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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. Weißt du auch, Freund Peregrin, daß ich selbst von deiner Dioklea immer mehr und mehr bezaubert bin, und es dir schwerlich verzeihen könnte, wenn du eigensinnig genug gewesen wärest, ihre gute Meinung von dir zum zweyten Mahle zu täuschen?

Peregrin. So mache dich nur gefaßt darauf, mir auch diese Anomalie vergeben zu müssen, da du mir so viele andere schon übersehen hast. Denn in der That, dieser Zauber, womit sie mich seit dem ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft gebunden hielt, und dem du selbst, wie es scheint, nicht widerstehen kannst, dauerte immer nur so lange sie gegenwärtig war. Kaum sah ich mich wieder allein, so war mir ungefähr zu Muthe, wie einem seyn müßte, der die Nacht mit der lieblichsten Nymfe zugebracht zu haben geglaubt hätte, und sich beym Erwachen von den dürren Armen einer alten Thessalischen Zaubrerin umfangen sähe. Der große Plan des Kerinthus – der mich vielleicht hätte verblenden können, wofern er selbst, zu der Zeit da ich ihn noch für den ersten aller Menschen hielt, mir mit dem Feuer eines Mannes, der kein anderes Interesse als das allgemeine Beste der Menschheit hat, den Aufschluß darüber gegeben hätte – war nun, seitdem ich einen Scharlatan und eine Schauspielerin an seiner Spitze sah, nichts als ein betrügerisches Netz, worin er mich und tausend andere gutherzige Menschen gefangen hatte, um uns zu blinden Werkzeugen, und, nach Erforderniß der Umstände, zu Opfern seiner Herrschsucht und seines Eigennutzes zu machen. Es war mir unmöglich, einem Manne, der alles, was in meinen Augen das Ehrwürdigste und Heiligste war, bloß als Maschinen, Dekorazionen und Masken zu Ausführung eines weit grenzenden politischen Plans gebrauchte, edle Absichten dabey zuzutrauen; und nichts in der Welt hätte mich dahin bringen können, mit dem ehemahligen Vorsteher einer herum ziehenden Bande von Isispriestern gemeine Sache zu machen, und wäre ich auch noch so gewiß gewesen, in nicht mehr Jahren, als Alexander zu seinen Eroberungen brauchte, den Thron unsrer heuchlerischen Theokratie mitten in der Hauptstadt der Welt aufgerichtet zu sehen, und der Zweyte nach Kerinthus in dieser allgemeinen Monarchie zu seyn.

Diesen Gesinnungen zu Folge bedachte ich mich nicht lange, was ich von der Freyheit, die ich nun durch Diokleens Vermittlung wieder erhalten sollte, für einen Gebrauch zu machen hätte. So bald die Täuschung, die mir eine Wolke statt der Juno in die Arme gespielt hatte, vorüber war, konnte ich mich nicht schnell genug von den Gegenständen meiner betrognen Liebe los reißen, für die ich nun eben so viel Widerwillen empfand, als sie mich ehemahls angezogen und gefesselt hatten. Aber wie ich mich von Diokleen, welche ich wiederzusehen nicht vermeiden konnte, auf eine bessere Art als durch eine heimliche Flucht los machen könnte, dazu fand ich in dem ganzen Umfang meiner Einbildungskraft kein Mittel. Denn ich kannte die Schwäche meines Herzens und die magische Gewalt ihrer Überredungen, ihrer Liebkosungen, und (wenn nichts andres helfen wollte) ihrer Thränen, zu gut, um nur daran denken zu dürfen, ihr meine Entschließung und die Beweggründe derselben eher zu entdecken, bis ich aus dem Kreise heraus wäre, worin sie alles was sie wollte aus mir machte. Dieß war die einzige Schwierigkeit, die mir keine geringe Überwindung kostete. Denn der Gedanke an die großen Summen, die aus meiner Erbschaft in die Brüderkasse des Kerinthus und Hegesias geflossen waren, und welchen auch Dioklea, wiewohl nur im Vorbeygehen, bey mir geltend zu machen nicht vergessen hatte, hielt mich keinen Augenblick auf. Wie hätte auch ein solcher Verlust einen Menschen kränken sollen, der die Befriedigung eines einzigen seiner schwärmerischen Wünsche mit allen Schätzen von Indien noch sehr wohlfeil erkauft zu haben geglaubt hätte, und, nachdem er sich nun zum zweyten Mahle vom höchsten Gipfel seiner schönsten Hoffnungen herab gestürzt sah, nichts mehr zu verlieren hatte, was bedauernswerth war?

