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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Einige Wochen verflossen, ohne daß ich von ihr oder Faustinen weiter etwas hörte, oder mich um sie bekümmerte. Aber einsmahls, da ich in der Abenddämmerung auf den Esquilien einsam herum irrte, nahte sich mir eine verschleierte Gestalt, welche mich um einige Augenblicke Gehör bat. Ich folgte ihr hinter eine Gruppe von Bäumen, und so bald sie sicher zu seyn glaubte daß sie von niemand gesehen werde, gab sie sich – für meine alte Freundin – Dioklea zu erkennen.

Ihr Anblick versteinte mich beynahe im eigentlichen Verstande dieses Wortes. Dioklea! wollte ich ausrufen; aber das Wort erstarrte auf meinen Lippen. Sie schien die Wirkung, die ihre so unverhoffte Erscheinung auf mich that, keiner Aufmerksamkeit zu würdigen. Faustina, sagte sie mit ruhigem Ernst, hat erfahren, daß du dich durch das, was zwischen ihr und dir vorgegangen, berechtigt hältst, übel von ihr zu sprechen. Die Rede geht sogar, man habe dich vor ziemlich vielen Zuhörern von dem Kaiser ihrem Vater, und von ihrem Gemahl, den sie über alle Anfälle der Satire hinweg gesetzt glaubte, in sehr unziemlichen Ausdrücken reden gehört. Die Prinzessin ist geneigt, diese unbedachtsamen Ergießungen einer allzu reitzbaren Galle deiner Menschlichkeit zu gut zu halten: aber sie bittet dich, um deiner eigenen Ruhe willen, die Stadt unverzüglich zu verlassen, und hofft, daß du diesen von ihr selbst gestrickten Beutel, zum Behuf deiner Rückreise nach Griechenland, als ein Zeichen ihres guten Willens annehmen werdest. Mit diesen Worten überreichte sie mir einen ziemlich großen Beutel, der dem Ansehen nach mit Gold angefüllt war.

Es war immer eine von meinen unglücklichsten Eigenheiten, daß ich in Fällen, wo ich zwischen zwey entgegen gesetzten Parteyen auf der Stelle wählen mußte, immer die ergriff, die ich nach besserer Überlegung wünschen mußte nicht genommen zu haben. Offenbar war es höchst unklug, die Bitte der Prinzessin für etwas andres als einen milderen Befehl anzusehen; und eben so unschicklich war es, ihr Geschenk mit Verachtung von mir zu weisen. Aber mein Gemüth war noch zu sehr verstimmt, und das Gelächter hinter dem Vorhang und die fatalen Worte – »Ich habe die Wette gewonnene Flaviana!« – ertönten noch zu stark in meiner Seele als daß ich diese Botschaft einer Dame, von welcher ich mich so unverzeihlich gemißhandelt glaubte, aus dem Munde einer alten Freundin, die mich das zwischen uns bestehende Mißverhältniß auf eine so kränkende Art fühlen ließ, so gut hätte aufnehmen können wie sie gemeint war.

Ich antwortete trotzig: Ich wäre mir keines Verbrechens bewußt, das mich der freyen Wahl meines Aufenthalts, die mir als einem Römischen Bürger zukomme, berauben könnte. Was die milde Gabe der Prinzessin betreffe, so brauchte ich zu meinen Bedürfnissen nur Obolen; und da ich deren gerade so viele hätte als ich brauchte, so bäte ich sie, ihr Gold einem andern zuzuwenden, der dessen bedürftiger wäre als Proteus. – Und nach dieser impertinenten Gegenrede wandte ich Diokleen, die einen Blick voll kalter Verachtung auf mich heftete, mit aller Selbstzufriedenheit eines Menschen, der unverbesserlich geantwortet zu haben glaubt, den Rücken zu, und ging davon.

Kaum war der nächste Morgen angebrochen, so wurde ich zum Präfekt der Stadt Rom berufen. Ich zweifelte nicht, daß mir der Vorgang am gestrigen Abend diese Ehre zuzöge, und versah mir daher wenig Gutes zu ihm. Aber es war mein Loos, die Menschen immer anders zu finden als ich sie erwartete. Der Präfekt nahm mich auf die Seite, und sagte mir mit einem sehr strengen Blick, aber mit einem eben so sanften Ton der Stimme: Er habe Ursache zu glauben, daß die Luft und der Aufenthalt zu Rom mir ganz und gar nicht zuträglich sey, und wolle mir also, als mein guter Freund, gerathen haben, mich ohne Verzug aus Italien zu entfernen, und nach Griechenland oder Ägypten zurückzukehren. – Ja wohl, rief ich, ist die Luft von Rom Pest für mich! Dein Rath ist ein Befehl meines guten Dämons; ich gehorche ihm auf der Stelle. Und hiermit flog ich meiner Herberge zu, packte meinen Quersack, und machte mich noch in der nehmlichen Stunde auf den Weg nach Brundusium.

