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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. Oder, mit andern Worten, der Unterschied zwischen euch war der: dein Großvater las die Geschichte der Abenteurer zum Zeitvertreib, und Du machtest alle mögliche Anstalten selbst auf Abenteuer auszuziehen. Allerdings ein sehr wesentlicher Unterschied, und wovon du in deinem ganzen Leben die Folgen stark empfunden hast.

Peregrin. Ohne mich jemahls eine derselben gereuen zu lassen.

Lucian. Um Verzeihung, daß ich dich unterbrochen habe! Es soll ohne Noth nicht wieder geschehen. Fahre immer fort, ich bin lauter Ohr.

Peregrin. In der Bibliothek meines Großvaters befand sich auch das Buch des Empedokles von der Natur, verschiedene Dialogen von Plato und einige kleine Schriften des Heraklitus. Weil es gerade die einzigen waren, die er nicht zu lesen pflegte, so mochten sie, dicht mit Staube bedeckt, hinter einem Vorhang von Spinneweben schon zwanzig oder dreyßig Jahre ruhig gelegen haben, als ihm einst, da er um etwas Neues verlegen war, zufälliger Weise Platons Gastmahl, als ein Werkchen, das sehr sinnreich und unterhaltend seyn sollte, vor die Stirne kam. Ich mußte es hohlen, und ihm, da er nach einer tüchtigen Mahlzeit aus dem Bade kam, an seinem Ruhebette vorlesen. So lange Fädrus, Pausanias, Eryximachus und Aristofanes ihre Meinungen von der Liebe vortrugen, ging es ziemlich gut; der letzte machte ihn sogar, mit seiner komischen Hypothese über die ursprüngliche Natur der Menschen und die wahre Ursache der verschiedenen Arten von Liebe, mehr als Einmahl laut auflachen. Bey der eleganten Hymne, die der schöne Agathon dem Amor singt, fing er mitunter zu gähnen an: aber wie endlich Sokrates das Wort nimmt, und nach einer Disputazion in seiner eigenen Manier, die mein Alter sehr langweilig fand, der Gesellschaft den Unterricht mittheilt, den er ehemahls von der Profetin Diotima über die Liebe und die Kunst zu lieben empfangen zu haben vorgiebt; schlief er unvermerkt so fest ein, daß ich Zeit hatte, diesen Theil des Symposions, der sich meiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtigte, zwey- oder dreymahl wieder zu lesen, bevor er wieder aufwachte. Ich selbst begab mich nicht eher zur Ruhe, bis ich noch in derselben Nacht diese Rede der Diotima heimlich abgeschrieben hatte; und als ich am folgenden Morgen, wie ich das Buch an seinen Ort zurück trug, seine Mitverbannten in eben demselben Winkel liegen sah, und aus den bloßen Titeln und Nahmen der Verfasser von der Wichtigkeit des gefundenen Schatzes urtheilte, nahm ich sie alle mit, und verwandte von Stund' an keinen Augenblick, über den ich Meister war, auf etwas andres, als diese Schriften zu lesen, wieder zu lesen, zu durchdenken, zu vergleichen, und aus den Ideen, die sie in mir entwickelten, wo möglich ein Ganzes in mir selbst zu bilden. Mein bisheriges Leben schien mir dem Zustand eines Menschen zu gleichen, über dem, nachdem er lange bey schwachem Mondschein in einem dicht verwachsenen Walde herum tappte, die Morgendämmerung aufzugehen anfängt. Aber nun ward es auf einmahl Tag und Sonnenschein in meiner Seele. Sie wurde Anfangs dadurch geblendet, stärkte sich aber unvermerkt durch das Lichtbad selbst, worin sie zu schwimmen glaubte, und erstaunte, sich auf einer Höhe zu finden, wo sie, von der reinsten Himmelsluft umflossen, in eine unermeßliche Welt voll Schönheit hinaus sah, und in dem Wonnegefühl ihrer eigenen Freyheit, Kraft und Größe sich wie vergöttert fühlte.

Lucian. Deine Seele, lieber Peregrin, muß (mit der ehrwürdigen Profetin Diotima zu reden) von einer ganz erstaunlichen Fruchtbarkeit gewesen seyn, da sie nur die Berührung eines Plato, Empedokles und Heraklitus nöthig hatte, um auf einmahl von einer ganzen Welt voll Licht und Schönheit entbunden zu werden.

