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Perleberg

Carl Sternheim: Perleberg - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titlePerleberg
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Zweiter Aufzug

Hof des Gasthauses mit einer jungen Kastanie und ein paar Blattpflanzen

Erster Auftritt

Tack (auf der Bank unterm Baum beim Frühstück): Das war seit Ewigkeiten endlich einmal ein Schlaf und seliges Erwachen!

Auguste (tritt auf): Guten Morgen. Wie war die erste Nacht, Herr Tack?

Tack: Geschlafen in einem Ruck zum Morgen.

Auguste: Das freut mich. Der Kaffee?

Tack: Außerordentlich mit purem Honig. Wie im Traum bin ich. Hier bleiben dürfen – nicht mehr zurück müssen – da würde man gesund. Sie wissen nicht, wie gut Sie's haben.

Auguste: Nun –

Tack: Ahnen von Krankheit nichts.

Auguste: Gesund sind wir Gott sei Dank.

Tack: In solcher Erzluft! Wollen Sie glauben, ich schmecke sie wie einen Leckerbissen. (er atmet tief) Sie lachen, wissen nicht, was es heißt, des Lebens größtes Teil mit vierzig anderen Geschöpfen in einem Raum zu verbringen; hat's draußen geregnet, und die Nässe verdunstet.

Auguste: Luft haben wir wirklich genug.

Tack: Als sagt ein Millionär zum Bettler: Geld hab ich reichlich. Die Hauptsache!

Auguste: Man will wohl auch noch anderes.

Tack: Täglich Brot und Frieden. Beides haben Sie dazu im Überfluß.

Auguste. Mit der Bedienung sind Sie zufrieden?

Tack: Sehr. Ein freundliches Mädchen.

Auguste: Meine Nichte. Das Personal tritt erst abends an. Es ist noch früh in der Saison.

Tack: Ich mußte auf der Stelle fort. Meine Brust ist angegriffen. Der Arzt meinte, es sei wahrscheinlich höchste Zeit. Neulich um geringfügige Aufregung erlitt ich einen Anfall, der mich fast getötet hätte.

Auguste: Hat der Doktor Ihnen Perleberg empfohlen?

Tack: Nicht geradezu. Da aber in den märkischen Heilstätten ein Platz nicht zur Verfügung stand, und die mir gewährten Mittel bescheiden sind, einigten wir uns auf Perleberg, als wir die Annonce lasen. (er zeigt auf Kramers Haus im Hintergrund) Gehört das Haus zum Hotel?

Auguste: Meinem Bruder.

Tack: Wie schön, Haus an Haus mit denen zu leben, die man von Jugend auf liebt. Aber ich habe Herrn Frisecke noch keinen guten Morgen wünschen können.

Auguste: Er ist – ist ein Stündchen länger liegen geblieben. Fühlt sich nicht wohl.

Tack: Doch nichts von Bedeutung?

Auguste: Nein, gleich wird er hier sein. Wollen Sie spazieren gehen? Die schöne Allee nach Wusterwitz hinunter oder in den Wald nach Ganthe?

Tack: Erst will ich's mir hier ein Stündchen mordsmäßig wohl sein lassen. Ich habe Ruhe so dringend nötig.

Auguste: Ich muß in die Küche. Stört Sie's nicht, schicke ich Ihnen die Lene. Sie liest Erbsen und leistet Ihnen dabei Gesellschaft.

Exit

Tack dehnt sich wohlig, bekommt dabei aber einen Hustenanfall, von dem er sich noch erholt, als Lene auftritt

 

Zweiter Auftritt

Lene: Ach Gott!

Tack: Der abscheuliche Husten! Er ist schon vorüber.

Lene: Auch in der Nacht haben Herr Tack gehustet. Ich schlafe neben Ihnen, und die Wand ist dünn.

Tack: Da will ich mich in Zukunft vorsehen.

Lene: Es stört mich nicht. Nur ungeniert. Es tat mir aber leid.

Tack: Hier will ich mich schon erholen.

Lene: Sie müssen sich pflegen, tüchtig und energisch essen.

Tack: Ich esse nicht viel.

Lene: Das sollten Sie; sind doch so dünn.

Tack: Ich darf mich nicht verwöhnen.

Lene: Tante wird es schon machen. Sie tun ihr leid. Suppe, Gemüse und Milch müssen Sie reichlich haben. Mögen Sie Erbsen?

Tack: Sehr. Aber in Berlin ist frisches Gemüse nicht billig.

Lene: Fleisch ist teurer.

Tack: In Anbetracht der enthaltenen Nährstoffe nicht.

