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Perleberg

Carl Sternheim: Perleberg - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titlePerleberg
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Dritter Aufzug

Die Gaststube des ersten Aufzugs

Erster Auftritt

Hausdiener: (putzt des Büfetts Bierhähne, zum Kellner): Stiefel hat der Tack, sage ich Ihnen, einen Flecken auf dem andern, und in seinen Hosen hab ich mich beim Rasieren gespiegelt. Dem will ich, reist er ab, eine kleine Unterstützung mit auf den Weg geben.

Kellner: Solange bin ich nicht mehr da. Den Geheimrat heute warte ich noch ab; ist der auch nichts, dampfe ich ab.

Hausdiener: Den Stellenvermittler müßte man wegen falscher Vorspiegelungen belangen.

Kellner: Sommerfrische – Kurhaus – aufs höchste ist man gespannt und kommt in die Dorfkaschemme.

Hausdiener: Gut ist auch der Alte, der erstklassige Hotelier, wie er sagt.

Kellner: Ein kompletter Dussel. Dem mach ich ein X für ein U.

Hausdiener: (grinst): Sie verstehen wohl gar kein Französisch?

Kellner: Für Perleberg reicht's.

Hausdiener: Und die holde Weiblichkeit. Was sagen Sie zu der Kleinen?

Kellner: Nicht in die la main.

Hausdiener: Plättbrett mit einem Schuß Lüneburger Heide.

Kellner: Und ist vom Morgen bis zur Nacht hinter dem Tack her.

Hausdiener: Nicht möglich? Ein schönes Paar!

Kellner: Eduard und Kunigunde mit einem Schuß Kamillentee.

Hausdiener: (warnt): Pst!

 

Zweiter Auftritt

Friesecke und Tack treten auf

Friesecke (zum Kellner): Das Frühstück für den Herrn Oberlehrer!

Kellner: Sofort.

Exit mit dem Hausknecht, dem er im Abgehen zuflüstert: Eduard!

Tack (mit einem riesigen Wollschal um den Hals): Heute ist's mit dem Garten nichts.

Friesecke: Hat's genug gegossen, hört's wieder auf und hoffentlich, eh die Gäste kommen.

Tack: Der Regen stört mich nicht. Aber der schneidige Ostwind. Nachts spürte ich ihn bis in die Laken.

Friesecke: Das glaub ich, daß es oben durch die Latten pfeift. Lene soll in ihrem Zimmer heizen und die Tür zu Ihnen aufmachen. Dann haben Sie's warm. Hätte sie schon heute nacht tun können.

Tack: Wie?

Friesecke: Heizen und die Tür aufmachen. Sie hätten ihr doch nichts getan?

Tack: Nicht einmal im Scherz, Herr Frisecke!

Friesecke: Regen Sie sich nicht auf; sehen jämmerlich genug aus.

Tack: Ich fühl mich auch so. Vollkommen hänge ich von der Sonne ab.

Friesecke: Sie kann nicht alle Tage scheinen.

Tack: Am Himmel nicht.

Friesecke: Wo sonst?

Tack (auf Friseckes Brust deutend): Da!

Friesecke: Vergnügt bin ich, meinen Sie? Könnt es sein, wären die Sorgen nicht.

Tack: Sie Sorgen? Ein bequemes Haus zu eigen, eine liebe, tüchtige Frau! Was soll ich einsamer Schulmeister sagen mit kranker Brust?

Friesecke: Sie sind auch quasi ein beneidenswerter Kerl.

Tack: Das bin ich; und Sie ahnen nicht, warum.

Friesecke: Ich weiß es genau. Sie ärgert keiner, weil Sie jedem leid tun.

Tack: Jetzt wieder leid tun und eben noch beneidenswert?

Friesecke: Beides. Stimmt schon.

Tack: Und was bin ich mehr?

Friesecke (sieht ihn prüfend an): Wohl mehr beneidenswert glücklich – alles in allem.

Tack: Sehr glücklich!

Friesecke: Worüber freuen Sie sich eigentlich immer so? Ich fasse nicht, wie ein Mensch unaufhörlich vergnügt sein kann.

Tack: In der Stadt bin ich auch einmal mürrisch, hier aber –

Friesecke: Was reizt Sie, – was gefällt Ihnen hier so unbändig?

Tack (enthusiastisch): Alles! (er lacht) Und nur der Oberkellner ist mir zu vornehm.

