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Peter Lebrecht

Ludwig Tieck: Peter Lebrecht - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titlePeter Lebrecht
pages73-189
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Achtes Kapitel

Andre Erklärungen – Ich bin eifersüchtig

Ich fing nun halb mit Vorbedacht an, meine Liebe für Louisen öffentlicher zu zeigen, denn nach diesem Vorfall sah ich mich schon als ihren Mann an, als ihren Beschützer gegen jede Verführung. Ich kam mir um ein großes wichtiger vor, denn ich fühlte in mir schon den künftigen Ehegatten und Hausvater: seit der empfindsamen Szene mit meiner Geliebten war ich zu einem Helden herangewachsen, der dreister und mit festerm Selbstvertrauen in die Welt hineinschritt; sehr lebhaft fiel mir wieder ein, daß ich sonst auf der Universität Verse gemacht und bei allen feierlichen Gelegenheiten mich stets in poetischen Empfindungen im Namen der ganzen Stadt ergossen hatte; in jeder Stunde, die mir nun übrigblieb, machte ich Verse, in denen meine Geliebte bald mit der Venus, bald mit den Grazien verglichen ward, oder ich ließ sie auch allein ohne alle Vergleichung einhertreten, und alle möglichen menschlichen Tugenden trugen ihr die Schleppe ihres Kleides nach. Wer verliebt ist, liegt freilich nur in einem tiefen Traume, was er sieht und was ihn entzückt, sind nur seine eigene Phantasieen: aber wie oft wünscht man nicht beim Erwachen in einen schönen Traum zurückzusinken?

Auf eine kurze Zeit ward ich auf eine sehr unangenehme Art geweckt. Die Frau Präsidentin ließ mich nämlich eines Morgens zu sich rufen, und hielt mir, nach den vorläufigen Wetter- und Neuigkeitsgesprächen, ungefähr folgende Rede:

Meine Wenigkeit habe, seit meinem ersten Eintritt in ihr Haus, sogleich ihren ganzen Beifall erhalten; ich sei nicht einer von jenen modischen Hofmeistern, die sich die Zeit nur auf den öffentlichen Promenaden zu vertreiben suchen und ihr Amt als ein Joch ansehen, an welchem sie nur von der höchsten Not gezwungen ziehen: sondern ich habe mein Geschäft stets mit Eifer und großer Liebe zur Sache getrieben, und sie erkenne mit Dankbarkeit die Fortschritte, die ihre Söhne seitdem in den Wissenschaften getan hätten, so daß man schon darauf gedacht habe, in zwei Jahren den Ältesten auf die Universität zu schicken, den Jüngern aber ungefähr um dieselbe Zeit beim Regimente anzustellen. Nur habe man seit mehrerer Zeit eine Schwachheit an mir entdeckt, und dies sei meine entschiedene Neigung für Louisen, die an sich selbst gar nicht zu tadeln wäre, als nur insoferne, daß ich seit der Zeit meine Pflicht etwas nachlässiger getan hätte und überhaupt in allen meinen Geschäften saumseliger geworden wäre. Dies sei aber nicht der einzige und größte Schaden, sondern ich zerstöre dadurch vielleicht noch Louisens Glück, welches doch gewiß nicht meine Absicht sei. Der Herr von Bärenklau sei nämlich schon seit langer Zeit ihr erklärter Liebhaber, er sei arm und ohne Eltern und hänge bloß von einem alten, sehr reichen Onkel ab, auf dessen Erbschaft er nur hoffe, um sich und Louisen glücklich zu machen. Ich möchte also wohl bedenken, ob ich meiner Geliebten nicht vielleicht ein Glück raube, das ich ihr nie geben könne.

Ich stand während dieser Rede wie versteinert. Bärenklau war ein Edelmann, ich hatte ihm folglich nie die ernsthafte Absicht zugetraut, Louisen heiraten zu wollen; dabei war ich mir nun wie ihr Ritter vorgekommen, der ihre Tugend gegen die Anfälle der Verführung verteidige: jetzt kam ich mir plötzlich wie ein alberner Mensch vor, der sich mit seiner unzeitigen Liebe zwischen die Hoffnungen zweier Liebenden drängte. – Ich stand im tiefen Nachsinnen.