Lene: Ich mag kein Fleisch.

Tack: Die armen Tiere, die sterben müssen, uns zu ernähren?

Lene: Es würden schließlich doch zu viele werden, blieben sie alle am Leben.

Tack (lacht): Gewiß.

Lene: Früher hatte ich Angst vor einem Lehrer. Wir hatten einen furchtbaren. Bärmann hieß er und hat uns oft geschlagen. Darf ein Lehrer das überhaupt?

Tack: Und dürfte er's, er braucht's nicht.

Lene: Gelernt haben wir aber doch nichts.

Tack: Machte es Ihnen keinen Spaß?

Lene: Nein. Was er erzählte, war lächerlich. Aber Knallerbsen haben wir geworfen und Juckpulver gestreut, das er sich ins Gesicht rieb. (sie lacht ausgelassen) Es war prachtvoll!

Tack: Es müssen amüsante Stunden gewesen sein. Aber auch sonst gibt's Dinge, die interessant sind, daß die Blumen zum Beispiel (er zeigt auf den Strauß in der Tischmitte) darum bunt sind, damit Schmetterlinge im ewigen Grün sie finden, ihre Nahrung aus ihnen nehmen und auf sie den Samen fernstehender, männlicher Blüten übertragen.

Lene: Sind sie darum bunt?

Tack: Dachten Sie, des Menschen Auge zu erfreuen? Nein. So webt Natur alles ineinander. Wie wir beiden dieses Baumes Hauch atmen, und er dafür unseren Atem trinkt.

Lene: Er – unseren Atem? (sie haucht gegen den Wipfel des Baumes und sieht dem Wölkchen nach)

Tack: Wie einer für den anderen und durch den anderen lebt, in einem Geist, zu einem Ziel. Nicht nur über uns Menschen, mit aller Welt des Schöpfers Liebe. (er hustet wieder, erholt sich aber schnell und sagt mit leuchtenden Augen) Tausendfach schön ist das Leben! Seh ich in die Zweige und weiß, was oben in jedem Augenblick wird und vergeht –

Er sieht hinauf. Lene folgt seinem Blick

 

Dritter Auftritt

Friesecke (tritt auf und sieht in den Baum): Was gibt's da oben?

Tack: Tausend Wunder.

Friesecke: Zum Beispiel?

Tack: Fräulein Lene soll's Ihnen sagen.

Friesecke (zu Lene): Also?

Lene (befangen): Ich weiß nicht.

Friesecke: Machen Sie uns das Kind nicht zu gebildet, Herr Oberlehrer. Wir kämen sonst mit ihr nicht mehr mit.

Tack: Ich bin nicht Oberlehrer, Herr Frisecke.

Friesecke: Mir ist's so mundrechter, Herr Oberlehrer. Es gefällt Ihnen bei uns?

Tack: Wem sollte es hier nicht gefallen? Dieser Friede! Nichts vom Hasten der Stadt, wo man stets aller Welt zurufen möchte: Laßt euch Zeit!

Friesecke: Nicht wahr, sie sollen sich Zeit lassen und Frieden halten. Dabei fällt mir ein: Lene, paß auf, ob Adolf ausgeht, und wer zu ihm kommt. (zu Tack) Und so idyllisch!

Tack: Hier spürt man Leben!

Friesecke: Und lebt billig. Wollen Sie in den Wald nach Ganthe, zeige ich Ihnen den Weg. Nur schnell hinein, zur Mutter muß ich noch. (leise zu Lene) Und du paß auf!

Exit

Tack: Sehen Sie das Meisenmännchen, das seinen Jungen Nahrung bringt? Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben! Die Schwalben dort schreien; ein Raubvogel ist in der Nähe, und sie verhöhnen ihn, denn er kann sie, die schneller fliegen, nicht fangen. Sie warnen die anderen Vögel: der Feind ist da! Unsere Meise bleibt jetzt schön zu Haus. Stundenlang könnte ich sitzen und schauen. Warum sollte ich in den Wald nach Ganthe?

Lene: Ich wußte gar nicht, daß Perleberg so schön ist.

Tack: Und ahnen noch nicht, wie schön es ist. Dazu braucht's Zeit. Sind wir erst länger beieinander, sollen Sie es erfahren.

Lene: Das wäre schön. (sie klatscht in die Hände)

Tack (auf einen Fremden deutend, der am Zaun vorübergeht): Ist das Herr Adolf?

Lene: Nein. – Erzählen Sie all das auch Ihren Schülern?

