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Peter Lebrecht

Ludwig Tieck: Peter Lebrecht - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titlePeter Lebrecht
pages73-189
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Drittes Kapitel

Der Leser wird sehen, daß ich ein Narr bin

Ich setzte mich mit großer Zufriedenheit in den Wagen, der mich an den Ort meiner Bestimmung bringen sollte. Ich ward in eine mir ganz unbekannte Welt hineingefahren, ohne Menschenkenntnis und Kenntnis meiner selbst, ohne genau zu wissen , wer ich sei; nur mit dem Namen Lebrecht ausgestattet, der, wenn er mir auch eigentlich nicht zukam, mir doch immer als Vorschrift dienen konnte, nach der ich handelte.

Indem der Wagen fuhr und der Kutscher fluchte, fing ich an bei mir selbst zu überlegen, von welcher Art meine künftige Beschäftigung sein würde, und ob ich dem Amte auch wohl gewachsen wäre, das man mir anvertraute. – Ich ließ alle meine Kenntnisse und Talente die Revue passieren, und war nicht wenig mit mir selbst zufrieden, als ich die ganze große Masse übersah.

»Ich verstehe Latein und Griechisch«, sagte ich ziemlich laut zu mir selbst, doch so, daß es der Kutscher nicht hören konnte; »etwas Französisch, die Geschichte der alten und neuen Welt kann ich an den Fingern hererzählen, dabei bin ich ein guter Jurist, und verstehe vortrefflich mit den Atquis und Ergos umzugehn. Habe ich nicht einmal disputiert und dreimal opponiert? Ließ ich nicht zur Freude der ganzen Universität den Disputanten neulich in das scharfsinnigste Dilemma laufen, daß er weder vor- noch rückwärts konnte?«

Ich bekam eine ordentliche Ehrfurcht vor mir selber, denn ich hatte noch nie die Bilanz zwischen dem, was ich wußte und nicht wußte, so genau gezogen. Ich hatte das Schicksal der meisten jungen Leute, die den ersten Ausflug in die Welt versuchen. Sie haben sich von Jugend auf nur mit sich selbst beschäftigt, und sich doch kaum von einer Seite kennen lernen, sie bemerken an sich selbst nur Vorzüge, an jedem andern nur Fehler. Mit der Miene der Unparteilichkeit treten sie auf die Waagschale, um zu wiegen, wieviel sie wert sind: mit selbstgefälligem Lächeln blicken sie umher, da sie so tief niedersinken, und bemerken nicht, daß auf die andere Schale noch keine Gewichte gestellt sind.

Die Straße war sehr besucht und jedermann, der vorbeiging, grüßte mich sehr freundlich und ehrerbietig, wer vorbeifuhr, sahe neugierig in den Wagen hinein und machte nicht selten ein spöttisches Gesicht. Doch ich ließ mich alles dies nicht kümmern.

Es war ein schönes Frühlingswetter und die Gegend, durch welche ich reiste, angenehm und abwechselnd. Meine Phantasie ward von den reizenden Gegenständen, die mich umgaben, angefrischt, ich erinnerte mich gerade zur rechten Zeit, daß ich auch ein paarmal Verse gemacht hätte, um in eine Menge von süßen Träumen zu fallen. Ich hatte mancherlei sehr empfindsam Sachen gelesen und die menschliche Gesellschaft kam mir als eine große, zärtliche Familie vor, in welcher sich nur zuweilen ein Kind vom rechten Wege verliert und nur der Zärtlichkeit bedarf, um sogleich wieder zurückgeführt zu werden. Ich nahm mir also vor, ein recht edler, fein empfindender Mensch zu werden, um recht viele Verirrte wieder auf den rechten Weg zu bringen; mir stiegen die Tränen in die Augen, wenn ich mir die vielen Edeltaten lebhaft vorstellte, die ich gewiß noch verüben würde. Besonders aber ward mein Herz gerührt, wenn ich überlegte, welche innige und zärtliche Herzensfreunde ich aus meinen künftigen Eleven bilden müßte, wie vielen Dank mir die Eltern schuldig sein würden, welchen Nutzen der Staat aus meiner Erziehungskunst zöge, wie die ganze Welt meiner künftig mit Ehrfurcht und Rührung erwähnen sollte.

»Ja«, rief ich in meinem Enthusiasmus aus – »die Menschen sind gut, wenn man ihnen nur mit Liebe entgegenkommt, die Welt ist schön, wenn man nur zu leben versteht! – Ja, ich werde glücklich sein, mein Glück im Glücke meiner Brüder suchen. – O kommt an mein Herz, ihr Unglücklichen und Leidenden, hier findet ihr Trost und Hülfe; kommt an meine Brust, ihr Verfolgten und Verirrten, hier findet ihr keinen Haß und keine Unversöhnlichkeit! Die lauterste, reinste Menschenliebe springt für euch in diesem Herzen.«

Ich streckte meine Arme sehnsuchtsvoll aus, es schien, als wenn die sonnenbeglänzte Welt meiner Umarmung entgegenstrebe.

Der Fuhrmann, der im letzten Wirtshause etwas zuviel getrunken hatte, wollte in einen Nebenweg einlenken – unglücklicherweise lief das Hinterrad über einen Erdhügel, die Pferde gingen weiter – der Wagen knackte und fiel in demselben Augenblicke um.

