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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Versöhnung

                        Ein Buch hält Nithart aufgeschlagen,
Da lauscht er längstverrauschten Tagen,
Begleitend zum italischen Garten
Der Nordlandshelden Sehnsuchtfahrten;

»Viel Dänenschiffe ankern und lauern,
Die Fracht zu löschen in Luna's Mauern;

Die Fracht sind Krieger, Nordlands Sprossen,
Doch solcher Fracht ist der Hafen verschlossen.

Sie bergen ihr Thun, daß selbst die Wellen
Dem Strand nichts plaudern im Zerschellen.

Das Leben an Bord so todt, eintönig!
Da ward ein Vogler Hadding, der König.

Das Orlogschiff in den grünen Fluten
Ist Tenne mit Vogelgarn und Ruthen;

Da fängt der König mit Locken und Listen
Der Vöglein viel, die im Städtchen nisten.

Der Veste Mauern überragen
Das Herz der Bürger, die voll Zagen.

Da klirren nicht Waffen, nur Glocken wimmern,
Nicht Panzer glühn, Meßkleider nur schimmern.

Im Dom knie'n Bischof und Statthalter,
Die Litanei ringt mit dem Psalter.

Sturmleitern schlägt ihr Gebet zu Gotte,
Daß er zerblase die Feindesflotte!

Der Bischof blickt zum Gewölb' nach oben,
Von Spinnennetzen ist's ganz umwoben;

»Nun sprecht, ihr frommen Wetterpropheten,
Was bringt der Himmel auf unser Beten?«

Stumm hängt das Gewebe, schaukelnd linde,
Als rührten sich Fahnen leis im Winde.

Sind sie erhört vom milden Gotte?
Die schwarze Flagg' aufhißt die Flotte!

Die Masten schwarze Segel tragen,
Der Bord ist in schwarzes Tuch geschlagen.

Zum Strande rudern, wie schwarze Schwäne,
Mit Trauergesängen dunkle Kähne.

»Hadding ist todt!« Schon flehn zwei Boten
Um Grab und Seelenamt für den Todten.

Jetzt steht die Bahr' im Gotteshaus,
Vorschmeckt der Bischof den Leichenschmaus.

Viel Dänen, in Trauermäntel verkrochen,
Darunter klirren stählerne Knochen.

Der Bischof blickt zum Gewölb' beim Beten:
»Wie nun, ihr frommen Wetterpropheten?«

Ihr grau Geweb' ist stumm wie ein Hauch,
Nur regt sich's kräuselnd, wie schwarzer Rauch.

Requiem singen Priester, Leviten,
Das Rauchfaß schwingen die Akolythen,

Bis von dem Chor die Posaunen schmettern,
Vorklang von des jüngsten Tages Wettern.

Welch' Rufen! Den Tod aus den Gräbern schreckt's,
Und Hadding, den König, auch erweckt's.

Er springt aus dem Sarg in Rüstung und Waffen,
Das Rauchfaß stürzt aus der Hand dem Pfaffen.

Den Kriegern in Stahl die Mäntel entfallen,
Wie Auferstandne aus Gräbern wallen.

Da blinkt auch das Schwert vom jüngsten Tage,
Da klirrt auch des Richters eherne Wage.

Und von den Schiffen die Vöglein von gestern
Läßt man heimfliegen zu ihren Nestern;

Wär's Nacht, sie flögen als Sternenwunder!
An Flügeln tragen sie leuchtenden Zunder.

Es prasseln die Schwerter, es prasseln die Flammen,
Wehklag' und Jubel verklingen zusammen.

Die Stadt ist Schutt! Der Schiffe Raum
Faßt seine goldne Beute kaum.

Vom Strand zum Schiff schon Brücken lagen,
Nach Norden den Nordlandskönig zu tragen.

Der Bischof geleitet ihn zur Flut;
»Bau' uns den Dom, ein Vogtherr gut!«

Der König, rasch zum Volke gekehrt,
Stößt in den Strand sein Eisenschwert:

»Da kniet! Macht nie dieß Kreuz zu Spott!
Wer selber sich hilft, dem hilft auch Gott.«

So las Nithart, im Buch versunken,
Und sieh, des Haddings Vögel tragen
Ins Haupt ihm neue Gedankenfunken.
Aufspringt er, rasch zu Roß zu jagen
Ins Kahlenberger Dorf zum Pfaffen:
»Freund Wigand, ich will's mit Hadding wagen,
Im Sarge ruhn, bis mit Frohlocken
Ich auf die Feinde spring' in Waffen.
Sagt todt mich, läutet mir die Glocken!«
Der Priester zagt und warnt erschrocken:
»Die Glocken, Freund, sind Gottesmund,
Womit er selbst dem Volk gibt kund,
Wann er belebt, wann er begräbt,
Im Zorne braust, in Milde schwebt;
Wollt ihr das Volk mit Glocken trügen,
Macht ihr die Lippen Gottes lügen!
Wohlan, mögt Todeshauch ihr spüren,
Er wird das Herz euch läuternd rühren.«