Tack: Soviel sie davon verstehen können. Und dann leuchten die Augen wie – Ihre jetzt.

Lene: Ich hätte das nicht gedacht.

Tack: Was?

Lene: Daß Sie so sind.

Tack: Sehe ich nicht so aus?

Lene: Nein, (sie sieht ihn frei an): Doch, Sie sehen so aus. Aber daß Sie krank sind!

Tack: Hier wird es schnell besser.

Lene: Wann haben Sie Geburtstag?

Tack: Am sechzehnten Mai.

Lene: Am zwölften Juli ich. Da bin ich achtzehn Jahre alt.

Tack: Erst achtzehn?

Lene: Scheine ich älter?

Tack: Bedeutend. Fünfundzwanzig etwa.

Lene: Das ist möglich. Ich will nun hinein.

Tack (befangen): Ja.

Lene: Gehen Sie jetzt auch?

Tack: Ja.

Lene: Ich gehe.

Exit

Tack: Wie ist hier alles wunderbar, verwunschen!

 

Vierter Auftritt

Friesecke (tritt auf und sagt mit Beziehung auf Kramer): Der kommt heut gar nicht aus seinem Bau. (zu Tack) Wie ist's mit uns?

Tack: Wenn Sie mögen –

Friesecke: Weit kann ich Sie nicht begleiten. Der Oberkellner aus einem ersten Pasewalker Haus kommt mit dem nächsten Zug. Spricht drei Sprachen; aber das braucht man heutzutage.

Tack: Bedienung ist im Pensionspreis mit einbegriffen, Herr Frisecke?

Auguste (tritt auf): Ich dachte Herrn Tack über alle Berge.

Friesecke (leise zu ihr): Sahst du Adolf?

Auguste (scharf): Nein, (zu Tack) Scheuen Sie Sonne auf der Chaussee?

Tack: Ich Sonne? Nach der ich mich zwischen steilen Häusern so oft gesehnt? Sie soll im Gegenteil die Hauptheilquelle sein und hat ihre Pflege an mir begonnen. Schau ich nicht schon besser aus?

Auguste: Vielleicht.

Tack: Das macht Perlebergs profunder Frieden. Zärtliche Stille, die mich umgibt. Nirgends Ahnung eines Streits, Zanks.

Auguste: Zank gibt's wohl überall.

Tack: Hier nicht. Hier auf mein heiliges Wort nicht Frau Frisecke.

Draußen marschieren Knaben mit ihrem Lehrer singend vorbei:

Was frag ich viel nach Geld und Gut,
Wenn ich zufrieden bin.
Gibt Gott mir nur gesundes Blut,
Dann hab ich frohen Sinn.
Und sing aus dankbarem Gemüt
Mein Morgen- und mein Abendlied.

und sind verschwunden

Tack: Da haben Sie's: Wenn ich zufrieden bin. Frieden und eine so übermäßig gesegnete Natur. Das halt ich nicht aus, da muß ich ein Stück mit. Bleiben Sie, bleiben Sie nur!

Exit

 

Fünfter Auftritt

Friesecke (sieht ihm nach): Das ist mal ein kurioser Bursche!

Auguste: Warum kurios?

Friesecke: Wie der für Perleberg schwärmt.

Auguste: Ist's vielleicht nicht schön hier? Weite Felder, auf denen Sonne liegt.

Friesecke: Ich sage nichts dawider. Kommen erst mehr Gäste, kann uns der Mann geradezu nützen. Der wird's ihnen schon zeigen, was hier los ist. Wüßte ich nur, was ich zu Adolfs Röhren meinen muß?

Auguste (hat Tacks Geschirr zusammengeräumt): Gegessen hat er nicht viel. Soll aber essen.

Friesecke: Was du dem zulegst, bringt er uns durch seine fanatische Begeisterung wieder ein.

Lene (tritt auf): Die Post!

Gibt Friesecke die Briefe

Auguste: Bist du mit den Erbsen fertig?

Lene: Ja. Ich bringe Herrn Tacks Zimmer in Ordnung. Nehme ihm Blumen in das Töpfchen aufs Fensterbrett mit.

Exit

Friesecke: Auguste! Hier schwarz auf weiß: Geheimer Rechnungsrat Polke aus Brandenburg mit fünf Personen bestellt Zimmer für nächsten Sonntag.

Auguste: Allmächtiger!

Friesecke: Ein Geheimrat in Perleberg! (er schwingt den Brief wie eine Fahne gegen Adolfs Haus) Ein Geheimrat, Schwager, was willst du noch?

Auguste: Das ist überwältigendes Glück. Angst bekommt man ordentlich.

