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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. Etwas, wovon ich sehr stark überzeugt bin, ist: daß die gute Mutter Natur, die ihre Kinder nicht leicht im Stiche läßt, sehr mütterlich dafür gesorgt hat, daß wir, um den Glauben an uns selbst (dieß so unentbehrliche Triebrad in unserm Wesen) durch keine unsrer Vergehungen oder Thorheiten gänzlich zu verlieren, für jede Anklage in unserm eigenen Busen eine Entschuldigung finden, welche unvermerkt die Gestalt einer Rechtfertigung gewinnt, und wenigstens uns selbst beruhigt, wenn sie auch nicht immer vor einem ganz unparteyischen Richter bestehen könnte. – Aber weiter, Peregrin!

Peregrin. Als ich endlich, wiewohl nicht ohne große Mühe, meine so gröblich beleidigte Freundin wieder besänftiget sah, und einige Becher von einem Weine, der die Bacchanalien der Villa Mamilia in unsre Erinnerung zurück rief, das gute Verständniß zwischen uns wieder hergestellt hatten, bat ich sie, mir zu erklären, durch was für ein Wunder die Tochter des Apollonius, die weltberühmte Tänzerin Anagallis, die Vertraute der üppigsten aller Römerinnen, mit Einem Worte, die schöne Dioklea, aus einer sehr irdischen Priesterin der himmlischen Venus in eine Schwester des erhabnen Kerinthus und in eine Christianerin umgestaltet worden sey.

Ich bin, versetzte sie, mit der Entschließung hierher gekommen, dich über alle diese Dinge ins Klare zu setzen; und wiewohl ich wenig Ursache habe, viel Vertrauen in deine Weisheit zu setzen, so will ich es doch auf die Gefahr noch einmahl von meinem Herzen betrogen zu werden, mit dir wagen, und deiner Freundschaft für mich, an welcher ich nie gezweifelt habe, das Geheimniß meiner Seele anvertrauen. Alles müßte mich betrügen, (setzte sie hinzu) oder das Schicksal hat uns nach einer so langen Trennung wieder zusammen gebracht, um an einem großen Plane mit einander zu arbeiten, und, wie oft uns auch die Umstände noch ferner trennen möchten, dem Geist und Herzen nach immer aufs engeste vereiniget zu bleiben. – Nach dieser Vorrede forderte sie, als die einzige und absolute Bedingung, ohne welche alle Gemeinschaft zwischen uns sogleich unwiderruflich aufgehoben werden müßte, daß ich ihr feierlichst angeloben sollte, von diesem Augenblick an zu vergessen, daß sie jemahls Dioklea und Anagallis für mich gewesen sey, nichts andres mehr in ihr zu sehen, als meine neu gefundene Schwester Theodosia, und mit dem heiligen Nahmen eines Bruders auch die Gesinnungen und das Betragen eines Bruders gegen sie anzunehmen. Es war natürlich, daß ich mich auf alle Fälle gegen einen solchen Antrag sträubte; aber, da sie mit großem Ernst darauf bestand, blieb mir nichts andres übrig als zu gehorchen, und es lediglich auf die Bescheidenheit meines Betragens und ihre eigene Großmuth ankommen zu lassen, ob und unter welchen Umständen sie für gut finden würde, von der strengen Buße, welcher ich mich unterwarf, etwas nachzulassen.