Lucian. Du eilest, wie ich sehe, zur Entwickelung der seltsamen Tragikomödie deines Lebens; und doch kann ich dich nicht mit der Frage verschonen, durch welchen seltsamen Zufall wir die Schwester des Profeten Kerinthus, die wir als eine eifrige Theilnehmerin an seinen weit grenzenden Entwürfen verließen, so unvermuthet unter den Hausgenossen der schönen Faustina wiederfinden?

Peregrin. Eine völlig befriedigende Auskunft über diesen, auch mir damahls sehr unerwarteten Zufall, würde eine umständliche Geschichte des Fortgangs und Ausgangs der Unternehmungen dieses außerordentlichen Mannes erfordern, welche du bey Gelegenheit besser aus eben der Quelle, woraus ich sie selbst habe, nehmlich aus seinem oder Diokleens eigenem Munde, schöpfen wirst. Alles was ich dir mit wenigem davon sagen kann, ist: daß die Eifersucht einiger der angesehensten und thätigsten Vorsteher der Brüdergemeinen von seinen immer sichtbarer werdenden ehrgeitzigen Absichten und von der Verfälschung der Lehre ihres Meisters und seiner ersten Jünger, die ihm Schuld gegeben wurde, Gelegenheit nahmen, ihn und seine Anhänger, bald nach meiner Trennung von ihnen, in so schlimme Händel zu verwickeln, daß ihm, nachdem er alle andere Hülfsquellen eines so erfindsamen und ränkevollen Kopfes erschöpft hatte, zuletzt kein andrer Ausweg übrig blieb, als auf immer zu verschwinden, und die Vollendung seines zu rasch betriebenen Plans der Zeit zu überlassen, welche im Lauf von etlichen Jahrhunderten zu Stande brachte, was kein Werk für das Leben eines einzigen Mannes war. Seine Schwester war bey dieser Katastrofe vorsichtig genug gewesen, in Zeiten für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Sie wurde mit eben der Leichtigkeit wieder Dioklea, womit sie sich ehemahls in eine Theodosia verkleidet hatte; und als sie nach einer absichtlichen Verborgenheit von etlichen Jahren in Rom wieder zum Vorschein kam , fand sie durch Vorschub ihrer zahlreichen Freunde gar bald einen Weg, der ältern Faustina als die tauglichste Person zur Erziehung ihrer einzigen Tochter empfohlen zu werden. In dieser Stelle erwarb sie sich durch ihre Klugheit das Vertrauen der Mutter, und durch die gefällige Anmuth ihres Betragens und die Mannigfaltigkeit ihrer Talente die Zuneigung der Tochter in einem so hohen Grade, daß sie nach der Vermählung der letztern mit dem Cäsar Markus ihr in das Haus ihres Gemahls folgte, und bis ans Ende ihres Lebens die vertrauteste ihrer weiblichen Günstlinge blieb.

Lucian. Dieß ist zu meiner Beruhigung hinreichend; denn ich muß gestehen, daß es mir nicht gleichgültig gewesen wäre, über das Schicksal dieser vielgestaltigen und in jeder Gestalt so anziehenden Dame in Ungewißheit gelassen zu werden. Ein Kerinthus mag verschwinden, wenn er seine Rolle nicht länger spielen kann: aber für eine Dioklea findet sich unter jedem Glückswechsel noch immer eine anständige Rolle. Wie hätte die schöne Faustina in bessere Hände gerathen, oder wo hätte sie eine wachsamere Aufseherin, eine erfahrnere Rathgeberin, eine gefälligere Freundin, und eine geschicktere Ausrichterin ihrer Aufträge finden können als Diokleen? Das Schicksal sorgte für beide da es sie zusammen brachte: laß nun hören, Peregrin, was es für dich that, da es dich von beiden vermuthlich auf immer trennte.