Friesecke: Inklusive!

Auguste: Da ist noch eine Karte. Lies.

Friesecke: »Für Sonntag Zimmer mit einem Bett, Fräulein Elsbeth Treu.«

Auguste: Das ist zuviel!

Friesecke: Wird doch ein anständiges Mädchen sein, die Treu? Halbwelt und Kokotten mag ich in einem erstklassigen Hotel nicht. Im Vertrauen, Mutter, es geht zu schnell. Sind wir auf solchen Massenbetrieb eingerichtet, kann da ein Kellner genügen?

Auguste: Zur Not bist du auch da.

Friesecke: Als erstklassiger Hotelier muß ich mich zurückhalten.

Auguste: Aber ich darf in der Küche stehen. Mach dich nur nützlich.

Friesecke: Wollen wir dem Betrieb Relief geben –

Auguste: Das Ding hat durch mein Essen Relief. Und Adolf gegenüber Ruhe und Haltung!

Friesecke: Aus Bronze bin ich. Matter, aus Beton.

Auguste mit Tacks Geschirr exit

Friesecke (schwingt wieder den Brief gegen Kramers Haus): Mit dem Geheimrat ramme ich dich in den Grund.

 

Sechster Auftritt

Adolf (tritt aus Friseckes Haus auf): Was schwingst du da?

Friesecke: Dem Oberlehrer winke ich nach.

Adolf: Du scheinst aus dem Häuschen?

Friesecke: Man hat Grund.

Adolf: Mach dich mit einem Gast nicht lächerlich.

Friesecke: Morgen Sonntag haben wir das Haus voll. Unter anderem –

Adolf: Wen?

Friesecke: Fünf Personen mit einem Geheimrat aus Brandenburg.

Adolf: Nein?

Friesecke (gibt ihm den Brief): Bitte.

Adolf (liest): Schön.

Friesecke: Wer?

Adolf: Schön.

Friesecke: Was? Warum schön?

Adolf: Für dich, für uns.

Friesecke: Für dich auch?

Adolf: Am allermeisten für mich doch schön.

Friesecke: Für dich?

Adolf: Ich sagte ja: Die Idee ist gut und gelingt sie, besser. Doch nur du passest nicht in den Kram. Daß du einstweilen Gäste herziehst. –

Friesecke: Dagegen hast du nichts?

Adolf: Nicht das geringste. Ist die Sache hier in Gang gebracht, mach ich sie dir abspenstig.

Friesecke: Das ist unerhört!

Adolf: Ich sage schlank die Wahrheit.

Friesecke: Hast du etwa die Absicht?

Adolf: Ja, ein Hotel dicht neben dem deinen zu bauen, und dann wird es darauf ankommen, wer am meisten bietet.

Friesecke: Das tust du nicht!

Adolf: Will sehen, wer mich daran hindert.

Friesecke: Weißt du, was du bist?

Adolf: Dir über, Fritz, (nach einem Augenblick) Und nun erst die Hauptsache: Erinnerst du dich der Quelle in meinem Gärtchen, des munter sprudelnden Wassers?

Friesecke: An nichts erinnere ich mich!

Adolf: Da war hinten am Rondell ein Quellchen, ein winziges Ding. Manchmal lief's, oft tropfte es nur. Ich hatte mich nie darum gekümmert. Als ich nun von deinem Plan erfuhr und gleich beschloß, er müsse mir zugute kommen, sah ich mich tun, was in Perleberg für den Kundenfang verwendbar wäre und kam durch einen Zufall auf das Wasser. Wo es aus der Erde bricht, frißt es das Gestein an. Es mußte also Stoffe enthalten, konnte nicht schlichtes Pumpenwasser sein. Ich nahm ein Pröbchen, ließ es durch einen Gerichtschemiker untersuchen, und heute morgen kommt das amtliche Attest. Lies einmal!

Friesecke: Ich lese nicht!

Adolf: Dann paß auf: »Die mir unter dem 10. April des Jahres zugesandte Wasserprobe stellt sich als aus einer kohlensauren Solquelle stammend dar. Sie enthält auf hundert Teile Wasser an festen Bestandteilen:

0,132 g Sole.
0,0524 g kohlensaures Magnesium,
0,016 g chlorsaures Magnesium.
0,018 g schwefelsaures Soda.
0,056 g Lithium, Nitrat und Schwefelsäure.
Zusammen: 0,574 g feste Bestandteile.

Friesecke (mit offenem Mund): Was?

Adolf: Perleberg ist Solbad ganz einfach.