Peregrin. Wenn dieß nicht Scherz wäre, Lucian, so würde ich sagen, die Einwirkung dieser Weisen auf mein Innerstes könnte eher mit einem Funken, den der Stahl aus einem Feuerstein schlägt, verglichen werden. Denn was sie in mir entzündeten, war im Grunde nur eine einzige aber unauslöschliche Flamme, die von diesem Augenblick an die Quelle alles Lichts und Lebens in mir wurde. Oder, um mich noch genauer auszudrücken, mir war, da diese Flamme in mir hervorbrach, als ob eine dunkle dichte Rinde, die mein Wesen bisher umschlossen hätte, plötzlich von mir abfiele; ich erblickte mich nicht mehr in einem Spiegel außer mir, sondern in mir selbst, erkannte mich selbst zum ersten Mahl , und bedurfte von diesem Augenblick an keines Pythagoras oder Platons mehr dazu; so wenig, als die Sonne einer fremden Beleuchtung und Erhitzung bedarf, um lauter Licht und Feuer zu seyn.

Lucian. Ich bekenne dir unverhohlen, Freund Peregrin, daß ich meines Orts noch einiges fremden Lichtes nöthig hätte, um zu verstehen was du mir hier offenbarest. Allem Ansehn nach muß mein Wesen seine alten Schalen und Rinden noch nicht alle durchbrochen haben.

Peregrin. Das könnte leicht seyn, lieber Lucian. Doch vielleicht kann ich dir durch ein einziges Wort verständlicher werden. Du erinnerst dich vermuthlich, da du Platons Symposion gelesen hast, was Diotima von der Liebe als einem Dämon, das ist nach ihrer Erklärung, einem Mittelwesen zwischen der sterblichen und unsterblichen Natur, spricht. So einleuchtend mir diese Theorie war, die ich (wie beynahe alle Platonischen Begriffe) immer in mir geahndet zu haben glaubte, so sah ich doch Anfangs diesen Dämon der Liebe noch außer mir; nur daß er mir, durch eine sonderbare Art von Täuschung, immer näher zu kommen, immer anschaulicher zu werden schien. Die Rinde, von der ich dir sagte, wurde immer dünner, und in eben diesem Maße ward es auch immer heller in meinem Inwendigen; kurz, sie wurde endlich so dünn, daß ein einziger Vers des Empedokles, der mir zufälliger Weise in die Augen fiel, genug war, sie ganz zu zersprengen. Nun fühlte ich mich gleichsam von mir selbst entbunden, fühlte, daß der Dämon der weisen Diotima in mir, oder vielmehr, daß ich selbst der Dämon sey, der keiner Vermittlung eines dritten, sondern bloß des ihm eigenen ewigen Verlangens und Aufstrebens nach dem höchsten Schönen und Vollkommnen nöthig habe, um im Genuß desselben Eudämon, das ist, der reinsten Wonne, deren ein Dämon fähig ist, theilhaftig zu seyn, und im Genuß des Göttlichen sich selbst vergöttert zu fühlen.

Lucian. Ich fange an zu besorgen, daß, um die erhabenen Dinge, die du mir sagst, zu fassen, ein eigener Sinn erfordert werde, womit die Natur mich zu versehen vergessen haben muß.

Peregrin. Es ist nichts als die Rinde, die du noch nicht ganz durchbrochen hast, Lucian.

Lucian. Wie es auch damit seyn mag, so muß ich dich bitten, wenn du in deiner Geschichte fortfahren willst, dich so nahe als dir immer möglich ist an meine Rinde zu halten, und eine Sprache mit mir zu reden, die ich verstehe, wenn du willst daß es nicht eben so viel sey, als ob du bloß mit dir selbst sprächest.

Peregrin. Was ich gesagt habe, schien mir die einfachste Sache von der Welt zu seyn. Aber sey ruhig, Lucian! es wird, so wie ich in meiner Erzählung fortfahre, immer heller um mich her werden, und ich bin nun nahe an einigen Begebenheiten meiner Jugend, die, wiewohl du sie ehemahls in einem falschen Lichte gesehen hast, doch so beschaffen sind, daß man nur ein ganz gewöhnlicher Mensch zu seyn braucht, sowohl um solche Abenteuer zu haben, als um zu begreifen, wie es damit zuging.

