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Petersburger Erzählungen

Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Petersburger Erzählungen - Kapitel 4
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authorNikolai Gogol
titlePetersburger Erzählungen
publisherAufbau-Verlag
year1962
translatorKorfiz Holm
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Der Mantel

In einer Amtskanzlei des Ministeriums für . . . ach nein, verschweigen wir das Ministerium lieber! Nichts ist so leicht gekränkt wie unsere Zivil- und Militärbehörden, kurz, die Beamten jeder Art. Und heutzutage fühlt ja schon der einfache Privatmann in seiner eigenen Person gleich immer »die Gesellschaft« angegriffen. Vor kurzem soll – ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt es war – ein Ordnungsrichter seiner vorgesetzten Stelle eine Beschwerde unterbreitet haben, in der er klipp und klar bewies, daß man die staatlichen Verfügungen für gar nichts achte und daß selbst sein heiliger Name unnütz geführt werde; als Material lag der Beschwerde ein riesendicker Wälzer von Roman bei, in dem beinah auf jeder zehnten Seite ein Ordnungsrichter in Erscheinung trat, und noch dazu des öfteren mit einem Bombenrausch behaftet. Um alle diese Schwierigkeiten zu vermeiden, bezeichnen wir das Amt, das hier in Frage kommt, ganz einfach als »ein« Amt. Also: in »einem« Amte diente einstmals »ein« Beamter. Es läßt sich nicht behaupten, daß der würdige Beamte durch irgendwas bemerkenswert gewesen wäre. Er war von niedriger Statur und etwas pockennarbig, hatte ziemlich rote Haare und, wenn der Schein nicht trog, recht schwache Augen, des ferneren eine mittelgroße Glatze, verrunzelte und eingefallne Wangen und die Gesichtsfarbe der Leute, die an Hämorrhoiden leiden. Das ist nun einmal nicht zu ändern! Das Petersburger Klima trägt die Schuld. Was nun den Rang betrifft – denn danach fragt man ja bei uns zuerst –, so war er, was man einen »ewigen« Titularrat nennt. Diese Beamtenklasse ist im übrigen genügend oft und witzig von gar manchen unsrer Schriftsteller verspottet worden, die die verständliche und edelmütige Gewohnheit haben, sich über Leute herzumachen, die ihnen nicht so leicht die Zähne weisen können. Der Zuname des Beamten war Baschmatschkin. Schon aus diesem Zunamen ergibt sich die Herkunft von dem Wort »Baschmak«; doch wann, zu welchem Zeitpunkt und auf welche Weise der Name aus dem Worte Baschmak entstanden ist, darüber ist nichts bekannt. Sowohl der Vater als auch der Großvater und sogar auch ein Schwager und alle echten Baschmatschkins gingen in Stiefeln und erneuerten nur dreimal im Jahre die Sohlen. Sein Vorname lautete Akakij Akakijewitsch. Nun, dieser Vor- und Vatersname mag dem lieben Leser wohl ein wenig seltsam und gesucht erscheinen, doch darf er ruhig glauben, daß von Suchen dabei keine Rede war und daß das Schicksal selber es so fügte – man konnte ihm ganz einfach keinen andern Namen geben. Wie das sich zutrug, will ich gleich erzählen. Akakij Akakijewitsch wurde, wenn mir recht ist, in der Nacht zum Dreiundzwanzigsten des Monats März geboren. Seine Mutter, habe Gott sie selig, eine Beamtenwitwe und kreuzbrave Frau, tat ungesäumt nach gutem altem Brauch das Nötige zur Taufe ihres Sohnes. Die Mutter lag im Wochenbett, der Tür gegenüber; zu ihrer Rechten stand der Pate, Herr Jeroschkin, Kanzleivorsteher im Senat und überhaupt ein Mann von Ansehn und Bedeutung, und neben ihm die Patin, Arina Semjonowna Belobrjuschkowa, Gemahlin eines Leutnants von der Polizei, aufs vorteilhafteste bekannt für ihre exemplarisch reinen Sitten. Der Mutter wurden nun zunächst drei Namen vorgelegt, damit sie selber ihre Auswahl treffe: Mokkij, Sossij sowie der Name des Märtyrers Chosdasat. ›Nein‹, dachte die Mama, Gott hab sie selig – ›nein, das sind doch gar so sonderbare Namen.‹ Ihr zu Gefallen wurde der Kalender noch an einer andern Stelle aufgeschlagen, und die drei Namen, die da standen, lauteten: Trifilij, Dula, Warachassij. »Das ist ja eine Strafe Gottes!« rief die Wöchnerin. »Was das für Namen sind! Die hab ich ja in meinem Leben nicht gehört. Wenn es noch Warach oder Waradat gewesen wäre, aber Trifilij, Dula, Warachassij . . .!« Man blätterte noch einmal um, und da stand: Pawsikachij und Wachtissij. »Nein, nein, ich seh schon«, rief die gute Frau, »das Schicksal will es nicht. So mag er lieber noch nach seinem Vater heißen. Sein Vater hieß Akakij; wollen wir den Sohn in Gottes Namen auch Akakij nennen.« Auf die Art kam unser Held zu seinem Namen: Akakij Akakijewitsch. Beim Taufakt weinte er und zog ein so bekümmertes Gesicht, als sähe er sich schon als künftigen Titularrat. Das war der Hergang der Geschichte. Und wir haben das so eingehend berichtet, damit der Leser selber sieht, daß alles kommen mußte, wie es kam, und daß ein andrer Name völlig ausgeschlossen schien. Seit wann Akakij Akakijewitsch seines Amtes waltete und wer ihm diesen Posten zugewiesen hatte, wußte niemand mehr. So viele Vorsteher und Direktoren auch gekommen und gegangen waren – sie alle hatten ihn am gleichen Platze sitzen sehen, in ewig gleicher Haltung, an der gleichen Arbeit: beim Abschreiben von amtlichen Papieren. Drum glaubte man beinah, er wäre einst schon fix und fertig, wie er dasaß, auf die Welt gekommen, in der Beamtenuniform und mit der Glatze. Respekt bezeigte ihm kein Mensch im ganzen Amt. Nicht nur, daß der Portier gleichgültig sitzen blieb, wenn er zur Tür hereintrat – er schien ihn überhaupt nicht zu bemerken und tat, als surre dort bloß eine Fliege durch das Vestibül. Die Vorgesetzten zeigten ihm die kälteste Despotenmiene. Irgendein Direktionsvertreter warf nachlässig einen Akt auf seinen Schreibtisch und sagte dazu nicht einmal: »Ach, schreiben Sie das ab« oder: »Das ist ein netter, interessanter kleiner Schriftsatz« oder sonst etwas Verbindliches, wie's unter wohlerzogenen Beamten Brauch und Sitte ist. Akakij nahm die Arbeit still entgegen, sah nur auf das Papier und nahm sich nicht einmal die Mühe, festzustellen, wer es ihm zugeschoben hätte und ob denn der Betreffende auch überhaupt ein Recht dazu besäße; er nahm die Arbeit still entgegen und ging sofort ans Abschreiben. Die jüngeren Beamten trieben ihren Spott mit ihm und machten ihn zum Opfer ihres Witzes, soweit von Witz in solchen Amtskanzleien überhaupt gesprochen werden kann. Sie liebten es, in seiner Gegenwart erfundene »Schwänke aus Akakijs Leben« zu erzählen, behaupteten zum Beispiel, daß ihn seine Zimmerwirtin, eine alte Frau von siebzig Jahren, jeden Tag verprügele, erkundigten sich, wann die beiden Hochzeit machen würden, und schütteten auch etwa mit dem Ruf: »Es schneit!« Papierschnitzel auf seinen würdigen Glatzkopf. Akakij aber sagte zu alldem kein Wort – es war, als ob er seine Gegner überhaupt nicht sehe und bemerke. Nicht einmal im Kopieren störte ihn das alles, trotz dieser ewigen Neckereien verschrieb er sich kein einziges Mal. Nur wenn die Späße gar zu unerträglich wurden, wenn man ihn an den Ellenbogen stieß, so daß er seine Arbeit unterbrechen mußte, dann sagte er zum Schluß: »Ach, lassen Sie mich doch! Was quälen Sie mich denn?« Und etwas Sonderbares lag in diesen Worten und in seinem Tonfall – es klang da etwas durch, was unwillkürlich Mitleid weckte. Das mußte beispielsweise einst ein junger Mann erleben, der erst seit kurzem in dem Amte angestellt war. Auch er trieb seine Possen mit Akakij, wie er es von den andern sah. Da trafen jene leisen Worte ihn ins Herz, und er hielt mit Beschämung inne. Von dieser Stunde an erschien ihm alles wie verwandelt und in neuem Licht. Ein dunkler Widerwille stieß ihn fortan von den Kollegen ab, die er, da er sie kennenlernte, doch für ehrenwerte, wohlerzogene junge Leute angesehen hatte. Noch viele Jahre später trat, und oft sogar in seinen frohesten Minuten, plötzlich das Bild des kleinen Subalternbeamten mit der Glatze vor sein inneres Auge, der so beweglich hatte sagen können: »Ach, lassen Sie mich doch! Was quälen Sie mich denn?« Und dabei klangen wie ein starker Unterton noch andere Worte mit – die schlichte Frage: »Bin ich nicht dein Bruder?« Dann schlug der arme junge Mann die Hände vors Gesicht; gar manches Mal in seinem Leben faßte ihn seit jenem Augenblick ein Zittern, wenn es ihm wieder einmal aufstieß, wieviel Unmenschlichkeit im Menschenherzen lebt, wieviel gemeine Roheit sich hinter abgeschliffener Weitläufigkeit verbirgt – du lieber Gott, und das sogar bei Leuten, die jedermann für tadellose Ehrenmänner hält . . .

Man konnte schwerlich einen zweiten finden, der so in seiner Arbeit aufgegangen wäre wie Akakij. Daß er sie eifrig tat, sagt lange nicht genug, er tat sie außerdem mit Liebe. In dieser ewigen Kopistenarbeit lag ihm die Welt, und eine mannigfaltige und schöne Welt dazu. Er strahlte einfach vor Befriedigung bei der Tätigkeit und hatte ganz besondere Lieblinge im Alphabet; kam er an diese Buchstaben, so kannte er sich selbst nicht mehr vor Wonne: er schmunzelte, er blinzelte, und seine Lippen schrieben förmlich mit, so daß man es ihm vom Gesicht ablesen konnte, an welchem Buchstaben die Feder unten auf dem Bogen malte. Wenn die Beförderung von seinem Eifer abgehangen hätte, so wäre er bestimmt, zu seiner eigenen Verblüffung, eines schönen Morgens als Staatsrat aufgewacht. Doch er blieb ewig, was er war, und seine witzigen Kollegen erfanden ihm zum Trost den Reim: »Ist auch kein Orden dir beschieden – eins kriegst du sicher: Hämorrhoiden.« Doch wäre es zuviel gesagt, daß niemals jemand seine Leistungen beachtet hätte. Einer von seinen Direktoren, der ein gutes Herz besaß und ihn für lang bewährten treuen Fleiß belohnen wollte, gab ihm einmal etwas zu erledigen, was mehr Selbständigkeit erforderte als die gewöhnliche Abschreiberei. Er sollte einen fertigen Akt zur Einreichung an eine andere Behörde umarbeiten. Die ganze Kunst dabei war die, die Anrede zu ändern und hier und da ein Zeitwort in der dritten Person statt in der ersten einzusetzen. Das aber machte ihm solch eine Arbeit, daß er in kalten Schweiß geriet, sich jeden Augenblick die Stirne trocknen mußte und endlich bat: »Nein, geben Sie mir lieber wieder etwas abzuschreiben!« Von da an blieb er der Kopist für alle Zeit. Und außer dieser Tätigkeit schien nichts in dieser Welt ihm etwas zu bedeuten. Auf seine Kleidung hielt er weniger als nichts, sein Uniformrock war nicht etwa grün, oh, weit gefehlt: er zeigte eine fuchsige Farbe, darüber es gleich einem Hauch von Mehlstaub lag. Sein enger Kragen war so niedrig, daß der an sich durchaus nicht lange Hals unendlich lang erschien und an die weißen Katzen mit dem Wackelkopfe denken ließ, die unsre russischen Ausländer gleich dutzendweise auf dem Kopf spazierentragen. Zu jeder Zeit hing etwas, was nicht hingehörte, an seiner Uniform, sei es ein Strohhalm, sei's ein Endchen Zwirn; er zeigte auf der Straße außerdem ein ganz besonderes Geschick darin, sich immer in dem Augenblicke unter einem Fenster zu befinden, wo irgendwelcher Dreck herausgeworfen wurde; und darum trug er meist Melonenschalen und dergleichen Abfall auf dem Hut. Nie schenkte er den Dingen, die das Straßenleben täglich mit sich bringt, auch nur die leiseste Beachtung – ganz anders darin, als es seine jüngeren Kollegen in der Übung haben; denn deren scharfem und geschwindem Blick entgeht es nicht einmal, wenn irgendeinem Fremden auf dem andern Trottoir der Hosensteg gerissen ist, o nein, er sieht es gleich und muß ironisch drüber lächeln.

