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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Siebenter Abschnitt.

Peregrin. Eines Abends, da die lange Dauer meiner Gefangenschaft und die Lauigkeit, womit meine Freunde an meiner Befreyung zu arbeiten schienen, meiner Geduld härter als gewöhnlich zusetzten, öffnete sich die Thür meines Gefängnisses, und eine verschleierte Frau, mit einem Korb auf dem Kopfe und einer Lampe in der Hand, trat herein, und grüßte mich (indem sie die Lampe auf einen kleinen Tisch und den Korb auf den Boden setzte) mit dem wohl bekannten Friedenswunsche der Christianer. Ihr Anzug war die gewöhnliche Kleidung der Diakonissen, das ist, der ältlichen Wittwen, die sich dem Dienste der Brüdergemeinen widmeten; ein dunkelbrauner Habit von der gemeinsten Wolle, mit einem ledernen Gürtel zusammen gehalten: aber in ihrer Gestalt war etwas, das mit diesem Anzuge kontrastierte, und in eben dem Augenblick, da es mich befremdete, eine schlafende Erinnerung zu erwecken schien. Ich war betroffen, und das Herz schlug mir vor Erwartung, was aus dieser Erscheinung werden sollte, ohne daß ich ein Wort hervorbringen konnte. Auch die unbekannte Schwester schien keine Eile zu haben, die Unterredung anzufangen. Das erste, was sie that, war, daß sie in großer Gelassenheit ihren Korb aufdeckte, ein kleines Rauchfaß voll glühender Kohlen heraus nahm, etwas Räuchwerk darauf warf, und das ziemlich dumpfe Gewölbe mit einem Wohlgeruch erfüllte, der es auf einmahl (wenigstens für Einen Sinn) in ein Zimmer eines Feenpalasts verwandelte.

Dieß erweckte neue Rückerinnerungen; mein Erstaunen nahm zu; ich erwartete mit Ungeduld, was auf diese magische Vorbereitung folgen würde. – »Und dein Herz sagt dir noch immer nichts, mein Bruder Peregrin?« sprach sie endlich mit einer Stimme, die mich zu oft in Entzücken gesetzt hatte, um mich länger im Zweifel zu lassen; und mit dem letzten Worte schlug sie ihren Schleier zurück und öffnete ihre Arme.

Was seh' ich? Dioklea? rief ich außer mir, indem ich in ihre Arme sank; ists möglich? Dioklea hier? Dioklea eine Christianerin?

»Und warum nicht? versetzte sie lächelnd. Ich habe so vielerley Rollen gespielt, warum nicht auch diese? die einzige, die es vielleicht der Mühe werth war noch zu lernen!«

Eine Rolle nennst du es? rief ich mit Bestürzung.

»Stoße dich nicht an dieses Wort, lieber Peregrin; es ist nicht so übel gemeint als du es aufnimmst. Es gehört, wie du weißt, Zeit dazu, eine lange gewohnte Sprache zu verlernen und sich eine ganz neue anzugewöhnen. Ich wollte nichts damit sagen, als worin wir unfehlbar beide einverstanden sind, daß wir nichts weiseres und besseres thun konnten, als das, was wir ehemahls waren, mit dem, was wir nun sind, zu vertauschen.«

Ganz gewiß, Dioklea, hast du das beste Loos erwählt! Aber, o sage, wie und wann und wo warest du so glücklich, dich von der schändlichen Mamilia los zu reißen? Wer war das gebenedeite Werkzeug deiner Erleuchtung?

»Kerinthus.«

Ists möglich? Kerinthus? rief ich mit Entzückung aus; Kerinthus, der mich auf eine so wunderbare Weise gerettet hat, Kerinthus hat auch dich aus den Klauen der Dämonen gerissen, und der unermeßlichen Seligkeiten des Reichs der Himmel theilhaftig gemacht?

»Ich habe dir noch weit wundervollere Dinge zu entdecken, mein lieber Proteus; aber vor allen Dingen laß dich bitten, diese seltsame Sprache, die dir, wie ich höre, so geläufig geworden ist als ob du nie eine andere gesprochen hättest, mit einer natürlichern zu vertauschen.«

Lucian. Darum hätte ich dich selbst bitten wollen.

Peregrin. »Fast sollte ich denken, (fuhr sie fort) du wärest noch nicht über die Schwelle des innern Heiligthums unsers Ordens gekommen: oder glaubst du etwa, daß dieß bey mir der Fall sey, mein Bruder? so irrest du dich sehr. Ich bin von den Jüngern hinter dem Vorhang,So hießen diejenigen Schüler des Pythagoras, vor welchen er nichts geheimes hatte. lieber Peregrin; ich bin – was du gewiß nicht vermuthest, nie errathen würdest, ich bin –«

Und was denn? rief ich –

»Die Schwester, die leibliche Schwester des Kerinthus,« sagte sie mit einem lächelnden Blick, und einem Tone, der über mein Erstaunen zu triumfieren schien.

