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Peter Lebrecht

Ludwig Tieck: Peter Lebrecht - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titlePeter Lebrecht
pages73-189
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Dreizehntes Kapitel

Bekenntnisse

Nachdem einige Tage verflossen waren, reiste mein Freund Sintmal wieder fort, weil ihn seine Geschäfte abriefen. Unser Abschied ist immer so zärtlich, als wenn wir uns in sehr langer Zeit nicht wiedersehn würden: er saß wieder auf seinem geliebten Pferde, und trat die Rückreise mit vieler Zufriedenheit an.

Bald darauf kam der Unbekannte auf mein Zimmer und bat mich um eine Stunde Gehör, weil er mir allein etwas zu eröffnen habe. Ich war auf seinen Vortrag begierig, und er fing auf folgende Art an:

»Sie haben doch ohne Zweifel die Confessions des Jean Jaques gelesen?«

»O ja.«

»Und was sagen Sie dazu?«

»Das Kürzeste, was ich sagen könnte, wäre, daß ich nicht recht weiß, was ich dazu sagen soll.«

»Sie werden doch aber nicht zu jenen Elenden gehören, die nach diesen Bekenntnissen jenen großen Mann für einen Verworfenen halten? – Ich darf Ihnen also wohl gestehn, daß tausend unbeschreibliche Empfindungen, tausend qualvolle Erinnerungen und unwiderstehliche Ahndungen, ja das ganze Heer jener unbegreiflichen und unsichtbaren Wesen, die so oft unsre Handlungen gegen unsern Willen lenken, mich bewogen, Ihnen nicht meine Geschichte zu entdecken, sondern Sie mit einigen kleinen Erfindungen zu hintergehn.«

O Schwiegervater! Schwiegervater! seufzte ich aus tiefer Seele, und wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen.

»Aber«, fuhr jener fort, »ich schäme mich jetzt selbst jener Kleinmütigkeit, und daß ich zu einem edlen Manne so wenig Zutrauen fassen konnte. Ich will mich daher selbst bestrafen, und Ihnen jetzt weitläuftig meine wahre Geschichte erzählen. Wenn Sie unbillig sind, werden Sie mich vielleicht nach meinen Geständnissen noch mehr verachten, als Sie es jetzt schon tun; aber ich will es darauf wagen. –

Ich komme von der Stadt – –«

»Halt!« rief ich aus: »Ihre Geschichte, die Sie mir jetzt erzählen wollen, sei nun wahr, oder falsch, so mag ich sie nicht hören. Ich könnte Ihnen, wie Sie sagen, Unrecht tun, und darum verschonen Sie mich lieber damit.«

Ich drehte mich unwillig um; der Unbekannte machte noch einige Einwendungen, da er aber sah, daß sie nichts fruchteten, verließ er endlich mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer.

»Bin ich nicht ein großer Mann!« rief ich aus, und ging in der Stube auf und ab. – »Kann ich mich denn nicht von jener Sucht losmachen, alles immer anders finden zu wollen, als die übrigen Menschen? Muß ich immer bei den simpeln Leuten in die Schule gehn, und so teures Lehrgeld bezahlen? – Wie wird mein Schwiegervater triumphieren! – Und nun weiß ich überdies nicht einmal, wie ich den fatalen Menschen loswerden soll. – So geht es, wenn man Bücher schreibt, und durchaus immer neue schreiben will: der Mensch wäre mir sonst gleich wie ein Narr vorgekommen, aber nun hat er mich zu einem weit größern gemacht, als er selber ist.« –

Ich konnte mich gar nicht über mich selber zufriedengeben, ich war mir bis dahin edler und besser vorgekommen, als andre Menschen, weil ich einen unglücklichen Flüchtling in Schutz genommen hatte; ich bewunderte an mir die größere Toleranz, die zarte Fähigkeit, mich in jede fremdartige Seele zu versetzen: und nun erschien mir alles als eine Albernheit, als eine leere Großsprecherei vor mir selber; ich fand es am Ende nicht mehr so verächtlich, daß der Mensch mir so dummes Zeug vorgelogen hatte, weil ich mich selbst mit ähnlichen Abgeschmacktheiten getäuscht hatte.

Ist man erst einmal mit diesen Empfindungen im Gange, so treibt man auch die Feindschaft gegen sich selbst zu weit.

Nach zweien Tagen war der Unbekannte aus unserm Hause verschwunden, ohne von uns Abschied zu nehmen; auf seinem Tische lag ein Gedicht im freiesten Silbenmaße, worin er behauptete, daß ihn die Sterne weiterriefen, und er ihrer großen Gewalt nicht widerstehn könne.

Wir wunderten uns darüber, aber noch mehr, daß er meinem Schwiegervater eine ansehnliche Summe von harten Talern gegeben hatte, für die er sich von ihm Gold hatte wechseln lassen.

Vater Martin war voller Freude, daß er mit seiner Meinung doch recht gehabt hätte; er setzte sich noch an demselben Tage nieder, und berichtete den ganzen Vorfall sehr weitläuftig seinem Freunde Sintmal.

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