Akakij Akakijewitsch aber konnte hinsehn, wo er wollte, er sah nur immer seine sauberen, gleichmäßig und gerade hingemalten Zeilen vor sich. Es mußte sich ihm schon, weiß Gott woher, ein Pferdemaul auf seine Schulter legen und ihm durch die geblähten Nüstern einen wahren Sturmwind um die Ohren blasen, wenn er merken sollte, daß er sich nicht inmitten einer Zeile, sondern statt dessen mitten auf dem Straßendamm befand. Und kam er heim, so setzte er sich gleich zu Tisch, verzehrte hastig seine Weißkohlsuppe und das Stückchen Ochsenfleisch mit Zwiebeln und hatte nicht die Spur von einem Eindruck, wie das Essen schmeckte. Er aß auch ruhig alle Fliegen und das sonstige mit, was Gott je nach der Jahreszeit als Beilage bescherte. War dann sein Magen halbwegs voll, so stand er auf, holte das Tintenfaß herbei und machte sich ans Abschreiben von Akten, die er mit heimgenommen hatte. Und gab es solche Arbeit nicht, nun, dann kopierte er für sich und zum Privatvergnügen amtliche Schriftstücke, die ihm durch irgend etwas interessant erschienen – nicht etwa durch die Schönheit ihres Stils, sondern dadurch, daß sie an einen ihm bisher noch unbekannten oder auch ganz besonders hochgestellten Adressaten gingen.

Um jene Stunde, da der graue Himmel Petersburgs sich langsam ganz umnachtet, da das Beamtenvölkchen seine je nach der Höhe des Gehaltes und der Ansprüche mehr oder weniger üppige Mahlzeit eingenommen und sich ein bißchen ausgeruht hat vom Gekreisch der Federn in den Ämtern, vom Hinundhergelauf, von notgedrungener Pflichtarbeit für sich und andere und dem, was strebsame Naturen über das Maß hinaus noch ohne Not freiwillig auf sich nehmen – um diese Zeit beeilen die Beamten sich, den Rest des Tages dem Genuß zu widmen. Wer es besonders üppig gibt, fährt ins Theater; ein anderer lustwandelt auf den Boulevards und schaut den zweifelhaften Dämchen unter ihre Hüte; ein dritter geht zu einem Kränzchen und verbringt die Mußestunden mit Scharwenzeln um ein hübsches Mädel, das eines kleinen Subalternenkreises Mittelpunkt und Sonne ist; ein vierter – und das ist das übliche – besucht ganz einfach einen Amtskollegen, der irgendwo im dritten oder vierten Stockwerk eine Wohnung von zwei Zimmern hat, mit Vorzimmer und Küche, sowie der oder jener modischen Errungenschaft, zum Beispiel einer Lampe oder einem sonstigen »schönen Stück«, mit dessen Anschaffung so manches Opfer, manch ein Verzicht auf Mahlzeiten und Landpartien verknüpft gewesen ist.

So sitzen um die Zeit all die Beamten hier und dort in den bescheidnen Heimen ihrer Freunde, sie spielen Whist, sie trinken Tee und knabbern Groschenzwiebacke dazu, sie blasen Rauch aus ihren langen Pfeifen, erzählen sich beim Kartengeben irgendeinen Klatsch aus hohen Kreisen, was für den echten Russen immerdar den allergrößten Hochgenuß bedeutet, oder ergötzen sich, wenn sonst gar kein Gesprächsstoff da ist, an jener altbewährten Anekdote von dem Kommandanten, dem gemeldet wurde, am Reiterstandbild Zar Peters sei dem Pferd der Schweif von frevelhafter Hand abgeschnitten worden. Doch selbst um diese Zeit, wo jeder andre sein Vergnügen suchte, erlaubte sich Akakij nicht die leiseste Zerstreuung. Nie hatte irgendwer gehört, daß er am Abend ausgegangen wäre. Wenn er sich satt geschrieben hatte, kroch er in sein Bett und lächelte im vorhinein schon beim Gedanken an den nächsten Tag: was ihm der liebe Gott wohl da zum Abschreiben bescheren würde? So floß das friedlich stille Leben dieses Menschen hin, der, bei vierhundert Rubeln Jahresgage, zufrieden mit dem ihm gefallenen Lose war und es auf diese Art zu hohen Jahren hätte bringen können, wenn es im Leben keine Widrigkeiten gäbe Ach, Widrigkeiten streut das Schicksal, wie wir alle wissen nicht bloß den Titularräten auf ihren Weg, auch Wirklichen Geheimen Hofräten kann das passieren, ja sogar Räten, die noch niemals irgendeinem Rat erteilt und auch nie Rat von jemand angenommen haben.

Es lebt in Petersburg ein grimmer Feind der armen Teufel, die vierhundert Rubel Jahresgage oder ähnliche Gehälter haben. Und dieser Feind ist niemand andres als die Winterkälte, wenn kluge Leute auch behaupten wollen, daß sie ungemein gesund und sehr bekömmlich sei. Um neun Uhr früh, da alle Straßen von den zur Arbeit gehenden Beamten wimmeln, beginnt der Frost ganz ohne Wahl und Gnade jedermann so rücksichtslose Nasenstüber zu versetzen, daß die Bedauernswürdigen nicht wissen, wo sie ihre Riechorgane lassen sollen. Und wenn selbst höheren Beamten vor Frost die Stirne weh tut und die Augen tränen, wie muß es erst den armen Titularräten ergehen, die dieser Unbill schutzlos preisgegeben sind! Ihr Heil liegt nur in der Geschwindigkeit – gehüllt ins fadenscheinige Winterröcklein, heißt es im Laufschritt fünf, sechs Straßen zu passieren und dann im Vestibül sich erst mal tüchtig warm zu stampfen, um auf die Art die draußen eingefrorenen Talente für den Staatsdienst wieder aufzutauen. Akakij Akakijewitsch hatte schon seit einiger Zeit verspürt, daß ihm die Kälte empfindlicher als sonst in seine Schultern und den Rücken biß, trotzdem er lief, was er nur irgend konnte, um den gewohnten gottgewollten Weg recht schnell zurückzulegen. Und schließlich fiel ihm ein, das könnte seine Ursache in irgendwelchen Schäden seines Mantels haben. So breitete er diesen denn zu Hause vor sich aus und untersuchte ihn genau. Ganz richtig: an zwei, drei verschiedenen Stellen, und zwar gerade auf den Schultern und im Rücken, war dieses Kleidungsstück beinah zu Musselin geworden – das Tuch war so verschlissen, daß die Sonne durchschien, und statt des Futters gab es da nur Löcher. Nun muß man wissen, daß Akakijs Mantel seinen freundlichen Kollegen längst als Zielscheibe des Witzes diente, sie gönnten ihm den ehrenwerten Namen »Mantel« keineswegs und nannten ihn ironisch die »Kapuze«. In der Tat war dieses Kleidungsstück ein bißchen sonderbar gebaut: die Pelerine wurde jährlich kürzer, weil sie Flickmaterial für andere Gegenden des Mantels liefern mußte. Und diese Flicken zeugten keineswegs von Schneiderkünsten, sondern waren primitiv und ohne Sorge um gefälligen Eindruck aufgesetzt. Akakij Akakijewitsch sah wohl, wie die Sache stand, und kam zu der Erkenntnis, daß er seinen Mantel zu Petrowitsch bringen müsse. Das war ein Flickschneider, der irgendwo vier Treppen hoch im Hinterhause wohnte und dort, obgleich er auf dem einzigen Auge, dessen er sich rühmen durfte, heftig schielte und das Angesicht voll Pockennarben hatte, ziemlich erfolgreich der Ausbesserung von Pantalons und Fräcken für Beamte und andre Zeitgenossen oblag, vorausgesetzt natürlich, daß er gerade nüchtern war und keine andern Unternehmungen in seinem Kopfe wälzte. Es hat ja wenig Wert, auf diesen Schneider viele Worte zu verwenden; weil es nun aber einmal guter Novellistenbrauch ist, jeden Charakter scharf umrissen hinzustellen, so hilft das alles nichts – her denn in Gottes Namen mit Petrowitsch! Ursprünglich hatte er sich nur Grigorij nennen dürfen und war Leibeigner irgendeines reichen Herrn gewesen; Petrowitsch hieß er erst, seitdem er freigelassen war und angefangen hatte, sich an Feiertagen heftig zu besaufen, zuerst nur bei besonders hohen Festen, im weiteren Verlaufe aber ohne langes Federlesen an allen kirchlichen Gedenktagen, die durch ein Kreuzchen im Kalender ausgezeichnet waren. In dieser Hinsicht hielt er treu auf guten alten Brauch und väterliche Sitte und nannte seine Frau bei Streitigkeiten gern eine Ketzerin und eine gottverfluchte Deutsche. Da wir die Frau doch schon erwähnen mußten, wird es wohl nötig sein, auch sie in kurzen Worten näher zu beschreiben; nur ist mir leider nicht gerade viel von ihr bekannt, ich weiß nur, daß Petrowitsch eine Frau besaß und daß sie eine Haube und kein Kopftuch trug; besondrer Schönheit konnte sie sich, wie ich glaube, auch nicht rühmen – auf der Straße schauten ihr, mit unternehmendem Geschmunzel und aufmunterndem Gebrumm, im besten Fall Soldaten von der Garde unter die bereits erwähnte Haube.

Auf der Treppe, die zur Wohnung von Petrowitsch führte, schwamm, die Wahrheit zu gestehn, das Spülicht, und sie war von jenem Fuseldunst erfüllt, der einem auf sämtlichen Petersburger Hintertreppen in die Augen beißt. Akakij Akakijewitsch stieg hinan und überlegte schon im vorhinein, wieviel Petrowitsch wohl verlangen würde . . . Er faßte den Entschluß, ihm keineswegs mehr als zwei Rubel zu bewilligen. Die Tür stand offen, weil die Hausfrau, die gerade einen Fisch briet, einen so entsetzlich dicken Qualm dabei erzeugte, daß man nicht einmal die Küchenschaben sehen konnte. Akakij Akakijewitsch wurde von der Frau gar nicht bemerkt, als er durch ihre Küche ging. Dann trat er in die Stube, wo Petrowitsch mit gekreuzten Beinen, wie ein Pascha aus dem Türkenland, auf einem breiten ungestrichenen Holztisch thronte. Ein Schneider sitzt meist barfuß bei der Arbeit. Und auch Petrowitsch folgte diesem Brauch. Dabei fiel einem ganz zuerst der eine große Zeh ins Auge. Akakij Akakijewitsch kannte ihn genau, sein Nagel war auf sonderbare Art verkrüppelt und glich an Festigkeit und Dicke dem Gehäuse einer Schildkröte. Petrowitsch hatte über seinem Nacken ein paar Stränge Zwirn und Seide hängen, und auf seinen Knien lag ein abgetragnes Kleidungsstück. Er mühte sich schon seit gut drei Minuten einzufädeln und traf nicht mit dem Faden in das Öhr, und darum schimpfte er, was Zeug und Leder hielt, auf die verdammte Dunkelheit und den verdammten Zwirn: »Willst du nicht reingehn, Luder! Oh, da möchte man doch lieber gleich verrecken, ekelhaftes Biest!« Akakij Akakijewitsch war es äußerst peinlich, seinen Schneider in so aufgeregter Stimmung anzutreffen – er zog es vor, mit ihm in Augenblicken zu verhandeln, wo sich Petrowitsch schon ein bißchen Mut angetrunken hatte oder wo, wie seine liebe Frau zu sagen pflegte, »das einäugige Aas bis an den Hals voll Fusel war«. In diesem Zustand ließ Petrowitsch für gewöhnlich gerne mit sich handeln, nahm auch ganz bescheidene Preisangebote an und dankte noch ergebenst für den Auftrag. Freilich kam dann bald die Frau gerannt und jammerte und heulte, weil ihr Mann in der Besoffenheit die Arbeit viel zu billig übernommen hätte. Doch das bedeutete nicht viel, man legte einfach einen Zehner drauf, und fertig war die Laube. Jetzt aber fühlte sich Petrowitsch augenscheinlich nüchtern und war deshalb wortkarg und schroff und zeigte sich gestimmt, gleich weiß der Kuckuck was für Preise zu verlangen. Akakij Akakijewitsch spürte das sofort und hätte sich sehr gern, wie man zu sagen pflegt, nach rückwärts konzentriert, jedoch das Unheil war nun schon im Gang. Petrowitsch blinzelte ihn scharf mit seinem einzigen Auge an, so daß Akakij Akakijewitsch unwillkürlich sagte: »Guten Tag, Petrowitsch!«

»Hab die Ehre, Herr!« erwiderte Petrowitsch und schielte nach Akakijs Händen, um herauszubringen, was für eine Beute ihm da winkte.