Friesecke: Muß in einem erstklassigen Hotel aber sein.

Kellner (bringt den Kaffee, serviert und geht wieder): S'il vous plaît.

Friesecke: Sehen Sie, spricht drei Sprachen. Heutzutage absolut nicht zu entbehren.

Ich muß Ihnen einen Fall vortragen: Denken Sie sich zwei Brüder, im gleichen Dorf nebeneinander wohnend.

Tack (essend): Ja.

Friesecke: Der eine, der vermögender ist, hat dem intelligenteren anderen sein Geschäft verkauft, sagen wir einen Gasthof, in dem das Geschäft aber dann nicht gehen will. Verstehen Sie?

Tack: Durchaus.

Friesecke: Da kommt dem Gasthofsbesitzer plötzlich eine phänomenale Idee, und die Geschichte geht in Gang. Zur gleichen Zeit findet der zweite Bruder in seinem Garten – nein, so läßt sich's nicht sagen. Wie sag ich's nur?

Tack: Ich verstehe. Nicht Brüder meinen Sie, aber Schwäger.

Friesecke: Und da stellen Sie sich so harmlos?

Tack: Nun –

Friesecke: Ich hatte es doch gut bemäntelt. Gut: Adolf Kramer fand in seinem Garten eine Solquelle.

Tack: Ich weiß.

Friesecke: Daraufhin wollte er mir anfangs mein Hotel abkaufen, ein Badeetablissement großen Stils zu errichten. Zehntausend Mark sollte ich am Handel verdienen.

Tack: Ein Vermögen!

Friesecke: Viel Geld. Und ich hätte es getan, hätte meine Alte gewollt, und wäre Adolf nicht der Käufer gewesen. Ich eigne mich im Grunde schlecht zum Wirt, kann mit einem gewissen Selbstbewußtsein schlecht dienen. Aber dem Adolf hab ich das gute Geschäft nicht gegönnt. Doch auf einmal steht er selbst ab, will mir, wie närrisch er sich vorher gebärdete, mein Haus lassen. Was sagen Sie?

Tack: Es bestimmen ihn wohl Vernunftgründe.

Friesecke: Vernunftgründe? Kann der mich ärgern, geht ihm das über alle Vernunft. Und das will er, und das ganze ist eine Falle. Darauf schwöre ich einen Eid.

Tack: Aber Herr Frisecke, wie kann man von einem Menschen so schlecht denken?

Frisecke: Weil man die Welt kennt. Die Leute, denen es keinen Spaß macht, ihre Mitmenschen zu ärgern, können Sie an den Fingern einer Hand abzählen.

Tack: Ich versichere Sie, in Ihrem Schwager täuschen Sie sich gründlich. Er denkt nicht daran, Ihnen übelzuwollen. Wie zuvorkommend sein Anerbieten, als erster Kurgast sollte ich nächster Tage auch das erste Bad bei ihm nehmen.

Friesecke: Das hörte ich, und darüber muß ich mit Ihnen sprechen.

Tack: Bitte?

Friesecke: Sie baden nicht!

Tack: Wie?

Friesecke: Wollen Sie baden, sich reinigen, steht Ihnen bei mir eine Wanne zur Verfügung. Aber kein Solbad.

Tack: Ich verstehe Sie nicht.

Friesecke: Hören Sie zu! Er legt mir Fußangeln und Fallen, und dafür sollten meine Gäste bei ihm baden. Ausgeschlossen.

Tack: Aber er denkt nicht daran.

Frisecke: Das weiß ich besser. Mir ist, ich sitze auf einem Pulverfaß. Die ganze Nacht habe ich, in Schweiß aufgelöst, kein Auge zugemacht Und da sollte ich Sie baden lassen?

Tack: Meine feste Zusage gab ich Herrn Kramer; eine angemessene Festlichkeit ist in Aussicht genommen.

Frisecke: Ganz Perleberg soll wohl da zusehen? Auch noch eine Festlichkeit bei der er den großen Mann spielt mit Lampions und Symphoniekonzert. Bei der sich herausstellt er ist der Erfinder unseres Ortes. Und dazu wollen Sie sich hergeben, dazu baden, nachdem Sie in meinem Haus geradezu vorbildlich mit offenen Armen aufgenommen wurden, Ihnen nichts extra berechnet wird? Justament darum wollen Sie meinen hartnäckigen Gegner stützen?

Tack: Aber er ist nicht – –!

