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Peter Lebrecht

Ludwig Tieck: Peter Lebrecht - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titlePeter Lebrecht
pages73-189
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Neuntes Kapitel

Episode über diese Episode

Ich habe im vorigen Kapitel einen Fremden redend eingeführt, ohne mich vorher darum zu bekümmern, ob sein Stil auch den Lesern gefallen würde. Er hätte ohne Zweifel blumenreicher sprechen sollen, so hätte gewiß diese interessante Geschichte noch mehr Wirkung getan.

Als er abgegangen war, überlegte ich bei mir, welch ein außerordentlich anziehendes Buch aus dieser Begebenheit entstehen müßte, wenn man die Geisterwelt nur etwas mit hineinmischte, etwa nur einen ganz kleinen Kobold, oder auch nur eine Stimme von ferne, oder einige Wahrsagungen. Wie fein konnte die peinliche Situation der beiden Freunde ausgemalt werden! Welch ein schöner, heroischer, und doch weicher Charakter ließ sich auf den bloßen Namen Adelaide gründen! Das Duell konnte zugleich eine schöne moralische Wirkung auf den Leser tun, und der Schluß so grausenvoll eingerichtet werden, wie es im Abdallah nur immer geschehen ist.

Als ich von meinem Traum erwachte, sah ich, daß Sintmal seine Schlafmütze wieder aufgesetzt hatte, und mit meinem Schwiegervater in einem Gespräche verwickelt war. – »Es ist immer eine seltsame Geschichte«, sagte Sintmal, indem er den Finger an die kleine Nase legte, und dabei äußerst gutmütig lächelte.

»Seltsam?« rief Vater Martin aus, »romanhaft ist sie! Gerade wie ein Auszug aus einem Roman!«

»Ob auch alles darin so wahr sein mag?« sagte Sintmal, indem er den Finger von der Nase herunterfallen ließ, um mit der Halsbinde zu spielen.

Martin: Gott verzeih mir die Sünde, ich halte nach meiner Einfalt alles für erlogen. Mir kommt der Mensch wie ein Windbeutel vor, der sich mit uns einen empfindsamen Spaß machen will, und die ganze jämmerliche Geschichte erst erfunden hat, indem er sie uns erzählte. – Duell! das ist so ein alter, abgedroschner Pfiff: solche Menschen kommen sich als Mordtäter so wichtig und mitleidswürdig vor, daß sie sich am Ende das Ding wahrhaftig selber weismachen.

Sintmal: Das wäre denn doch eine ziemlich schwierige Sache.

Martin: So ein Kerl, der gar keinen eigentlichen Charakter hat, kann sich leicht auf einige Tage irgendeinen machen, der ihm ansteht: er weiß Komödien auswendig, und spielt sich in die erste beste hinein; er ist Akteur und Zuschauer zugleich, und so geht denn das Ding ganz vortrefflich.

Ich: Wie unbillig! wie intolerant! Sie kennen diesen Menschen gar nicht, und wollen ihn so genau beurteilen?

Martin: Ich sage nur, wie er mir vorkommt. Ein rechtlicher Mensch wird nicht so handeln, wie er von sich erzählt, es aber noch weniger unbekannten Leuten erzählen.

Ich: Er hält uns in seiner Gutmütigkeit für seine Freunde.

Martin: Eine schöne Gutmütigkeit, uns die Haut so vollzulügen.

Sintmal: Mir scheint es auch nur Eitelkeit, daß er mit seiner Erzählung auf mancherlei Art glänzen wollte.

Ich: Ihr seid ein paar Menschenfeinde.

Sintmal: Ich nicht, aber sein Wesen war mir zuwider, besonders, daß er von sich selbst eine Geschichte schreiben wollte.

Ich: Nun, das ist denn wohl etwas sehr Unschuldiges. – ( NB. Hätte ich nur nicht schon den ersten Teil meiner Geschichte herausgegeben, so hätte ich gewiß nicht so geantwortet.)

Sintmal: Diese einzige Äußerung war die Ursach, daß ich seiner ganzen Erzählung nicht glauben konnte. Und wenn sie auch wahr ist, so hat er sich gegen seinen Freund äußerst niederträchtig aufgeführt.

Ich: O ihr Unbilligen! die ihr euch nicht in eine zarte Seele hineindenken könnt, die von ihrer Pflicht und ihrem Gefühl gleich stark geängstigt wird, und nicht weiß, wofür sie sich entscheiden soll, und in dieser Verwirrung eigentlich gar nichts tut, sondern alles nur liegenläßt. Dieser Stillstand erscheint nachher den gemeinem Augen als ein Bubenstück, die Zeit macht zufällig daraus etwas Gutes oder Böses, woran Geist und Wille nicht den mindesten Anteil haben.

Sintmal: Lieber Freund, das ist so eine Art von brillanter Philosophie, die Sie selbst nicht glauben, so ein Kotzebuisch Wesen, das nicht Stich hält, wenn man es genauer betrachtet. Schöne Seifenblasen, auf denen die Farben aber vorübergehend sind, und das ganze Ding von einem Windstoße zerplatzt.

Ich: Nehmen Sie es, wie Sie wollen, so ist dies doch menschlicher, als Ihre Behauptung.

Martin: Menschlicher? – Weil die guten Menschen darunter leiden müssen, wenn man sie mit Schurken in eine Klasse wirft? Nur ein Schurke kann dies wünschen, und es ist auch Ihr Ernst nicht, lieber Schwiegersohn.

Ich: Ach, was können wir Ernst nennen? – dieser Unbekannte hat mich gerührt, und darum spreche ich jetzt gerade so, ich weiß nicht, ob ich Ihnen nicht morgen recht geben kann, denn ich hatte selbst manches an ihm bemerkt, das mir auffiel, ich wollte mir aber dies Mißfallen nicht gestehn, weil es mir schlecht vorkam, einen unbekannten Elenden sogleich beim ersten Anblick mit seiner Meinung zu verfolgen.

Sintmal: Nun ja, da haben wir's. Die liebe Eitelkeit also? – Um sich selber nur recht edel vorzukommen, ließen Sie auch bei dem andern fünfe gerade sein?

Martin: Wenn mir ein Mensch nicht gefällt, so kann ich's nicht unterdrücken, ich muß es mir merken lassen, ich mag nun recht oder unrecht haben. Und so dächt ich, gäben wir diesem Vogel zu verstehn, daß er sich nur wieder fortmachen könne.

Sintmal: Ja wohl, denn sonst kommen wir alle noch in das Buch hinein, das er von sich herausgeben will.

Ich: Bewahre! ich habe ihm einmal versprochen, daß er eine Zeitlang hier sein kann, und so mag er denn auch bleiben.

Martin: Nun, in Gottes Namen! wenn es uns nicht noch gereut.

Ich: Etwas Gutes muß man sich nie reuen lassen.

Martin: Was ist gut?

Ich: Das sollte man nie fragen.

Martin: O mit Euren spitzfindigen Antworten! – Solche Kerls, wie mein Schwiegersohn, fallen immer wie die Stehaufs und die Katzen auf die Beine, man mag sie auch herumwerfen, wie man will.

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