Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
Schließen

Navigation:

»Nunmehr unternahm er eine dritte Reise zum Agathobulus nach Ägypten, wo er sich durch eine ganz neue und verwundrungswürdige Art von Tugendübung hervorthat. Er ließ sich nehmlich den Kopf bis zur Hälfte glatt abscheren, beschmierte sich das Gesicht mit Leim, that (um zu zeigen, daß dergleichen Handlungen unter die gleichgültigen gehörten) vor einer Menge Volks – was schon Diogenes öffentlich gethan haben soll, geißelte sich selbst, und ließ sich von andern mit einer Ruthe den Hintern zerpeitschen; mehrerer noch ärgerer Bubenstreiche zu geschweigen, wodurch er sich in den Ruf eines außerordentlichen Menschen zu setzen suchte. Nach dieser schönen Vorbereitung schiffte er nach Italien über, wo er kaum den Boden betrat, als er schon über alle Welt zu schimpfen und zu lästern anfing, am meisten über den Kaiser,Antoninus Pius. gegen den er sich die ärgsten Freyheiten um so getroster herausnahm, weil er wußte, daß es der sanfteste und leutseligste Herr war. Wie man leicht denken kann, bekümmerte sich dieser wenig um seine Lästerungen, und hielt es unter seiner Würde, einen Menschen, der von Filosofie Profession machte, Worte halber zu strafen, zumahl da er das Lästern und Schmähen ordentlich als sein Handwerk trieb. Indessen half auch dieser Umstand seinen Ruf vermehren: denn es fehlte unter dem gemeinen Volke nicht an Einfältigen, bey denen er sich durch seine Tollheit in Kredit setzte; so daß der Oberpolizeymeister ihn endlich, da ers gar zu arg machte, aus der Stadt hinaus bieten mußte, weil man, wie er sagte, solche Filosofen zu Rom nicht brauchen könnte. Aber auch dieß vermehrte nur seine Celebrität, weil jedermann von dem Filosofen sprach, der seiner kühnen Zunge und allzu großen Freymüthigkeit wegen aus der Stadt verwiesen worden sey, und diese Ähnlichkeit ihn mit einem Musonius, einem Dion, einem Epiktet,Von welchen der erste unter dem Kaiser Nero, und die beiden andern nebst allen übrigen Filosofen, so viele ihrer damahls in Rom waren, durch ein Dekret des Kaisers Domizian aus Italien verwiesen worden waren. und wer sonst von dieser Klasse das nehmliche Schicksal erfahren hatte, in Eine Linie stellte.

»In Griechenland, wohin er sich jetzt begab, spielte er keine bessere Rolle; denn bald ließ er seine Schmähsucht an den Einwohnern von Elis aus, bald wollte er die Griechen bereden die Waffen gegen die Römer zu ergreifen, bald lästerte er über einen durch seine Gelehrsamkeit und Würden gleich erhabenen Mann,Den Tiberius Klaudius Attikus Herodes. der unter mehrern andern Verdiensten um Griechenland eine Wasserleitung nach Olympia auf seine Kosten geführt hatte, damit die Zuschauer der Kampfspiele nicht länger vor Durst verschmachten müßten. Diese Wohlthat machte ihm Peregrin zum Vorwurf, als ob er die Griechen dadurch weibisch gemacht hätte. Es gebühre sich, sagte er, daß die Zuschauer der Olympischen Spiele den Durst ertragen könnten, und der Schade sey so groß nicht, wenn auch manche an den hitzigen Krankheiten, die bisher wegen der Dürre dieser Gegend daselbst im Schwange gingen, drauf gehen müßten. Und das alles sagte er, während er sich das nehmliche Wasser wohl belieben ließ; eine Unverschämtheit, wodurch die Anwesenden so erbittert wurden, daß alles zusammen lief und im Begriff war, ihn mit Steinen zuzudecken, so daß der tapfere Mann, um mit dem Leben davon zu kommen, zu JupiternNehmlich in den Tempel Jupiters zu Olympia, der, wie alle Tempel, eine Freystätte war. seine Zuflucht nehmen mußte.

»In der nächst folgenden Olympiade erschien er wieder vor den Griechen, und zwar mit einer Rede, woran er in den verflossenen vier Jahren gearbeitet hatte, und worin er, unter Entschuldigung seiner letztmahligen Flucht, den Stifter des Wassers zu Olympia bis an den Himmel erhob. Wie er aber gewahr wurde, daß sich niemand mehr um ihn bekümmerte, und daß er kommen und gehen konnte ohne das mindeste Aufsehen zu erregen, – denn seine Künste waren nun was altes, und etwas neues, wodurch er in Erstaunen setzen und die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Publikums hätte auf sich ziehen können, wußte er nicht aufzutreiben, da dieß doch vom Anfang an das Ziel seiner leidenschaftlichsten Begierde gewesen war – so gerieth er endlich auf diesen letzten tollen Einfall mit dem Scheiterhaufen, und kündigte den Griechen bereits an den letzten Olympischen Spielen an, daß er sich an den nächst folgenden verbrennen würde.

»Und dieß ist nun also das wundervolle Abenteuer, mit dessen Ausführung er, wie es heißt, beschäftigt ist, indem er bereits eine Grube graben, und eine Menge Holz zusammen führen läßt, um uns das Schauspiel einer übermenschlichen Stärke der Seele zu geben.« u. s. w.Die nun folgende Deklamazion des Ungenannten, da sie nichts historisches mehr enthält, wird hier weggelassen.