Frisecke: Er ist's! Er ist's! Mein Todfeind sogar, der meine Existenz untergräbt, mich zugrunde richtet. Jede Minute kann die Mine auffliegen.

Tack: Mein Wort verpfändete ich. Ohne Grund würde ich ihn für Güte und Freundlichkeit verletzen. Das will ich nicht, darf ich nicht!

Friesecke: Mich aber – mich können Sie verletzen?!

Tack: Ich bin Menschenkenner, flehe Sie an: Herr Kramer will keinen Streit.

Frisecke: Da bin am Ende also ich der Streithammel?!

Tack: Das sagte ich nicht!

Frisecke: Sie sollen nicht bei ihm baden. Er muß sehen, ich wehre mich. Keiner meiner Gäste darf zu ihm hinüber. Kein einziger. Ich kann Sie nicht zwingen, doch sind Sie gut bei mir aufgenommen worden.

Tack (flehend): Herr Frisecke!

Frisecke: Es ist für mich ein Ehrenpunkt.

Tack: Ich will mit Herrn Kramer sprechen.

Frisecke: Damit er meinen Plan durchschaut?

Tack: Er hat sich fürs Fest schon Umstände gemacht.

Frisecke: Wollen Sie? Ja oder nein?

Tack: Ich bringe Ihnen den Beweis, Herr Kramer meint es ehrlich.

Frisecke: Gut. Also nicht!

Exit, indem er die Tür knallend zuschlägt

Tack (sinkt in einen Stuhl): O mein Gott, mein Gott!

 

Dritter Auftritt

Lene (tritt auf): Was haben Sie? Was gibt's denn?

Tack (starrt sie an): Nichts.

Lene: Ist's gestern abends wegen? Doch als Sie stöhnten und husteten, es war stärker als ich, zerriß mir das Herz – ich mußte kommen und nachsehen.

Tack: Wie war das, als lautlos die Tür sich öffnete, und Sie hereinkamen! Ich hatte so gelitten.

Lene: Gleich ward es besser, als ich bei Ihnen stand.

Tack: Ihre Augen blickten überirdisch, die Hände –

Lene: Ich will nicht, Sie leiden.

Tack: Doch ich leide nicht mehr. Kam elend und einsam her, und nun brachten mir die letzten Tage mehr Glück und Seligkeit, als ich auf Erden ahnte.

Lene: Wie über alles Begreifen die Welt herrlich ist, wußte ich nicht, und nun –

Tack (hat sich erhoben): Und nun?

Lene: Will ich unermüdlich für Sie sorgen. Kein Windhauch darf an Sie heran.

Tack: Für mich – mich Armen?

Lene (hingenommen): Für dich, du Armer – lieber Armer!

Tack: Mein Gott!

Sie halten sich umfangen

Tack: Ein winziger Schullehrer, Lene.

Lene: Ich hab Geld. Fünfzehntausend Mark auf diesem Haus. Damit läßt sich das Leben richten.

Tack: Ich wage nicht, es auszudenken.

Lene: Gleich rede ich mit der Tante, daß sie es Onkel sagt. Er ist mein Vormund und sie bringt's ihm am besten bei.

Tack: Ich muß selbst mit ihm sprechen, daß es nicht aussieht, als scheue ich geraden Weg, als wolle der arme Lehrer zum reichen Mädchen auf Umwegen kommen.

Lene: Gut. Doch gleich. Nicht erwarten kann ich's, ich darf über dich vor allen Menschen wachen. Liebster, Bester – (sie hängt an seinem Hals) Ich schicke ihn dir her, und komme ich vom Postamt zurück, von Kerstenbruch – nicht eine Stunde mehr – dann!

Neue Umarmung

Tack: Himmel!

Lene exit

 

Vierter Auftritt

Frisecke (nach einem Augenblick tritt auf): Haben Sie sich besonnen?

Tack: Wessen? Worauf? Nein, daran dachte ich nicht mehr, das ist für mich erledigt. Anderes will ich mit Ihnen, Wichtigeres besprechen.

Frisecke: Erledigt? Da bin ich neugierig!

Tack (langsam, leise): Fräulein Lene und ich – haben uns gern.

Frisecke: Was haben Sie?

Tack (fassungslos): Wir – sozusagen – –

Frisecke (bricht in Lachen aus): Schulmeister, Sie sind wohl von Gott verlassen?

Tack: Warum? Wieso?

