Reise!
Drauf Otto's Aug' in Sehnsuchtsqual:
O reist' ich erst aus diesem Saal!
Wigand fuhr fort: Den Zug beginne
Mit goldnem Gruß der Johannisminne!
Und Otto drauf: In deiner Laube
Kredenz' uns heut den Saft der Traube!
So sprachen sie vor aller Schaar
Nicht hörbar, doch sich selber klar;
Das Frühlingswort magst du belauschen,
Wenn's flüsternd durch die Wipfel rauscht,
Doch heimlich spricht und unbelauscht
Der Blick, den Blüthenaugen tauschen.

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