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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Endlich erfuhr ich von einer jungen Sklavin, der einzigen auf deren Treue Kallippe ein unumschränktes Vertrauen setzte, daß ihre Gebieterin nichts sehnlicher wünsche als mich zu sprechen, indem sie mir Sachen von der größten Wichtigkeit zu entdecken hätte. Bey einer solchen Übereinstimmung unsrer Wünsche war es nur noch um die Ausführung, nehmlich um eine geheime Zusammenkunft zu thun , die aber, in der Lage worin sich Kallippe befand, nothwendig so behutsam veranstaltet werden mußte, daß weder ihr Mann noch die Nachbarn noch die übrigen Hausgenossen auch nur die leiseste Ahndung davon haben könnten. Auch hier fehlte es nicht an meinem guten Willen: aber wenn Kallippe und ihre Sklavin nicht erfindsamer oder dreister als ich gewesen wären, so möchte es wohl immer dabey geblieben seyn; denn selbst das gewöhnlichste, was in solchen Fällen zu thun ist, kam mir gar nicht in den Sinn. Dafür ließ ich mich desto williger von der weiblichen Klugheit leiten; und so wurde endlich, nachdem verschiedene andere Vorschläge als gefährlich oder unthulich verworfen worden, beschlossen, daß man eine kurze Abwesenheit des Menekrates benutzen wollte, um mich in der Stille der Nacht durch eine kleine Gartenthür in ein Kabinet zu bringen, wo ich meine Base finden würde.

Lucian. Natürlicher Weise gewinnt die Sache unter allen diesen Umständen eine ganz andere Gestalt; und doch, wenn der Zufall gegen uns ist, nehmen weder die Gesetze noch die Welt auf solche Umstände Rücksicht.

Peregrin. Nur zu wahr. Aber für mich gab es keine Gesetze; oder vielmehr, da ich mein Gesetz in mir selbst hatte, so dachte ich nicht an die Gesetze von Parium. Und was ist das Urtheil der Welt einem Menschen, der nach dem Beyfall höherer Zeugen strebt, die seinem innern Auge so gegenwärtig sind, als ob sie auch dem äußern sichtbar wären! Ich dachte nichts als eine Pflicht zu erfüllen, und in der Wahl der Mittel mich bloß der Nothwendigkeit zu unterwerfen, der die Götter selbst unterthan sind.

Lucian. So weit begreife ich alles. Was mich wundert ist bloß, ob ich den Erfolg errathen habe oder nicht. Die Gelegenheit ist eine gefährliche Versucherin, und ich glaube aus Erfahrung zu wissen, was in solchen Fällen möglich oder unmöglich ist.

Peregrin. Die Schlüsse, die man aus seinen eignen Erfahrungen auf das, was andere in ähnlichen Fällen gethan haben oder thun werden, macht, sind schon trüglich; wie sehr müssen es erst die seyn, die man von dem was meistens geschieht, auf das was möglich ist, macht! Indessen zweifle ich keinen Augenblick, lieber Lucian, daß ich mit einer Art von Gewißheit sagen könnte, wie Du dich an meiner Stelle aus der Sache gezogen hättest: aber daß du dieß mit eben so vieler Gewißheit von mir sagen könntest, daran zweifle ich, mit deiner Erlaubniß.

Lucian. Du hast Recht, Peregrin! Ich war immer nur ein gewöhnlicher Mensch, und von einem gewöhnlichen Menschen läßt sich freylich nicht auf einen Dämon schließen. Und doch sollte michs nicht befremden, wenn auch einem Dämon (zumahl einem dessen Natur Lieben ist) in dem Körper eines blühenden Jünglings von achtzehn Jahren, der sich mit einer schönen, zärtlichen und betrübten jungen Base von neunzehn in der Stille der Nacht in einem Gartenkabinet eingeschlossen findet, unvermerkt eben so zu Muthe würde, als wenn er ein Mensch wie andre wäre.

