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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Achter Abschnitt.

Lucian. Ich gestehe dir offenherzig, Freund Peregrin, daß in deinem letztern Betragen gegen Diokleen etwas ist, das ich mit deinem Karakter, so wie er sich bis zu dieser Epoke gezeigt hat, nicht recht zusammen reimen kann. Mich dünkt, das feine moralische Gefühl, das dich sonst bey allen Verirrungen deiner Fantasie und deines Herzens nie verließ, müsse durch deinen langen Aufenthalt unter den Christianern ein wenig abgestumpft worden seyn: denn wie wäre es sonst möglich gewesen, daß du eine Freundin, die schon so viel für dich gethan, dir in diesem Augenblick einen so großen Beweis ihrer Theilnehmung und ihres Zutrauens gegeben hatte, auf eine eben so unedle als unzärtliche Art, ohne die geringste Rücksicht auf die Verlegenheiten, in welche sie dadurch gesetzt wurde, hättest verlassen können? Bloß aus Freundschaft für dich, bloß weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, daß du, anstatt ein Mitgenoß der Unternehmungen ihres Bruders, nur ein Werkzeug, und wohl gar ein Opfer derselben seyn solltest, hatte sie dir sein Geheimniß entdeckt, und sich dadurch in den Fall gesetzt, seinen ganzen Unwillen auf sich zu laden, ja vielleicht seinen ganzen Plan scheitern zu machen, wofern sie zu viel auf dich gerechnet haben sollte. Würde sie dieß gewagt haben, wenn sie nicht die größte Meinung von deinem Edelmuth gehegt, dich nicht schlechterdings für unfähig gehalten hätte, ihr Zutrauen so zu belohnen wie du thatest? Und wärest du fähig gewesen so zu handeln, wenn du dich nur einen Augenblick an ihren Platz gesetzt hättest?

Peregrin. Welch einen warmen Sachwalter diese Zaubrerin an dir gefunden hat, von deren verführerischer Gewalt du dir nur erst jetzt einigen Begriff machen kannst, nachdem es ihr schon bey einer bloß mittelbaren Bekanntschaft gelungen ist, den kaltem Lucian, den erklärten Feind aller Täuschungskünste, durch einen einzigen behenden Handgriff auf ihre Seite zu bringen! Mit welcher Leichtigkeit hat sie alle Aufschlüsse, die wir in dem Haine der Venus Urania und auf dem Landgute der edeln Römerin von ihrem wahren Karakter erhalten haben, plötzlich aus deinen Augen gerückt! Aber ich, mein lieber Lucian, ich trug zu tiefe Narben von allem, was ich durch ihren Leichtsinn, ihren Muthwillen, ihre Eitelkeit, ihre eigennützige Gefälligkeit gegen fremde Leidenschaften, gelitten hatte, in meiner Seele; ich hatte zu viele, zu entscheidende Proben, wie hoch sie es in der Mimik gebracht, und wie leicht es ihr sey, die Gestalt, Miene, Sprache und Geberde jeder schönen Empfindung, jeder Tugend, jeder moralischen Grazie anzunehmen, als daß ich (zumahl nach Geständnissen, welche nothwendig einen dem Kerinthus und ihr selbst höchst nachtheiligen Eindruck auf mich machen mußten) so geneigt hätte seyn können, von der anscheinenden Großmuth ihrer Freundschaft auf eine dauernde Art gerührt zu werden. Ich begehre mich nicht zu rechtfertigen, Lucian; ich erzähle dir bloß mit aller Aufrichtigkeit, deren ich in unserm gegenwärtigen Zustande fähig bin, was ich von meiner eigenen Geschichte weiß; und Nachsicht mit meinen Verirrungen ist alles, worauf ich, bey einem Manne wie du, Anspruch machen kann. Ich bin getäuscht worden, und habe andere getäuscht; aber jenes immer unwissend, dieses immer ohne Vorsatz: ich gestehe beides offenherzig; aber am Ende ist es doch nur Gerechtigkeit, wenn ich sage, daß ich zu beidem fast immer durch Anscheinungen verleitet wurde, die so lebhaft auf mich wirkten daß ich sie für Wahrheit hielt. Mich dünkt, ich habe in meiner Erzählung schon erwähnt, daß es mir während der vier Tage, die ich wieder mit Diokleen lebte, nicht wenig kostete, daß ich nicht so offen und gerade gegen sie seyn durfte, als es ihr Betragen gegen mich zu fordern schien. Aber wie konnte ich anders, da ich entschlossen war, mit einem so gefährlichen Menschen, als Kerinthus nun in meinen Augen war, schlechterdings alle Gemeinschaft aufzuheben? Der Abscheu, den ich nach so unerwarteten und aus einem so glaubwürdigen Munde erhaltenen Aufschlüssen gegen ihn gefaßt hatte, war so übermäßig als die Verehrung, von welcher ich, so lang' ich ihn in einer überirdischen Glorie erblickte, für ihn durchdrungen war; er war zu heftig, um in seiner ersten Energie von irgend einer andern Empfindung überwogen zu werden. Und dennoch machte Dioklea meine Entschließung mehr als Einmahl wanken! Dennoch würde sie allem Vermuthen nach einen gänzlichen Sieg über mich davon getragen haben, wenn sie in dem kritischen Momente, dessen du dich erinnern wirst, tiefer in mich gedrungen, und mich genöthiget hätte, ihr die wahre Ursache meiner Verlegenheit und meiner Seufzer zu entdecken.