»J-ja, Petrowitsch, ich bin da, weil . . . nämlich . . .«

Es ist nicht überflüssig zu erwähnen, daß sich Akakij Akakijewitsch meist in Präpositionen, Adverbien und dergleichen auszudrücken liebte, kurz, in Partikeln, die im Grunde nicht die Spur von einem Sinn ergaben. Und schien ihm eine Sache peinlich zu behandeln, so führte er den angefangenen Satz fast nie zum Schluß. Er fing zum Beispiel häufig an: »Jawohl, das ist, gewissermaßen, nämlich so . . .« Und weiter kam dann gar nichts mehr. Er selbst vergaß die Fortsetzung und glaubte, alles schon gesagt zu haben.

»Was ist los?« fiel Petrowitsch ihm ins Wort und musterte mit seinem einen Auge aufmerksam den Uniformfrack des Besuchers, den Kragen und die Ärmel und die Schöße, die Falten und die Knopflöcher eilfertig und genau. Er kannte ja das alles nur zu gut, da es aus seiner eigenen Werkstatt stammte. Es ist schon einmal so der Brauch bei Schneidern; das ist ihr erstes, was sie an den Menschen interessiert.

»Ja, du, Petrowitsch, nämlich . . . sieh mal . . . ja der Mantel da, das Tuch . . . du kannst dich selber überzeugen . . . der Stoff ist überall sonst tadellos . . . er ist gerade recht verstaubt und sieht darum vielleicht schon etwas alt aus, aber er ist fast wie neu; nur an der einen Stelle da . . . gewissermaßen, nämlich . . . am Rücken da und auf der einen Schulter ist er ein klein wenig durchgerieben, und da auf der andern Schulter auch ein bißchen . . . nicht? Und das ist alles. Macht ganz wenig Arbeit . . .«

Petrowitsch griff nach der Kapuze und breitete sie erst einmal auf dem Tische aus. Er musterte sie lange Zeit und schüttelte den Kopf. Dann griff er mit der Rechten auf das Fensterbrett nach seiner runden Tabakdose, deren Deckel mit dem Brustbild eines Generals geschmückt war – welches Generals, das ließ sich leider nicht ergründen, weil die Stelle, wo einst sein Gesicht gewesen war, ein mit dem Finger eingedrücktes Loch aufwies, das durch ein draufgeklebtes Stück Papier verschlossen war. Petrowitsch schnupfte; hierauf hob er die Kapuze hoch und hielt sie gegen das Licht, um – abermals den Kopf zu schütteln. Dann drehte er sie um und schaute sich das Futter an – erneutes Kopfschütteln. Zum zweitenmal nahm er den Deckel mit dem papierverklebten General von seiner Dose, lud sich die Nase frisch mit Schnupftabak, verschloß die Dose wieder, legte sie an ihren Platz und sagte endlich: »Ausgeschlossen! Läßt sich nicht mehr flicken! So ein strapazierter Fetzen!«

Akakij krampfte sich das Herz zusammen bei dem harten Wort.

»Warum soll's denn nicht gehn, Petrowitsch?« bat er kläglich wie ein kleines Kind. »Er ist bloß an den Schultern etwas durchgerieben; ach, du wirst doch sicher irgendwelche Flicken finden . . .«

»Ja, Flicken gibt es schon, an Flicken fehlt es nicht«, erwiderte Petrowitsch. »Man kann sie bloß nicht hinnähen, der Stoff ist viel zu morsch; sticht man nur mit der Nadel rein, so reißt er aus wie Schafleder.«

»Und wenn er ausreißt . . .! Nimmst du eben größere Flicken.«

»Worauf soll ich die größeren Flicken setzen, wenn doch die Unterlage fehlt? Das Zeug ist ja so abgetragen. Da braucht es gar nicht viel mehr, bis das Dings vom Winde fortgeweht wird wie ein Spinngewebe.«

»Ach, flick es nur noch einmal! Weißt du, so, gewissermaßen nämlich . . .!«

»Nein, nichts zu machen!« sprach Petrowitsch fest. »Das Dings taugt gar nichts mehr. Das beste ist, Sie machen sich, wenn jetzt der kalte Winter kommt, Fußlappen draus. Denn Strümpfe halten sowieso nicht warm. Na, Strümpfe überhaupt . . .! Das haben sich auch nur die Deutschen ausgedacht, um noch mehr Geld herauszuschinden.« – Petrowitsch liebte es, bei passender Gelegenheit den Deutschen einen kleinen Hieb zu geben. – »Und was den Mantel anbetrifft, so müssen Sie sich eben einen neuen machen lassen.«

Als der erschrockene Titularrat hörte: »einen neuen«, da wurde es ihm finster vor den Augen, und alles drehte sich um ihn. Das einzige, was er noch deutlich sah, war der papierverklebte General, der auf Petrowitschs Tabakdose prangte.

»Du kannst leicht sagen: einen neuen!« rief er, noch immer wie im Traum. »Ich hab doch gar kein Geld dafür.«

»Ja, einen neuen!« wiederholte Petrowitsch ruhig und erbarmungslos.

»Nun, und wenn ich dann wirklich einen neuen . . .? Was würde das, zum Beispiel, nämlich . . .?«

»Sie meinen, was er kosten wird?«

»J-ja . . .?«

»Ja, hundertfünfzig müssen Sie schon anlegen«, erwiderte Petrowitsch kalt und preßte seine Lippen mit Entschlossenheit zusammen. Er war für Knalleffekte, und es machte ihm Vergnügen, die Leute unversehens zu erschrecken und dann verstohlen zu beobachten, was für Gesichter seine Opfer schnitten.

»Was? Hundertfünfzig Rubel? Und für einen Mantel?« schrie Akakij Akakijewitsch auf. Er schrie vielleicht zum erstenmal in seinem ganzen Leben; denn für gewöhnlich sprach er still und sanft.

»Jawohl«, erwiderte der Schneider, »und das ist auch noch lange kein besondrer Mantel . . . Wenn man zum Kragen Marder nehmen und die Pelerine, wie es sich eigentlich gehört, auf Seide füttern will, dann können es leicht auch zweihundert werden.«

»Petrowitsch, tu mir den Gefallen . . .!« bat Akakij Akakijewitsch herzbewegend und bemühte sich, all diese Knalleffekte von Petrowitsch einfach nicht zu hören. »Flick ihn mir irgendwie zurecht, daß ich ihn wenigstens noch eine Zeitlang tragen kann!«

»Nein, hat ja keinen Sinn – das wäre weggeschmissene Arbeit und vertanes Geld«, erwiderte Petrowitsch. Von dieser Antwort ganz zerschmettert, schlich sich Akakij Akakijewitsch aus der Tür.

Petrowitsch aber stand, als er gegangen war, noch eine ganze Weile stolz erhobenen Hauptes da und nahm die Arbeit nicht gleich wieder auf. Er war mit sich zufrieden: er hatte sich nicht weggeworfen und seine Schneiderkunst nicht degradiert.

Als unser Titularrat auf die Straße kam, war er noch immer wie im Traum. »Ist das eine Geschichte!« sprach er vor sich hin. »Wer hätte sich denn denken können, daß es so entsetzlich kommt?« Nach einem kurzen Schweigen fuhr er fort: »Nein, so etwas! Daß es so gehen mußte! Und ich konnte mir wahrhaftig doch nicht vorstellen, daß es so entsetzlich kommt.« Und wieder schwieg er eine Weile und sagte dann: »So ist die Sache! Das kam wirklich so . . . gewissermaßen unerwartet . . . Das hätte ich doch nie . . . Ist das eine Geschichte!« Und während er das sprach, ging er, statt seinen Heimweg einzuschlagen, gerade nach der andern Seite, ohne daß er es bemerkte. Ein Schornsteinfeger rempelte ihn an und machte seine linke Schulter schwarz; von dem Gerüste eines Neubaus fiel ein halber Eimer Kalk auf ihn herab – er spürte nichts davon; erst als er gegen einen Polizisten rannte, der die Hellebarde an die Wand gelehnt hatte und sich aus seinem Tabakhörnchen eine Prise auf die schwielige Rechte klopfte, da erwachte er halbwegs, und auch nur, weil der Hüter des Gesetzes schrie: »Steig mir gleich in die Fresse! Ist dir das Truttoahr vielleicht nicht breit genug?« Auf das hin schaute er sich um und schlug den Weg nach Hause ein. In seinem Zimmer erst gelang es ihm, die rastlose Gedankenflucht zu zügeln. Nun sah er seine Lage in konkretem, klarem Licht Er sprach nicht mehr in abgerissenen halben Sätzen mit sich selber, nein, offen und vernünftig, wie einer einen Fall mit einem klugen Freund erwägt, dem er in der intimsten Herzensangelegenheit Vertrauen schenken darf. »Nein, nein«, entschied Akakij Akakijewitsch, »heute ist ja mit Petrowitsch nicht zu reden – er ist ein bißchen so . . . gewissermaßen . . . Die Frau hat ihn wahrscheinlich durchgeprügelt. Ich geh am besten Sonntag früh zu ihm, da liegt der Sonnabend davor, und er schielt sicher fürchterlich und hat den Katzenjammer, so daß er Lust verspürt, sich etwas zu entnüchtern. Und seine Frau gibt ihm bestimmt kein Geld. Drück ich ihm dann ganz einfach einen Zehner, nämlich in die Hand, dann zeigt er sich sofort umgänglicher und wird mir meinen Mantel so gewissermaßen . . .« Diese Erwägung gab Akakij Akakijewitsch wieder Mut Er wartete den nächsten Sonntag ab, und als er aus der Ferne die Schneiderfrau das Haus verlassen sah, ging er geradewegs zu ihrem Mann. Petrowitsch litt nun in der Tat am Nachgeschmack des Sonnabends, er schielte fast beängstigend, ließ seinen Kopf trübselig hangen und hatte einen ausgesprochnen Katzenjammer. Kaum aber ward ihm klar, was man von ihm begehrte, da bäumte er sich auf, als ritte ihn der Teufel selbst. »Nein, ausgeschlossen!« sagte er. »Belieben schon, sich einen neuen Mantel zu bestellen!« Akakij Akakijewitsch drückte ihm geschwind den Zehner in die Hand. »Gott lohn es Ihnen, Herr! Will mich dann gleich mal etwas stärken auf Ihr hochgeschätztes Wohl. Und wegen Ihrem Mantel regen Sie sich freundlichst gar nicht auf, er taugt zu gar nichts mehr. Ich mache Ihnen einen tadellosen neuen Mantel – dieses halten wir mal fest!« Akakij Akakijewitsch sagte noch etwas von Reparieren, Petrowitsch aber unterbrach ihn und fuhr fort: »Ist nicht daran zu tippen, daß ich Ihnen einen neuen mache. Ich will mir die größte Mühe geben, dürfen sich der Herr ganz fest darauf verlassen. Wir können ihn sogar so machen, wie es jetzt die große Mode ist: mit silbernen Agraffen, um die Pelerine zuzuhaken.«