Peregrin. Es würde ihm schwer gewesen seyn, etwas für einen Eigensinnigen zu thun, der eine so besondere Gabe hatte, alles, was Götter und Menschen zu seinem Besten thun wollten, zu vereiteln, oder gegen ihre Absicht zu seinem Nachtheil zu kehren. In der That war ich in meinem ganzen Leben nie weniger aufgelegt gewesen als damahls, meine Ruhe von irgend einem Wesen außer mir abhangen zu lassen, geschweige eine bessere Behandlung, als ich bisher von den Menschen erfahren hatte, durch Gefälligkeit um sie verdienen zu wollen; und die Betrachtungen, die auf meiner einsamen Wanderschaft aus Italien meine einzige Gesellschaft ausmachten, waren nicht sehr geschickt, mich in eine andere Stimmung zu setzen.

Ich rief alle Verhältnisse und Verbindungen, worin ich in meinem bisherigen Leben gestanden, in mein Gedächtniß zurück; ich verglich in jeder dieser Lagen meine Erwartungen mit dem Erfolge; und das Resultat war: daß ich mich stärker als jemahls überzeugt fühlte, ich würde, so oft ich unter den Menschen um mich her meines gleichen gefunden zu haben wähnte, mich eben so übel betrogen sehen, als ich es bisher immer gewesen war.

Was blieb mir also übrig, als mich mehr als jemahls in mich selbst hinein zu ziehen und von andern schlechterdings nichts weiter zu erwarten noch zu fordern? Aber – um ihnen doch wenigstens dafür, daß sie mir den freyen Gebrauch der Luft und des Wassers ließen, meine Dankbarkeit zu zeigen, setzte ich mir von neuem vor, ihnen bey jeder Gelegenheit, öffentlich und besonders, wo nicht zu ihrer Besserung, wenigstens zu ihrer Beschämung und Demüthigung, die Wahrheit zu sagen. Es ist immer Etwas gethan, dachte ich, wenn wir sie, trotz ihrer selbstgefälligen Eitelkeit und ihrer allgemeinen stillschweigenden Abrede einander durch Höflichkeit und Schmeicheley zu hintergehen, nöthigen können, sich in dem ungefälligen Spiegel den wir ihnen vorhalten, wär' es auch nur auf Augenblicke, so zu sehen wie sie wirklich sind.

Mit diesem Vorsatze kam ich nach Griechenland zurück; und aus diesem Gesichtspunkte, Freund Lucian, wirst du dir leicht erklären können, wie es zuging, daß diejenigen, die sich durch meine Freymüthigkeit beleidigt fanden, den Mann, – der keiner ihrer Thorheiten schonte, und sogar die Tugenden und Verdienste, worüber sie von aller Welt beklatscht wurden, durch ein Probefeuer gehen ließ, worin sie in Rauch und Dunst zerflossen, – in den Ruf eines menschenfeindlichen, bissigen und halb tollen cynischen Hundes brachten. In diesem Stücke war alles, was du deinen Ungenannten sagen lässest, bloßer Wiederhall der öffentlichen Stimme. Aber, wenn es nöthig wäre hierüber ins besondere zu gehen –

Lucian. Überhebe dich dieser Mühe, die nach allem, was ich nun von dir weiß, ganz überflüssig wäre. Ich begreife nicht nur, wie du, zum Beyspiel, die glänzenden Verdienste, welche sich der Sofist Herodes Attikus, der eitelste aller Menschen die ich kenne, kraft seiner unermeßlichen Reichthümer um die Eitelkeit und Üppigkeit der Griechen machte, ohne Ungerechtigkeit in einem ganz andern Lichte sehen konntest, oder vielmehr sehen mußtest, als der große Haufe: ich gestehe sogar, daß ich selbst nicht zu entschuldigen bin, diesem hoffärtigen Glücksgünstling einige Höflichkeiten, die er mir erwiesen hatte, auf deine Unkosten bezahlt zu haben.

Peregrin. Dafür, lieber Lucian, hast du selbst mich schon mehr als hinlänglich gerochen, da du, in einem andern deiner Aufsätze, eben diese Freymüthigkeit gegen den nehmlichen Herodes, welche mir zum Verbrechen gemacht wurde, an Demonax – der im Grunde so gut ein Cyniker heißen konnte als ich – mit Lobsprüchen belegtest.

Lucian. Ich muß gestehen, diese kleine Züchtigung ist nicht ganz unverdient; wiewohl ich zu einiger Entschuldigung anführen könnte, daß Demonax der liebenswürdigste und gutlaunigste aller Cyniker war, und seinen Tadel, ja sogar seine Spöttereyen, mit einem so feinen Attischen Salze zu würzen und in einer so angenehmen Manier vorzubringen wußte, daß die Getroffenen selbst nur selten ungehalten auf ihn werden konnten.

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