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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrins
geheime Geschichte
in Gesprächen im Elysium.

Einleitung.

Peregrin. Lucian.

Peregrin. Täuschen mich meine Augen, oder ist es wirklich mein alter Gönner Lucian von Samosata, den ich nach so langer Zeit wiedersehe?

Lucian, ihn aufmerksam betrachtend. Wir sind also bessere Bekannte als ich weiß. Und doch ist mir selbst als ob mir deine Züge nicht fremd wären; sie mahnen mich an jemand den ich einst gesehen habe, wiewohl ich mich nicht besinne an wen.

Peregrin. Es sind freylich über sechzehn hundert Jahre, seitdem wir uns auf der Ebene zwischen Harpine und Olympia zum letzten Mahle sahen.

Lucian. Wie? Was für Erinnerungen weckst du plötzlich in mir auf? Solltest du wohl gar der Filosof Peregrinus Proteus seyn, der den seltsamen Einfall hatte, sich freywillig zu Olympia zu verbrennen?

Peregrin. Eben der, dem du in deinen Werken ein nicht sehr beneidenswürdiges Denkmahl gesetzt hast.

Lucian. Närrisch genug, daß ich in meinem Kopfe hatte, du müßtest nothwendig über und über mit Brandblasen überdeckt und so schwarz wie ein Köhler seyn! Du hättest noch zehnmahl vor mir vorbey gehen können, ohne daß ich dich in der glänzenden Figur, die du jetzt machst, erkannt hätte.

Peregrin. Du dachtest wohl damahls nicht, daß wir uns nach sechzehn hundert Jahren im Elysium wiedersehen würden?

Lucian. Aufrichtig zu reden, nein. Schwärmen war nie meine Sache, wie du weißt.

Peregrin. Und doch lehrt dich nun die Erfahrung, daß es nicht geschwärmt gewesen wäre, wenn du damahls über diese Dinge gedacht hättest wie du jetzt denkst.

Lucian. Um Vergebung! Wie oft sieht man sogar im gemeinen menschlichen Leben Dinge geschehen, welche nicht voraus gesehen zu haben dem klügsten Manne nicht zum Vorwurf gereichen kann! Die Natur hatte mich mit einem kalten Kopfe ausgesteuert; ich hätte das hitzige Fieber in einem hohen Grade haben müssen, um mir damahls, als ich dich zu Harpine in die Flammen springen sah, einzubilden, daß ich dich an einem Orte wie dieser und so wohlbehalten wiederfinden würde.

Peregrin. Indessen beweisen deine Werke, daß es dir nicht an Einbildungskraft fehlte; oder vielmehr, daß nur wenige sich rühmen können, dich an Fruchtbarkeit und Stärke dieser Seelenkraft übertroffen zu haben.

Lucian. Aber sie beweisen auch, dächte ich, daß ich die Imaginazion nie anders als zum Spielen gebrauchte. Im Scherz machte ich wohl mit ihrer Hülfe Reisen in den Mond und nach der Jupitersburg: aber daß ich im Ernst hätte glauben sollen, mit ihr über die Grenzen hinaus fliegen zu können, die unsern fünf Sinnen, und folglich auch unsrer Vernunft, in jenem Leben von der Natur gesetzt waren, so etwas konnte eben so wenig in einen Kopf wie der meinige kommen, als der Gedanke, mir im Ernst einen Adlers- und einen Geiersflügel an die Arme zu binden und damit nach dem Monde zu fliegen.

Peregrin. Dieß geb' ich dir willig zu; denn alles was daraus folgt, ist, daß es zu deiner eignen Art zu seyn gehörte, deine Einbildungskraft nur zum Scherz, zum Erfinden und Ausmahlen abenteuerlicher Bilder, und zur Belustigung deiner Zuhörer oder Leser zu gebrauchen. Aber ich denke nicht, daß dir dieß ein Recht gab diejenigen zu verspotten, die einen ernsthaftern Gebrauch von der ihrigen machten, und, indem sie sich die Bestimmung und das künftige Loos des Menschen ungefähr so einbildeten wie wir es wirklich befunden haben, durch die That bewiesen, daß eine gewisse Divinazionskraft in unsrer Seele schlummert, die vielleicht (wie so viele andere Fähigkeiten) in den meisten Menschen nie erweckt wird, aber denen, in welchen sie erwacht und zu einem gewissen Grade von Lebhaftigkeit gelangt, ein Vorgefühl des Unsichtbaren und Zukünftigen giebt, das in einer feurigen und thätigen Seele natürlicher Weise nicht ohne Wirkung bleiben kann.