Nun wurde es Akakij Akakijewitsch klar, daß er um einen neuen Mantel nicht herumkam. Das Herz fiel ihm vor Sorge in die Hosen. Du lieber Gott, wie sollte das denn möglich sein? Woher nahm er das Geld? Nun, einen Teil der Summe brächte ihm ja allerdings die Weihnachtsgratifikation, doch über diese Einnahme war längst im vorhinein verfügt. Er brauchte dringend ein Paar neue Hosen, er mußte seine Schuld beim Schuster zahlen, der ihm die alten Stiefel vorgeschuht und ausgebessert hatte, er mußte bei der Nähterin drei Taghemden bestellen und zwei von jenen Wäschestücken, die hier auf Druckpapier mit Namen zu bezeichnen der gute Ton mir leider nicht erlaubt. Kurz, über dieses ganze Geld war schon verfügt, und selbst wenn der Direktor unwahrscheinlich nobel wäre und seine Gratifikation von vierzig Rubel diesmal auf fünfundvierzig oder gar auf fünfzig zu erhöhen sich entschlösse, so bliebe doch nur eine Bagatelle übrig, geradezu ein Nichts, das sich zum Mantelkapital verhalten würde wie ein Tropfen Wasser zum gewaltigen Ozean. Akakij Akakijewitsch wußte freilich, daß Petrowitsch hier und da den Rappel hatte, plötzlich weiß der Teufel was für Preise zu verlangen, Preise, daß sogar sein eignes Eheweib sich nicht enthalten konnte auszurufen: »Du schnappst demnächst vollständig über, Ochse du! Sonst nimmt der Kerl die Arbeit einfach für umsonst an, aber heute fordert er auf einmal einen Preis, den keiner für ihn selber, wie er geht und steht, bezahlen möchte!« – Er war sich also freilich klar darüber, daß Petrowitsch ihm den Mantel auch für achtzig Rubel machen würde. Deswegen blieb es aber immer noch die Frage, woher er diese achtzig Rubel nehmen solle! Die Hälfte triebe er schon auf, die Hälfte ließe sich wohl finden, und vielleicht sogar noch etwas mehr. Wie trieb er bloß die andere Hälfte auf? – Jedoch vor allem muß der liebe Leser wissen, woher die erste Hälfte kommen sollte. Akakij Akakijewitsch war es gewohnt, ein Halbkopekenstück von jedem Rubel, den er wechselte, in eine kleine, gut verschlossene Sparbüchse zu werfen. Zweimal im Jahre zählte er die Kupferstücke nach und tauschte sie in Silberscheidemünze um. Das tat er seit geraumer Zeit, und auf die Weise hatten sich im Lauf der Jahre schon ein wenig mehr als vierzig Rubel angesammelt. So lag die Hälfte dessen, was er brauchte, greifbar da; doch woher nahm er jetzt die andre Hälfte? Woher nahm er nur die andern vierzig Rubel? Akakij Akakijewitsch dachte heftig nach und kam am Ende zu dem Schluß, er müsse sich jetzt wenigstens ein Jahr lang noch viel mehr versagen als gewöhnlich. Er wollte auf den Tee zum Abendbrot verzichten und abends auch kein Licht mehr brennen, sondern sich mit seiner Arbeit in die Stube seiner Wirtin setzen und beim Scheine ihres Talglichts schreiben. Und er wollte, wenn er in das Amt ging, sehr behutsam auf die Steine und die Fliesen treten, und nach Möglichkeit nur mit den Zehenspitzen, um die Sohlen nicht so häufig durchzulaufen, und er wollte seine Wäsche nur ganz selten waschen lassen und sie schonungshalber, wenn er heimkam, gleich vom Leibe ziehn und sich an dem Kattunschlafrock genügen lassen, der zwar hoch bei Jahren war, dem aber scheinbar selbst die Zeit mitleidig hatte Gnade angedeihen lassen. Die Wahrheit zu gestehen, fiel es unserm Helden anfangs ziemlich schwer, sich an die vielen Einschränkungen zu gewöhnen, allmählich aber kam er damit gut in Schwung, und es ging wie geschmiert – er lernte es sogar, am Abend vollständig zu hungern; er hielt sich zum Ersatz an geistige Nahrung, was besagen will: an die kaum je aus seinem Kopfe weichende Idee des künftigen Mantels. Sein ganzes Sein bekam dadurch etwas gewissermaßen Ausgefüllteres, als hätte er geheiratet, als sei er nicht mehr so allein, als stünde ihm ein andrer Mensch zur Seite, ein lieber Lebenskamerad, der seinen Weg mit ihm gemeinsam ginge – und dieser Kamerad war eben der erträumte Mantel, warm wattiert und mit solidem Stoff gefüttert. Er wurde lebhafter und selbst energischer, wie einer, der sein Ziel jetzt kennt und rüstig darauf zu marschiert. Aus seinen Mienen und aus seinen Gesten schwanden ganz von selbst der Zweifel und die Unentschlossenheit, kurz, alle schwankenden, verschwommenen Züge. Sein Auge wurde manchmal beinah feurig, tollkühne und verwegene Pläne wachten in ihm auf: er konnte schwanken, ob er nicht am Ende wirklich einen Marderkragen wählen solle. Das Nachdenken darüber hätte ihn beinah zerstreut gemacht. Ja, einmal wäre ihm ums Haar bei der Kopierarbeit ein Fehler unterlaufen. Da schrie er aber hörbar auf: »Ach lieber Gott!« und schlug mit großer Hast ein Kreuz. Wenigstens einmal monatlich besuchte er Petrowitsch zu einer längeren Beratung über seinen Mantel: wo man den Stoff am besten kaufe, welch eine Farbe zu empfehlen sei, und was er etwa kosten würde. Dann ging er stets ein wenig unruhig nach Hause, jedoch tief innerlich zufrieden im Gefühl, daß endlich einmal doch der Tag anbrechen müsse, da er den Stoff und alle Zutaten erstehen und da sein Mantel Wahrheit werden würde. Es ging damit sogar noch schneller, als er hatte hoffen können. Entgegen jeglicher Vorausberechnung gab der Direktor ihm als Weihnachtsgratifikation nicht vierzig oder fünfundvierzig, sondern volle sechzig Rubel. Gleichviel, ob er nun ahnte, daß der Titularrat einen Mantel brauchte oder ob es der reine Zufall war – Akakij Akakijewitsch hatte dadurch jedenfalls mit einem Schlage zwanzig Rubel mehr verfügbar. Und dieser Glücksfall gab der Sache einen rascheren Lauf. Er brauchte nur noch zwei, drei Monate ein bißchen Hunger auszustehn, dann hatte er wahrhaftig seine achtzig Rubel annähernd beisammen. Sein Puls, der sonst sehr ruhig ging, begann zu klopfen. Und am nächsten Tag schon zog er mit Petrowitsch in die Läden. Sie kauften einen wunderbaren Stoff, was sich leicht denken läßt, weil sie sich schon seit einem Jahr damit beschäftigt und monatlich einmal in den verschiedenen Läden nach den Preisen Nachfrage gehalten hatten. Nun, dafür mußte auch Petrowitsch selber sagen, daß ein soliderer Mantelstoff auf Erden nicht zu finden sei. Zum Futter kauften sie zwar Kaliko, der aber gleichfalls gut und fest und nach Petrowitschs Worten strapazierbarer als Seide war, ganz abgesehen davon, daß er »nach mehr aussah« und auch schöner glänzte. Von einem Marderkragen wurde abgesehn, da er tatsächlich zuviel kostete, doch kauften sie dafür ein Katzenfell, das Beste, das es bei dem Kürschner gab – man konnte es von weitem leicht für Marder halten. Petrowitsch hatte vierzehn Tage Arbeit mit dem Mantel, weil es soviel daran zu steppen gab, sonst hätte er ihn schneller liefern können. An Macherlohn verlangte er zwölf Rubel; billiger ließ es sich überhaupt nicht machen, war alles doch mit Seide fein gesteppt und jede Naht sorgfältig abgepreßt. Zu letzterem Zweck bediente sich Petrowitsch seiner eignen Zähne und prägte damit mannigfaltige Muster in den Stoff. Ich weiß den Tag nicht mehr, ich weiß nur, daß es wohl der feierlichste von den Lebenstagen unseres Helden war, als dann Petrowitsch ihm den Mantel endlich brachte. Er brachte ihn in aller Morgenfrühe, gerade um die Zeit, da sich Akakij Akakijewitsch in sein Amt begeben mußte. Der Mantel hätte überhaupt gar nicht gelegener kommen können. Es herrschte nämlich schon recht scharfer Frost, und es sah aus, als wolle es noch kälter werden. Petrowitsch trat mit seinem Mantel auf, wie sich's gehört für einen rechten Schneider. Sein Wesen zeigte eine ernste Würde, die unser Held noch nie an ihm gesehen hatte. Er war sich scheinbar klar bewußt, daß er da kein geringes Werk vollendet hatte und daß es sich geziemte, den weltweiten Abgrund zu betonen, der aufgetan ist zwischen einem Flickschneider und einem Mann, der funkelnagelneue Kleider machen darf. Er nahm den Mantel aus dem Tuch, in das er ihn gewickelt hatte – das Tuch war frisch gewaschen, und er legte es gleich wieder in die alten Falten und schob es ein zu künftigem Gebrauch –. Er musterte den Mantel voller Stolz und hängte ihn mit beiden Händen sehr gewandt auf unseres Helden Schultern, dann zupfte er ein bißchen dran herum, zog ihn im Rücken glatt, trat einen Schritt zurück und sah vergnügt, wie flott er sich so umgeworfen präsentierte. Akakij Akakijewitsch aber, als gesetzter, reifer Mann, erklärte, daß er auch noch in die Ärmel schlüpfen wolle. Petrowitsch half ihm also in die Ärmel, und siehe da, der Mantel paßte tadellos. Kurzum, er war schlechthin vollkommen. Petrowitsch unterdrückte die Bemerkung nicht, daß er ihn für den Preis nur liefern könne, weil er leider ohne Firmenschild in einer Seitengasse wohne und weil Akakij Akakijewitsch so ein alter Kunde von ihm sei. Der erste beste Schneider auf dem Newskij Prospekt verlange da allein schon fünfundsiebzig Rubel Macherlohn. Akakij Akakijewitsch lag an Diskussionen über dieses Thema äußerst wenig, ihn bedrückten die enormen Zahlen, die Petrowitsch hinwarf, um ihm etwas Nebel vorzumachen. Er bezahlte ihm die Rechnung, dankte ihm und ging sogleich in seinem neuen Mantel aus dem Haus. Petrowitsch folgte ihm, blieb auf der Straße stehen und sah seinem Mantel lange Zeit von weitem nach; darauf bog er eigens in ein Seitengäßchen ein und lief auf Umwegen voraus, um seinen Mantel auch noch einmal von der andern Seite zu besehn, nämlich von vorn. Inzwischen ging Akakij Akakijewitsch frohen Herzens weiter. Er fühlte es in jedem Bruchteil jedes Augenblicks, daß er den neuen Mantel auf den Schultern trug. Zuweilen mußte er vor Wonne einfach schmunzeln. Zwei große Vorzüge besaß der Mantel unbedingt: zum ersten hielt er warm, zum zweiten war er schön. Er achtete gar nicht auf seinen Weg und war erstaunt, sich plötzlich vor dem Amt zu finden. In der Garderobe zog er seinen Mantel aus, sah ihn von außen und von innen an und bat den Pförtner, ihn mit ganz besondrer Wachsamkeit zu hüten. Es ist mir nicht bekannt, auf welche Weise alle die Beamten es bereits im nächsten Augenblick erfuhren, daß Akakij Akakijewitsch einen neuen Mantel hatte und daß also die verschlissene Kapuze abgedankt war. Sie liefen alle in die Garderobe, um den Mantel zu bewundern. Und sie drückten ihm die Hand und wünschten ihm so herzlich Glück, daß er im Anfang vor Vergnügen lächeln mußte; aber mit der Zeit empfand er dieses Aufsehen beinahe peinlich. Und als die ganze Schar ihn dann umringte und erklärte, der Mantel müsse unbedingt »begossen« werden, es wäre einfach seine Pflicht, sie alle für den Abend einzuladen, fühlte sich Akakij Akakijewitsch ganz verwirrt, er wußte nicht, was er da tun und sagen solle, um sich loszumachen. Er brauchte einige Minuten, bis ihm etwas einfiel, und darauf beteuerte er recht naiv mit puterrotem Kopf, der Mantel sei ja überhaupt nicht neu, er sei, gewissermaßen nämlich, ein uralter Mantel. Und zum Schluß erbarmte sich ein anderer Beamter seiner Not, und dies war kein geringerer als der stellvertretende Kanzleivorstand, der höchstwahrscheinlich zeigen wollte, daß er keinen Hochmut kenne und auf gleichem Fuß mit seinen Untergebenen verkehre, und darum sagte er: »Wir machen's einfach so: ich lade Sie an seiner Stelle ein, zu einer Tasse Tee für heute abend – nämlich, ich hab zufällig gerade Namenstag.«

