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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Die Joppe.

                  »O Sommerzeit in grünem Kleid,
Du bannst das Leid, du weckst den Neid!

Euch neid' ich, Blumen, grünen Klee,
Sangvöglein euch, dich Blüthenschnee.

Maiglöcklein möcht' ich sein im Gehege,
Daß mich ans Herz Liebfraue lege!

Wär' ich der Zeisig mit grünen Schwingen,
Auf ihrem weißen Nacken zu singen!

Könnt' ich der bunte Pfittich sein,
Ins Ohr ihr flüstert' ich allein!

Möcht' ich als Schleier am Haupt ihr hangen,
Mich sanft zu schmiegen an ihre Wangen!

O wär' ich ihr Gürtel mit goldner Schlinge,
Daß ich sie immer und immer umfinge!

O Sommerzeit in grünem Kleid,
Du bannst das Leid und weckst den Neid.

Die Liebe säuselt in deinen Blättern,
Der Haß entlädt sich in deinen Wettern!

O Engelmar, wärst du auf der Tenne
Das Weizenkorn und ich die Henne!

O wärst du ein feiner Honigkuchen!
Die Zähne möcht' ich an dir versuchen.

Wärst du das Müllerthier mit Säcken,
Ich aber hinter dir der Stecken!

Wärst lieber ein Prachtroß auserkoren?
Wohlan, so sei ich des Reiters Sporen!

Doch Stecken, Zahn und Sporn zerbricht;
Das Lied ist härter, ich tausche nicht!«

Ein Krämer sang dieß Frühlingslied,
Den schweren Waarenkorb am Rücken,
Oft stand er still im grünen Ried,
Nach bunten Blumen sich zu bücken.
O seltner Krämer, dich verrathen
Die seltnen Waaren, Liedesweisen,
Die, zahlbar nur mit Blumenpreisen,
Aus deines Herzens Werkstatt traten.
Nur Vöglein lauschen unverdrossen,
Und die verrathen nicht den Genossen.
Doch nah dem Haus des Engelmar
Klingt leiser das Lied, verstummt es gar.
Der Wandrer faßt die Klinke breit
Und seufzt ins Haus: »O Müdigkeit!«
Frau Engelmar am Tische näht,
Ihr Aug' nicht von dem Werk sich dreht,
Sie spricht: »Die Schenke liegt nicht weit!
Nichts biet' ich euch, mein Mann ist fern,
Auch schlug uns Hagel in bösem Stern.«
Er läßt am Tisch sich taumelnd nieder:
»Gönnt Raum nur, daß zusammen wieder
Sich finden die gelösten Glieder!«

Der Krämer läßt die Blicke streichen
Still über den breiten Tisch von Eichen;
Da ist ein Damenschach im Brette
Geschnitten, dabei ein Mühlenspiel,
Nicht streng im Winkelmaß, und viel
Der Bauernnamen rings zur Wette!
Da steht der Liutwin, Epp' und Reppe,
Der Eberwin, Hug, Ott und Lumpolt,
Der Lenk und Schrenk, der Stepp' und Leppe,
Der Bertram, Wezzel, Gozz' und Rumpolt,
Der Goswin, Roswin, Irenfried,
Der Lamprecht, Hanold und der Schmied;
All' Nithartsfeinde, die da prunken!
Der Eichentisch will schier bedunken
Ein Schlachtfeld aus homerischem Lied.
Wohl dachten, die sich eingeschnitten:
O ging's durchs Herz dem Nithart mitten!