Lucian. Ich erinnere mich dieses kritischen Augenblicks sehr wohl, lieber Peregrin: aber erlaube mir zu bemerken, daß es nicht Edelmuth und dankbares Gefühl für die außerordentliche Freundschaftsprobe, die sie dir gegeben hatte, sondern etwas ganz anderes war, was dich damahls in ihre Gewalt brachte.

Peregrin. Ich bekenne meine Schuld, und weiß zu meiner Vertheidigung nichts weiter anzuführen als was ich schon gesagt habe. Im Fall eines Zusammenstoßes zweyer einander entgegen wirkender Gefühle muß natürlicher Weise das schwächere weichen; und dieß geschah im vorliegenden Fall um so mehr, da ich Diokleens Offenherzigkeit gegen mich, in der Stimmung, worein mich die Geheimnachrichten von ihrem Bruder gesetzt hatten, bloß als einen feinern Kunstgriff ansah, mich stärker und unauflöslicher in die Unternehmungen eines Ordens zu verwickeln, der schon allein dadurch, daß er im Grunde bloß politische Absichten und Finanzspekulazionen zum Zweck hatte, alles Anziehende für mich verlor, und meiner ganzen Sinnesart zuwider war. – Aber es ist Zeit, den Rest meiner Geschichte mit etwas schnellem Schritten fortzusetzen.

Lucian. Doch nicht schneller, wenn ich bitten darf, als das Interesse, das mir deine Geschichte eingeflößt hat, gestatten kann. Du bliebst zu Laodicea stehen, in Überlegungen vertieft, was du nun mit deiner wieder erlangten Freyheit und mit deinen neuen Erfahrungen anfangen wollest. Beide waren, nach deiner Gewohnheit, etwas theuer erkauft!

