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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Das unmöglichste für mich war, in diesem Augenblicke an Kallippen und Mamilien zu denken, die mich über diesen Punkt billig etwas behutsamer hätten machen sollen; und es konnte also nicht fehlen, daß ich in einige Verwirrung gerieth, da sie mir mit einem Blicke, der in den Grund meiner Seele zu dringen schien, sagte: wer mit solcher Gewißheit, wie ich, von dieser Sache sprechen könne, müsse Erfahrungen gemacht haben, die ihn dazu berechtigten; und ich würde es sehr verzeihlich finden, wenn sie mir ihre Neugier über diesen Theil meiner Lebensgeschichte nicht verbergen könnte.

In der That kam sie, nachdem wir einmahl so tief in diese Materie gekommen waren, und meine Verwirrung ihr gar leicht meine Aufrichtigkeit hätte verdächtig machen können, mit ihrem Wunsche dem meinigen entgegen. Ich versprach ihr also eine getreue und umständliche Erzählung der Begebenheiten meiner Jugend, die ihr (wie ich unbesonnen genug war hinzu zu setzen) beweisen würden, was ich schon damahls fähig gewesen wäre, wenn ich das Glück gehabt hätte, eine Diotima mit Faustinens Gestalt und Reitzen anzutreffen. Sie schien dieses Kompliment gerade so aufzunehmen, wie ich es wünschen konnte. Einer der nächsten Tage wurde dazu bestimmt, den Anfang meiner Erzählung zu machen; und man entließ mich mit Zeichen von Zufriedenheit, die auch ein weniger Platonischer Liebhaber ohne große Unbescheidenheit für Aufmunterungen hätte nehmen können.

Du siehest ohne mein Erinnern, lieber Lucian, daß ich mich durch diese unvorsichtige Gefälligkeit gegen die Neugier der schönen Faustina in ein schlimmes Abenteuer hatte verwickeln lassen. Unter den Augen einer so liebenswürdigen Zuhörerin meine Einbildung durch die lebhafteste Versetzung in die Zauberscenen meiner Jugend in Flammen setzen, hieß die Kerze, wie man zu sagen pflegt, an beiden Enden anzünden. Faustina, unter deren so lieblich lächelnden Gesichtszügen ich keine Schalkheit ahndete, trug alles, was sie, ohne sich gar zu bloß zu geben, beytragen konnte, dazu bey, das Platonische Feuer, das im Busen ihres schwärmerischen Filosofen loderte, immer stärker anzufachen. Die Erzählung, durch häufige Digressionen und Erörterungen unterbrochen, ward alle Minuten zum Dialog, und dieser zuletzt so interessant, daß er Ergießungen des Herzens (denn die Platonische Liebe hat ja auch die ihrigen) nöthig machte, welche durch die Gegenwart der kleinen Sklavinnen, deren die Prinzessin bey unsern Zusammenkünften immer drey oder vier um sich herum schwärmen hatte, nicht wenig gehindert wurden.

Natürlicher Weise war Faustina durch meine Bekenntnisse in ihren Zweifeln an der Möglichkeit der Platonischen Liebe vielmehr bestärkt als davon geheilt worden. Sie machte mir kein Geheimniß daraus; und gleich wohl schien sie sich der meinigen mit einem so kindlich unschuldigen Zutrauen zu überlassen, daß sie die Voraussetzung eines sympathetischen Gefühls, in dessen Reinigkeit ihr Bewußtseyn sie kein Mißtrauen setzen ließ, beynahe unvermeidlich machte.

Lucian. Ich wundere mich nicht, Freund Peregrin, warum du immer, sogar bis in den Jahren, wo man gewöhnlich an die Gunst der Schönen keine Ansprüche mehr zu machen hat, von den reitzendsten dieses Geschlechts, das von unsrer guten Meinung von ihm so viele Vortheile zu ziehen weiß, so außerordentlich begünstiget wurdest. Denn – bey der kindlichen Unschuld der immer lächelnden Faustina! – nie ist ein Sterblicher mit einer glücklichern Anlage, immer das Beste von ihnen zu denken, geboren worden als du.