Herr Nithart in dem Kirchlein lag,
Geschmückt als Leich' im Sarkophag,
Den Perlenkranz im Lockenhaar,
Den Mantel mit seinem Pelz verbrämt,
Darunter Schienen und Eisenhemd,
Im Arm die Laute, traut und klar,
Zu Lenden fließt die Schärpe von Seide,
Das Schwert sitzt locker in der Scheide;
Schwarz ausgeschlagen Wand und Altar,
Daran des Todten Wappenbild,
Der rothe Fuchs in weißem Schild,
Mit schlichter Inschrift, prunkesledig:
»Herr Nithart Fuchs, dem sei Gott gnädig.«
Zu Nitharts Fuß ein Becken, drin
Weihwasser und Zweige Rosmarin.
Wie er so auf dem Rücken liegt,
In Gruftgedanken eingewiegt,
Kann sich's der Todte nicht versagen,
Bisweilen die Augen aufzuschlagen;
Sie haften an des Gewölbes Rund,
Das über ihm gebreitet stund.
Der Himmelsdom scheint's ihm zu sein
An einem grauen Wolkentag,
Der Herzen nicht erheitern mag
Und sie nur weist in sich hinein.
Dann wieder scheint der Kuppel Bogen
In ungemess'nen Raum gezogen,
Sich dehnend hoch und stolz und weit,
Als wär's die Halle der Ewigkeit;
Der Seele Flügel ächzt nach Schranken,
Umtaumelnd in Ewigkeitsgedanken.
Doch aus dem weiß einfärbigen Grund
Aufdämmern, wie in Lettern bunt,
Die Herzen all', die je er kränkte,
Die Seelen, die er zum Schmerze senkte,
Und was er Leides je getrieben,
Dort steht' s in scharfen Zügen geschrieben;
Verwischen, vertilgen möcht' er alle,
O säh' er rein die leuchtende Halle!
Da wird sein Herz so weich, so weich,
Todt ist er neugeboren zugleich.
Der Dom scheint wieder sich zu engen,
Und näher, schmäler sich zu drängen,
Beklemmend drückt's auf ihn herein,
Als wär's sein Grab und drauf der Stein,
Es scheint zu regen sich, zu wallen,
Sich zu zerbröckeln und zu fallen;
Er möchte schrei'n – gelähmt die Zunge!
Schon rafft er sich empor zum Sprunge,
Da treten die Bauern durch die Pforte
Mit frohen Geberden und lautem Worte.

Sie stehn mit Lachen an der Bahre,
Sie schaun das Wappen am Altare:
»Das Füchslein, das Hühner wollte speisen,
Fing Jäger Tod im kalten Eisen.«
Der spricht: »Warum thatst du, o Gott,
Was ich so gern statt dir gethan!«
Ein Dritter drauf; »Ei, laßt den Spott,
Er könnt' im Liedergarn uns fahn!«
Der zupft des Todten Nasenspitze:
»Wie sieht's nun aus mit deinem Witze?«
Der ruft: »Seht sein verzerrt Gesicht,
Im Tod noch zeigt's den Bösewicht.«
Und Jener: »Schnell trifft ihn der Fluch,
Ich spüre schon Verwesungsgeruch.«
Da zuckt zum Schwert des Todten Hand,
Doch spart er's für den Engelmar;
Der drängt sich stumm jetzt durch die Schaar,
Bis er am Katafalke stand.