Frisecke: Der reine Zauberkünstler sind Sie. Alle Augenblicke eine neue Überraschung!

Tack: Aber Herr Frisecke –

Frisecke: Perleberg bekommt Ihnen nicht. Oder zu gut. Gestern noch nur halb lebendig und heute der wilde Mann? Erst mit aller Gewalt baden wollen und jetzt Lene dazu? Mich halten Sie wohl für blödsinnig? Gerade wollen Sie mit meinem Todfeind gegen mich gemeinsame Sache machen, und nun soll ich Ihnen noch Geld dazu schuldig werden, wollen Sie sich auf diese Weise zu meinem Gläubiger machen? Fein eingefädelt.

Tack: Aber ich dachte nicht daran – wollte einzig –

Frisecke: Was Sie wollen, ist mir gleich. Ihre Gesinnung gegen mich habe ich erkannt. Ich bat Sie inständig, kalt haben Sie nein gesagt. Daß es ein Ehrenpunkt für mich ist, ob Sie baden oder nicht, bewies ich Ihnen; doch was kümmert Sie meine Ehre? Trotz unseres unaufhörlichen Entgegenkommens haben Sie sich auf Kramers Seite geschlagen, und jetzt wagen Sie –

Tack (erregt): Ich verbiete Ihnen, Herr Frisecke, all meine Beweggründe zu mißdeuten!

Frisecke: Verbieten Sie! Aber sagen muß ich es Ihnen doch! Abgesehen davon, daß es in Ihrem jammervollen Zustand ein Verbrechen ist, einem Mädchen von solchen Dingen zu sprechen – doch nicht die Butter aufs Brot haben und einem wohlhabenden Kind Fisimatenten vormachen –!

Tack (vor Erregung zitternd): Herr Frisecke!

Frisecke (außer sich): Meinem Mündel noch dazu, weil das Schaf gutmütig genug ist, nachdem Sie sich vor ein paar Minuten nicht gescheut haben, mir an der ganzen Stänkerei Schuld zu geben – (ausbrechend) noch so einen Menschen in der Verwandtschaft, der einen bis zur sinkenden Nacht reizt und schindet – lieber nehme ich gleich den Revolver oder gehe ins Wasser!

Tack (zittert, nicht fähig zu sprechen, stottert): Wir werden ja sehen – –

Exit

Frisecke: Niemals – und wenn ich! Aber baden kannst du nun von mir aus soviel du magst, Brigant! Ich mach's mit dem Geheimrat! (zum Fenster, das er öffnet) Guten Morgen, Herr Doktor. Nach Langenau?

Dr. Pistorius' Stimme: Zu Gellings hinüber. Frage nachher einmal bei Ihnen vor.

 

Fünfter Auftritt

Auguste: Wie darf der Tack durch Wind und Wetter laufen? Will sich wohl durchaus den Tod holen? Du durftest den armen Menschen nicht in die Dachkammer legen, wo es ihn heute nacht wegwehen konnte.

Frisecke: Laß mich endlich mit deinem Tack zufrieden!

Auguste: Was hast du wieder?

Frisecke: Stets dasselbe.

Auguste: Eine fixe Idee ist das schon von dir.

Frisecke: Es wird sich herausstellen.

Auguste: War Adolf gestern nachmittag nicht wirklich herzlich mit uns?

Frisecke: Vor lauter Streuselkuchen konnte er den Mund nicht aufmachen. Kaum aber war das letzte Stück hinunter, hatte er auch schon den Tack beim Wickel.

Auguste: Das erste Bad soll er nehmen.

Frisecke: Aufgehetzt gegen uns hat er ihn; ihm die Besinnung geraubt.

Auguste (ruhig): Du bist verrückt, Fritz.

Frisecke: Gut. Ich bin verrückt. Aber du wirst im Lauf des Tages noch öfters staunen.

 

Sechster Auftritt

Adolf: Ich hatte ein bißchen viel zu tun. Das Werk drüben geht mächtig voran. Doch ist's erst fünf Minuten nach elf.

Frisecke: Um zwölf Uhr sind die Gäste hier.

Adolf: Bleibt uns fast eine Stunde.

Frisecke: Wenn wir nur fertig werden.

Adolf (lacht): So viel hast du dir ausgedacht?

Frisecke: Das werden wir sehen – (er holt Tinte und Papier vom Büfett)

Adolf (zu Auguste): Es war reizend gestern.

Auguste: Macht so etwas nicht Freude?