Ich hatte kaum das achtzehnte Jahr zurückgelegt, als mein Großvater starb, nachdem er mich in seinem letzten Willen zum einzigen Erben seiner Verlassenschaft eingesetzt hatte. Ich sah mich nun im Besitz eines weit größern Vermögens, als ich brauchte um unabhängig zu leben; und mein erster Gedanke war, Parium zu verlassen, und mich auf Reisen zu begeben, nicht sowohl um das was man die Welt nennt zu sehen, (die mich damahls wenig kümmerte) als um Menschen zu suchen, die, wie ich, von der göttlichen Liebe der Vollkommenheit entbrannt, in dieser innigen Gemeinschaft und Vereinigung der Seelen mit mir leben könnten, die ich mir vermöge einer mir selbst unbekannten Vermischung des Instinkts meines damahligen Alters mit dem Bedürfniß meines Herzens – als einen wesentlichen Theil der höchsten Eudämonie vorstellte. Aber die Geschäfte, die ich meiner Erbschaft halben vorher abzuthun hatte, hielten mich, wegen Abwesenheit meines Vaters, unter dessen Vormundschaft ich stand, noch ein ganzes Jahr in Parium zurück; und in diesem Zeitraume begegnete mir das Abenteuer, das dein Ungenannter in der schönen Lobrede, die er mir zu Elis hielt, so übel verunstaltet hat, daß ich, wofern mein Nahme nicht dabey genannt wäre, nie hätte vermuthen können der unglückliche Held dieses Mährchens zu seyn.

Während der ersten Jahre meines Lebens, die ich unter der Aufsicht meiner Mutter zubrachte, befand sich ein junges Mädchen in unserm Hause, die, als das einzige Kind einer verstorbenen Schwester meines Vaters, unter seiner Vormundschaft von meiner Mutter erzogen wurde. Sie war nur ein Jahr älter als ich, und da sie eine Tochter vom Hause vorstellte, so wurden wir unvermerkt gewohnt, uns als Bruder und Schwester zu betrachten. Die kindische Liebe, die sich zwischen uns entspann, war um so unbedeutender, da ich mit dem siebenten Jahre in das Haus meines Großvaters versetzt wurde, und von dieser Zeit an nur selten in die Stadt kam.

Kallippe (so hieß die Nichte meines Vaters) erwuchs indessen nach und nach zu dem schönsten Mädchen in Parium. Ich sah sie bis zum Tode meiner Mutter von Zeit zu Zeit; aber wiewohl ich etwas für sie empfand, das der Anlage zu einer künftigen Leidenschaft ähnlich sah, so war ich doch noch viel zu jung, um recht zu wissen was ich fühlte, oder auch etwas andres für sie zu fühlen, als was unsrer nahen Verwandtschaft ganz anständig war; Kallippe hingegen, die um diese Zeit schon das funfzehnte Jahr angetreten, hatte mit demselben auch die Sinnesart eines Mädchens von diesem Alter angenommen, und betrachtete mich als einen Knaben, dem man ohne alle Gefahr liebkosen könne.

Bald darauf glaubte mein Vater dieses einzige Kind einer Schwester, die er sehr geliebt hatte, aufs glücklichste versorgt zu haben, indem er sie an einen der reichsten und angesehensten Männer in Parium verheirathete, ohne weder auf die Untugenden seiner Gemüthsart und Sitten, noch auf den großen Abstand seiner Jahre von den ihrigen die geringste Rücksicht zu nehmen. Von dieser Zeit an verlor sich meine Base Kallippe unvermerkt aus meinem Gesichtskreise; ich bekam sie nicht mehr zu sehen, und bekümmerte mich, in der Meinung daß sie mit ihrem Loose zufrieden sey, nicht weiter um sie, bis nach meines Großvaters Tode die Angelegenheiten seiner Verlassenschaft mich nöthigten, einige Monate in der Stadt zuzubringen.

Hier hörte ich, daß mein Vater seine Absicht, Kallippen glücklich zu machen, nicht leicht ärger hätte verfehlen können. Jedermann sprach von ihr als einer Frau, welche die schönsten Jahre ihres Lebens unter dem Druck eines unempfindlichen, finstern, kargen und eifersüchtigen Tyrannen zu schmachten verurtheilt sey; jedermann bedauerte sie, und alle Stimmen waren gegen den Mann, der einer solchen Frau übel zu begegnen fähig sey. Ich kannte den Lauf der Welt zu wenig, um etwas von der Sache zu begreifen; ich sann hin und her, verwarf aber meine Anschläge immer wieder als unschicklich und unausführbar. Vor allem schien mir nöthig, sie selbst zu sprechen: aber die kaltsinnige Höflichkeit und argwöhnische Vorsicht des alten Menekrates wußte es immer so einzurichten, daß ich keine Gelegenheit dazu finden konnte.

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