Er faßt ein Zweiglein Rosmarin,
Sprengt Weihbronn über den Todten hin:
»O Nithart, möchten diese Tropfen
Versöhnend an deine Seele klopfen!«
Dann zu den Andern spricht er so:
»O klagt, daß dieser Geist entfloh!
Der Thurm hat seine Glocke verloren,
Der Becher die Gluth, die drin gegohren;
In Tönen träumt der Glocken Erz,
In Dichtern tönt des Volkes Herz.
Wir Bauern sind wie unser Feld!
Gottlob, die Saat ist gut bestellt;
Doch, sehn die fahl einfärbigen Aehren
Geschmückt die ganze Welt im Lenze,
Da schmerzt sie's, Schmuckes zu entbehren,
Sie seufzen; O trügen wir auch Kränze!
Sieh, aus derselben Scholle schlagen
Kornblumen, Mohn und Windlingspracht,
Herolde in der Wappentracht,
Statt ihrer reichen Schmuck zu tragen.
Doch wenn der Erntewagen trägt
Als Leichen einst das Volk der Garben,
Sind obenauf als Kranz gelegt
Die Blumen, die mit ihnen starben.
So soll das Dichterlied sich weben
Treu in des Volkes Sterben und Leben;
Und solch ein Kranz liegt hier zerschlagen.
Wir Bauern sind wie unser Feld!
Wenn Andacht alle Wesen hält
In Sabbathstill' an Feiertagen,
Da senden Alle zum Himmelszelt
Durch Boten ihre Freuden, Klagen;
Des Berg's Gebet die Adler tragen,
Des Stromes Dank in Wolken fährt,
Sein Zorn empor im Staubbach gährt,
Des Waldes Traum die Sprosser schlagen;
Stumm muß das Feld nur Wogen ringen,
Das, ach, des Liedermunds entbehrt,
Und hätte doch so viel zu singen!
Da steigt empor aus seiner Mitte,
Als wär's des Saatfelds eigne Seele,
Die Lerche, singend aus frommer Kehle,
Statt seiner Dank und Klag' und Bitte;
So steigt das Dichterlied aus dem Volke.
Dieß Herz war solche Lerchenseele,
Bekannt der Saat, bekannt der Wolke;
Nur sang's zu oft, ich könnt's entbehren,
Von Bart und Stacheln unserer Aehren.«

Indeß er sprach, hielt er die Hand
Des Todten, der Versöhnung Pfand.
Kalt überläuft's ihm jetzt den Rücken,
Er fühlt die Leichenhand ihn drücken;
War's Täuschung? Wahrlich, es war keine,
Aufs Neu' drückt Nitharts Hand die seine!
Das Herz in Stahl auch scheint zu klopfen,
Erweckten es des Weihbronns Tropfen?
Jetzt springt der Todte von der Bahr'
Und fliegt ans Herz dem Engelmar,
Sein Arm, in rasselnden Schienen, fährt
Rasch an die Laute statt ans Schwert:

»Ei Sommerzeit, die Vögel sich schwingen,
Ich will mein Lerchenlied euch singen!

Fliegt eine Lerch' empor in die Sterne
Mit einem goldenen Weizenkerne,

Als ob ein Engel am Sterbetage
Die gläubige Seele zum Himmel trage.

Und wie der Engel des Schützlings Ringen,
Beginnt sie des Körnleins Preis zu singen;

»Im Hülsenbett dieß Bauernkind,
Sein Wieglein schaukelten Luft und Wind;

Der Regen hielt's in Taufsteins Wogen,
Die Sonne hat es im Licht erzogen;

Und als es gedieh'n in Schaft und Kern,
Daß dran sich freue das Auge des Herrn,

Da ward es geknickt, getreten, geschnitten,
Geschlagen, zerstampft – hat viel gelitten!«

Spricht drauf der Herr: »Ei, du Anwaltstern!
Indeß du ihn lobst, entfiel der Kern.

So geht's dem Lied in Lobesweisen:
Oft sinkt zum tiefsten, den es will preisen.

Nicht so dein Lied, frommes Bäuerlein,
Es soll belohnt, unsterblich sein!

Sieh dort, wo es hinabgefallen,
Es neuerstanden, vervielfacht wallen!

Dem Körnlein gleiche das ganze Geschlecht;
Habt ihr's verworfen, ersteh' es erst recht!

Mit Strahlen sei jede Aehr' umlaubt,
Ein Heiligenschein dem Martyrhaupt!

Ich selber bilde, den Preis zu mehren,
Den eignen Leib aus dem Kern der Aehren,

Und segne die Saat, die im Wind sich wiegt,
Und segne die Hand, die am Pfluge liegt.«

So klingt der Lerche Lied vom Korne,
Und ist's zu Ende, singt sie's von vorne.

Ich aber sing's nur einmal, mit Huld,
Ihr wißt, mir lauscht nicht Gottes Geduld.«

Zu Nitharts Lied der Chor der Bauern,
Ein seltsam Fest ist's diesen Mauern;
Und horch, vom hohen Chore fallen
Jetzt Orgelklänge melodisch ein,
Pfaff Wigand tritt mit Wohlgefallen
Den Balg und greift die Tasten rein,
Daß feierlich die Töne wallen,
Erschütternd durch die Kirchenhallen.
Und wieder horch! Mit Flöten und Geigen
Lockt's durch die Pforte hinaus zum Reigen,
Daß Bauern, Sänger und Orgler es packt;
Herr Wigand endet mitten im Takt,
Abbricht das Lied in plötzlich Schweigen.

Zu Ende singt's vielleicht die Linde
Dem Spätroth und dem Abendwinde.

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