Peregrin. Bethört von dem süßen Wahne, der mir dieses Kompliment von dir zugezogen hat, ward ich nun immer weniger gewahr, was für ein gefährlicher Gegenstand eine Seele, deren Schönheiten mit den Reitzen ihres materiellen und animalischen Theils so zart verwebt oder vielmehr so unmerklich in einander verschmerzt waren, für einen Platonischen Liebhaber sey, der dem Unglück, beide Arten von Reitzen alle Augenblicke mit einander zu verwechseln, so sehr ausgesetzt war wie ich; und unstreitig war es in einem solchen Augenblick, wo mich die Weisheit so sehr verließ, daß ich der Prinzessin von dem Zwange sprach, den die einzige Tagesstunde, welche sie mir (unter dem Vorwande des Unterrichts in der Filosofie) widmete, und die kleinen Nymfen, die immer dabey gegenwärtig waren, dem freyen Umtausch der Empfindungen unsrer Seelen auferlegten. Sie schien dieß eben so gut als ich zu fühlen, aber verlegen zu seyn, wie es anders eingerichtet werden könnte. Sollte, sagte ich endlich, die keusche Luna, deren gute Dienste so oft von den gewöhnlichen Liebhabern angerufen werden, sich nicht erbitten lassen, einem Eingeweihten in den Mysterien der höhern Liebe günstig zu seyn? – Warum nicht? erwiederte Faustina lächelnd. Wenigstens gebe ich dir, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, meine Einwilligung, wenn du es auf dich nehmen willst, auch mich in diesen erhabenen Mysterien einzuweihen.

Die schlaue Dame hatte mich, wie du siehest, unvermerkt auf einen Weg gebracht, worauf sie ihr mir damahls noch unbekanntes Ziel schwerlich verfehlen konnte. Sie erlaubte mir, unter der Leitung der jungfräulichen Göttin – deren Liebe zu Endymion ganz gewiß, trotz den Lästerungen der Mythologen, ebenfalls von der Platonischen Art gewesen sey – die Sallustischen Gärten auch zu einer ungewöhnlichen Zeit zu besuchen, und ließ mich hoffen, daß ich sie zu einer gewissen Stunde in dem Myrtenwäldchen, das einen kleinen offnen Tempel der Grazien umgab, nicht umsonst erwarten würde.

So viel ich mich erinnere, begünstigte sie mich mit drey oder vier solchen nächtlichen Zusammenkünften. Sie, welche (wie sichs am Ende auswies) nichts dabey wagte, blieb immer sich selbst gleich, immer so heiter und sanft, so herablassend gefällig und theilnehmend als ich sie stets gefunden hatte: aber für meine Apathie war diese Probe zu stark. Es gab Augenblicke, wo der Drang alles dessen, was ich für sie empfand, meine Brust zu zersprangen drohte; und mehr als Einmahl war ich, unter dem fürchterlichen Kampf zwischen dem Überschwang des Gefühls, das mich zu ihren Füßen werfen wollte, und der Ehrfurcht und Scham, die mich mit gleich großer Gewalt zurück zogen, in Gefahr ohnmächtig vor ihr hinzusinken. Aber jedesmahl war dieß auch der Augenblick wo sie mich, unter dem Vorwande daß mir die Nachtluft nicht länger zuträglich scheine, mit dem Ausdruck der zärtlichsten Besorgniß für meine Gesundheit auf der Stelle nach Hause schickte.

Der Mond hörte endlich auf, diese nächtlichen Unterredungen zu begünstigen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr meinen Schmerz über den Verlust so seliger Stunden auf eine Art zu erkennen zu geben, die mich zum Mitleiden einer Frau, die mir schon so viel Güte gezeigt hatte, berechtigte. Du bist für einen Endymion ein wenig dringend, mein lieber Proteus, sagte sie: doch, ich beurtheile deine Empfindungen nach den meinigen. Auch ich entsage diesen angenehmen Unterhaltungen zwischen Seele und Seele, die durch das Elysische einer stillen Mondnacht so schön befördert werden, ungern: aber, was kann ich thun, sie dir zu ersetzen?

Ein tiefer Seufzer war alles, was der bezauberte Wahnsinnige darauf antworten konnte.

Ich will sehen was möglich ist, fuhr sie nach einigem Bedenken fort; du sollst in kurzem wieder von mir hören. Aber, wenn ich mich nun, um deinen und meinen Wunsch zu befriedigen, genöthiget fände, deinen Platonismus auf eine etwas harte Probe zu stellen?

Ich glaubte zu errathen was sie damit sagen wollte, und schwor ihr bey der himmlischen Cythere, und den Grazien des Sokrates, sie würde, auf welche Probe sie mich auch stellen wollte, niemahls Ursache finden, sich ihr Zutrauen gegen mich gereuen zu lassen.