Nun, die Beamten gratulierten ihrem Vorgesetzten, wie es sich von selbst versteht, und nahmen seine Einladung mit Freuden an. Akakij Akakijewitsch war der einzige, der sie ablehnen wollte. Aber alle Welt bestürmte ihn und gab ihm zu bedenken, daß das durchaus nicht nett und eine wahre Schmach und Schande wäre. So sagte er wohl oder übel endlich zu. Und schon nach einer Weile freute er sich selbst darüber, weil ihm eingefallen war, daß er auf die Art den neuen Mantel auch einmal am Abend würde tragen können. Und diesen ganzen Tag empfand Akakij Akakijewitsch als den höchsten Festtag seines Lebens. Er kehrte in der besten Stimmung heim, zog seinen Mantel aus und hängte ihn behutsam auf, um sich noch einmal recht von Herzen an dem feinen Stoff und dem soliden Futter zu ergötzen. Er holte eigens zum Vergleich seine verflossene schäbige Kapuze aus dem Schrank und sah sie an und mußte selber lachen – so himmelweit war da der Unterschied! Auch späterhin beim Mittagessen überkam ihn ein geheimes Schmunzeln, wenn er an die unglaubliche Verfassung der Kapuze dachte. Er stand vergnügt vom Essen auf und schrieb an diesem Nachmittag nicht eine einzige Seite ab. Er streckte sich vielmehr als richtiger Sybarit aufs Bett und blieb dort liegen, bis es dunkel wurde. Dann machte er geschwind Toilette, schlüpfte in den Mantel und ging aus dem Haus. Wo eigentlich der Vorgesetzte wohnte, zu dem Akakij Akakijewitsch eingeladen war, vermag ich leider nicht zu sagen; denn mein Gedächtnis läßt mich neuerdings im Stich und bringt das ganze Petersburg mit seinen Straßen und Gebäuden so vollkommen durcheinander, daß ich einfach keine Ordnung schaffen kann. Nun, sei dem, wie ihm wolle, immerhin ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß der Vorgesetzte in dem feinsten Viertel wohnte und infolgedessen nicht gerade nah von unserem Helden. Akakij Akakijewitsch hatte anfangs ziemlich öde Gassen zu passieren, die auf das dürftigste beleuchtet waren, doch je näher er der Wohnung seines Vorgesetzten kam, desto bewegteres Leben herrschte auf den Straßen, und desto heller wurde die Beleuchtung; auch die Zahl der Menschen wuchs, schon kamen ihm schön geputzte Damen entgegen, und manche von den Herren hatten Biberkragen auf den Mänteln; selten tauchte hier noch einer von den ungestrichenen Schlitten auf, verziert mit Messingnägeln und durchbrochenem Gitter und gelenkt von einem derben Bauernkerl; hier thronten schneidige Fiaker auf den Böcken, die rote Samtmütze flott auf einem Ohr, und ihre Schlitten waren blank lackiert und hatten Bärendecken; und auch elegante Wagen sausten durchs Gewühl, daß der gefrorene Schnee vom Druck der Räder quietschte. Akakij Akakijewitsch sah das alles an, wie wenn er es noch nie gesehen hätte, war er doch schon seit manchem Jahr am Abend nicht mehr ausgegangen. Er machte neugierig vor dem erhellten Fenster eines Ladens halt und musterte ein Bild, auf dem eine verteufelt hübsche Dame dargestellt war, wie sie sich den Schuh auszog und dabei ganz von ungefähr ihr äußerst wohlgeformtes Bein enthüllte; und hinter ihr schaute zur Tür ein Kopf herein, der einem hübschen Mann mit Koteletten und einer höchst koketten Fliege unterm Munde angehörte. Akakij Akakijewitsch schüttelte sein Haupt und schmunzelte, dann ging er seines Weges weiter. Warum er wohl geschmunzelt haben mochte? Vielleicht, weil er da etwas sah, was ihm vollkommen unbekannt war und was doch in jedem Mann heimlich an etwas rührt . . . Vielleicht auch dachte er sich dabei nur, was Leute seines Schlages sich in solchen Fällen meistens denken: ›Verfluchte Kerle, die Franzosen! Soll man doch sagen, was man will! Wenn die mal, sozusagen nämlich . . ., dann packen sie's gleich richtig an!‹ – Mag aber sein, daß er nicht einmal das bei seinem Schmunzeln dachte – man kann ja keinem in die Seele kriechen, um zu sehen, was er denkt. Dann endlich kam Akakij Akakijewitsch an das Haus, in dem sein Vorgesetzter wohnte. Dieser Beamte lebte sichtbarlich auf großem Fuß – das Treppenhaus war strahlend hell, und seine Wohnung lag im zweiten Stock. Im Vorzimmer am Boden standen die Galoschen reihenweise. Und mitten zwischen ihnen glänzte blank die Teemaschine und stieß dicke Wolken aus. Rings an den Wänden hingen eine Menge Mäntel, zum Teil mit Biberkragen und mit Armelaufschlägen aus Seidensamt. Hinter der Wand erklangen fröhlich lärmend dumpfe Stimmen, die plötzlich klar und deutlich wurden, als die Tür sich öffnete und ein Bedienter eintrat, in den Händen ein Tablett mit leeren Gläsern, einem Sahnentopf und einem Korb voll Teegebäck. So waren die Kollegen offenbar schon länger da und hatten auch bereits das erste Gläschen Tee getrunken. Akakij Akakijewitsch hängte seinen Mantel eigenhändig an die Wand und trat in das Empfangszimmer. Er sah zuerst nichts als ein Durcheinander von Lichtern, Menschen, Pfeifen, Kartentischen; sein Ohr erschrak vor dem Getöse vieler munterer Stimmen, die alle gleichzeitig das Wort ergriffen, vor dem Getrappel einer großen Zahl von Füßen und dem lauten Stühlerücken. Er stand recht unbeholfen da und suchte mit dem Blick und überlegte, was er machen solle. Da hatte man ihn schon bemerkt, er wurde mit Geschrei begrüßt. Die ganze Schar lief ins Entree hinaus, um sich noch einmal an dem neuen Mantel zu ergötzen. Akakij Akakijewitsch war ja einesteils etwas verlegen, doch auf der andern Seite mußte sich sein harmloses Gemüt ja wohl geschmeichelt fühlen, weil man seinen Mantel so bewunderte. Natürlich ließen die Beamten bald von ihm und seinem Mantel ab und nahmen ihre Whistpartien wieder auf. Der Lärm, das lebhafte Gespräch, die vielen Leute – alles hatte für Akakij Akakijewitsch etwas Sinnverwirrendes. Er wußte gar nicht, wie er sich benehmen und wo er seine Hände, seine Füße und sich selbst im ganzen lassen solle. Endlich setzte er sich hinter einen von den Spielern, um zu kiebitzen, und sah auch einem und dem andern der Kollegen träumerisch in das Gesicht. Nach einer Weile fing er an zu gähnen und sich sehr zu langweilen, zumal die Stunde längst gekommen war, um die er sonst zu Bette ging. Er wollte sich empfehlen, doch der Wirt hielt ihn gewaltsam fest und sagte ihm, er müsse seinen neuen Mantel unbedingt mit einem Glas Champagner feiern. Knapp eine Stunde später wurde in der Tat das Abendessen aufgetragen. Da gab es italienischen Salat und kalten Braten, auch Pastete, Kuchen und Champagner. Unser wackerer Akakij Akakijewitsch mußte, ob er wollte oder nicht, zwei Gläser von dem Schaumwein trinken und fand dann plötzlich diesen Abend höchst vergnügt und nett. Trotzdem vergaß er nicht, daß es schon zwölf Uhr und die höchste Zeit war, aufzubrechen. Damit er nicht noch einmal festgehalten würde, schlich er leise, leise aus dem Zimmer ins Entree und suchte seinen Mantel. Zu seinem schmerzlichen Bedauern sah er ihn auf dem Boden liegen. Er klopfte ihn sorgfältig ab, entfernte jedes Federchen von ihm, warf ihn um seine Schultern und entfernte sich. Die Straßen waren immer noch durchaus nicht dunkel. So manche von den Krämereien, den beliebten Klublokalen des Gesindes und der kleinen Leute, waren noch geöffnet. Und bei anderen, die schon geschlossen hatten, schien durch einen Türspalt wenigstens ein Streifen Licht und zeigte an, daß dort noch Leben war und daß sich drinnen offenbar fidele Mägde und Bediente trefflich unterhielten und es getrost der Herrschaft überließen, darüber nachzudenken, wo sie in drei Teufels Namen wohl so lange stecken mochten. Akakij Akakijewitsch ging in höchst vergnügter Stimmung durch die Nacht. Er setzte sich sogar auf einmal weiß der liebe Gott warum, in leichten Trab und jagte einer Dame nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war und deren Körperteile sämtlich höchst verlockend wogten. Bald aber arretierte er sich wieder, er ging von neuem ehrsam Schritt vor Schritt und konnte selber nicht begreifen, warum er eigentlich auf einmal so gelaufen war. Nach einer Weile taten sich die endlos langen, öden Straßen vor ihm auf, die schon bei Tag nicht eben lustig anzusehen sind, geschweige denn bei Nacht. Sie waren düsterer und einsamer als je. Hier wurden die Laternen seltener – man sparte sichtlich mit dem Öl. Holzhäuser, Bretterzäune; nirgends eine Menschenseele . . . Der Schnee allein gab ungewisses Licht, und finster schliefen mit geschlossenen Laden zur Rechten und zur Linken niedrige Kaluppen. Akakij Akakijewitsch näherte sich einer Stelle, wo die Straße einen großen freien Platz durchquerte, der einer unheimlichen Wüste glich: die Häuser jenseits dieser weiten Fläche waren kaum zu unterscheiden.