Friesecke: Hinaus!

Adolf: Was?!

Friesecke (brüllt): Hinaus! Solche Niedertracht! Jetzt verstehe ich die Rohre. Baumbachs Röhren. Ein Badehotel willst du aufmachen?

Adolf: Richtig.

Friesecke: Er sieht seiner armen Schwester Aussicht, ein paar Pfennige zu verdienen – ruht der Kerl nicht, bis er eine Heilquelle findet.

Adolf: Sie war vorhanden.

Friesecke: Du bist ein – –!

Adolf: Keine Geldverschwendung! Beleidigungen kosten. Beruhige dich. Der Himmel kann mir –

Friesecke: Der Himmel hat mit dir nichts zu schaffen.

Adolf: Also gab mir ein Zufall das Übergewicht. Denn wer wird bei dir wohnen wollen, kann man in meinem Haus auch baden? Nun liegt mir an verwandtschaftlichen Zwistigkeiten nichts, und weil ich den Neubau sparte, da ich mein Haus ausschließlich als Badehaus benutzen will, biete ich für dein Grundstück – fünfundsechzigtausend Mark. Du verdienst zehntausend Mark, (da Frisecke nicht antwortet) Nun?

Friesecke: Den Neubau willst du sparen? Wohin dachtest du denn den?

Adolf: Unmittelbar an mein Haus.

Friesecke: In den Garten? Werden die wenigen Quadratmeter reichen? Nicht gerechnet, du zerstörst Perlebergs einziges halb Dutzend schattige Bäume.

Adolf: Über die Straße.

Friesecke: Das, wäre für die Gäste wieder nicht bequemer als wohnten sie bei mir.

Adolf: Und sollte ich einen Gang unter der Erde zu mir hinüberbauen, ich mach es schon.

Friesecke: Nur zu!

Adolf: Du kennst mich.

Friesecke: Doch du mich nicht, scheint's. Als ein ganz Teil scharfsinniger entpuppe ich mich, als du vorausgesetzt. Für deine Quelle zum Beispiel beginne ich eine ausgesprochene Sympathie zu fühlen.

Adolf: Ich wiederhole mein Angebot.

Friesecke: Daran kann dich niemand hindern.

Adolf: Du willst nicht?

Friesecke: Bin weit entfernt.

Adolf: Zum letztenmal?

Friesecke: Nein.

Adolf (außer sich): Aber das sage ich dir: und muß ich selbst dabei zum Bettler werden, dich ruiniere ich! (er schreit) Zehntausend Mark sollst du verdienen!

Friesecke: Ich mag nicht.

Adolf: Du –!

Friesecke: Beleidigungen kosten. Spar Geld, Adolf!

 

Siebenter Auftritt

Auguste (tritt auf): Was gibt's wieder?

Friesecke: Wir plaudern. Er will uns von neuem ein bene tun.

Auguste (zu Frisecke): Sei jetzt mal still.

Friesecke: Zehntausend Mark sollen wir auf einen Schlag verdienen. Ist's wahr, Adolf?

Auguste: Geh hinein. Dein Frühstück, Eier mit Speck, wartet. Wir beiden reden inzwischen hier ein Wort und kommen später zu dir.

Friesecke (leise zu ihr): Aber gegeben habe ich's ihm! Er ist mürbe. Laß ihn nicht aus den Fingern, (er winkt Adolf zu) Bis gleich!

Exit

 

Achter Auftritt

Auguste: Soll Zank und Streit nicht aufhören?

Adolf: Solange der bissige Kerl da ist, nicht. Hör zu – vielleicht ist mit dir ein Wort zu reden: in meinem Garten die Quelle ist eine Heil-, eine Solquelle.

Auguste: Das ist nicht möglich –

Adolf: Steht, chemisch untersucht, fest. Das könnte Perleberg auf die Beine helfen, seid ihr beiden fort und ist das einzige Hotel in vernünftigen Händen.

Auguste: Frisecke ist nicht so schlimm.

Adolf: Mit jedem Gast bekommt er Auseinandersetzungen, ich schwör dir's.

Auguste: Mit dem ersten verträgt er sich zum Beispiel ausgezeichnet.

Adolf: So wäre das ein Heiliger. Frisecke jagt die Leute fort, ruiniert mir die Quelle.

Auguste: Du mußt dir die Sache einmal aus unserer Lage besehen: Vier Jahre haben wir das Haus, und es brachte nicht die Zinsen vom Kapital.

Adolf: Ich biete euch zehntausend Mark Verdienst.