Adolf: Unbedingt.

Auguste: Herrn Tack geht es schlecht.

Adolf: Das ließ sich voraussehn. Seinen Zustand halte ich für verzweifelt. Aber ein reizender Mensch ist er dabei. (zu Frisecke) Papier genug wäre da. Nun vorwärts!

Frisecke: Wie fangen wir an?

Adolf: Das mußt du wissen.

Frisecke: Im Paragraph eins sollte man sagen: Die beiden Betriebe, deiner und meiner, haben nichts miteinander zu tun. Aber auch gar nichts.

Adolf (zu Auguste): Verstehst du das?

Auguste: Nein.

Frisecke: Will sagen, meine Gäste haben beispielsweise nicht die Verpflichtung, bei dir zu baden.

Adolf: Aber, Fritz, das ist doch Unsinn!

Frisecke: Laß es Unsinn sein, doch beruhigt es mich.

Adolf: Ich kann niemand zwingen –

Frisecke: Wenns mich beruhigt!

Adolf (lacht): Wenn's ihn beruhigt, gut. Schreibe. § 1: Die beiden Betriebe Frisecke und Kramer sind durchaus unabhängig voneinander. Also ist auch niemand, der bei mir ein Bad genommen, verpflichtet, hinterher bei dir einen Schnaps zu trinken.

Frisecke: Damit kommen wir aufs zweite: Es sei dir verboten, Spirituosen in irgendwelcher Form feilzuhalten.

Adolf: Bäder mit alkoholischen Zusätzen sind aber erlaubt.

Frisecke: Nur nicht zum Trinken, den Alkohol.

Adolf: Gut.

Frisecke: § 2: Herr Kramer verpflichtet sich, in seinem Badehause keinerlei Getränke –

Adolf: Halt! Eben war nur von Spirituosen die Rede.

Frisecke: Du willst wohl ein Nachmittagscafé aufmachen?

Adolf: Ich hab nicht die Absicht. Und weil es dich beruhigt, schreib: Keinerlei Getränke.

Frisecke (schreibt): – zu verabreichen und niemals um eine Konzession dafür einzukommen.

Adolf: Das heißt: Für das Badehaus.

Frisecke: Was heißt das?

Adolf: Es kann sein, ich will hier später an einem anderen Platz ein Hotel bauen.

Auguste: Gewiß.

Frisecke: Doch nicht am Ort?

Adolf: Sollte ein Bedürfnis vorliegen.

Frisecke: Das Bedürfnis findest du morgen.

Auguste: Aber, Fritz! Reicht unser Haus einmal nicht mehr aus – warum soll Adolf nicht wie jeder andere bauen dürfen?

Adolf: Ich habe vorläufig nicht die Absicht, aber ich kann mir nicht für immer die Hände binden.

Auguste: Das ist Unsinn. Schreib: Konzession für das Badehaus.

Frisecke (triumphierend): So schreib ich: Für das Badehaus und ein in unmittelbarer baulicher Verbindung damit betriebenes Hotel.

Adolf: Gut. Schreibe!

Frisecke (verblüfft): Was?

Adolf: Schreiben sollst du! Warum bist du so verblüfft? Dachtest du, es sei meine Absicht gewesen, womöglich wirklich irgendein verdeckter Gang? (er lacht) Nicht im entferntesten!

Frisecke: Und jetzt die Hauptsache: Nichts darf von deiner Seite bei hoher Strafe geschehen, den Betrieb unseres Hauses zu stören.

Adolf: Weißt du, daß das eine Beleidigung für mich ist?

Frisecke: Warum?

Adolf: Ich komme und biete dir Frieden mit offenen Armen –

Frisecke: Die offenen Arme sind soweit ganz gut.

Auguste: Freiwillig ist Adolf gekommen.

Frisecke: Dagegen wende ich nichts ein. Nur macht's ihm nichts, schreiben wir's hin.

Adolf: Vernünftiger wär's, wir schrieben, daß von dir aus nichts geschehen darf – was wahrscheinlicher ist.

Frisecke: Das ist wahrscheinlicher?

Adolf: Ohne deine Absicht vielleicht stößt du Gäste vor den Kopf.

Frisecke: Also ich stoße Gäste vor den Kopf? Gewissermaßen ein Sport von mir? (zu Auguste) Hörst du?

Auguste: Davon hat niemand gesprochen. Von deinem Temperament ist die Rede.

Adolf: Du bist cholerisch.