Nachdem dieser vorläufige Punkt berichtiget war, fing sie an, mir das Wesentlichste von der geheimen Geschichte ihres Bruders und ihrer eignen mitzutheilen. Kerinthus war einige Jahre älter als sie; sie stammten von Jüdischen Ältern ab, die ihnen aber noch in ihrer Kindheit entrissen wurden. Noth und Dürftigkeit brachten ihren Bruder dahin, sich selbst und seine kleine Schwester auf eine gewisse Zeit an eine Bande herum ziehender Tänzer und Luftspringer zu verhandeln. Etliche Jahre darauf fiel die kleine Dorkas, wie sie sich damahls nannte, in die Hände eines gewissen Hermias, eines Weisen von dem Aristippischen Orden, der zu Athen privatisierte, und sich, aus nicht ganz uneigennützigen Absichten, ein Geschäft daraus machte, die Anlagen, die er in ihr entdeckte, theils selbst, theils durch die besten Meister die er finden konnte, auszubilden. Sie sprach von diesem ihrem zweyten Vater mit der Wärme und Zärtlichkeit einer Tochter, die ihm alles was sie war zu danken hätte. Aber auch Er wurde ihr nach einigen Jahren durch den Tod geraubt; und weil das kleine Vermächtniß, das er ihr hinterlassen konnte, ziemlich bald aufgezehrt war, so befand sie sich nun in dem Falle, von den Talenten zu leben, welche sie zu Athen erworben hatte; und in der That erfüllte sie, indem sie zu Smyrna, Efesus, Antiochia, und in andern Hauptstädten der östlichen Provinzen des Reichs, unter dem Nahmen Anagallis als mimische Tänzerin auftrat, wirklich die Absicht, zu welcher Hermias (der sie auf keinem andern Wege glücklicher machen zu können glaubte) sie mit so vielem Aufwand erzogen hatte.

Inzwischen hatte das Schicksal auch mit ihrem Bruder auf mancherley Art gespielt. Er war ehemahls zugleich mit ihr nach Athen gekommen, und Hermias hatte, aus Liebe zu ihr, ein paar Jahre für seinen Unterhalt gesorgt, und ihm Gelegenheit verschafft, in den Schulen der Rhetorn und Filosofen die erste Bildung eines Geistes zu erhalten, der schon damahls nichts gemeines zu versprechen schien. Nach Verfluß dieser Zeit fand Hermias Gelegenheit, den jungen Menschen an einen seiner Freunde zu Korinth zu empfehlen, der ihn zu Handlungsgeschäften gebrauchte, und in dessen Gesellschaft er verschiedene Reisen machte, auf einer derselben aber, durch die Unruhe seines immer ohne bestimmten Zweck empor strebenden Geistes, von ihm getrennt, und zuletzt nach Alexandrien verschlagen wurde, wo er einige Zeit in Gemeinschaft mit den Juden lebte, sich in der Religion seiner Väter unterweisen ließ, und mit verschiedenen übel berechneten Entwürfen, seinem unglücklichen Volke aufzuhelfen, umging, deren Vereitlung ihn von Alexandrien wieder weg, und von einem Abenteuer zum andern trieb. Er hatte sich in Ägypten mit der Hermetischen Filosofie bekannt gemacht, und wanderte nun durch Chaldäa und Medien bis nach der heiligen Stadt Balk, an die Ufer des Oxus, um sich in den Mysterien der Chaldäer und der Zoroastrischen Schule einweihen zu lassen.

