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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Verzeihe, Freund Lucian, wenn ich vielleicht in Anführung dieser Rede meines klugen und wohlmeinenden Wirthes zu weitläufig gewesen bin, wiewohl ich nur das Wesentlichste, dessen ich mich erinnere, ausgezogen habe. Aber ich hielt es für nöthig, weil diese Vorstellungen, und die Gewalt, die sein Geist unvermerkt über den meinigen erhielt, in den acht Tagen, welche ich bey ihm zubrachte, eine Veränderung in mir bewirkten, die in der Geschichte meines Lebens Epoke macht. Denn es gelang ihm nicht nur, mir das neue Projekt, worauf sich meine Fantasie geworfen hatte, gänzlich auszureden; sondern Er war es auch, der die Entschließung in mir veranlaßte, so bald ich meine häuslichen Angelegenheiten zu Parium ins Reine gebracht haben würde, zu dem weisen Agathobulus nach Ägypten zu reisen, und in vertrauterem Umgang mit diesem Manne (welchen er mir als einen sehr vortrefflichen Menschen und als das Muster eines echten Cynikers beschrieb) mich in der einzigen Lebensweise vollkommen zu machen, wobey ich, vermöge der Selbstkenntniß wozu mir die Erfahrung verholfen hatte, glücklich zu seyn hoffen konnte.

»Wärest du, sagte mir Dionysius kurz zuvor ehe wir von einander schieden, wärest du ein weniger ungewöhnlicher Mensch, Peregrin, so würde ich dir vorgeschlagen haben, ob du nicht bey mir zu Lindus bleiben, und an dem kleinen Handel, womit ich mich (um nicht ganz müßig zu gehen) beschäftige, Antheil nehmen wollest. Aber du bist nun einmahl nicht dazu gemacht, auf irgend einem gebahnten Wege durchs Leben zu ziehen, und es wäre vergeblich, zu erwarten daß du hierin jemahls deine Natur ändern werdest. Ich sehe zwey Grundzüge in deinem Karakter, die dich unvermeidlich bestimmen, so lange du lebst, und vielleicht (setzte er lachend hinzu) in deinem Tode selbst, außerordentlich zu seyn. Du strebest nach einem Lebensgenuß, den nur innere Vollkommenheit geben kann; und wiewohl du, durch den Zauber einer unaufhörlich geschäftigen Einbildungskraft, dein bisheriges Leben in lauter Verblendung und Täuschung zugebracht hast, so kenne ich doch wenige, und vielleicht niemand, der die Wahrheit so leidenschaftlich liebt wie du, und für den es ein größeres Bedürfniß wäre, sich in ihrem Besitz zu glauben. Für einen solchen Menschen ist meines Erachtens nur Ein Mittel sich zu retten. Er muß sich von allen Banden der bürgerlichen Gesellschaft sowohl als von allen besondern Verbindungen gänzlich los wickeln, und, um allenthalben, immer, und im höchst möglichen Grade unabhängig zu seyn, sich schlechterdings auf die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Körpers einschränken, und gegen allen äußerlichen Reitz von Vergnügen und Schmerz, so wie gegen die Urtheile der Menschen, ihren Beyfall oder Tadel, ihre Verehrung oder Verachtung, gleichgültig zu werden suchen. Auf diesem Wege wird er unfehlbar mit allem, was lebt und ist, in das reinste Verhältniß kommen, und, frey von Wahn und Leidenschaft, in ungestörtem Selbstgenuß und unumschränktem Wohlwollen, sich selbst in allem und alles in sich selbst fühlend, der göttlichen Natur so gleichförmig werden, als die menschliche dessen fähig ist. Es steht mir wohl nicht zu, dich zu einer Lebensweise aufzumuntern, zu welcher ich selbst weder Lust noch Fähigkeit habe: aber, wenn dich die Schwierigkeiten des Weges, worauf es deines gleichen vielleicht zu dieser Vollkommenheit bringen können, nicht abschrecken, so bin ich versichert, daß es das vernünftigste ist, was du in deiner Lage und mit einer Sinnesart, wie die deinige, unternehmen kannst.«