Frisecke (schlägt mit der Faust auf den Tisch): Da hört sich alles auf! Beleidigen lasse ich mich nicht!

Adolf: Es heißt hitzköpfig.

Frisecke: Du bist ein Hitzkopf. Doch so ist's richtig: Du bist's und mir wird's in die Schuh geschoben.

Auguste: Da kann kein Mensch zu Rand kommen. Adolf hat den besten Willen.

Frisecke: Ich vielleicht nicht? Nur schriftlich will ich's haben: Tausend Mark Strafe für jeden Fall der Zuwiderhandlung.

Auguste: Dann schreib: Beide Schwäger verpflichten sich. Das ist gerecht.

Frisecke mißt seine Frau mit wütenden Blicken

Adolf: Du wunderst dich über Augustes Gerechtigkeitssinn?

Frisecke: Über was ich will, wundere ich mich.

Adolf: Ich verstehe darunter aber auch, treibst du mutwillig einen Gast, einen Badegast, aus deinem Haus, daß er abreist und mir verloren geht.

Frisecke: Gefällt also jemand meine Nase nicht, und er macht sich aus dem Staub, zahl ich tausend Mark.

Adolf: Treibst du ihn mutwillig, durch Schikane hinaus. Jeder von uns weiß, was ich meine. Vor allen Dingen aber: suchst du jemanden, der mein Etablissement aufsuchen will, daran zu hindern.

Frisecke (außer sich): Das traust du mir zu? Und das ist keine Beleidigung?

Adolf: Man muß mit deinem Temperament rechnen.

Frisecke (tückisch): Verrechnet euch nur nicht mit mir!

Adolf: Ich glaube nicht. Und damit du siehst, wie ich's wirklich meine, und daß ich jetzt, wo ich auch ein Recht habe, etwas dreingebe, mit euch auf gutem Fuß zu stehen, schließ mit § 4: Solange die Badeanstalt sich in seinem Besitz befindet, verpflichtet Herr Kramer sich, den Gästen von Friseckes »Kurhaus zum Felsental« gegenüber den Bewohnern anderer Hotels und Logierhäuser einen Rabatt von zehn Prozent auf alle Bäder zu gewähren.

Auguste: Adolf, das ist schön von dir!

Frisecke (fassungslos): Was willst du?

Adolf: Deinen Gästen Rabatt geben. Damit bist du zukünftigen Konkurrenten eine Nasenlänge voraus.

Frisecke: Das willst du wirklich tun?

Adolf: Schreibe hin: § 4.

Auguste: Also, Fritz?

Frisecke (schreibt mit scheuem Augenaufschlag zu Adolf) Und nun unterschreib!

Adolf tut es

Friseckes stummes Spiel

Adolf: Und jetzt geben wir uns die Hand und versichern: Zusammenhalten für die Zukunft! Dann müßte es toll kommen, fänden wir nicht beide unsere Rechnung. Eingeschlagen!

Auguste (schlägt ein): Das war außerordentlich, Adolf.

Frisecke schlägt zögernd ein

Adolf: Noch eine Runde Kognak. Aber das Beste vom Besten!

Frisecke (sagt tonlos): Fine Champagne, drei Stern.

Er holt den Kognak, den sie stehend trinken

Adolf: Abmarsch, schleunigst! Ich ertrinke in Arbeit. Lebt wohl! (exit)

 

Siebenter Auftritt

Auguste: Da stehst du mit deiner Menschenkenntnis. Das mußte er nicht, das war großmütig von ihm. Und welcher Vorteil für uns!

Frisecke: Wäre ich nur erst über seine Gründe klar.

Auguste: Mit seinem nächsten Nachbar in Frieden zu leben, mit dem einen gleiche geschäftliche Ziele verbinden, ist das nicht Grund genug?

Frisecke: Nein.

Auguste: Und noch dazu sind wir verwandt.

Frisecke: Das waren wir vorher auch schon, und trotzdem haben wir uns vom Morgen zum Abend gezankt.

Auguste: Damals störte der Streit noch niemanden. Jetzt würde er die Gäste anwidern.

Frisecke: Manchem vielleicht auch Spaß machen.

Auguste: Adolf als kluger Kopf hat das eingesehen.

Frisecke: Gestern von elf bis zwölf ausgerechnet.