»Ich hoffe«, fuhr die Präsidentin fort, »daß Sie darüber nachdenken werden, was ich Ihnen gesagt habe: mein Rat ist aus dem besten Wohlwollen gegen Sie entstanden, suchen Sie ihn zu benutzen.«

Ich empfahl mich und ging verdrüßlich auf mein Zimmer. – »Aber Louise liebt mich ja!« rief ich aus; »dies einzige hebt ja alles auf, was man mir da gesagt hat.« – Oder sollte es nicht sein? – Ich ward argwöhnisch und beschloß, Louisen genauer als bisher zu beobachten.

Nach einigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit dem Präsidenten, das meine Seele wieder etwas aufrichtete.

Er sagte mir, daß seine Frau die Vertraute des Herzens meines Nebenbuhlers sei, daß sie ihn daher von je beschützt habe; daß er selbst meine Neigung für Louisen eben nicht mißbilligen könne, ich solle nur noch zwei Jahre fortfahren, meinem Amte mit Eifer vorzustehen, dann hoffe er mir eine ziemlich einträgliche Stelle zu verschaffen, und es komme dann nur auf Louisen und mich an, ob wir uns heiraten wollten. Er wünsche mein Glück, und es sei ihm daher alles erwünscht, was ich selbst zu meinem Glücke für zuträglich halte.

Mein Herz war durch das Gespräch mit dem Präsidenten wieder etwas erleichtert, nur quälte mich jetzt der Zweifel, ob Louise mich auch wohl wirklich liebe. – Ich beobachtete sie fast allenthalben, und zwar nicht mehr mit den Augen eines Verliebten, sondern mit den Blicken eines Eifersüchtigen. Wenn ich mit ihr sprach, lauerte ich auf jedes Wort, dem man etwa eine doppelte Bedeutung geben könne. Wer durch die Schule der Liebe geht, macht nach den ersten Schritten sogleich mit der Eifersucht Bekanntschaft; sie und die Liebe sind zwei unzertrennliche Wesen, und so uneigennützig der Liebende ist, so sehr aller Aufopferungen fähig, so eigennützig und selbstsüchtig macht ihn die Liebe auf der andern Seite wieder. Kein freundlicher Blick seines Mädchens darf einen andern Gegenstand streifen, er möchte jedes ihrer Worte auffangen, und beneidet die ganze Welt, daß er nicht allein seine Geliebte sieht.

Gegen keine von allen Leidenschaften läßt sich so außerordentlich viel Vernünftiges sagen, als gegen die Eifersucht, und keine von allen ist für die Vernunft so gänzlich taub, als eben diese. Der Freund kann sich außer Atem demonstrieren und der Eifersüchtige ihm in jedem Punkte recht geben, und doch läßt er sich nicht eine Handbreit von dem Orte verdrängen, wo er einmal steht.

Hundertmal beschloß ich, auf Bärenklau nicht wieder böse zu sein, und hundertmal ärgerte ich mich schon, wenn ich ihn nur durch die Tür eintreten sah.

Durch tausend Proben glaubte ich endlich hinlänglich von Louisens Liebe für mich überzeugt zu sein; ich zählte nun ängstlich jeden Tag, der verfloß, und meine Liebe stand ungeduldig auf den Zehen, um über die außerordentlich langen zwei Jahre hinwegzusehn.

Auch dem ungeduldigen Liebhaber entläuft unter den Händen eine Stunde nach der andern. Die zwei Jahre waren nun fast verlaufen, meine Zöglinge waren an Körper und Geist sehr gewachsen, Louisens Schönheit hatte zugenommen, so wie meine Liebe, und jetzt starb zu meiner großen Freude ein Bürgermeister in einer ansehnlichen Provinzialstadt und machte mir einen sehr einträglichen Posten offen, den mir der Präsident sogleich versprach und auch durch sein Ansehn leicht verschaffen konnte. Bärenklau war um diese Zeit zu seinem Onkel gereist, der in einer Krankheit nach ihm verlangt hatte. Ich ward mit Louisen verlobt, und mir blieb nichts zu wünschen übrig. – Auch die Präsidentin schien jetzt mit meiner Verbindung mit Louisen zufrieden und wir alle waren froh und glücklich.

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