Weiß Gott wo in der Ferne schimmerte ein Licht aus einer kleinen Bretterbude, die an der Grenze der bewohnten Welt zu liegen schien. Akakij Akakijewitschs gute Laune sank mit einem Ruck. Er trat nicht ohne ein gewisses dunkles Bangen auf den Platz hinaus, als schwane ihm etwas von bösen Dingen. Er schaute hinter sich, er spähte scheu nach beiden Seiten – rings lag es wie ein totes Meer. – ›Nein, lieber gar nicht hinsehen!‹ dachte er und ging mit zugedrückten Augen weiter. Als er die Lider aufschlug, um zu sehen, ob er denn den Platz nicht endlich überschritten hätte, sah er direkt vor seiner Nase ein paar bärtige Männer stehen. Was das für Leute waren, konnte er nicht unterscheiden. Ihm wurde dunkel vor den Augen, und sein Herz begann zu klopfen. »Kuckuck, das ist doch mein Mantel!« sagte eine Donnerstimme, und eine Hand griff rücksichtslos nach seinem Kragen. Akakij Akakijewitsch wollte grade »Hilfe!« schreien, doch da drückte schon der zweite von den Männern eine Faust, nicht kleiner als ein mittlerer Beamtenkopf, auf seinen Mund und knurrte: »Wenn du dich unterstehst und schreist . . .!« Akakij Akakijewitsch spürte, wie ihm einer seinen Mantel von den Schultern riß, er spürte, wie ihm einer mit dem Knie eins in das Hinterteil versetzte, dann stürzte er vornüber in den Schnee und spürte gar nichts mehr. Über ein kleines kam er wieder zu sich und stellte sich mühselig auf die Füße – kein Mensch mehr weit und breit zu sehen. Er bemerkte, wie die Kälte in ihn eindrang, weil der Mantel nicht mehr da war, und begann aus vollem Hals zu schreien; aber es schien weit daran zu fehlen, daß seine bescheidne Stimme auch nur halbwegs bis zum Rand des weiten Platzes drang. Laut schreiend rannte er wie ein Verzweifelter geradewegs auf jene kleine Bretterbude zu, vor der ein biederer Polizist stand, der sich ruhig auf die Hellebarde stützte und scheinbar mit Interesse Ausschau hielt, um zu ergründen, wer denn zum Kuckuck da so eilig angelaufen käme und so schrecklich brülle. Akakij Akakijewitsch stürzte auf ihn zu und hob, so atemlos er war, in heller Wut zu schelten an: was das denn heißen solle, daß er schliefe und sich überhaupt um gar nichts kümmere; wie er, ohne eine Hand zu rühren, zusehn könne, daß ihm Spitzbuben den Mantel raubten? Doch der Polizist erwiderte, er hätte überhaupt gar nichts gesehen; er hätte nur gesehen, wie Akakij Akakijewitsch mitten auf dem Platz zwei Leute in den Weg getreten wären; er hätte selbstverständlich glauben müssen, daß die Leute Freunde von ihm wären; er solle doch, statt hier um nichts und wieder nichts und ohne Zweck zu schimpfen, die Sache morgen früh gleich auf der Wache melden; denn dann würden schon die nötigen Recherchen angestellt, um die Banditen zu erwischen. Akakij Akakijewitsch rannte völlig aufgelöst nach Hause: was die Jahre ihm am Hinterkopf und über beiden Ohren noch an Haar gelassen hatten, starrte wild zu Berge; seine Ärmel und die Brust und namentlich die Hosen waren voller Schnee. Als seine alte Zimmerwirtin sein verzweifeltes Geklopf vernahm, fuhr sie aus ihrem Bett, zog in der Hast nur einen Hausschuh an und eilte an die Tür, um sie zu öffnen, wobei sie sich aus Keuschheitsgründen mit der linken Hand das Hemd auf ihrer Brust zusammenhielt. Doch wie sie dann Akakij Akakijewitsch in der kläglichen Verfassung sah, da prallte sie zurück. Und als er ihr erzählte, was geschehen war, schlug sie die Hände überm Kopf zusammen und sagte ihm, er müsse geradewegs zum Polizeiinspektor gehen, weil ihm der Revierleutnant nur Redensarten machen, ihm die schönsten Aussichten eröffnen und dann die Sache bloß verschleppen würde. Nein, er müsse sich direkt an den Inspektor wenden. Und sie kenne den Inspektor übrigens genau, weil ja die Anna, ihre frühere Küchenmagd aus Estland, jetzt bei der Frau Inspektor Amme sei, auch sehe sie ihn häufig in Person an ihrem Haus vorüberfahren, und sonntags sei er stets beim Gottesdienst und lächle alle Leute freundlich an. Es wäre also ohne weiteres klar, daß er ein Herz wie Gold besitzen müsse. Akakij Akakijewitsch schlich sich tiefbetrübt in seine Stube, und wie er dort die Nacht verbrachte, mag sich jeder selbst ausmalen, der ein bißchen das Talent besitzt, sich in die Lage eines andern zu versetzen. In aller Morgenfrühe schon begab er sich zum Polizeiinspektor. Es wurde ihm gesagt, der Herr Inspektor schlafe noch. Er kam um zehn Uhr wieder, und man gab ihm wieder den Bescheid: »Er schläft.« Er kam um elf, da wurde ihm gesagt: »Der Herr Inspektor ist schon fort.« Als er um Mittag vorsprach, wollten ihn die Schreiber in der Kanzlei durchaus nicht melden. Er sollte erst erzählen, was er wünsche, und in welcher Angelegenheit er käme, und was eigentlich geschehen sei. Doch da entschloß Akakij Akakijewitsch sich zum erstenmal in seinem Leben, ganz energisch aufzutreten, und sagte schroff, er müsse den Inspektor selber sprechen, sie sollten sich nicht unterstehen, ihn nicht vorzulassen, er stände hier in seiner Eigenschaft als Staatsbeamter, und wenn er sich über sie beschweren würde, könnten sie etwas erleben. Nun, dagegen wagten die Kanzlisten nichts zu sagen, und einer ging und holte den Inspektor. Dieser faßte den Bericht Akakij Akakijewitschs von dem Raubanfall in ziemlich sonderbarer Weise auf. Der Hauptpunkt der Geschichte interessierte ihn nicht sehr; statt dessen stellte er ein förmliches Verhör mit unserm Helden an und fragte ihn, warum er eigentlich so spät erst heimgegangen sei und ob er nicht am Ende gar in einem öffentlichen Haus gewesen wäre? Akakij Akakijewitsch wurde so verlegen, daß er sich alsbald verzog, bevor ihm noch recht klargeworden war, ob seiner Mantelangelegenheit nun ordnungsmäßig nachgegangen würde oder nicht. An diesem Tag erschien er überhaupt nicht auf dem Amt, was sonst noch nie in seinem Leben dagewesen war. Am nächsten Tage stellte er sich wieder ein, bleich wie der Tod und in der alten schäbigen Kapuze, die jetzt noch viel jammervoller aussah als vorher. Ein paar besonders witzige Kollegen konnten es nicht lassen, ihn bei diesem Anlaß wieder zu verspotten; doch den meisten tat Akakij Akakijewitsch leid. Und man beschloß, sogleich für ihn zu sammeln; doch kam dabei nur ein recht kläglicher Betrag heraus. Denn die Beamten waren schlecht bei Kasse – hatten sie doch kürzlich erst für ein Porträt des Herrn Direktors kollektieren und ferner auf ein Prachtwerk subskribieren müssen, dessen Herausgeber ein naher Freund des Vorstands war. Also, die Summe, die zusammenkam, war einfach lächerlich. Darum entschloß sich einer der Beamten aus lauter warmem Mitgefühl, Akakij Akakijewitsch wenigstens mit einem guten Rat zu helfen. Er riet ihm, keinesfalls zur Polizei zu gehen. Denn wenn der Revierleutnant, aus Streberei und um sich bei der Direktion lieb Kind zu machen, auch den Räuber wirklich eruierte, so würde ihm der Mantel doch nicht ausgefolgt, wenn er nicht die gesetzlichen Beweise liefern könne, daß er ihm auch in der Tat gehöre. Das klügste für ihn wäre, sich an eine ganz bestimmte bedeutende Persönlichkeit zu wenden. Dann würde die bedeutende Persönlichkeit am rechten Orte alle Schritte tun, damit die Sache glatter liefe. Da half denn nichts! Akakij Akakijewitsch faßte den Entschluß, zu der bedeutenden Persönlichkeit zu gehen. Was für ein Amt diese bedeutende Persönlichkeit bekleidete und wie ihre Befugnisse gestaltet waren, ist bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben. Denn man muß wissen, daß die fraglich bedeutende Persönlichkeit erst kürzlich zur bedeutenden Persönlichkeit geworden und daß sie vorher eine unbedeutende Persönlichkeit gewesen war. Auch hielten manche Leute ihren Einfluß immer noch durchaus nicht für bedeutend im Vergleich zum Einfluß anderer Herren, der viel bedeutender zu nennen war. Doch findet sich ja überall ein Kreis von Zeitgenossen, in deren Augen das bedeutend ist, was andere völlig unbedeutend finden. Der Mann, um den es sich hier handelt, gab sich freilich große Mühe, seine Bedeutung durch so manchen feinen Kunstgriff kräftig zu betonen; zum Beispiel mußten seine Untergebenen ihm bis in das Treppenhaus entgegenrennen, wenn er das Amtslokal betrat; auch durfte niemand aus dem Publikum es wagen, sich etwa ohne weiteres direkt an ihn zu wenden, o nein, der vorgeschriebene Instanzenweg war strengstens einzuhalten: erst hatte der Kollegienregistrator die Sache dem Regierungssekretär zu melden, der meldete sie dann dem Titularrat weiter oder dem andern höheren Beamten, den es anging, und auf diesem Wege kam die Sache endlich vor den hohen Vorgesetzten selbst. So ist es nun einmal im heiligen Rußland: einer macht's dem andern nach, und jeder sieht genau auf seinen Vorgesetzten, wie der sich räuspert, spuckt und wichtig tut. Es soll sogar einmal ein simpler Titularrat, den man zum Vorstand einer kleinen selbständigen Kanzlei ernannte, für sich mit Scherwänden ein eigenes Zimmer vom allgemeinen Dienstraum abgegrenzt und es als »Direktionsbüro« bezeichnet haben. Und an den Eingang stellte er zwei goldbetreßte Diener mit knallroten Kragen hin, nur zu dem Zweck, vor jedem, der da kam, die Türe aufzureißen, obgleich das sogenannte Direktionsbüro nur knapp genügend Raum für einen mittelgroßen Schreibtisch bot. Die hier in Frage stehende bedeutende Persönlichkeit sprach wenig, aber dieses wenige mit Nachdruck, und hatte eine hoheitsvolle Art. Das Fundament ihres Systems hieß: Strenge. »Strenge und noch einmal Strenge und zum dritten Male – Strenge«, pflegte dieser große Mann zu sagen; und bei dem letzten Wort sah er dem Untergebenen, mit dem er sprach, vernichtend ins Gesicht, obgleich dafür natürlich meist kein Grund vorhanden war. Denn die zehn, zwölf Beamten der Kanzlei, die er zu leiten hatte, lebten sowieso in Furcht und Schrecken. Wenn man ihn nur von weitem kommen sah, sprang alles von der Arbeit auf und stand respektvoll stramm, bis der Herr Vorstand wieder draußen war. Im Umgang mit den Untergebenen beschränkte er sich meist auf die drei knappen Sätze: »Was unterstehn Sie sich?« – »Ja, wissen Sie denn überhaupt, mit wem Sie sprechen?« – »Begreifen Sie nicht, wen Sie vor sich haben?« Im Grunde seiner Seele war er übrigens ein guter Kerl, ein ehrlicher, gefälliger Kollege, und bloß der Staatsratstitel hatte ihn verrückt gemacht. Der Staatsratstitel raubte ihm die Kontenance und warf ihn völlig aus dem Gleis – er wußte nicht mehr, wie er sich gehaben sollte. In der Gesellschaft Gleichgestellter war er immer noch ein ganz vernünftiger Mensch, durchaus normal und in so mancher Hinsicht gar nicht dumm. Verweilte er jedoch in einem Kreise, wo es Leute gab, die nur um eine Stufe niedriger im Range standen als er selbst, dann war er gleich wie ausgetauscht – er hüllte sich in eisige Schweigsamkeit und konnte einen wirklich jammern, zumal er selber ganz genau empfand, um wieviel angenehmer er die Zeit verbringen könnte. In seinen Augen leuchtete so manches Mal der Wunsch, an irgendeiner interessanten Unterhaltung teilzunehmen, sich ein paar munteren Leuten anzuschließen, doch immer hemmte ihn der ängstliche Gedanke: ›Laß ich mich auch nicht zu weit herab? War das nicht gar zu leutselig? Vergeb ich mir damit nicht was?‹ – Die Folge solcher Überlegung war, daß er sich ewig in sein kaltes Schweigen hüllte und höchstens hier und da ein ziemlich rätselhaftes kurzes Wort verlauten ließ. Auf die Weise kam er in den Ruf, ein äußerst lederner Gesell zu sein. Von dieser Art war die bedeutende Persönlichkeit, zu der Akakij Akakijewitsch seine Zuflucht nahm, und zwar in einem äußerst ungelegenen Moment, das heißt für ihn, denn der bedeutenden Persönlichkeit kam er gerade wie gerufen. Der große Mann befand sich nämlich in seinem Kabinett und unterhielt sich schon seit einer Weile sehr vergnügt mit einem in die Hauptstadt zugereisten alten Jugendfreund, den er seit Jahren nicht gesehen hatte. Da wurde ihm gemeldet, draußen sei ein Herr Baschmatschkin, der ihn sprechen wolle. Er fragte kurz und schroff: »Was ist der Mensch?« – »Beamter«, war die Antwort. »So? Soll warten! Hab jetzt keine Zeit.« Es ist hier zu bemerken, daß dies eine glatte Lüge von dem großen Manne war, er hatte Zeit. Es war im Grunde zwischen ihm und seinem Freunde alles längst besprochen, es hatten sich in ihr Gespräch schon mehrmals ausgedehnte Pausen eingeschlichen, in denen sie sich nur von Zeit zu Zeit freundschaftlich auf die Schultern klopften und verlorene Sätze dazu murmelten, wie: »Ja, so ist's, Iwan Abramowitsch!« – »Tjaja, Stepan Warlamowitsch!« Half aber alles nichts – der angemeldete Beamte mußte warten. Der große Mann gedachte seinem Freunde, der seit Jahren außer Dienst und draußen auf dem Land »verbauert« war, einmal zu zeigen, daß er Beamte rücksichtslos antichambrieren lassen durfte. Er lehnte sich behaglich in den weichen Stuhl zurück; und erst als er die angefangene Zigarre ausgeraucht und sich daneben satt geschwätzt und, mehr noch, sattgeschwiegen hatte, schien ihm die Sache plötzlich wieder einzufallen. Er richtete den Blick auf seinen Sekretär, der eingetreten war, um ihm ein Aktenstück zu präsentieren, und sagte nachlässig: »Ach, draußen wartet, wenn mir recht ist, wohl noch ein Beamter; er kann kommen!« Als er dann sah, wie demütig Akakij Akakijewitsch auftrat und wie alt sein Uniformfrack war, warf er sich in die Brust und fragte: »Nun, Sie wünschen?« Er hatte sich den barschen und kurzangebundenen Ton, mit dem er dieses sprach, einst in der Stille seines Zimmers, wo ihm niemand zusah, vor dem Toilettenspiegel eingeübt, und zwar schon eine Woche, ehe er zum Amtsdirektor mit dem Range eines Staatsrats aufgestiegen war. Akakij Akakijewitsch, der schon ohnehin die größte Angst verspürte, wurde durch den strengen Ton völlig verwirrt. Er legte schlecht und recht, so gut er seine Zunge in die Gewalt bekam, die Sache dar, wobei er noch viel häufiger als sonst Flickwörter einschob, als da sind »gewissermaßen«, »nämlich«, »sozusagen«. Sein Mantel, nämlich, wäre nagelneu gewesen, man hätte ihn aufs grausamste beraubt, er sei so frei und wende sich an Seine Exzellenz, weil Exzellenz durch hohe Fürsprache beim Oberpolizeimeister, beziehungsweise sonst am richtigen Ort, ihm wohl am schnellsten wieder zu dem Mantel, sozusagen, hm, verhelfen könne. Dem Staatsrat schien aus unbekannten Gründen seine Bitte »plump vertraulich«.