Wie du siehest, Lucian, war es weder mehr noch weniger als das Ideal, das du in deinem Cyniker aufgestellt hast, was, nach der Meinung meines Freundes Dionysius, die wahre Bestimmung des ehemahligen Günstlings der Mamilien und Diokleen seyn sollte. Seltsam genug! aber vielleicht noch seltsamer, daß dem Günstling der Mamilien und Diokleen nichts einfacher und einleuchtender schien als dieser Gedanke. Er schmiegte sich so schön an meine eigensten und innigsten Lieblingsideen an, paßte so gut zu meinen Umständen, und die Ausführung war so ganz in meiner Gewalt! – Überdieß schien mir dieser reine, hohe Cynismus von dem ursprünglichen Institut der Christianer so wenig in irgend einem wesentlichen Punkte verschieden zu seyn, daß er, auch in dieser Rücksicht, die einzige Partey war, die ich, ohne meinem Gefühl zu widerstreben, ergreifen konnte. Denn wiewohl mich Dionysius, in einer besondern Unterredung über die Person des Stifters jenes Instituts, von seiner Meinung zu überreden suchte, daß er (abgezogen, was vernünftiger Weise nur als poetische Ausschmückung seiner Geschichte zu betrachten sey) mit allen andern eminenten Weisen, deren beynahe jedes nahmhafte Volk in der Welt sich wenigstens Eines rühmen könne, in eben dieselbe Linie zu stellen sey: so war doch etwas in seinem individuellen Karakter, das er mir vor allen übrigen voraus zu haben schien, und das mir durch die Anhänglichkeit, die ich selbst für ihn empfand, – ich, der ihn weder gesehen noch gehört hatte, die unbeschreibliche Liebe begreiflich machte, womit diejenigen, die mit ihm gelebt hatten, bis an ihren Tod an ihm hingen. Du siehest also, Freund Lucian, daß der Cynismus, zu welchem ich von diesem Augenblick an so leicht überging als man einen Rock mit einem andern vertauscht, im Grund eine ziemlich christianische Miene hatte; und ich möchte nicht dafür stehen, daß es nicht abermahls ein unversehenen Streich meiner Einbildungskraft war, die Sokraten, Diogenen und Epikteten mit einem so schönen Ideal zu gruppieren, und durch das Licht, das von ihm auf sie zurück fiel, sie desto würdiger zu machen, von dieser Zeit an meine Helden zu seyn.

Lucian. Du bedarfst bey mir keiner Entschuldigung deiner Apostasie, Peregrin; aber ich begreife, daß du damahls einiger Entschuldigung bey dir selbst nöthig haben konntest.

Peregrin. Weniger als du glaubst. Denn in der That ward ich durch diesen Übergang zu einem Cynismus, wovon ich aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Exemplar in der Welt war, keiner meiner vorigen Gesinnungen ungetreu, und, die gnostische Geisterlehre des Kerinthus ausgenommen, blieb in meinem innern Mikrokosmos alles wie es war. Aber auch jene Träumereyen waren schon lange zuvor, ohne eine Spur in meinem Kopfe zurück zu lassen, in dem nehmlichen Augenblicke verschwunden, da ich erfuhr, daß mein Profet derselbe Mann sey, der vor einigen Jahren mit einer Bande Isispriester in der Welt herum gezogen war. Alles, was sich also (wenn ich anders eine Stimme über mich selbst habe) von der Sache mit Wahrheit sagen läßt, ist dieß: daß mein Christianismus das reinigende Mittel war, durch welches ich gehen mußte, um des hohen Cynismus fähig zu werden, zu welchem ich mich von dieser Epoke an eben so warm und aufrichtig, wie vormahls zu meinen magischen, erotischen und theosofischen Schwärmereyen, bis zu meinem letzten Augenblick bekannte.

Dionysius, der zu Mitylene Geschäfte hatte, begleitete mich bis dahin. Wir schieden als Freunde, die sich wiederzusehen hofften; und diese Hoffnung wurde in der Folge mehr als Einmahl erfüllt.

Wie ich nach Parium zurück kam, fand ich überall eine sehr kalte Aufnahme. Ich erklärte mir die Sache Anfangs als etwas ganz natürliches, aus der Verachtung, welche die Einwohner einer Handelsstadt gegen einen Mitbürger fühlen mußten, der ein großes Vermögen, in einer Zeit, worin der geringste von ihnen es dupliert und tripliert haben würde, so heilloser Weise durchgebracht hatte. Aber es fand sich bald, daß mein Kredit in Parium noch viel schlimmer war als ich mir einbildete. Meine Verwandten, deren Erbitterung gegen mich durch den Ausgang ihrer zu Antiochien angebrachten Klage auf den höchsten Grad gestiegen war, hatten unter der Hand, durch allerley heimliche Kunstgriffe, unter das Volk gebracht: man habe Anzeigen, daß es mit dem plötzlichen Tode meines Vaters nicht richtig zugegangen sey. Bald darauf hieß es: man sey der Sache näher auf die Spur gekommen; man sprach von einem Sklaven, den ich vor meiner Entfernung von Parium frey gelassen, und der bald darauf verschwunden war. Endlich flüsterte man einander in die Ohren: es wäre leider nur zu gewiß, daß Peregrin selbst der Thäter sey. Unvermerkt wurde davon als von einer ausgemachten Sache gesprochen, wovon die Familie die Beweise in den Händen hätte; und man nannte schon einen Tag, da die Klage gegen mich öffentlich angebracht werden sollte. Jetzt wollte jedermann so klug gewesen seyn, etwas von der Sache geahndet zu haben; jedermann hatte, als mein Vater todt war und begraben wurde, und bey Eröffnung des Testaments, und bey zwanzig andern Gelegenheiten irgend einen verdächtigen Umstand wahrgenommene und nun klärte sichs auf, warum ich ohne irgend eine begreifliche Ursache mich selbst aus Parium verbannt hatte, und als ein von den Furien hin und her getriebener Vatermörder in der Welt herum geirret war.