Lucian. Freund Peregrin, wenn es erlaubt ist über einen Thersites zu spotten, der schöner als Faon und Adonis zu seyn wähnt, oder einen Zwerg lächerlich zu finden, der sich unter einer sechs Schuh hohen Thür bückt, aus Furcht im Durchgehen die Stirn anzustoßen: so sehe ich nicht, warum es so unrecht seyn sollte, über einen Ehrenmann zu lachen, der, zum Beyspiel, sich einbildete, vermittelst ich weiß nicht welches eigenen Sinnes das Gras wachsen zu hören, und den Umstand, daß das Gras wirklich gewachsen ist, als eine Bestätigung dieser ihm beywohnenden Gabe geltend machen wollte.

Peregrin. Und ich sehe eben so wenig, wie man ihm beweisen könnte, daß er diesen Sinn nicht habe, als warum man ihm seinen Wahn, wenn es auch Wahn wäre, nicht unverspottet lassen sollte, zumahl wenn er sonst ein unschuldiger und guter Mensch ist.

Lucian. Es giebt wohl unter der ganzen unermeßlichen Last von Thorheiten, woran der Verstand der armen Erdenkinder krank ist, wenige, die nicht an sich selbst so unbedeutend und unschuldig sind oder scheinen, daß sie nicht mit gleichem Rechte sollten fordern können, unverspottet ihren Weg gehen zu dürfen: und doch sind eben diese kleinen unschuldigen Thorheiten zusammen genommen die Quellen der größten Übel, von denen das Menschengeschlecht geplagt wird. Keine Thorheit, wie unschuldig sie auch scheinen mag, kann also einen Freybrief gegen den Spott verlangen, der beynahe das einzige wirksame Verwahrungsmittel gegen ihren schädlichen Einfluß ist.

Peregrin. Gut! aber gestehe mir auch, daß gerade dieser große Hang der Menschen zur Thorheit, und diese fast allgemeine Bethörung, womit selbst diejenigen, die sich die klügsten dünken, unwissend angesteckt sind, es ihnen oft schwer macht, sich in ihren raschen Urtheilen über das, was thöricht oder nicht thöricht ist, vor Irrthum zu bewahren. Immer wird viel Behutsamkeit vonnöthen seyn, damit wir den Menschen, indem wir ihnen gutes zu thun glauben, nicht Schaden zufügen, wenn unsre Arzney noch viel schlimmere Wirkungen thut, als das Übel ist, dem wir abhelfen wollen. Welcher weise und gute Mann wird sich gern der beschämenden Reue aussetzen, eine Meinung, die den Menschen veredelt, die ihn über sich selbst erhebt und zu allem was schön und groß ist begeistert, als einen thörichten Wahn dem Spotte der Narren und Gecken Preis gegeben zu haben?

Lucian. Nicht alles was gleißt ist Gold, mein edler Freund, und manche Meinung, die kein guter Mensch ihrer selbst wegen anfechten würde, wird durch den thörichten Gebrauch, welchen alberne oder brennende Köpfe von ihr machen, belachenswürdig. Überhaupt, lieber Peregrin, hat mich ein ruhiger Blick auf die menschlichen Dinge in jenem Leben etwas mißtrauisch gegen alle hoch fliegenden Anmaßungen gewisser Leute, deren Absichten selten lange zweydeutig bleiben, gemacht; und ich argwohne immer eine Natter unter den Blumen, wenn ich von Mysterien oder magischen Operazionen höre, wodurch die menschliche Natur über sich selbst erhoben, wo nicht gar vergöttert werden soll. Meistens habe ich gesehen, daß diese Dinge nichts als goldfarbige Fliegen sind, womit Betrüger ihre Angeln bestecken und gutherzige Schwindelköpfe damit anlocken, um, wenn sie einmahl in den Hamen gebissen haben, etwas weniger als Menschen, oder, rund heraus zu reden, Narren und blinde Werkzeuge ihrer geheimen Absichten aus ihnen zu machen. Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts edleres, größeres und besseres seyn als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Peregrin. Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu seyn. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den höhern Naturen, durch unsre Mutter Erde den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian. Es wäre denn daß ihn die wohlthätige Natur, wie Merkur den Ulysses beym Homer, mit einem Moly beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten könnte.

Peregrin. Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Nahme, den ihm die Götter gaben.

Lucian. Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin, indem er ihm scharf in die Augen sieht. Und dieses Moly hätte Dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schönen Circe verwahrt?

Lucian. Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nehmliche Verhältniß mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, daß er jenes Aristippische εχω ουκ εχομαιIch habe sie, nicht sie mich. sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weißt.

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