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Peter Lebrecht

Ludwig Tieck: Peter Lebrecht - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titlePeter Lebrecht
pages73-189
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Sechzehntes Kapitel

Hannchen

Ich kam zurück und mein alltägliches Vaterland kam mir nach meinen Reisen mit einem Male ganz neu vor. So wie ein altes Kleid, das wir verdrüßlich in den Schrank hängen und es in langer Zeit nicht ansehn, uns hernach wieder besser und neuer vorkommen kann: so ging es mir gerade mit meinen Landsleuten, mit ihren Sitten, ihrer Sprache, ihren Städten und Dörfern, Weibern und Töchtern. Das Alltägliche und Langweilige bestimmen und messen wir immer nach dem, was dicht um uns herum ist, das, was uns ergötzen soll, suchen wir immer in der Ferne. Von Jugend auf ist es unser Studium gewesen, uns alles Fremde, Sitten, Sprache, Kleidertrachten u. s. w. gewöhnlich zu machen; wir sollten es nur einmal versuchen, uns das Gewöhnliche fremd zu machen, und wir würden darüber erstaunen, wie nahe uns so manche Belehrung, so manche Ergötzung liegt, die wir in einer weiten, mühsamen Ferne suchen. Das wunderbare Utopien liegt oft dicht vor unsern Füßen, aber wir sehn mit unsern Teleskopen darüber hinweg. –

Ich kam also in Deutschland zurück: der Präsident war indes gestorben, und sein ältester, genievoller Sohn hatte die Welt noch immer nicht erleuchtet, ich hörte nichts von Louisen und hatte sie, ich muß es zu meiner Schande gestehn, fast vergessen.

Ich bin ein sehr großer Freund von Fußreisen, und auf diese Art durchstreifte ich auch einst eine der angenehmsten Gegenden von Deutschland, die in einer ziemlichen Entfernung von W.... und dem Orte meiner Erziehung lag. – Es war am Nachmittage und die Sonne ziemlich schwül, als ich in ein dichtes, angenehmes Gehölz trat. Mir fiel von ungefähr mein Abenteuer im Walde und in der Fuchsgrube wieder ein und natürlicherweise auch meine seltsame Hochzeit mit Louisen, die noch immer nicht vollzogen war. Ich ging mit diesen Gedanken einen angenehmen Fußsteig hinab, der sich in hundert Krümmungen um die Bäume schlängelte, bald einen kleinen Hügel hinauf-, bald wieder in ein niedliches Tal hinabführte; die Sonne konnte nur an einzelnen Stellen durch die dichtgeflochtene grüne Decke des Waldes dringen und eine liebliche Kühlung säuselte in den Gebüschen; ich überließ mich meiner poetischen Stimmung und mochte wohl ein paar Stunden so gegangen sein, als ich plötzlich bei einer alten Eiche stillstand und meinen Gang und meine Gedanken unterbrach.

Die Ursache dieser Unterbrechung war ein allerliebstes Bauermädchen, das sich auf die anmutigste Art von der Welt im Schatten des Baums gelagert hatte und dort unbefangen und sorgenlos schlief. Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und wiegte sich im Grase, ihre weiße Brust hob sich ruhig, ihr Arm hing noch halb an einem Körbchen, das mit Früchten angefüllt neben ihr stand.

Ich blieb stehn und konnte von dem reizenden Schauspiele mein Auge gar nicht wieder wegwenden. – Wenn nur keine Schlange, oder kein Tier ihr zu nahe kömmt, sagte ich zu mir selbst, und beschloß, hier so lange acht zu geben, bis sie aufgewacht sein würde.

»Welch schönes Gesicht!« sagte ich leise, »welche frischen Lippen! Welche Unschuld auf den Wangen! – Wenn in diesem Körper eine unbefangne Seele wohnt, ein gerader und richtiger Verstand, was könnte sich dann ein ehrlicher Mann wohl mehr an der Gefährtin seines Lebens wünschen? – Vielleicht Sprachen? – Damit sie sich in keiner natürlich ausdrücken könnte. – Musik? – Ein einfaches Mädchen hat gewöhnlich einen Instinkt zum Singen, wie die Vögel im Walde, und ihre Gespenstergeschichten und naiven Schäferlieder haben mehr Sinn, als die langweiligen und gedrechselten Arien und Rondos, mit denen die Ohren in den Konzerten und Schauspielen so oft geplagt werden: triviale Allgemeinplätze in Poesie und Musik. – Feine Welt? – Ich liebe die ungekünstelte ungeschminkte Natur mehr. – Stand? – Ach guter Peter Lebrecht, von diesem Vorurteile hast du dich ja schon lange losgemacht.

Nun denn also, Freund, was hindert dich, so glücklich zu werden, als es ein Menschenkind auf dieser Welt nur werden kann? – Fühlst du nicht schon einen geheimen Zug, der dich an dieses Mädchen fesselt? – Lege, wenn sie erwacht, ihre Hand in die deinige, und lade in dieser schönen Gegend ein stilles, häusliches Glück bei dir zu Gaste! – Vergiß die ganze leere geräuschvolle Welt und lebe dir, der Liebe und der Menschenfreundlichkeit in einer gefühlvollen, lebendigen Einsamkeit!