Peregrin. Auch in meinen Augen würde es kein großes Wunder seyn. Höre also was sich zutrug. Unsre Zusammenkunft ging durch die schlaue Veranstaltung der getreuen Sklavin glücklich von Statten. Die erste Überraschung war auf beiden Seiten nicht gering, da Ich Kallippen zum ersten Mahl in der vollen Reife der Schönheit und Jugend, und Sie den Knaben von vierzehn, den sie vor vier Jahren zum letzten Mahle gesehen hatte, in einen hoch aufgeschoßnen Jüngling verwandelt sah, an dessen Blüthe noch kein Wurm genagt hatte, und dem ein sonderbares Gemisch von Sanftheit und Feuer , von Heiterkeit und Ernst, das Ansehen eines weit reifern Alters gab, ohne dem, was die Jugend empfehlendes hat, nachtheilig zu seyn. Die einzige Lampe, die das Kabinet beleuchtete, trug wohl auch das ihrige bey, daß unser mit so geheimnisvollen Umständen verbundenes Wiedersehen mehr das Schauerliche einer unverhofften Erscheinung, als das Freudige einer veranstalteten Zusammenkunft hatte. Indessen faßten wir uns bald wieder, und Kallippe fing die Unterredung mit Entschuldigung und Rechtfertigung des sonderbaren Schrittes, wozu sie sich gezwungen sähe, an. Natürlich führte dieß zu einer umständlichen Ausführung der großen Beschwerden, die sie über ihren Tyrannen zu führen hatte; wobey die schöne Klägerin weder Redefiguren noch Thränen sparte, um das Mitleiden des jungen Menschen zu gewinnen, den sie zum Richter oder vielleicht zum Rächer ihrer Leiden machen wollte. Sie schien alle Fragen, die ich an sie thun konnte, voraus gesehen zu haben, mit so vieler Leichtigkeit antwortete sie auf alles; und sie beschloß endlich mit verschiedenen geheimen Aufträgen, theils an meinen abwesenden Vater, theils gewisse Familienumstände, die eine Beziehung auf ihre eignen hatten, betreffend, welche eine zweyte und dritte Zusammenkunft vorbereiteten und ganz ungezwungen herbey brachten.

Hätte ich damahls schon die Menschenkenntniß haben können, die uns eine Erfahrung von dreyßig oder vierzig Jahren verschafft, so könnte mir vielleicht das Betragen der schönen Kallippe einigen Argwohn gegeben haben; und wäre ich gesinnt gewesen, wie beynahe jeder andere in meinem damahligen Alter, so würde ich mich an allen Grazien zu versündigen geglaubt haben, wenn ich eine so gute Gelegenheit aus den Händen hätte schlüpfen lassen. Aber bey mir war weder das eine noch das andere möglich. Wie sichtbar auch die Schlingen waren, die meiner unerfahrnen Unschuld gelegt wurden, ich sahe sie nicht, weil ich nicht mehr Begriff von Schlingen hatte als ein neu ausgebrüteter Vogel; und vor Nachstellungen von mir hätte die schöne Kallippe nicht sicherer seyn können, wenn sie eine Priesterin der Diana oder meine leibliche Schwester gewesen wäre. Jede Frau oder Jungfrau war in meinen Augen ein heiliges Gefäß im Tempel der Natur, desto heiliger und unverletzlicher, je schöner sie war. Wie sehr mußte es mir also die Gemahlin des Menekrates seyn, die durch Anverwandtschaft, Schönheit und Unglück ein dreyfaches Recht an meine Theilnehmung, meine Ehrfurcht und meine Dienste hatte!

Lucian. Wunderbarer Mensch!

Peregrin. Ich sehe, mit deiner Erlaubniß, hier nichts Wunderbares; vielmehr wär' es ein Wunder gewesen, wenn ich anders gedacht hätte. Meine Erziehung hatte meinen Leib und meine Seele vor aller Verderbniß, zumahl vor allzu früher Erweckung und willkührlicher Reitzung des Instinkts, verwahrt. Meine Einbildung war so rein wie meine Sinne; und die Liebe des höchsten Schönen, die in dieser Epoke meines Lebens die Seele aller meiner Gedanken und Neigungen war, gab dem Eindruck, welchen schöne Gestalten auf mich machten, eine vom gewöhnlichen, was andre Erdensöhne erfahren, so verschiedene Tinktur, daß auch die Wirkung desselben nothwendig sehr verschieden seyn mußte. Übrigens bitte ich dich nicht zu vergessen, daß ich mir kein Verdienst daraus zu machen begehre, sondern die Sache bloß erzähle wie sie war. Als ich mich von Kallippen entfernte, folgte mir zwar ihr Bild, aber ohne mir eine andere Unruhe zu verursachen, als die Sorge, ihre Aufträge so gut mir möglich war auszurichten.