Auguste: Es ist nicht nur das Geld, Adolf. Solange saßen wir traurig, daß es nicht geht; nun wollen wir Freude an der Arbeit haben und daran, daß wir vorwärtskommen.

Adolf: Mit eurem vergrößerten Vermögen könnt ihr anderswo Neues anfangen.

Auguste: Wir hängen an Perleberg.

Adolf: Gestern schimpftet ihr darauf. Angermünde sei schöner.

Auguste: Angermünde ist auch schön. Doch hänge ich an Perleberg. Merk ich's doch, denke ich, ich soll fort.

Adolf: Aber hier gibt es nichts Besonderes.

Auguste: Ich finde es, alles in allem, herrlich!

Adolf (nach einem Augenblick): Es geht mit Frisecke nicht. Sagt der Gast ein reklamierendes Wort, fährt er ihm übers Maul, und ist's ein Geheimrat.

Auguste: Du irrst. Er bringt uns schon Umgang und verbindliche Redensarten bei.

Adolf: Euch bringt er sie bei, und er gebraucht sie nicht. Laß ich mich jetzt auf die Badegeschichte großzügig ein, lege ich mein ganzes Vermögen fest, und wahrscheinlich geht es noch über die eigenen Kräfte. Und hinterher soll ich in so heikler Situation von der Höflichkeit deines Mannes zu seinen Gästen abhängig sein? Unmöglich!

Auguste: War er manchmal grob gegen die Bauern. –

Adolf: Gast ist Gast. Wes Geld ich nehme, des Lied ich singe. Vorgestern hat er den Brand vor mir ein Rindvieh ins Gesicht genannt.

Auguste: Der hat's ihm nicht übelgenommen.

Adolf: Weil er wirklich eins ist. Doch gehört sich's nicht und birgt den Keim zu Katastrophen.

Auguste: Wir sind Geschwister. Und es könnte Haus an Haus schön sein.

Adolf: Und ist die Hölle, solange dein Mann da ist. Auf dich hört er nicht, obwohl dir das Geld gehört, und du ihn hinauswerfen könntest. Da ist keine Hoffnung.

Auguste: Und ich sage ja, Adolf.

 

Neunter Auftritt

Tack tritt vor dem Zaun mit Adolfs beiden Kindern auf

Das kleine Mädchen (auf Adolfs Haus zeigend): Hier wohnen wir.

Der Junge (weint): Ich habe Angst, Mutter schlägt mich.

Tack: Soll ich mit zur Mutter gehen?

Der Junge: Ja!

Das Mädchen: Bitte! Wir haben auch einen Salon.

Adolf (zu Auguste): Ist das euer Oberlehrer?

Auguste: Herr Tack.

Adolf: Karlemann, Grete, hierher!

Das Mädchen: Vater! (auf ihn zu)

Der Junge (klammert sich weinend an Tack): Mitkommen, ich habe Angst!

Tack: Sei still, ich bin bei dir.

Das kleine Mädchen: Karlemann hat Schulstrafe bekommen, muß nachsitzen, Vater.

Tack (hebt ihr den Kopf): Aber, Grete! (zu Adolf) Tack ist mein Name, bin Lehrer. Mit Bewilligung des Kollegen hörte ich der Stunde zu. Das Kind ist nicht faul. Es gibt sich Mühe, ist aber im gewöhnlichen Sinn wenig begabt.

Adolf: Dann muß Herr Arndt Rücksicht auf ihn nehmen. Übrigens habe ich das nicht bemerkt.

Tack: Fraglos fällt es ihm schwer; ich irre nicht. Auf seine Einbildung wirkt alles tiefer als auf Kinder sonst. Und geht ihm darum schwerer ein.

Adolf (zu den Kindern): Lauft zur Mutter, sagt, ich komme gleich.

Der Junge (weinend zu Tack): Mitgehen!

Tack: Ohne Furcht, kleiner Mann, Mutter tut dir nichts.

Adolf (zu Grete): Du sagst bestimmt nichts von seiner Strafe. Marsch!

Auguste: Ich mach's schon.

Die Kinder exeunt mit Auguste

Tack: Strafe verstünde er nicht. Wofür, denkt er? Der Lehrer sagte: die Hauskatze. Tief prägt er sich's ein: die Katze. Bilder entstehen: seine Katze, Katze und Maus, der gestiefelte Kater und Gleichnisse. Inzwischen sind die anderen weitergegangen. Er noch nicht. Weiß von dem Folgenden nichts. Strafe! Wofür, denkt er?

Adolf: Er soll gefälligst mitgehen.