Aber halt, Freund Lebrecht, daß du auch nicht die Rechnung ohne den Wirt machst! – Sollte sich dies Mädchen nicht irgendeinen gesunden, geraden jungen Burschen zum Geliebten auserkoren haben? Willst du das Glück zweier Menschen stören, und dich mit deinen Anträgen in die Eintracht der Familien drängen? – Nun, wir wollen den Erfolg abwarten.«

Ich stand noch eine ganze Welle so und sprach und disputierte mit mir selber. Endlich schlug das Mädchen ein Paar große, himmelblaue Augen auf; es war, als wenn sich am ersten Frühlingstage die Wolken verziehn und ein warmer Sonnenblick durch den blauen Luftraum dringt. Sie sahe mich und ward verlegen, sie wußte nicht, was ich wollte und was sie aus mir machen sollte. – Mein Herz war warm geworden und es wäre mir etwas Leichtes gewesen, in Versen zu sprechen; da ich sie aber damit nicht erschrecken wollte, schwieg ich noch eine Weile still, um meinen Verstand zu einer gesetzten Prose zu sammeln.

Wir erklärten uns endlich gegenseitig und ich bot mich an, sie nach Hause zu begleiten. Sie hatte nichts gegen diesen Antrag einzuwenden und wir gingen nun, so viel als möglich war, den Fußsteig nebeneinander. Unterwegs erzählte sie mir, daß ihr Vater ein Pächter und dabei ein guter Mann sei, daß er viel auf sie halte, weil sie seine einzige Tochter sei, und daß sie ihm auch alles zu Gefallen tue, was sie ihm nur an den Augen absehen könne: daß sie ein gewisser Christel gern heiraten wollte, daß sie ihn aber nicht möge, weil er ihr zu dumm sei, daß ich nur zu ihrem Vater mit hineinkommen solle, daß er gerne mit fremden Leuten umgehe, um sich von ihnen etwas erzählen zu lassen.

Ich ward von dem Mädchen, von ihrer Unbefangenheit und der Art sich auszudrücken, immer mehr bezaubert; die zutrauliche Dämmerung, die jetzt hereinbrach, und den Wald geheimnisvoll und magisch machte, trug auch das ihrige dazu bei, um mich an das schöne Mädchen noch mehr zu fesseln.

Wir kamen jetzt an einen kleinen runden See, in dem sich die Abendröte spiegelte, an der Seite lag ein niedliches Häuschen und daneben streckte sich ein kleines Dorf einen Hügel hinan. Es war ein erquickender Anblick, die Hütten zu sehn, vor uns das Wasser und den grünen, dämmernden Wald. Wir gingen in das Haus und der Vater empfing mich sehr freundlich: er war schon seiner Tochter wegen besorgt gewesen und dankte mir sehr herzlich, daß ich sie nach Hause begleitet hatte. – Es war ein gerader, schlichter Mann, der gern Neuigkeiten hörte und gern erzählte, der sich für einen der merkwürdigsten Menschen in der Welt hielt, weil er in seinem Dorfe der angesehenste war. Aber bei allen seinen Schwachheiten war Pächter Martin doch ein sehr liebenswürdiger Mann, wenn man es nämlich überhaupt der Mühe wert finden will, die Menschen zu lieben.

Ich blieb einige Wochen im Dorfe, ich wurde beim Vater immer mehr bekannt und mit Hannchen immer vertrauter. Ich entdeckte mich dem Alten und er war vor Entzücken außer sich, daß er einen Schwiegersohn bekommen sollte, der kein Bauer wäre: wie die Welt da die Augen aufreißen würde, meinte er.

Ich spielte mit Hannchen noch einmal dasselbe tändelnde Spiel durch, das meine Phantasie schon einmal in Louisens Gegenwart beschäftigt hatte: nur war Hannchen noch weit ungekünstelter als Louise, sie verliebte sich wirklich in mich, da bis jetzt noch kein Gegenstand ihr Herz gerührt hatte.

Die Liebe ist ein Frühling, der uns in jedem Jahre von neuem entzückt: in jedem Mai bilden wir uns ein, noch kein einzigesmal so empfunden zu haben.

Es gibt in dieser Welt kein schöneres Schauspiel, als der Anblick einer guten, unbefangenen Seele, die uns mit jedem Tage mehr entgegenkommt, sich mit jeder Stunde inniger an unser Herz schließt, auf jeden Ton des Mundes horcht, und jede Meinung des Geliebten, auch über den geringfügigsten Gegenstand, wichtig und voll Bedeutung findet. Eins lebt und wohnt im Auge des andern, die Blicke aufeinander geheftet, die Hände ineinander gedrückt, die Seelen ineinander geflochten, wandeln sie durch ein Paradies und bleiben bei jeder Blume mit gemeinschaftlichem Entzücken stehn. – O wer nie geliebt hat, gleicht dem Wurm, der in seinem eigenen, engen Gespinste stirbt: er lebt in einem trüben, beschränkten Eigennutz, er kennt nur den schlechtern Teil seines Wesens. Wohl ihm, wenn auf den Wink der Liebe sich die glänzenden Fittige aus ihm entwickeln, neue Sinne auftun und ihm neue Freuden brüderlich entgegenkommen; in der Liebe der Geliebten findet er sich verjüngt, neue Tugenden wachen in seinem Busen auf, alles, was wüst und dunkel in ihm lag, wird wie vom goldnen Schein der Morgensonne erleuchtet.

Ich ward mit Hannchen verlobt, und wir waren beide unaussprechlich glücklich. –

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