Lucian. Alles Feuer in deiner Natur mußte sich damahls in die höchste Region deiner Einbildungskraft hinauf gezogen haben.

Peregrin. Doch nicht so ganz; denn ich läugne nicht, Kallippe wurde, mit jedem Mahle daß ich sie sah, schöner und liebenswürdiger in meinen Augen: aber ich setzte noch immer nicht den geringsten Argwohn weder in mich selbst noch in sie, und fand nichts natürlicher, als daß mein Wohlgefallen und meine Theilnahme an ihr immer lebhafter wurde, je liebenswürdiger sie mir erschien. War die Liebe zum Schönen meiner dämonischen Natur nicht eben so eigenthümlich als meiner Brust das Athemhohlen? Daß auch Kallippe immer wärmer, und immer sinnreicher wurde neue Ursachen und Wege zu neuen geheimen Zusammenkünften auszudenken, bemerkte ich zwar, hielt es aber für eine so natürliche Folge der rechtmäßigen Zuneigung zu einem nahen Anverwandten, den sie von Kindheit an wie einen Bruder anzusehen gewohnt war, daß es mir gar nicht als etwas mögliches einfiel, wie die Tadelsucht selbst etwas daran zu tadeln finden könnte. Und war es ihr, in einer so verlaßnen Lage als die ihrige, am Ende zu verdenken, wenn sie schwer daran ging sich des einzigen Trostes wieder zu berauben, der ihr einige Erleichterung ihres traurigen Zustandes verschaffte? – »Deine Gegenwart, deine Reden sind Nepenthe für mich, sagte sie mir einsmahls beym Abschied, mit einer Stimme die wie Musengesang in meiner Seele wiedertönte. – Ich vergesse in diesen stillen Augenblicken der Freundschaft daß ich unglücklich bin: könntest du schon müde seyn, mir zuweilen eine Stunde zu schenken, die du nur dem Schlaf entziehest?« – Ich hätte mich für einen Barbaren gehalten, Lucian, wenn ich dessen fähig gewesen wäre.

Lucian. Ich wahrlich auch! Aber gestehe, daß du um diese Zeit den unsichtbaren Pfeil schon in der Leber stecken hattest!

Peregrin. Ich glaub' es selbst, Lucian; aber damahls wußte, ahndete ich sogar nichts davon: und was mich nothwendig sicher machen mußte, war, daß ich die Nacht, da wir uns wieder sehen sollten, immer mit eben so vieler Ruhe erwartete, als ich sie mit Vergnügen kommen sah.

Indessen darf ich einen neuen Umstand nicht unerwähnt lassen, der einige Veränderung in der Beschaffenheit unsrer Zusammenkünfte machen konnte. Weil Menekrates eine ziemliche Zeit lang nicht aus der Stadt kam, so wurde das Gartenkabinet für unsern fernern Gebrauch zu gefährlich befunden. Nach langem Überlegen was zu thun sey, sagte endlich die Sklavin mit der Miene einer Person, die auf einmahl das Wahre gefunden hat: Ich weiß im ganzen Hause keinen Ort, wo wir so völlig vor jedem Überfalle sicher sind, als das Schlafzimmer meiner Gebieterin. – Da hast du Recht, versetzte Kallippe lächelnd; ich weiß nicht, warum es mir nicht sogleich in den Sinn kam! – Aber – sagte ich etwas betroffen, Menekrates? – O, der ist in Jahr und Tag mit keinem Fuße über die Schwelle gekommen, und – hat seine Ursachen dazu, sagte die Sklavin. Ich schwieg, und es blieb fürs nächste Mahl bey Kallippens Schlafzimmer.

Lucian. Ein schöner und bequemer Ort, ohne Zweifel; aber, beym Jupiter! der schlüpfrigste, den dein Platonischer Dämon zwischen Himmel und Erde finden konnte!

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