Alles erfolgte nun wie Schwester Theodosia es vorher gesagt hatte. Ich wurde am nächsten Morgen vor den Statthalter geführt, fand ihn aber von einer so ungeheuern Menge von Leuten, die entweder etwas anzubringen hatten oder auf seine Befehle warteten, belagert, daß er weder Zeit noch Lust zu haben schien, mir zu der Schutzrede für die Christianer, die ich meditierte, Gelegenheit zu geben. Er begnügte sich zwey oder drey Fragen an mich zu thun, deren Beantwortung ihn vermuthlich in der Meinung, die ihm Dioklea von mir beygebracht, bestärken mochte: denn er erwiederte sie bloß mit einem ironischen Lächeln, und dem Befehl, mich, als einen Menschen, von welchem der Staat und die öffentliche Ruhe nichts zu besorgen habe, auf der Stelle in Freyheit zu setzen, unter der einzigen Bedingung, daß ich die Provinz Syrien sogleich verlassen und mich hüten sollte, noch einmahl in verbotenen Versammlungen, von welcher Art sie seyn möchten, betreten zu werden. Von der Klage, welche meine Verwandten der Verschleuderung meines Erbgutes halben gegen mich erhoben hatten, wurde gar nichts erwähnt. Vermuthlich hatte die vorsichtige Dioklea, die mit ihrem Bruder auf Gewinn und Verlust in Gesellschaft getreten war, Mittel gefunden, diesen Punkt mit dem Statthalter in geheim auszumachen. Genug, meine guten Freunde zu Parium mußten sich an dem Bescheid ersättigen, daß man bey der vorgenommenen Untersuchung keine Ursache gefunden habe, den Beklagten der Gewalt, die ihm die Gesetze in Rücksicht seines Alters über die Anwendung seines Vermögens gäben, zu berauben. Und so endigte sich, lieber Lucian, diese ganze Sache, ohne daß die Filosofie des Statthalters so viel zu meiner Entlassung mitgewirkt hätte, als dein Ungenannter zu Elis dich glauben machen wollte.

Lucian. Aber wie lief es nun mit Diokleen ab?

Peregrin. Die Lebhaftigkeit der Freude, womit sie mich empfing, hätte beynahe alle meine Entschlossenheit umgeworfen. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, um das Bewußtseyn des Widerspruchs zwischen meiner wirklichen Gesinnung und der Person, die ich spielen mußte, zu übertäuben, als daß ich mich dem Eindrucke, den die Gegenwart dieser sonderbaren Frau immer auf mich machte, gänzlich Preis gab, und den Gedanken an das, was wir vorhatten, so viel möglich von ihr und mir zu entfernen suchte. Indessen war es doch unmöglich, daß der innerliche Zwang, den ich mir anthun mußte um ruhiger und fröhlicher zu scheinen als ich war, einem so scharfen Auge wie das ihrige hätte entgehen können. Sie zeigte mir von Zeit zu Zeit einige Unruhe darüber; und da ich, in der drückenden Nothwendigkeit, sie durch eine Lüge zufrieden zu stellen, mich wenigstens derjenigen bedienen wollte, die der Wahrheit am ähnlichsten sah – oder vielmehr wirklich zur Hälfte Wahrheit war –

Lucian lachend. Das nenne ich einen gewissenhaften Schelm!