Der Krämer sprach: »O stolze Eiche,
Dem Gott der Wälder nur untertänig,
Du kümmertest dich um Menschen wenig,
Bis dich verzaubert Todesstreiche;
Natur blüht nur sich selbst zur Wonne
Und fromm zum Preis der ewigen Sonne,
Wir gießen in sie Blut unsrer Adern
Und lehren sie mit uns lieben, hadern.
Nur blaue Tiefen des Himmels saugen
In sich des Flachses Blüthenaugen;
Da ist ein Linnen aus meinen Waaren,
Weiß, rein, wie Unschuld unerfahren,
Uns Allen bleibt es stumm und traurig,
Einfarbig, wie ein Grabtuch schaurig.
Die Jungfrau doch, die's wob, laßt reden!
Das weiße Gewebe wird ihr berichten
Vielleicht viel alte, schöne Geschichten,
Einwob sie die eignen Lebensfäden
Und knüpfte sie mit dem eigenen Herzen,
Drum bricht's wie Blumen aus Schnee des Märzen;
Das dünnste Fädchen selbst hat Schleifen,
Die zitternde Seele zu ergreifen.
Der Seidenwurm spinnt fromm sich ein,
Als Eremit, sich genügend allein.
Da ist aus Seide in meinem Kram
Ein Tüchlein mit Blumen wundersam,
Seht die Guirland' in Farben lebendig,
Wie Lenz uns lächelnd, heiter beständig.
Doch laßt die Maid, die's stickte, reden,
Die dreinwob eig'ne Lebensfäden!
Der wonnige Kranz wird ihr berichten
Vielleicht viel alte Trauergeschichten;
Daß diese Blüthen üppig sprossen,
Hat sie mit Thränen sie begossen,
Und jede Blume hat Dorneszacken,
Sich neu ins Herz ihr einzuhacken.
Mit Nadel und Garn webt Frauenhand
In Seid' und Linnen ihr Tagebuch,
Manch süßestes Räthsel barg solch Tuch,
Das nur, die's schrieb, zu lesen verstand.
Nun möcht' ich wohl, lieb Frauchen, wissen,
Was Sinnen ihr näht der Joppen ein.
Ich seh', das Lieblichste wird's nicht sein.
Die Finger habt ihr blutig gerissen.«

»Viel tausend Flüche für meinen Mann,«
Zürnt sie, »der mir solch Werk ersann!
Gen seinen Feind Nithart, den Sänger,
Den Rachedurst zähmt er nicht länger,
Die Joppe schenkt er ihm zum Feste,
Doch mußt' ich, und ich kann's nicht tadeln,
Einfügen innen spitze Nadeln;
Ein lustiger Schwank für alle Gäste,
Wenn's dann als Vorgeschmack den Wicht
Wie's ewige Höllenfeuer sticht!«

Da braust's herein wie Sturm und Wind,
Zur Seite floh das Hausgesind,
Der Engelmar dröhnt wild heran
Und schnaubt im Zorn. »Was will der Mann?«
Der Wandrer schüchtern sprach; »Ich bin
Ein Krämer, der um schmalen Gewinn
Von Wien fährt in das Baierland
Und kaum hier Platz zum Rasten fand.«
Der Bauer rief; »Wollt noch verziehn!
Was bringt ihr neuer Mähr aus Wien?
Ist euch der Schalk Nithart bekannt?«
Der Krämer drauf: »Herr Nithart fand
Ein neues Lied zum Zitherklang,
»Ein Stachellied« hat er's benannt;
Und wollt ihr's hören, sing' ich's eben,
Wie mir im Sinn die Worte kleben.«
Aufhorchend nickt der Bauersmann
Und spricht: »Ei, singt und gebt es kund!«

Der Wandrer hob sich und begann
Das Nithartlied aus Krämermund:

»O Sommersonne, du schleuderst Pfeile,
Doch Keiner will, daß die Wunde heile!

Der Engelmar am Kastanienbaum
Sinnt Rachepfeile sogar im Traum.

Die Stachelfrucht stürzt von dem Gesträuch
Und schlägt ihn wund und klug zugleich;

Die Frucht im Dornpelz ihn belehrt,
Nur lernt der verkehrte Mann verkehrt;

Dem Nithart wirkt er ein Ehrenkleid,
Doch innen Stachel an Stachel gereiht.

Nach Hose will er die Joppe tragen;
Wie ziemt es wohl? zu Roß? zu Wagen?

Wo ist der Fracht ein würdig Gespann?
Zwei Igel zur Deichsel, zwei Igel voran!

Wo mag dem Ritt ein Zelter sein?
Als Berberhengst ein Stachelschwein!

Er zäumt den Gaul, er schirrt das Gespann,
Bis von den Fingern das Blut ihm rann.

Er kommt nicht zu Roß, kommt nicht zu Wagen,
Selbst muß sein Festgeschenk er tragen.

Ein Tannenast ritzt ihn im Wandern:
Auf Nadeln achte, wer sticht nach Andern!

Nun ist er bei Hof und bringt's zum Feste,
Nun lachen bald der Fürst und die Gäste.

Ins Kleid schlüpft Nithart, – aber verkehrt,
Daß Futter und Nadel nach außen fährt.

Den Geber umarmt er vor aller Schaar,
Welch ein Freudenschrei, o Engelmar!

Herr Nithart legt den Bolz auf den Bogen,
Er schnellt, da ist der Bolzen entflogen.

Der fliegt und singt wie ein Vögelein:
Wer stechen will, muß stichfest sein!«

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