Tack: Er kann nicht. Es packt ihn das einzelne zu stark. Alles ist ihm ein Wunder, das er deutlich ansehen, sich einbilden muß.

Adolf: So?

Tack: Und wissen Sie, daß mir solche Seelen die liebsten sind?

Adolf: Wirklich?

Tack: Es sind die, mit denen man rechnen kann, kommt das Außergewöhnliche im Unterricht: Kreuzzüge, der Herr Jesus. Sie glauben am leichtesten und sind im Leben später nicht die Schlechtesten. Die Besten vielleicht; bestimmt die Glücklichsten mit ihrer Gewißheit einer besseren Welt hinter der zufällig sichtbaren, und Haß, Neid und Streit, unsere niedrigen Sorgen bleiben ihnen fern.

Adolf: Da müßte man für den Bengel sich ja beinah freuen, wäre seine Art fürs Leben nicht so unpraktisch.

Tack: Er hat sie doch wohl von Ihnen.

Adolf: Vielleicht war ich einmal so; jetzt bin ich anders.

Tack: Man ändert im irdischen Leben himmlische Natur nicht.

Adolf: Sie wird geändert. Wo man Frieden will, tritt einem immer von neuem Niedertracht entgegen. Endlich nimmt man davon an.

Tack (lächelt): Nein.

Adolf: Wie einen böse Menschen reizen, wissen Sie nicht.

Tack: Doch ändert man sie nicht, macht man's wie sie, sondern indem man ihnen zeigt, sie erreichen uns nie und nimmer. Sonst hätten Dummheit und Niedertracht einen Einfluß auf die Entwicklung der Welt, den Sie in den Resultaten nicht nachweisen können. Nirgends ließ sich Natur von höchster Vernünftigkeit durch solche Einflüsse ableiten und zu Unklugheiten führen.

Adolf (betroffen): Zu Unklugheiten?

Tack: Solche Triebe machen blind. Unternehme ich etwas, einem anderen zu schaden, laß ich mich und mein wirkliches Interesse bei dem Vorhaben zu sehr aus dem Auge, als daß sich der Streich und meine Schadenfreude später nicht an mir rächen sollte.

Adolf: Man stürzt sich in Dinge, denen man aus eigener Kraft nicht gewachsen ist, meinen Sie?

Tack: An Stelle der Vernunft tritt ein Chaos dumpfer Absichten.

Adolf (für sich): Es ist gewaltiges Risiko dabei und wäre auf zwei Schultern besser verteilt.

Tack: Bosheit untergräbt den Erfolg. Man braucht nur um sich zu schauen, um gegen die Versuchung Sieger zu bleiben.

Adolf: Vielleicht ist Frisecke zur Vernunft zu bringen.

Tack: Denn überall lehrt die Schöpfung edle und große Motive, (er bekommt einen Hustenanfall)

Adolf: Sie scheinen tüchtig mitgenommen zu sein. Setzen Sie sich doch. Sie sind ja völlig entfärbt.

Tack: Bei meinen Worten wurde ich warm, und hier ist's kühl.

Adolf: Wir haben Südost heute.

Tack: Es ging vorbei.

Adolf: Hand und Fuß hatte, was Sie sagten. Ich habe für eigene Dinge entscheidend profitiert. Besten Dank, Herr Tack. Und nun will ich zu Tisch.

Tack: Grüßen Sie Karlemann.

Adolf: Sorgen muß man sich um den Schlingel nicht machen?

Tack: Geduld sollen Sie mit ihm haben.

Adolf: Mahlzeit! (gibt ihm die Hand)

Exit

Tack (setzt sich unter den Baum und sagt leise): Karlemann, kleiner.

 

Zehnter Auftritt

Lene (tritt auf): Wir essen im Augenblick, Herr Tack. Wollten Sie sich ein wenig zurechtmachen? Aber wie sehen Sie aus! Waren Sie spazieren?

Tack: Die Kinder kamen vorbei. Da habe ich sie zur Schule gebracht und einer Stunde beigewohnt

Lene: Dafür sind Sie hergekommen?

Tack: Nur ist's so prachtvoll, Fräulein Lene, die kleinen Gesichter aufhorchen zu sehen. Man kann ja alles in ihre Seelen legen, alles aus ihnen machen.

Lene: Doch hier sollten Sie ausruhen.

Tack: Tritt der Versucher zu uns –

Lene: Schon sehnen Sie sich in Ihre Klasse zurück.