Peregrin. – so gab ich ihr endlich zu verstehen, daß es sehr grausam von ihr gehandelt wäre, wenn sie dem Zwange, den sie mir in der verwichnen Nacht fürs Künftige zu einer Pflicht gemacht hätte, die mir, bey dem was ich für sie fühlte, weder leicht noch angenehm seyn könnte, nicht wenigstens so viel zu gut halten wollte, um die unfreywilligen Seufzer, die mir von Zeit zu Zeit entführen, ungeahndet zu lassen. Sie beantwortete diese Äußerung, welche sie, ohne eine zu geringe Meinung von mir oder eine zu große von sich selbst zu hegen, für sehr natürlich halten konnte, durch ein Betragen, das mir einige Hoffnung ließ, wenn ich mich ihres Zutrauens erst würdiger gemacht haben würde, von ihrem Herzen zu erhalten, was in der That bey einer Frau wie sie durch irgend eine andere Art von Verführung schwerlich zu erhalten war. Diese Wendung, welche unsre Unterhaltung nahm, führte unvermerkt Erinnerungen an Scenen aus der Vergangenheit herbey; dein armer Freund (wenn du ihn anders dieses Nahmens noch würdig findest) wurde eben so unvermerkt immer wärmer, und es kam so weit mit ihm, daß, wenn Dioklea nur die mindeste Ahndung der Gefahr, von ihm verlassen zu werden, gehabt hätte, es gänzlich in ihrer Gewalt gewesen wäre, ihn bis zum Geständniß seines treulosen Vorhabens zu treiben, und ihm einen Rückfall wenigstens auf lange Zeit unmöglich zu machen. Aber von dieser Seite lebte sie in der vollkommensten Sicherheit: und da sie alle ihre Aufmerksamkeit und Kunst bloß darauf wandte, dem, was sie für die einzige Gefahr bey unserm neuen Verhältnisse hielt, mit guter Art vorzubauen; so entging ich zu meinem Glücke der einzigen, in welcher mein Entschluß unfehlbar gescheitert wäre. Denn ich hätte in diesen zärtlichen Augenblicken, da meine Seele in dem Andenken so vieler unbeschreiblich wonnevoller Tage dahin schmolz, die mir in der zauberischen Einsamkeit der Villa Mamilia mit ihr zu einzelnen Stunden geworden waren, keine Stirne gehabt, ihr etwas zu verheimlichen oder abzuläugnen, wenn sie in meinem Inwendigen hätte lesen können. So hingegen schien sie, vielleicht aus Mißtrauen in ihr eignes Herz, nichts angelegners zu haben, als mich von jenen verführerischen Erinnerungen zurück zu ziehen, und wußte mir auf ihre eigene feine Art unvermerkt Fragen abzulocken, deren Beantwortung ihr Gelegenheit gab, sich in eine umständliche Erzählung des Merkwürdigsten einzulassen, was ihr in den sieben Jahren unsrer Trennung begegnet war. Eine Vertraulichkeit, die meinem wankenden Vorsatz ungemein zu Statten kam, da es nicht fehlen konnte, daß sie mich dabey manchen Blick in ihr Inneres thun ließ, der mich in der alten Entdeckung bestätigte, daß sie eine zu große Meisterin in der Mimik sey, als daß ein Mensch von meinem Schlage jemahls hoffen dürfe, das, was der Natur oder der Kunst in ihr angehöre, mit einiger Sicherheit unterscheiden zu lernen.

Lucian. Meine erste Sorge, so bald du deine Lebensgeschichte glücklich zu Ende gebracht haben wirst, soll seyn, diese Dioklea aufzusuchen, wofern sie anders in den Gegenden, die uns zur Wohnung angewiesen sind, zu finden ist.

Peregrin. Über diesen Zweifel kann ich dich beruhigen, Lucian. Ich habe sie schon öfters und immer in sehr guter Gesellschaft angetroffen. Es soll mir ein Vergnügen seyn dich mit ihr bekannt zu machen.

Lucian. Eine Gefälligkeit mehr, wofür ich dir verbunden seyn werde. Aber nun zum Verfolg deiner eigenen Angelegenheiten!