Auguste (bestimmt): Hör zu, Fritz: Ich habe mir deine Verrücktheiten bis jetzt gefallen lassen. Ich mache dich darauf aufmerksam: Mit meinem Geld ist das Haus gekauft. Hältst du fortan keine Ruhe, sprechen wir uns anders.

Frisecke brummt

Auguste: Bist du so dumm, daß du nicht einsiehst, als der unbedingt Stärkere hätte er uns früher oder später erdrücken können. Ein unfaßbares Glück, ein Wunder ist sein Entschluß, und ich ahne auch, wem wir ihn zu verdanken haben.

Frisecke: Nämlich?

Auguste: Tack!

Frisecke: Was hat der damit zu tun?

Auguste: Mit seiner Güte hat er auf Adolf gewirkt.

Frisecke: Erzählst du mir, Adolf hat aus Tack einen Streithammel gemacht –

Auguste (wütend): Jetzt bist du still! (eindringlich) Sieh mich doch einmal an, Vater. Unser Haus, das schöne Geschäft, keine Sorgen mehr. Sei doch vergnügt, sei's doch einmal. Zeig dich von deiner besseren Seite. Adolf meint es gut. (sie geht, wendet sich wieder und sagt herzlich): Und er ist ja mein Bruder! (exit)

Frisecke (lacht auf): Vorgestern hat sie das noch nicht gewußt. Zu verrückt, und alles auf einen Schlag.

 

Achter Auftritt

Man hört polternde Schritte die Treppe herunterkommen, gleich darauf stürzt Lene in höchster Erregung herein

Lene: Auguste! Fritz!

Kellner (tritt auf): Bitte?

Frisecke: Was denn?

Lene: Zum Arzt, schnell!

Kellner (ratlos): Zu wem? Wohin?

Lene: Tack! Der Doktor!

Frisecke (zum Kellner): Drüben bei Gellings.

Der Kellner exit

Auguste: Um Gotteswillen! Was? Doch nicht –

Lene: Er ist – ich glaube – (sie schluchzt auf)

Frisecke: Was? (stürzt die Treppe hinauf)

Lene: Klopfe an seine Tür – niemand antwortet – öffne – (neues Schluchzen)

 

Neunter Auftritt

Dr. Pistorius und der Kellner treten auf

Dr. Pistorius (zu Auguste): Oben?

Auguste: Ja.

Dr. Pistorius und Auguste, die Lene umfaßt, über die Treppe exeunt

 

Zehnter Auftritt

Hausdiener (tritt auf): Wo brennt's denn?

Kellner: Den Tack hat der Wind ausgeblasen.

Hausdiener: Hin?

Kellner: Ja.

Hausdiener: War doch heute früh noch ganz frisch; aber das ist bei den Lungenpfeifern nicht anders, gerade in den letzten Stunden flackern sie noch einmal hoch.

Kellner: In Spandau im Lazarett war ein Unteroffizier, steht bei mir wie das blühende Leben, spricht von seiner Braut und von seinen beiden kleinen Jungen – im selben Augenblick liegt er da. Fertig.

Hausdiener: Wer weiß, ob er einen schlechten Tausch macht? Der kommt doch sicher ins Paradies. Und von Perleberg geradeaus ins Paradies – da müssen ihm von Rechts wegen die Augen übergehen.

 

Elfter Auftritt

Friesecke und Dr. Pistorius treten auf

Pistorius: Ein Glück für den armen Menschen. Und er hat nichts davon gespürt.

Friesecke: Aber in zehn Minuten sind meine Gäste hier, ein Geheimrat aus Brandenburg und Angehörige; der ist imstande kehrtzumachen, hört er –

Pistorius: Kümmern Sie sich um nichts, lassen Sie mich das besorgen. Es geschieht zu unser aller Vorteil.

Er tuschelt im Hintergrund mit dem Hausknecht und dem Kellner

Kellner: Auch unser eigenes Interesse, Herr Doktor.

Hausdiener: Versteht sich.

Pistorius, der Kellner und der Hausknecht exeunt

 

Zwölfter Auftritt

Auguste (tritt auf): Und wir müssen uns keine Vorwürfe machen, daß die Kammer zu luftig war oder Perleberg vielleicht im ganzen –?

Pistorius: Nein, Frau Frisecke. Gestorben wär der Mann in kurzer Zeit, wo immer. Doch ob er in Madeira, in Ägypten unter denkbar günstigen Verhältnissen bei primissima Pflege nicht dreist noch ein paar Wochen hätte leben können, wer will das entscheiden?