Während der ganzen Zeit, da Kerinthus von seinem rastlosen und mit Entwürfen schwangern Geiste in den Morgenländern herum getrieben wurde, zeigte sich seine Schwester nach und nach in allen Provinzen der Römischen Herrschaft als die erste Tanzkünstlerin ihrer Zeit, und bezauberte sowohl auf den öffentlichen Schauplätzen, als in den Privathäusern, wohin sie eingeladen wurde, alle Augen und Herzen. Seitdem sie sich dieser Lebensart ergeben hatte, waren mehr als zehn Jahre verflossen, in welchen sie ihren Bruder unvermerkt völlig aus dem Gesichte verloren hatte: als sie unverhofft eine Einladung von ihm erhielt, sich mit ihm zu einer Unternehmung zu verbinden, von welcher er sich und ihr große Vortheile versprach. Er hatte sich nehmlich zum Haupt einer Brüderschaft aufgeworfen, welche in den nördlichen Provinzen von Kleinasien von Ort zu Ort herum ziehen wollte, um die Liebhaber fanatischer Religionsübungen in den Mysterien der Isis einzuweihen, und dieses Institut zugleich mit einem Orakel und andern Chaldäischen und magischen Operazionen zu verbinden, welche unter den rohen Völkern in Paflagonien, Galazien, und im Pontus große Ausbeute hoffen ließen. Kerinthus hatte dazu einer Priesterin vonnöthen, auf deren Geist und Geschmeidigkeit er sich in allen Fällen verlassen könnte; und der öffentliche Ruf hatte ihm über diesen Punkt einen so vortheilhaften Begriff von seiner Schwester gemacht, daß er sich des glücklichsten Erfolgs seiner Unternehmung gewiß hielt, so bald sie an der Ausführung Antheil nehmen würde. Da die schöne Anagallis um diese Zeit des Theaters ziemlich überdrüssig war, so ging sie um so williger in die Vorschläge ihres Bruders ein, als sie sich von dieser neuen Lebensart tausend Gelegenheiten versprach, ihren erfinderischen Kopf auf eine angenehme Art zu beschäftigen, und weil überdieß, seitdem sie aufgehört hatte den Augen des Publikums in den Hauptstädten etwas neues zu seyn, die Quellen zu Bestreitung ihres großen Aufwandes immer unergiebiger wurden. Sie begab sich also zu ihrem Bruder, der sie zu Smyrna erwartete; ließ sich von ihm in der Rolle, welche sie in seinem geheimen Isisorden spielen sollte, unterrichten; durchwanderte hierauf mit ihm und seiner Gesellschaft einen großen Theil des kleinen Asiens, und rechtfertigte durch ihre Talente für diesen neuen Zweig der Schauspielkunst und Mimik die Meinung vollkommen, welche Kerinthus von ihr gefaßt hatte. Allein diese wandernde Lebensart war, bey allen ihren Annehmlichkeiten, auch großen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt; nicht alle Abenteuer fielen glücklich aus, und Anagallis, oder Parisatis (wie sie sich jetzt nennen ließ) ging schon einige Zeit mit ihrem Bruder zu Rathe, wie sie ihre Fähigkeiten auf eine edlere und seines hoch strebenden Geistes würdigere Art beschäftigen könnten: als ein glücklicher Zufall sie mit der schönen und reichen Römerin Mamilia Quintilla bekannt machte, und die beiden Damen eine so große Zuneigung für einander faßten, daß sie von nun an beschlossen, sich nie wieder zu trennen. Kerinthus war eben abwesend, als sich dieses zutrug; sie benachrichtigte ihn schriftlich davon, und er ließ sich um so eher gefallen seine Schwester in so guten Händen zu lassen, da er selbst im Begriff war, neue Verbindungen einzugehen, und bereits über dem großen Entwurfe brütete, mit dessen Ausführung wir ihn beschäftigt gesehen haben; jedoch mußte sie ihm versprechen, daß sie so viel möglich einen ununterbrochenen Briefwechsel mit ihm unterhalten und immer bereit seyn wollte, ihm, bey jeder Aufforderung, zu seinem Vorhaben (woraus er ihr damahls noch ein Geheimniß machte) beförderlich zu seyn.

Lucian. Ah! nun klärt sich auf einmahl alles auf, was dich bey deiner ersten Zusammenkunft mit Kerinthus beynahe nöthigen mußte, ihn für ein übermenschliches Wesen, oder wenigstens für einen Wundermann vom ersten Range anzusehen.

Peregrin. Mich hatte dieser fatale Lichtstrahl in dem Augenblicke durchblitzt, da ich aus Diokleens Munde hörte, daß sie die Schwester des Kerinthus sey; und daher diese heftige Revoluzion, die auf einmahl mein ganzes Wesen erschütterte. Es brauchte für mich nichts mehr, als mir zwey solche Personen wie Kerinthus und Anagallis in einem solchen Verhältnisse zu denken, um alles übrige dunkel voraus zu sehen, und mich verrathen und betrogen zu glauben. Indessen wollte ich doch aus ihrem eignen Munde hören, wie es damit zugegangen; und sie ermangelte nicht, mir von freyen Stücken alles Licht zu geben, das ich wünschen konnte.

Ich habe wohl nicht nöthig, (fuhr sie mit dem halb ironischen Lächeln, das in ihrem Gesicht einen so eigenen Zauber hatte, fort) mich über meine Begebenheiten, so lange ich in Verbindung mit Quintillen war, weitläufig auszubreiten, da du selbst eine Hauptrolle dabey gespielt, und schon damahls, als wir in der Villa Mamilia beysammen lebten, den Schlüssel zu der ganzen Maschinerey, durch welche man dir so beneidenswürdige Täuschungen verschaffte, von mir bekommen hast. Ich eile also zu einem Umstande, der sich bald nach deiner Entfernung von uns zutrug, und dir einen neuen Schlüssel zu dem wunderbaren Abenteuer, das dir zu Smyrna aufstieß, geben wird.