Peregrin. Und mußten eben darum auch einen desto größern Werth in meinen Augen haben. Indessen übertreibe ich nichts, wenn ich sage, daß weder der Verlust des größten Theils meines Vermögens, noch die Trennung von Kerinthus, Dioklea und meinen ehemahligen Brüdern, mir das Vergnügen, mich wieder frey zu wissen, verkümmern konnten. Es gehörte, wie du bereits bemerkt haben wirst, zu den Eigenheiten meiner Sinnesart, daß dieselben Gegenstände, welche in dem Zauberlichte, worin sie mir erschienen, meine ganze Seele eingenommen hatten, so bald ich fand oder zu finden glaubte, daß sie das nicht waren wofür ich sie gehalten hatte, nur aus meinen Augen gerückt zu werden brauchten, um sich in wenigen Tagen auch aus meinem innern Gesichtskreise so gänzlich zu verlieren, als ob alles, was zwischen mir und ihnen vorgegangen, ein bloßer Traum gewesen wäre. Ich trennte mich von Kerinthus und seinen Anhängern, nachdem der Sturm des ersten Augenblicks vorüber war, ohne daß es meinem Herzen das geringste kostete, als von Betrügern oder Betrognen, zwischen welchen und mir von nun an keine Gemeinschaft mehr Statt fand; ohne Reue oder Beschämung, und durch das Bewußtseyn befriediget, daß ich, durch die edelsten Beweggründe in meine Verbindung mit ihnen hinein gezogen, der guten Sache, so lange ich sie dafür halten mußte, alles aufgeopfert hatte. Aber noch lebte ein Bild in meiner Seele, das mir zwar unter so vielen Gegenständen, welche unmittelbarer auf mich gewirkt und sich aller meiner Aufmerksamkeit bemächtigt hatten, nach und nach aus dem Andenken gekommen war, aber nun, in der tiefen Einsamkeit, in die ich mich zurück geworfen sah, durch einen Kontrast, der seine Liebenswürdigkeit verdoppelte, auf einmahl wieder wie eine himmlische Erscheinung vor meiner Stirne stand; – und dieß war – das Bild der guten, unschuldigen, unverfälschten Familie von Christianern, zu denen mich mein Wegweiser Hegesias ehemahls in dem Walde zwischen Pergamus und Pitane verirren ließ. Du kennest mich nun so gut, Lucian, daß ich dir nicht zu sagen brauche, mit welchem Feuer meine Einbildungskraft, in dem abermahligen Schiffbruch, den alle meine Hoffnungen und Wünsche erlitten hatten, nach diesem Brete griff. Meine Partie war auf einmahl genommen. Mein großväterliches Erbe, – eine Kleinigkeit gegen das, was die Ordenskasse des Kerinthus verschlungen hatte, aber mehr als hinlänglich einen Menschen von mäßigen Bedürfnissen zu befriedigen – dieses Erbe, welches größten Theils in einem kleinen, nahe bey Parium gelegenen Landgute bestand, war glücklicher Weise noch in meinen Händen. Mein Plan war also, mit dem ersten Schiffe, das nach Cypern und Rhodus befrachtet wäre, abzugehen, von da nach Hause zurückzukehren, die Trümmer meines Vermögens zu Gelde zu machen, und mich dann, wo möglich, unmittelbar mit jenem auserwählten Häuflein echter Jünger unsers guten Meisters zu vereinigen, um in paradiesischer Unschuld und Abgeschiedenheit von der Welt, Ein Leib, Ein Herz und Eine Seele mit diesen engelähnlichen Sterblichen, im reinsten Genuß des gegenwärtigen und in freudigster Erwartung des zukünftigen Lebens, dieser hohen Eudämonie und göttlichen Befriedigung meines Innersten theilhaftig zu werden, welche schon so lange vergebens das letzte Ziel meiner Wünsche gewesen war.

Lucian. Bravo, Peregrin! Deine Imaginazion thut wieder ihre Schuldigkeit, wie ich sehe; du genießest wieder so überschwenglich viel voraus, und alles in einer so überirdischen Lauterkeit und Vollkommenheit – daß die guten ehrlichen Seelen, von denen du so viel erwartest, schlechterdings in die Unmöglichkeit gesetzt sind, deiner Fantasie genug zu thun, wenn sie auch noch so guten Willen dazu hätten.

Peregrin. Dießmahl ließ das Schicksal, oder meine Wankelmüthigkeit (wenn du nicht etwa lieber einmahl meiner Vernunft die Ehre davon geben willst) es nicht zur Probe kommen, welche sehr wahrscheinlich gerade so ausgefallen seyn dürfte, wie du erwartest. Eine unverhoffte Zusammenkunft mit einem Freunde, den ich seit mehrern Jahren ganz aus den Augen verloren hatte, verrückte mir den Gesichtspunkt, woraus ich diese Dinge noch anzusehen gewohnt war, und das Schicksal vollendete, was jener angefangen hatte.

Während daß ich zu Lindus auf ein Fahrzeug wartete, welches mich nach Mitylene bringen sollte, begegnete mir in einer bedeckten Halle ein Mann, der bey meiner Erblickung eben so verwundert still stehen blieb, als ich bey der seinigen. Zu unsrer beiderseitigen Freude entdeckten wir, Ich in ihm den nehmlichen Dionysius von Sinope, mit welchem ich zu Ikonium in der Pflanzschule des Kerinthus Bekanntschaft gemacht hatte, Er in mir den damahligen Vertrauten und Günstling des Profeten, der auf eine geheime Mission nach Syrien abgeschickt worden war. Der bloße Umstand, daß wir uns so allein zu Lindus wiederfanden, sagte uns, daß wir einander merkwürdige Dinge zu entdecken haben würden. Dionysius war seit kurzem, wie er mir sagte, durch eine Erbschaft nach Lindus gezogen worden, und gefiel sich da so wohl, daß er diese anmuthige Stadt zum Ziel seiner Wanderungen zu setzen Lust hatte.

Und wie machtest du es, fragte ich etwas voreilig, daß du dich und deine Erbschaft aus den Klauen des Profeten Kerinthus in Sicherheit brachtest?

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