Peregrin. Da mir auferlegt war, Antiochien noch an dem nehmlichen Tage und ohne alles Aufsehen zu verlassen, und Dioklea alle Anstalten dazu bereits getroffen hatte; so begreifst du ohne mein Erinnern, daß alles, was ich dir so eben von unsrer gegenseitigen Lage gesagt habe, das Merkwürdigste von den drey Tagen ausmacht, an welchen wir auf ihrer Rückreise zu ihrem Bruder, der uns zu Damaskus erwartete, zum letzten Mahl allein beysammen waren. Dioklea befand sich um die dritte Nacht so ermüdet, daß sie, so bald wir in unsrer Herberge anlangten, sich sogleich zur Ruhe begab, und mir dadurch Zeit verschaffte, meine beschlossene heimliche Flucht ins Werk zu setzen. Glücklicher Weise hatten wir uns den Abend zuvor über das, was ich Heucheley nannte, ein wenig mit einander entzweyt, aber auf meiner Seite stark genug, daß es mir bey Ausführung meines Vorhabens leichter ums Herz war als ich selbst gehofft hatte. Wir befanden uns nicht weit von Gabala, in dem Hause einer Christianerin, einer guten alten Wittwe, die hier von den Einkünften eines kleinen Landgutes lebte, und, da sie kinderlos war, den Mann Gottes Kerinthus, oder vielmehr die unter seiner Verwaltung stehende Brüderkasse, zu ihrem eventualen Erben eingesetzt hatte. Ich ließ also meine geliebte Schwester Theodosia in guten Händen. Überdieß hielt ich es auch für Pflicht, ihr von einer ziemlichen Summe an Gold, welche sie mir bey unsrer Abreise von Antiochien übergeben hatte, zwey Drittheile zurück zu lassen, wiewohl ich, ohne mein Gewissen zu belasten, das Ganze, als einen sehr kleinen Ersatz für das reiche Opfer, das ich der Brüderkasse dargebracht, hätte behalten können. Meine Flucht hatte nicht die geringste Schwierigkeit. Ich hinterließ einen Brief an Diokleen, worin ich ihr sagte: »Die Aufschlüsse, die ich über das Geheimniß des Ordens, in welchen mich meine unvorsichtige Gutherzigkeit verflochten habe, seit kurzem erhalten hätte, machten mir eine gänzliche Aufhebung aller Gemeinschaft mit besagtem Orden und seinen Vorstehern zum unumgänglichen Gesetz. Ich begäbe mich hiermit freywillig und wohlbedächtlich alles Anspruchs an alle Summen, welche Hegesias und Kerinthus während unsrer Verbindung von mir erhalten oder in meinem Nahmen bezogen hätten; und hoffte dagegen, daß Sie so billig seyn würden, mich für ein so beträchtliches Lösegeld hinwieder aller Pflichten zu entlassen, die ich beym Eintritt in ihren Orden übernommen, und deren Erfüllung mir von nun an moralisch unmöglich sey. Im Übrigen werde ihnen ihre Kenntniß meines Herzens Bürgschaft dafür leisten, daß keines von ihnen jemahls etwas nachtheiliges von mir zu besorgen haben könne.«

Ich machte, als alles im Hause im ersten Schlafe lag, meinen Abzug durch ein Fenster, das aus meinem kleinen Zimmer in den Garten ging, doch mit etwas mehr Bequemlichkeit als ehemals aus dem Fenster der schönen Kallippe; und da ich, vom Gefühl meiner Freyheit und dem schmeichelhaften Bewußtseyn der Leichtigkeit, womit ich der Tugend so viele und große Opfer brachte, begeistert, die ganze Nacht durch in Einem fort lief, befand ich mich mit Anbruch des Tages am Ufer des Meeres. Ich ließ mich unverzüglich in einem Fischernachen nach Laodicea übersetzen, wo ich, in größter Verborgenheit, ein paar Tage damit zubrachte meine Lage zu überdenken, und zu sehen was für eine Partey mir nach einer so großen Katastrofe meiner innerlichen und äußerlichen Umstände zu nehmen übrig sey.

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