Die schöne, aber ein wenig leichtfertige Gemahlin des Kaisers Markus war nun am Rande der Ausführung ihres Plans. Sie spielte mir übel mit, und ich hab' es ihr längst vergeben: aber was ich mir selbst nie vergeben werde, war die Blindheit, mit welcher ich in ihre –

Lucian. – von dir selbst gewebten

Peregrin. – Schlingen fiel. – Gut! auch dieß vermehrt die Vorwürfe, die ich mir zu machen habe.

Lucian. Wunderliche Seele! wozu? Sie kommen nun zu spät; und es ist, däucht mich, klar, daß deine Eitelkeit damahls eine solche Demüthigung noch nöthig hatte.

Peregrin. Wie groß auch meine Schuld bey diesem allen war, so würdest du mir doch Unrecht thun, wenn du glaubtest, daß ich, mitten in diesen Ausschweifungen meiner Leidenschaft für die schöne Faustina, mich auch nur des leisesten Anschlags auf ihre Tugend schuldig gemacht hätte. Im Gegentheil, meine Schwärmerey (wie du es nennen wirst) ging so weit, daß ich, falls es möglich seyn sollte daß Faustina schwach würde, fest entschlossen war, ihrer guten Seele mit der meinigen zu Hülfe zu kommen, und daß ich sogar auf diesen Fall hin eine Menge der sublimsten und herzrührendsten Sachen, die ich ihr sagen wollte, in Bereitschaft hielt.

Lucian. Dieß, lieber Peregrin, werde ich, – der ich in meinem Leben nie der Tugend, sondern nur der falschen oder übertriebenen Anmaßungen einer dem Menschen nicht gegebenen Vollkommenheit gespottet habe – dieß, Peregrin, werde ich nie Schwärmerey nennen. Aber daß du dich vorsetzlich in den Fall setztest, dir selbst vielleicht nicht Wort halten zu können; daß du, nach so manchen Erfahrungen des Gegentheils, – auf den bloßen Triumf hin, den dein Eigensinn über eine Alexandrinische Hetäre erhalten hatte – dir selbst eine Stärke zutrautest, die sich kein Sterblicher eher, als bis er ohne seine Schuld in dem Fall ist ihrer zu bedürfen, zutrauen soll: das nenne ich Schwärmerey!

Peregrin. Gieb dich zufrieden, Freund Lucian! du wirst mich streng genug dafür büßen sehen. Es vergingen einige Tage, ohne daß ich die Prinzessin auf ihren gewöhnlichen Spaziergängen wieder zu sehen bekam, wiewohl ich sie überall, selbst in der Grotte, wo ich sie einst schlafend gefunden hatte, aufsuchte. Aber am vierten oder fünften Tage nach unsrer letzten Zusammenkunft, da ich zur gewöhnlichen Morgenstunde in einem Gange, der zum Tempel der Grazien führte, traurig auf und nieder ging, fiel ein Granatapfel vor mir nieder, in dessen Krone ich ein kleines Papier stecken fand. Ich entfaltete es mit zitternder Freude, und las ungefähr folgende Worte: »Du kannst die außerordentliche Probe, die du von meinem Vertrauen auf deine Gesinnungen erwartest, nicht lebhafter wünschen, als ich wünsche, was ich für dich thue durch dein Betragen gerechtfertigt zu sehen. Hast du noch Muth, die Probe, worauf ich dich dadurch stelle, zu bestehen, so finde dich eine Stunde vor Mitternacht bey dem Seitenpförtchen ein, das aus der Gallerie des Apollo in die Rosengebüsche führt, und folge dem, den du daselbst antreffen wirst.«

Beides, die hohe Meinung, die ich von der Unschuld und Güte der schönen Faustina hegte, und das Vertrauen auf die Stärke meines eigenen Vorsatzes, war zu groß, als daß mein Entzücken über diesen mehr gewünschten als gehofften Beweis ihrer Gesinnung gegen mich durch den mindesten Zweifel hätte unterbrochen werden können. Die Zwischenzeit, die einem andern Liebhaber eine Ewigkeit geschienen hätte, verfloß mir unter wonnevollen Vorgefühlen unvermerkt; kaum hatte ich mich in den schönsten Tagen meiner Jugend, selbst im heiligen Haine der Venus Urania zu Halikarnaß, so entkörpert, so ganz Dämon gefühlt, als in der Erwartung dieser heiligen Mitternachtsstunde, in welcher der Bund einer ewigen Liebe zwischen der schönsten aller Seelen und der meinigen beschworen werden sollte.

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