»Werter Herr«, erwiderte er schroff, »ist Ihnen denn die vorgeschriebene Ordnung nicht bekannt? Wie kommen Sie zu mir? Ja, wissen Sie den Dienstweg nicht? Das erste wäre eine Eingabe an die Kanzlei gewesen; und die wäre dann an den Kanzleivorstand gegangen, von ihm an den Abteilungsvorstand, und der hätte sie dem Sekretär gegeben, der mir die Sachen vorzulegen hat . . .«

»Ja aber, Eure Exzellenz«, erwiderte Akakij; er raffte jedes Quentchen Geistesgegenwart, das er besaß, zusammen und spürte dabei doch, wie ihm der Schweiß vor Angst aus allen Poren brach, »wenn ich es mir herausnahm, Eure Exzellenz persönlich zu bemühen, geschah es nur, weil auf die Sekretäre doch gewissermaßen . . . kein Verlaß ist . . .«

»Was, was, was, was?« empörte sich der große Mann. »Da hör ich aber schöne Dinge! Was sind das denn für Ansichten! Wie kommen Sie dazu? Nein, dieser Geist des Aufruhrs gegen die Obrigkeit und ihre Vorgesetzten bei den jungen Leuten heutzutage!«

Der große Mann schien ganz zu übersehen, daß Akakij Akakijewitsch gut und gerne fünfzig Jahre zählte und mithin als junger Mensch wohl bestenfalls im Gegensatz zu einem hohen Siebziger bezeichnet werden konnte.

»Ja, wissen Sie denn überhaupt, mit wem Sie sprechen? Und begreifen Sie, wer hier vor Ihnen steht? Begreifen Sie das, Herr? Begreifen Sie das, frag ich Sie!«

Er stampfte mit dem Fuße auf und brüllte so, daß ein Beherzterer als Akakij Akakijewitsch Angst bekommen hätte. Akakij Akakijewitsch aber wurde förmlich schwach vor Schrecken, er taumelte, er zitterte am ganzen Leib und konnte kaum noch auf den Füßen stehen; und wären ihm die Amtsdiener nicht beigesprungen, so hätte es ihn einfach umgeworfen; halbtot ward er hinausgezerrt. Der große Mann hingegen fühlte sich tief befriedigt von dem Effekt, den er gemacht und der selbst seine eigene Erwartung weitaus übertroffen hatte. Ein Wort von ihm beraubte einen Menschen des Bewußtseins! Er war berauscht von seiner Macht und schielte heimlich nach dem alten Freund hinüber, um zu sehen, was denn der für einen Eindruck von der Sache hätte. Ja, er durfte wohl zufrieden sein: der Freund schien überhaupt nicht recht zu wissen, was er denken solle, und kriegte es wohl selber mit der Angst.

Auf welche Art Akakij Akakijewitsch in das Erdgeschoß und auf die Straße kam, das blieb ihm selber unbewußt. Er spürte weder seine Arme noch auch seine Beine, niemals in seinem Leben hatte ihn ein Staatsrat so gerüffelt, noch dazu ein fremder. Ein Schneegestöber sauste durch die Straßen; er ging mit offnem Munde vor sich hin und taumelte des öfteren vom Bürgersteig hinunter. Der Wind kam, wie er das in Petersburg so in der Übung hat, zu gleicher Zeit aus allen Himmelsrichtungen, um jede Ecke blies er wie verrückt. Er hatte unserm Freund Akakij eins, zwei, drei die schönste Bräune an den Hals geweht. Als er nach Hause kam, vermochte er kein Wort herauszubringen; die Mandeln waren ihm dick angeschwollen, er mußte ohne Aufenthalt ins Bett. So prompt kann unter Umständen der Rüffel eines Staatsrats wirken! Am nächsten Tage hatte er sehr hohes Fieber. Und dank der gütigen Unterstützung durch das Petersburger Klima nahm seine Krankheit einen schnelleren Verlauf, als angenommen werden konnte. Der Doktor kam, befühlte ihm den Puls und merkte bald, daß sich hier weiter gar nichts machen ließ; also verschrieb er einen warmen Wickel, damit der Patient die segensreiche Assistenz der Wissenschaft zum wenigsten nicht ganz entbehre. Im übrigen erklärte er es für gewiß, daß unser Held in höchstens sechsunddreißig Stunden um die Ecke gehen würde. Dann drehte er sich nach der Wirtin um und sagte: »Gute Frau, damit nicht unnütz Zeit verloren wird, wär es das beste, wenn Sie heute noch den Sarg für ihn bestellten – Fichtenholz: ein eichener ist für den Mann ja doch zu teuer.« Ob Akakij Akakijewitsch dieses kalten Blutes ausgesprochene Todesurteil überhaupt vernahm, und wenn er es vernahm, ob es ihn irgendwie erschütterte, ob er sich schwer von seinem kümmerlichen Leben trennte – darüber ist nichts festzustellen, weil er all die Zeit in schweren Fieberphantasien lag. Die seltsamsten Gesichte zogen ohne Unterlaß an ihm vorüber. Bald stand Petrowitsch da, und er bestellte bei ihm einen Mantel mit allerhand geheimen Fallen für die Diebe, er spürte Diebe scharenweise unter seinem Bett, er schrie in einem fort nach seiner Wirtin und flehte sie inständig an, sie solle doch den Dieb verhaften, der schon zu ihm ins Bett gekrochen wäre; bald fragte er, warum denn da die alte, schäbige Kapuze hinge, er hätte doch den schönen neuen Mantel; bald glaubte er, er stünde vor dem Staatsrat, der ihn fürchterlich herunterputzte, und dann flehte er: »Ich bitte untertänigst um Verzeihung, Exzellenz!«; bald führte er sogar höchst lästerliche Reden und brauchte so gemeine Worte, daß sich die alte Wirtin schreckensbleich bekreuzigte, weil sie von ihm nie etwas Ähnliches vernommen hatte, zumal er diese rohen Worte mit dem Titel »Exzellenz« in höchst respektlose Verbindung brachte. Nach einer Weile wurde, was er sprach, vollkommen sinnlos, so daß man überhaupt nichts mehr davon verstand; nur eines ließ sich nicht verkennen: all diese lästerlichen Worte und Gedanken drehten sich um den verlorenen Mantel. – Und dann gab der bedauernswürdige Akakij Akakijewitsch endlich seinen Geist auf. Sein Zimmer und sein Nachlaß wurden nicht versiegelt. Denn erstens waren keine Erben da, und zweitens hinterließ er äußerst wenig: nichts als ein Bündel Gänsefedern, ein frisches Buch Kanzleipapier, zwei, drei Paar Socken und drei abgerissene Hosenknöpfe, dazu die dem geneigten Leser schon bekannte schäbige Kapuze. Wem diese Erbschaft zufiel, weiß der liebe Gott – selbst den Erzähler dieser einfachen Geschichte hat das nicht weiter interessiert. Akakij Akakijewitsch wurde aus dem Haus getragen und begraben. Und Petersburg befand sich ohne unsern Helden, als hätte es ihn nie in dieser Stadt gegeben. Verschwunden von der Erde war ein Wesen, dessen sich niemals im Leben jemand angenommen, das keines Menschen Neigung oder Neugier wachgerufen, das nicht einmal das Auge des Naturforschers auf sich gezogen hatte, der doch gemeine Stubenfliegen sorglich auf die Nadel spießt und sie durchs Mikroskop betrachtet. Verschwunden war das Wesen, das den Spott der Amtskollegen sanft erduldet und dann ohne irgendeine außerordentliche Tat den Weg ins kühle Grab genommen hatte. Und dennoch war auch ihm, wenngleich erst kurz vor seinem Tod, der lichte Bote einer besseren Welt erschienen, in Gestalt des Mantels, und hatte ihm für eines Augenblickes Dauer das arme Leben reich gemacht. Dann aber stürzte sich das Unheil auf ihn nieder, genau so hart und so vernichtend, wie es die Großen dieser Erde überfällt . . . Drei Tage nach seinem Tode erschien ein Amtsdiener in seiner Wohnung mit der Order, er solle ungesäumt in der Kanzlei erscheinen – strenger Befehl vom Herrn Direktor. Jedoch der Diener hatte den Weg umsonst gemacht; so ging er wieder auf das Amt zurück und meldete, Akakij Akakijewitsch könne nicht mehr kommen. Man fragte ihn: »Wieso?« und er erwiderte: »Ja, nämlich, weil er tot ist und sie ihn vorgestern schon begraben haben.« So wurden die Kollegen von dem Umstand unterrichtet, daß er tot war. Am nächsten Tag saß auf dem Platz, wo er gesessen hatte, schon ein neuer Mann. Der war von Wuchs ein wenig größer als Akakij Akakijewitsch, auch schrieb er nicht so steil wie er, sondern bedeutend flüchtiger und schräger.