Auguste: Perleberg hat ihm sonst sehr gut gefallen.

Pistorius: Für viele Zustände ist unsere Luft auch geradezu ideal. Für Nervöse beispielsweise. Nur gerade für den seinen – nun ja, wie das so ist.

Frisecke: Und daß ich keine Scherereien habe.

Pistorius: Unbesorgt (exit)

Auguste: Ich bin zerschmettert. Und Lene. Das arme Geschöpf.

Frisecke: Was hatte die dabei?

Auguste: Lieb hatte sie ihn. Daß du das nicht gemerkt hast!

Frisecke: Und dann sage ich: Es war ein Glück, wie es gekommen ist. Denn nie hätte ich meine Einwilligung zu dem Verbrechen gegeben, einen so kranken Menschen zu heiraten.

Auguste: Es war halt ein Traum. Ihr Traum. In die verhaßte Stadt wenigstens muß er nicht zurück. Wir begraben ihn hier, und so bleibt er in seinem geliebten Perleberg.

Frisecke: In Berlin wird ihn niemand reklamieren.

 

Dreizehnter Auftritt

Adolf (tritt auf): Ist's denn wahr?

Auguste: Ja.

Adolf: Mein Gott! Kommt der arme Kerl endlich aus seiner Schulgruft an die Sonne, kommt hierher, und – wozu?

Auguste (zeigt auf Frisecke, der am Fenster steht, hinaussieht, und sagt leise): Sein Herkommen vor seinem unwiderruflichen Tod hatte vielleicht doch einen Zweck.

Adolf: Ich verstehe.

Auguste: Die arme Lene.

Adolf: Sie ist noch jung und kommt schon drüber hinweg.

Auguste: Das Leben ist schwer.

Adolf: Das meinte er nicht.

Auguste: Er war auch besonders gesegnet.

Adolf (von Herzen): Das war er! Und kann ich euch irgendwie behilflich sein, Unannehmlichkeiten ersparen – (zu Frisecke) Brauchst du zu irgend etwas meine Hilfe, Fritz?

Frisecke: Ich danke – für den Augenblick. (er besieht ihn aufmerksam und überrascht)

Adolf: Sonst von Herzen im Sinn des Verstorbenen.

Auguste gibt ihm beide Hände

Adolf: Lebt wohl! (exit)

Frisecke (am Fenster ruft): Da sind sie! Ruft den Kellner, schnell!

Der Kellner tritt auf und stürzt zur Tür hinaus. Eine Glocke schlägt an

Frisecke (zu Auguste): Lene soll aus unserem Wohnzimmer das Bild von Barbarossa noch schnell über des Geheimrats Bett hängen. So etwas heimelt an. (er reißt die Eingangstür auf)

Auguste exit

 

Vierzehnter Auftritt

Geheimer Rechnungsrat Bolke tritt mit Frau und drei Kindern, von denen Frau Bolke das jüngste auf dem Arm trägt, auf

Geheimrat: Geheimrat Bolke aus Pasewalk. Sind meine Zimmer bereit?

Frisecke (sich verbeugend): Alles in bester Ordnung, Herr Geheimrat. Numero sieben und acht.

Der kleine Ernst: Schenk einen Groschen für den Schokoladenautomat, Papa.

Frau Bolke: Still, Ernst. Nachher.

Ernst (brüllt): Ich will Schokolade!

Die beiden Kinder (brüllen): Ich auch Schokolade!

Geheimrat (donnert): Ruhe! Lassen Sie uns die Zimmer anweisen.

Frisecke (zum Kellner): Zeigen Sie den Herrschaften die Räume.

Kellner: Sehr wohl.

Exit mit allen Bolkes im Gänsemarsch

 

Fünfzehnter Auftritt

Frisecke: Ein bißchen geräuschvoll.

Auguste (tritt auf): Was wollten die Kinder?

Frisecke: Schokolade.

Auguste setzt sich vorn an einen Tisch. Frisecke zu ihr

Auguste: Wie gefällt dir nun Adolf?

Frisecke: Ich muß sagen – du scheinst fast recht zu haben.

Auguste: Siehst du! Endlich Ruhe und Frieden.

Frisecke (nach einer Pause langsam): Doch sollte ich sagen, daß mir alles so besser gefiele, – müßte ich lügen.

Auguste (empört): Du bist doch aber –!

Frisecke (sehr ruhig): Ich bin so.

Ende

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