Wie wir (fährt Lucian in eigner Person fort) in Olympia angekommen waren, fanden wir die Gallerie hinter dem Tempel mit einer Menge Leute angefüllt, die theils übel, theils rühmlich von dem Vorhaben des Proteus sprachen. Endlich erschien in Begleitung einer Menge Volks mein Proteus selbst, und hielt eine Rede an das Volk, worin er sich über seinen ganzen Lebenslauf, über die mancherley gefahrvollen Abenteuer, die ihm zugestoßen, und das viele Ungemach, so er der Filosofie zu Lieb' ausgestanden, umständlich vernehmen ließ. Er sprach lange; aber da ich der Menge und des Gedränges wegen zu weit entfernt war, konnte ich wenig davon verstehen, und fand endlich aus Furcht erdrückt zu werden (welches mehr als Einem begegnete) für das sicherste, mich auf die Seite zu machen, und den Sofisten seinem Schicksale zu überlassen, der nun einmahl mit aller Gewalt sterben, und das Vergnügen haben wollte sich seine Leichenrede selbst zu halten. Indessen hörte ich doch wie er sagte: Er habe vor, einem goldnen Leben eine goldne Krone aufzusetzen; denn es gebühre sich, daß der Mann, der wie Herkules gelebt habe, auch wie Herkules sterbe, und in den Äther, woher er gekommen, zurück fließe. »Auch gedenke ich, sagte er, ein Wohlthäter der Menschen dadurch zu seyn, daß ich ihnen zeige, wie man den Tod verachten müsse; und ich darf also billig erwarten, daß alle Menschen meine Filokteten seyn werden.«

Diese letzten Worte verursachten eine große Bewegung unter den Umstehenden. Die Einfältigsten brachen in Thränen aus und riefen: Erhalte dich für die Griechen! Andere, die mehr Stärke hatten, schrieen: Vollführe was du beschlossen hast! Dieser Zuruf schien den alten Kerl ziemlich aus der Fassung zu bringen; denn er mochte gehofft haben, daß ihn alle Anwesende zurück halten und nöthigen würden, wider Willen bey Leben zu bleiben. Aber dieß leidige: »Vollführe was du beschlossen hast!« fiel ihm so ganz unerwartet auf die Brust, daß er noch blässer wurde als vorher, wiewohl er schon eine wahre Leichenfarbe gehabt hatte, und es wandelte ihn ein solches Zittern an, daß er zu reden aufhören mußte.

Du kannst dir vorstellen, wie lächerlich mir das ganze Gaukelspiel vorkam. Denn ein so unglücklicher Liebhaber des Ruhms, wie dieser, verdiente kein Mitleiden, da wohl schwerlich unter allen, die jemahls von dieser Plagegöttin gehetzt wurden, Einer war, der weniger Ansprüche an ihre Gunst zu machen gehabt hätte. Indessen wurde er doch von vielen zurück begleitet; und sein Dünkel fand eine stattliche Weide, wenn er über die Menge seiner Bewunderer hinsah, ohne daß der Thor bedachte, daß auch die Elenden, die zum Galgen geführt werden, ein sehr zahlreiches Gefolge zu haben pflegen.

Die Olympischen Spiele waren nun vorüber, und weil eine so große Menge von Fremden auf einmahl abging daß kein Fuhrwerk mehr zu bekommen war, mußte ich wider Willen zurück bleiben. Peregrin, der die Sache immer von einem Tage zum andern aufgeschoben hatte, kündigte endlich die Nacht an, worin er uns seine Verbrennung zum Besten geben wollte. Ich verfügte mich also gegen Mitternacht in Begleitung eines meiner Freunde gerades Weges nach Harpine, wo der Scheiterhaufen stand. Wenn man von Olympia neben der großen Rennbahn ostwärts geht, hat man gerade zwanzig Stadien dahin zu gehen. Wie wir ankamen, fanden wir den Holzstoß in einer ellentiefen Grube aufgesetzt. Er bestand größten Theils aus Kienholz mit dürrem Reisig vermischt, damit das Ganze desto schneller in Flammen geriethe.

So bald der Mond aufgegangen war, (denn billig mußte auch Luna eine Zuschauerin dieser herrlichen That abgeben) erschien Peregrin in seinem gewöhnlichen Aufzug, und mit ihm die Häupter der Hunde, vornehmlich der edle Theagenes, der eine brennende Fackel in der Hand trug, und die zweyte Rolle bey dieser Komödie nicht übel spielte. Auch Proteus selbst war mit einer Fackel bewaffnet. Beide näherten sich von dieser und jener Seite dem Scheiterhaufen und zündeten ihn an. Proteus legte den Tornister, den cynischen Mantel und den berühmten Herkulischen Knüttel ab, und stand nun in einer ziemlich schmutzigen Tunika da. Hierauf ließ er sich eine Hand voll Weihrauch geben, warf sie ins Feuer, und rief, das Gesicht gegen Mittag gerichtet, (denn auch dieß gehörte zur Etikette des Schauspiels) – »O ihr mütterlichen und väterlichen Dämonen, nehmt mich freundlich auf!« – Mit diesen Worten sprang er ins Feuer, und wurde sogleich durch die rings umgebenden und aufsteigenden Flammen dem Aug' entzogen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.