Als mir diese Gerüchte endlich zu Ohren kamen, errieth ich, ohne ein Ödipus zu seyn, sehr leicht, aus welcher Quelle sie geflossen, und was meine Intestaterben damit zu gewinnen hofften. Sie wußten sehr wohl, daß sie nicht beweisen konnten was nicht geschehen war: aber sie kannten die Wirksamkeit dreister Verleumdung bey einem ohnehin schon gegen mich eingenommenen Volke, und sie glaubten auch mich zu kennen. Kurz, sie zweifelten nicht, ich würde aus Verdruß und Unwillen über eine so wenig verschuldete Aufnahme bald wieder davon gehen, und sie dadurch berechtigen, zu sagen: die Furcht vor der Anklage und vor der Strafe, welcher ich nicht anders hätte entgehen können, habe mich zur Flucht getrieben. Sie würden dann (wie sehr wahrscheinlich zu vermuthen war) dem Abwesenden wirklich den Prozeß gemacht, und, da sie in Parium einen großen Anhang hatten, meine ewige Landesverweisung und die Einziehung meines noch übrigen Vermögens ohne Mühe ausgewirkt haben.

Ich hatte diesen geheimen Anschlag kaum errathen, als mir plötzlich ein Mittel, ihn auf einmahl zu Wasser zu machen, einfiel, welches, so einfach es auch in meinen Augen war, schwerlich einem andern Parianer an meinem Platze in den Sinn gekommen wäre. Ich erschien bey der ersten öffentlichen Volksversammlung im ganzen Kostum eines Cynikers, bestieg den Redestuhl, und hielt eine Anrede an meine Mitbürger, worin ich ihnen mit Wenigem von meiner zweymahligen langen Abwesenheit Rechenschaft gab, und, nach einer öffentlichen Profession meiner Grundsätze und des Plans meines künftigen Lebens erklärte: da ich künftig nur sehr wenig bedürfen und Parium ungesäumt verlassen würde, um zu dem weisen Agathobulus nach Alexandrien zu reisen, so glaubte ich von meinem väterlichen Hause und von dem Landgute meines Großvaters keinen edlern Gebrauch machen zu können, als indem ich, wie hiermit geschehe, meinen geliebten Mitbürgern, dem Volke von Parium, eine mündliche und in gehöriger Form schriftlich beurkundete Schenkung davon machte.

Die Wirkung, welche diese Handlung auf die untern Volksklassen that, denen nach meiner Verordnung die Einkünfte jener Grundstücke vornehmlich zu gut kommen sollten, hat dein Ungenannter (der sich in allen unbedeutenden Dingen immer genau an die Wahrheit hält) so richtig beschrieben, daß ich nichts weiter davon zu sagen brauche. Ich war nun auf einmahl an meinen Verwandten gerochen, und bey meinen Mitbürgern gerechtfertigt. Aber während die Lüfte von Lobpreisungen und Segnungen des edeln, großmüthigen und weisen Peregrinus erschallten, schlich ich mich aus dem Getümmel fort, und verließ Parium mit den Empfindungen, die seine Einwohner werth waren, auf immer.

Ein kleiner Meierhof in Bithynien, und einige böse Schuldforderungen aus der väterlichen Verlassenschaft, welche ich noch in Taurien einzutreiben hatte, wenn ich die Reisekosten daran wagen wollte, machten nun den ganzen Rest meines ehemahligen Vermögens aus. Das Gütchen warf etwas über vier hundert Drachmen jährlich ab. Ich machte also den Überschlag, daß mein Einkommen, in so fern meine tägliche Ausgabe die Summe von vier Obolen nicht überstiege, zu den unentbehrlichsten Bedürfnissen meines thierischen Theils hinreichen würde, und damit hielt ich mich für reich genug. Hatte Sokrates jemahls mehr, oder Antisthenes und Diogenes nur so viel gehabt? Nur der Schmutz – mit deiner Erlaubniß, Lucian –

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