Tack: Nicht in die Stadt, um Gottes willen! Aber her sehne ich Kinder. Hier mit ihnen durch Felder gehen, ihnen, wie herrlich die Welt der Schöpfer in jedem Halm ist zeigen dürfen, wie fruchtbar Sonne in jedem Strahl. Zu sehen, daß es Menschen werden, die ihren Gott begreifen, den man ihnen allenthalben beweisen kann – das hieße Leben, ein heiliges Leben!

Lene starrt ihn mit offenen Augen an

Tack: Sehe ich wieder elend aus?

Lene: Nein, nein –

Tack: Wie ein Riese fühle ich mich. Kräftig und von Grund auf wohl.

Exeunt

 

Elfter Auftritt

Friesecke (tritt auf und sieht sich im Hofraum um): Drei, vier, sechs Tische. Rechnen wir zu jedem Tisch drei Stühle – sagen wir Platz für zwanzig Personen.

Adolf (tritt auf): Hast du einen Augenblick Zeit?

Friesecke: Du willst wohl zwölf tausend Mark geben?

Adolf: Nichts will ich geben. Ich habe mir's überlegt du sollst dein Haus behalten.

Friesecke: Vor einer Stunde schwurst du mir noch Untergang, und solltest du selbst zum Bettler werden.

Adolf: Daran liegt mir nun nichts mehr.

Friesecke: Was willst du jetzt?

Adolf: Ich sagte ja, du behältst dein Hotel. Und bist du vernünftig und hältst dich im Zaum –

Friesecke: Spar Ermahnungen!

Adolf: Magst du von meinem Vorteil, der Quelle, profitieren.

Friesecke: Von meinen Gästen du?

Adolf: Einer vom andern.

Friesecke: Und du willst nicht alles für dich?

Adolf: Ich spreche deutlich: die Gäste sollst du mir nicht vor den Kopf stoßen. Das ist alles, was ich von dir verlange. Verstehst du?

Friesecke: Nein.

Adolf: Was noch nicht?

Friesecke: Was dich veranlaßt.

Adolf: Vernunftgründe.

Friesecke: So plötzlich? Vor einer Stunde war davon noch nicht die Rede.

Adolf: Ich kalkulierte; würde mich zu hoch engagieren.

Friesecke: Hm!

Adolf: Einverstanden? Der ewige Streit soll endlich einmal ruhen.

Friesecke: Hm!

Adolf: Wir sind Verwandte und sollen einander in die Hände arbeiten. Verstehen wir uns, bringen wir drei Viertel alles Geldes, das herkommt, in unsere Taschen.

Friesecke: Das ist soweit richtig –

Adolf: Wieweit?

Friesecke: Nur so plötzlich.

Adolf: Herrgott, ich besann mich!

Friesecke: Schon gut.

Adolf: Also eingeschlagen! (hält ihm die Hand hin) Die Streitaxt wird begraben, es qualmt die Friedenspfeife.

Friesecke (schlägt ein): Meinetwegen. Aber besser wollen wir die Sache schriftlich machen.

Adolf: Was schriftlich?

Friesecke: Das eine und andere. Daß später keine Meinungsverschiedenheiten kommen.

Adolf: Aber – – Gut! Vielleicht ist's gar nicht unvernünftig.

Friesecke: Das will ich meinen.

Adolf: Wann?

Friesecke: Nach Tisch oder morgen früh.

Adolf: Morgen früh.

Friesecke: Noch besser Sonntag erst. Ich will mir die Paragraphen gründlich überlegen.

Adolf: Da bin ich neugierig, was das werden wird. Doch sind wir prinzipiell einverstanden und handeln fortan auf Treu und Glauben.

Friesecke: Gut.

Adolf: Dann Mahlzeit. Und grüß Auguste; sag, wir kommen zum Kaffee und einem Streuselkuchen.

Exit

 

Zwölfter Auftritt

Augustes Stimme: Zu Tisch, Fritz!

Friesecke: Was der Vampir wieder im Schild führt? Aber irre dich nicht, wir sind auf Posten. Und mit dem formulierten Kontrakt gehe ich zum Rechtsanwalt, dem geriebensten Rechtsfuchser. Vernunftgründe? (er droht mit der Faust gegen Adolfs Haus) Warum nicht gleich Nächstenliebe?

Augustes Stimme: Zu Tisch!

Friesecke (drohend): Betrüger, Blutsauger! Einlullen willst du uns, meinst, wir warten geduldig, bis du uns den Hals umdrehst. Doch es wendet sich das Blatt der Weltgeschichte. Frisecke kommt dir zuvor. Jetzt – paß auf – jetzt sollst du mich mal kennenlernen!

Vorhang

 

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