Wer hätte sich gedacht, daß hiermit noch nicht alles ausgesprochen ist, was von Akakij Akakijewitsch zu berichten war, und daß das Schicksal es ihm vorbehalten hatte, nach seinem Tode ein paar Tage lang noch sehr geräuschvoll fortzuleben, als solle er dadurch für sein so unbemerkt verlaufnes Erdenwallen nachträglich entschädigt werden? Das Unwahrscheinliche geschah, und so nimmt unsre einfache und prosaische Geschichte zu guter Letzt noch eine Wendung ins Phantastische. In Petersburg verbreitete sich plötzlich das Gerücht, es ginge in der Gegend der Kalinkinbrücke und an andern Orten der Geist eines Beamten um. Dieses Gespenst sei auf der Jagd nach seinem Mantel, den ihm bei Lebzeiten angeblich Räuber weggenommen hätten, und zöge darum allen Leuten, die ihm in die Quere kämen, ohne Respekt vor Rang und Stand und ohne Wahl und Unterschied die Mäntel aus: einfach wattierte Mäntel, Katzen-, Biber-, Schuppen-, Fuchs- und Bärenpelze – kurz, es verschmähe keines von den Fellen, die praktische Leute zur Bedeckung ihres eigenen Fells verwenden. Einer von den Beamten der Kanzlei sah das Gespenst mit eigenen Augen und erkannte Akakij Akakijewitsch ohne weiteres darin; doch flößte ihm die Sache solchen Schrecken ein, daß er Hals über Kopf die Flucht ergriff und ihn sich nicht genau betrachten konnte, er sah nur, wie er ihm von weitem mit dem Finger drohte. Von allen Seiten liefen heftige Beschwerden ein, weil nicht etwa bloß Titularräte, nein, Hofräte und selbst Geheime Räte sich ihre Schultern und ihr Kreuz infolge solcher Rücksichtslosigkeiten schwer erkältet hätten. Das Polizeipräsidium wies seine Beamten an, dieses Gespenst um jeden Preis tot oder lebend zu ergreifen und es, zum abschreckenden Beispiel für die andern, exemplarisch zu bestrafen. Und dieses wäre auch beinah geglückt. In der Kirjuschkingasse nämlich wurde das Gespenst auf frischer Tat ertappt, wie es gerade einem Musikanten außer Diensten, dem ehemaligen Flötisten einer Regimentskapelle, den Friesmantel entreißen wollte. Der Polizist, der es dabei erwischte, packte es gleich fest am Kragen. Und als das geschehen war, erhob er ein gewaltiges Geschrei, worauf alsbald zwei seiner Kameraden angelaufen kamen. Den beiden gab er das Gespenst zu halten, während er selber nur für einen Augenblick in seine hohen Stiefel griff, um seine Tabakdose, die dort stak, hervorzuholen. Er wollte seiner Nase was zugute tun, die er sich während seiner Dienstzeit schon zum sechstenmal erfroren hatte. Sein Schnupftabak jedoch war wohl sogar für ein Gespenst zu stark. Kaum hatte unser Polizist, der sich das rechte Nasenloch mit einem Finger zuhielt, in das linke eine halbe Handvoll von dem braunen Staub gesogen, da nieste das Gespenst so fürchterlich, daß die drei Wächter durch den Sprühregen aus seiner Nase ganz geblendet wurden. Bis sie sich dann die Augen mit den Fäusten klargerieben hatten, war das Gespenst spurlos verschwunden. Es wandelte sie fast ein Zweifel an, ob nicht das Ganze bloß ein Traum gewesen sei. Von da an faßte alle Polizisten ein so heiliger Respekt vor Geistern, daß sie sogar ein Haar darin fanden, lebende Halunken einzufangen, und ihnen schon von weitem schreckensbleich entgegenschrien: »He, du da, geh schon lieber deines Wegs!« Der Geist des Titularrats aber spukte künftighin auch jenseits der Kalinkinbrücke und jagte ängstlichen Gemütern den allergrößten Schrecken ein. Wir haben aber unterdes mit keinem einzigen Gedanken mehr an die bedeutende Persönlichkeit gedacht, die sozusagen doch den Anstoß dazu gab, daß unsere im übrigen vollkommen wahre und gewöhnliche Geschichte zum Schluß die Wendung ins Phantastische bekam. Vor allem wäre es vollkommen ungerecht von uns, wenn wir verschweigen wollten, daß jene bedeutende Persönlichkeit bald nach dem Abgang des von ihr so hart gerüffelten unseligen Beamten so etwas wie ein ehrliches Bedauern fühlte. Denn das Mitleid war dem großen Mann durchaus nicht fremd; sein Herz war guten Regungen auch keineswegs verschlossen, obgleich sein hoher Rang sie meist nicht recht zur Wirkung kommen ließ. Nachher, als ihn sein alter Jugendfreund verlassen hatte, verfiel er ernstlich in Gedanken über den bedauernswürdigen Akakij Akakijewitsch. Fast jeden Tag erschien fortan vor seinem innern Auge dieser blasse arme Kerl, den seine Strenge so zerschmettert hatte. Und die Erinnerung an ihn bedrängte ihn so sehr, daß er nach einer Woche einen seiner Untergebenen zu ihm schickte, der alle nähern Umstände erkunden und sich darüber orientieren sollte, ob ihm nicht doch vielleicht auf irgendeine Art geholfen werden könnte. Als ihm gemeldet wurde, daß Akakij Akakijewitsch gleich nach dem Besuche schwer erkrankt und schon vor einiger Zeit gestorben sei, erschrak er sehr, verspürte ernstliche Gewissensbisse und blieb den ganzen Tag in sehr bedrückter Stimmung. In dem Wunsch, sich etwas zu zerstreuen und den unwillkommenen Eindruck zu vergessen, besuchte er am Abend einen seiner Freunde. Bei diesem fand er einen Kreis von netten Leuten vor und, was ihm ganz besonders lieb war, lauter ihm im Range ziemlich Gleichgestellte, so daß er sich gar keinen Zwang auflegen mußte. Das wirkte wahrhaft wunderbar auf seine Laune. Er wurde umgänglich und zeigte sich gescheit und liebenswürdig im Gespräch – kurzum, es wurde ein so angenehmer Abend, wie er sich ihn nur irgend wünschen konnte. Beim Essen trank er ein paar Glas Champagner, was ja, wie bekannt, ein gutes Mittel ist, die Fröhlichkeit noch zu erhöhen. Aus dem Champagner wuchs ihm dann die Lust zu allerhand Extravaganzen, und er beschloß, zunächst nicht hinzufahren, sondern vorher eine ihm bekannte Dame zu besuchen, eine gewisse Karoline Iwanowna, die, wie sich aus dem Namen schließen läßt, wahrscheinlich deutscher Abkunft war. Die Freundschaft zwischen ihm und ihr verdiente die Bezeichnung ›sehr intim‹. Es ist hier zu bemerken, daß der große Mann durchaus nicht mehr besonders jung an Jahren und daß er ein sehr guter Ehemann und würdiger Familienvater war. Zwei Söhne, deren einer schon im Staatsdienst stand, und eine nette sechzehnjährige Tochter mit leicht aufgestülpter, aber trotzdem wunderhübscher Nase, begrüßten ihn an jedem Morgen mit respektvoll warmem Handkuß und sehr herzlichem: »Bon jour, Papa!« Und seine Gattin, eine glänzend konservierte und zudem recht hübsche Frau, hielt ihm zuerst die Hand zum Kusse hin und drehte sie dann um und küßte ihm die Hand. So hätte denn der große Mann sich's an der Liebe, die man ihm im Kreis der Seinen zollte, eigentlich genügen lassen dürfen; dennoch hielt er es für angemessen, außerdem in einem andern Stadtteil eine ›Freundin‹ zu besitzen. Fragliche Freundin war nicht im geringsten hübscher oder jünger als sein eheliches Weib . . . Aber so rätselhafte Dinge kommen öfter vor im Menschenleben, und unsres Amtes ist's hier nicht, zu richten. Kurzum, der große Mann verließ das Haus seines Kollegen, er setzte sich in seinen Schlitten und gab dem Kutscher den Befehl: »Zu Karoline Iwanowna!« Er selber hüllte sich so recht behaglich in den warmen Mantel und versank in jenen dämmerigen Zustand, der für den echten Russen wohl das höchste der Gefühle ist: du denkst an nichts, nein, die Gedanken gleiten ganz von selbst durch deinen Kopf, der eine immer angenehmer als der andere, und du hast nicht einmal die Mühe, sie zu suchen und zu halten. Gut aufgelegt, ließ er in der Erinnerung die heiteren Momente dieses Abends wiederkehren, alle die witzigen Worte, die den kleinen Kreis so recht von Herzen hatten lachen machen. So manches dieser Worte sprach er sogar mit halber Stimme nach und fand es immer noch so komisch wie vorhin – er hatte sich, wie er hieraus entnahm, durch die Teilnahme am Gelächter der Gesellschaft also nichts vergeben. Was ihn zuweilen störte, war der böige Wind, der sich auf einmal, weiß der liebe Gott woher, erhoben hatte. Er blies ihm schneidend ins Gesicht, trieb ihm den Schnee gleich klumpenweise in die Augen, blähte die Mantelpelerine wie ein Segel auf und schlug sie dann mit so unnatürlicher Gewalt um seine Ohren, daß er sich nur zu plagen hatte, um den Kopf nach langem Mühen wieder daraus zu befreien. Und plötzlich spürte unser großer Mann, daß jemand ihn mit ungeheurer Energie am Kragen packte. Er fuhr herum – es war ein kleiner Mann in schäbigem Beamtenfrack, und er erkannte voll Entsetzen den verstorbenen Akakij Akakijewitsch. Schneeweiß war sein Gesicht, er glich in allen Stücken einem Geist. Doch über jede Grenze schwoll die Angst des großen Mannes, als das Gespenst den Mund unheimlich schief zog, eine Wolke von faulem Grabgeruch ausatmete und die Worte sprach: »Da bist du endlich! Endlich hab ich dich am Kragen! Ha, ich brauche deinen Mantel, Kerl! Du hast dich nicht um meinen kümmern wollen und hast mich noch dazu grob angeschnauzt – dafür gibst du jetzt deinen her!« Der arme große Mann starb fast vor Schrecken. Er hatte freilich sehr viel Mut in seinem Amtsbezirk und ganz besonders gegen seine Untergebenen, und jeder, der sein kühnes Wesen und die mannhafte Erscheinung sah, rief unwillkürlich aus: »Oh, welch ein eiserner Charakter!« Hier aber ging es ihm wie ziemlich häufig Leuten, die ein reckenhaftes Äußere besitzen: er kriegte eine Angst, daß er schon einen Schlaganfall befürchtete. Mit eigenen Händen riß er sich in größter Hast den Mantel von den Schultern und schrie dem Kutscher mit ganz fremder Stimme zu: »Nach Hause, was die Pferde laufen können!« Der Kutscher hörte diesen Ton, der nur in schicksalsschwangeren Augenblicken an sein Ohr zu schlagen pflegte und für gewöhnlich noch viel schlagendere Argumente nach sich zog – darum duckte er den Kopf vorsorglich zwischen seine Schultern und schwang die Peitsche, daß der Schlitten hinflog wie ein Pfeil. Es dauerte kaum mehr als sechs Minuten, da hielt der große Mann bereits vor seinem Haus. Bleich, schlotternd vor Entsetzen, ohne Mantel, kam er statt bei der Freundin Karoline Iwanowna bei sich zu Hause an. Er schleppte sich, so gut er konnte, in sein Schlafgemach und hatte eine äußerst aufgeregte Nacht, so daß sich seine Tochter anderntags beim Morgentee der Frage nicht entschlagen konnte: »Sag, Papa, was hast du denn? Du bist so blaß?« Der Vater aber hüllte sich in Schweigen und sagte keinem nur ein Wort davon, wo er gewesen und was ihm geschehen war; er ließ auch nichts davon verlauten, wohin er außerdem noch hatte fahren wollen. Sein nächtiges Erlebnis übte einen ungeheuern Einfluß auf ihn aus. Er sagte künftighin nicht mehr gar so oft zu seinen Untergebenen: »Was unterstehn Sie sich? Begreifen Sie nicht, wen Sie vor sich haben?« Und wenn er's einmal tat, so immer erst, nachdem er sich genau erkundigt hatte, ob sein Zorn begründet war. Bemerkenswerter aber noch will mir erscheinen, daß sich von Stund an das Gespenst des Titularrats niemals wieder zeigte – der Mantel des Herrn Staatsrats saß ihm augenscheinlich wie für ihn gemacht. Wenigstens hörte man nichts mehr davon, daß irgend jemand noch der Mantel ausgezogen worden wäre. Nun gab es allerdings auch hier und da geschäftige und ängstliche Naturen, die sich um keinen Preis beruhigen wollten und behaupteten, jener gespenstische Beamte ginge immer weiter in den äußern Stadtbezirken um. Und wirklich sah einmal ein Polizist irgendwo draußen in Kolomna das Gespenst mit eigenen Augen um die Ecke einer Seitengasse biegen. Nun ist die Sache die, daß dieser Polizist kein Mann von großen Körperkräften war. So hatte ihn zum Beispiel einmal schon ein wildgewordenes Ferkel umgerannt, zur mächtigen Erheiterung der Droschkenkutscher, die den Fall aus nächster Nähe miterleben durften. Damals unterließ er es zwar nicht, jedem von den unverschämten Kutschern einen Groschen Strafgeld für das dumme Lachen abzufordern und dies Geld in Tabak anzulegen. Hier aber stand die Sache doch bedeutend anders, und weil er, wie schon gesagt, kein Mann von großen Körperkräften war, wagte er nicht, den Geist dingfest zu machen, sondern schlich ihm nur lautlos im Dunkeln nach, bis das Gespenst sich plötzlich umsah, seine Schritte hemmte und ihn fragte: »Willst du vielleicht etwas von mir?« Und dabei hob es eine Faust, wie sie noch niemals ein Lebendiger besessen hat. »Nein, nichts«, erwiderte der Polizist und machte schleunigst kehrt. Im übrigen war das Gespenst bedeutend größer als Akakij Akakijewitsch und hatte einen ungeheuern Schnurrbart. Es schlug, soviel man sah, den Weg nach der Obuchowbrücke ein und wurde von der Dunkelheit der Nacht verschluckt . . .

 


 

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