Und nun erzählte sie mir: Ihr Bruder hätte ihr seit ihrer zweyten Trennung so viel Nachricht von sich gegeben, daß sie daraus ersehen können, er habe endlich einen Wirkungskreis gefunden, worin er seine Fähigkeiten zu einem sehr großen und ehrenvollen Zweck anwende, und sich einen gewisser Maßen unsichtbaren, aber nur desto wichtigern Einfluß verschaffe, dessen Grenzen nicht abzusehen wären. Er meldete ihr von Zeit zu Zeit, daß sein Geschäfte, trotz der vielen Schwierigkeiten die er zu bekämpfen habe, den glücklichsten Fortgang gewinne, sagte aber nie warum es eigentlich zu thun sey, und drückte sich über alles in einer so geheimnisvollen Sprache aus, daß ihre Neugier dadurch um so stärker gereitzt werden mußte, da er noch immer auf ihre künftige Mitwirkung Rechnung zu machen schien. Wenige Tage nach meiner Entweichung erschien er selbst zu Halikarnaß, und lud seine Schwester zu einer geheimen Zusammenkunft ein, worin er sich über die Natur seiner neuen Verbindungen, über seine Plane, und über die Mittel, wodurch er sich, so zu sagen, zum König eines unsichtbaren Reichs zu machen hoffte, ausführlich gegen sie heraus ließ. »Seine Reisen durch den größten Theil des Reichs hätten ihm mancherley Gelegenheiten verschafft die Christianer genauer kennen zu lernen, und sich von ihrem Institut, oder vielmehr von dem, was es unter den Händen eines fähigen und unternehmenden Mannes werden könne, ganz andere Begriffe zu machen als man gewöhnlich davon habe. Er hätte gefunden, was sich vielleicht noch keiner aus ihrem Mittel deutlich gedacht haben möchte, – daß es ganz dazu gemacht sey die größte Revoluzion in der Welt zu bewirken, und daß dazu, nächst der Zeit, die alles zur Reife bringen muß, nichts weiter erfordert werde, als vermittelst eines geheimen Ordens wo nicht alle, wenigstens den größern Theil der Brüdergemeinen, in ein wohl organisiertes Ganzes zu verbinden, und unter die unsichtbare Leitung eines Einzigen zu bringen, der durch seinen Geist, seine Talente, seinen Muth und eine unermüdliche Thätigkeit und Beharrlichkeit, einem so viel umfassenden Amte gewachsen sey.« – Du kennest meinen Bruder, fuhr sie fort, und so brauche ich dir nicht zu sagen, wer dieser Einzige war, den er zur Ausführung seines Plans bestimmte, und ob er von dem Augenblick an, da dieser große Gedanke in seinem erfindungsreichen Geiste aufblitzte, mit etwas anderm beschäftigt war, als mit den Mitteln, wodurch er ihn in Wirklichkeit setzen könnte. Er ward ein Christianer, und that sich durch die Behendigkeit, womit er den Geist ihres Instituts erfaßte, durch die Beredsamkeit und das Feuer seines Vortrags in ihren Versammlungen, durch den neuen Schwung, den er ihren Lieblingsideen zu geben wußte, und durch den brennenden, aber immer von Klugheit geleiteten Eifer, womit er sich für einzelne Gemeinen sowohl als für die allgemeine Sache verwendete, in kurzer Zeit so sehr hervor, daß er das Vertrauen vieler einzelner Vorsteher und dadurch immer neue Gelegenheiten erhielt, das Innere ihrer Verfassung und Umstände, und (was für ihn das wichtigste war) die einzelnen Personen sehr genau kennen zu lernen, die entweder zu seinem geheimen Vorhaben als Werkzeuge oder als wirkliche Mitarbeiter brauchbar waren, oder, wenn er sie zu keinem von beiden aufgelegt fand, durch andere Mittel und Wege, wo nicht gewonnen, wenigstens verhindert werden mußten, ihm mit Erfolg entgegen zu arbeiten.

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