Der Fuhrmann raffte sich auf, sah seine Kutsche auf einen Augenblick an und fing dann auf die kaltblütigste Weise von der Welt an, die gräßlichsten Flüche auszustoßen. Nach seinen Exklamationen war niemand als der Teufel mit allen höllischen Geistern an diesem Vorfalle schuld. Vom Schreck betäubt, lag ich noch immer im Wagen, bis mich der ergrimmte Fuhrmann hervorzog und sich dann Mühe gab, den Wagen wieder aufzurichten.

»Ist Er denn toll?« rief ich im höchsten Unwillen aus, als ich wieder auf den Beinen stand und zur Besinnung gekommen war.

»Haben Sie sich Schaden getan, junger Herr?« fragte der Fuhrmann ganz phlegmatisch.

»Nein, aber –«

»Nun, so wollen wir Gott danken, daß es noch so glücklich abgelaufen ist.«

»Ach, was! glücklich abgelaufen! – Ich saß in Gedanken und erschrak nicht wenig. – Künftig trink Er nicht soviel.«

»Nun, nun – wenn der Wagen nur erst wieder stünde!«

»So lange zu trinken, bis man zum Vieh wird und nicht mehr den Weg sehen kann! Pfui!«

»Nun, so vergeben Sie's mir nur, es soll nicht wieder geschehn.«

Ich zankte aber immer weiter fort und ward mit jedem Worte heftiger. Der Fuhrmann wußte nicht, ob er verdrüßlich oder beschämt aussehn sollte; da ich aber immer fortdeklamierte und in meinem Feuereifer von der Sünde sprach, daß er das Leben eines Menschen ohne Not in Gefahr setze, nahm er endlich ein sehr demütiges Gesicht an und bat tausendmal um Verzeihung. – Einige Bauern, die hinzugekommen waren, halfen den Wagen wieder aufrichten; besänftigt setzte ich mich wieder hinein und fuhr weiter.

Ich wurde itzt erst gewahr, daß die Hand des Fuhrmanns blute, er klagte mir auch, daß er sich beim Fallen den Arm etwas verrenkt habe. Nun erst fiel mir die Tirade wieder ein, die mir halb im Halse war stecken geblieben, und ich hätte meinerseits herzlich gerne den Fuhrmann wieder um Verzeihung bitten mögen.

»Ei der schönen Vorsätze!« sprach ich zu mir selber, aber weit leiser, als ich die vorige Deklamation hergesagt hatte. – »Kaum fällt der Wagen um, so bist du auch schon aus deiner Menschenfreundlichkeit herausgefallen! ei was würde erst ein wirkliches Unglück auf dein zartes Herz wirken! – Warum gehörte denn dieser Fuhrmann nun nicht zu jenen Brüdern, die du so feurig an deine Brust drücken wolltest? – Weil er dir einen kleinen Schreck gemacht hatte. – Wahrlich meine Phantasien haben mich mehr berauscht, als ihn der Branntewein, und in meiner Trunkenheit handle ich dreimal inkonsequenter als er.« –

Mein Kopf sank um volle dreißig Grad auf meine Brust hinab, meine Atquis und Ergos kamen mir nicht mehr halb so respektabel vor, und daß ich Verse machte, hatte ich rein vergessen. – Auf dieser Reise, die mehrere Tage dauerte, machte ich mehrere ähnliche Erfahrungen. Mein Stolz fing nach und nach an etwas abzunehmen, und ich habe es bei mir jederzeit gefühlt, daß eine Reise mich bescheidner, klüger und menschenfreundlicher gemacht hat. Der weite gewölbte Himmel über mir sagt mir jederzeit, wie armselig ich mich mit meiner Eitelkeit in die Größe der Natur verliere, jeder Berg macht mich auf meine winzige Person aufmerksam. In jeder Schenke sieht man Menschen, die in so vielen Sachen mit ihrem geraden Sinne weiter reichen, als wir mit allen unsern feinen und geläuterten Gedanken: bei unsrer Sucht, mit unserer hohen Aufklärung zu prahlen, wird man alle Augenblicke mit der Nase darauf gestoßen, daß man noch voller Vorurteile stecke. Sobald ich die Stadt mit ihren Häusern und dem Gedränge ihrer Menschen aus den Augen verliere, fange ich auch an, mehr in mich selbst zurückzugehn: die Armseligkeiten, die in der Gesellschaft immer noch einen Anschein von Wichtigkeit behalten, verlieren sich in der klaren Natur – ich sehe den Glücklichen und den Unglücklichen meinem Herzen nähergerückt, ich versuche es, die lästige bunte Kleidung, die uns von Jugend auf angeschnürt wird, abzustreifen, und als einfacher Mensch dazustehn.

Es kommt mir daher immer sonderbar vor, daß viele Leute von ihren Reisen närrischer, vorurteilsvoller, eitler und menschenfeindlicher zurückkommen, als sie sie antraten. – Aber diese treiben sich meist nur im Gewühl der Menschen umher, sie fahren schnell der Hütte vorüber nach der Stadt zu, um in der Bereicherung ihrer Menschenkenntnis sich durch keine Nichtswürdigkeit aufhalten zu lassen. Sie lachen, gähnen und verleumden in der großen Welt und denken gar nicht daran, wie elend klein diese große Welt gegen Gottes freie große Welt ist. –

Nachdem wir sieben Tage gefahren waren, grüßten uns die Leute nicht mehr, die bei uns vorbeigingen: wir kamen an die Tore von W.... – Ich werde auf Tod und Leben examiniert und eine ganze Stunde visitiert. Man fand nichts Verdächtiges an meiner Person und in meinem Koffer und ließ mich fahren. Ich stieg in einem Gasthofe ab.

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