Sprichst du im Ernste? Du? Du, Anagallis-Dioklea, die Schwester des Kerinthus? –

»In vollem Ernste, lichtstrahlender Peregrinus Proteus, erwiederte sie indem sie meine Hand ergriff, hier hast du meine Hand darauf, die leibliche Schwester des großen Profeten Kerinthus, wiewohl nicht länger Anagallis noch Dioklea, sondern Theodosia.«

Bisher, lieber Lucian, hatte ich, ungeachtet des Eindrucks der Gegenwart dieser Zaubrerin, und des magischen Nimbus von tausend süßen, Herz und Sinne schmelzenden Erinnerungen, in welchem sie vor meinen Augen stand, noch immer ausgehalten: aber gegen diese Entdeckung, und gegen den leisen Druck ihrer Hand in dem nehmlichen Augenblicke – hielt ich nicht länger aus. Es war als ob ich plötzlich aufhörte der vorige Mensch zu seyn. – Ich warf mich, oder taumelte vielmehr, unwissend wer ich war und was ich that, zu ihren Füßen, umfaßte ihre Knie, drückte mich mit der Entzückung eines Rasenden an sie an, stieß sie einen Augenblick darauf wieder von mir, sprang auf, schlug mich mit der Faust vor die Stirne, sank mit dem Kopf aufs Lager hin, sprang wieder auf, stürzte auf Diokleens Schulter, und brach glücklicher Weise in einen Strom von Thränen aus, der mir die Sprache wiedergab, und wahrscheinlich meine Vernunft rettete. O so war auch dieß alles Täuschung! rief ich endlich aus, indem ich mein Gesicht an ihren leicht verschleierten Busen drückte. – Aber Du bleibst mir! Anagallis oder Dioklea, oder unter welchem Nahmen du dich mir darstellst, unter jedem Nahmen, unter jeder Verkleidung bist du – du selbst! Nicht wahr, Dioklea, Du täuschest mich nicht?

Sie umarmte mich statt der Antwort mit der ruhigen Zärtlichkeit einer Schwester, indem sie mich bat, mich zu fassen und diese stürmischen Bewegungen zu mäßigen. »Ich habe dir noch unendlich viel zu sagen, setzte sie hinzu; aber du mußt erst ruhiger werden. Setze dich, lieber Peregrin. – Ich bringe in diesem Korb Erfrischungen mit, die deine Lebensgeister besänftigen werden; und ich hoffe, schon meine Gegenwart soll wie Homers Nepenthe auf dich wirken, und dich aller unangenehmen Dinge vergessen machen. Ich habe dafür gesorgt, daß uns niemand stören wird. Die Nacht ist unser. Sogar die frommen Bettler und die Schaar von alten Weibern, die sonst immer vor der Thür lagen und Wache bey dir hielten, sind durch einen Polizeybefehl entfernt. Dioklea denkt an alles, wie du weißt.« – Unter diesen Reden schickte sie sich an, ihren Korb auszupacken, und, um desto rüstiger zu seyn, legte sie den Wittwenschleier, den braunen Überrock und den ledernen Gürtel ab, und stand in einer faltenvollen schneeweißen Tunika, die von einem Gürtel von künstlichen Rosen zusammen gehalten wurde, mit halb aufgebundnen, halb wallenden Haaren, nymfenähnlicher und reitzender, däuchte mich, als jemahls, vor mir da.

Lucian. Armer – oder vielmehr nicht armer, reicher, an süßen Täuschungen reicher Peregrin! Und du hättest gewollt, daß dich Dioklea nicht täuschen sollte?

Peregrin. Ach! was mich täuschte, war immer in mir selbst! Ich wage es kaum – denn in der That, entweder du bist so gefällig und erlässest mir ein Geständniß, wofür ich wirklich keine Worte zu finden weiß – oder was ich dir gestehen muß, die Wirkung, welche Dioklea, (du weißt was für Reitze, was für Erinnerungen dieser Nahme umfaßt) Dioklea, in diesem Anzug, in einem so gefährlichen Augenblicke, beym magischen Schein einer einzigen Lampe, nach einer so langen Trennung, nach einem so enthaltsamen Leben als ich seit sieben Jahren geführt hatte, in diesem Aufruhr aller meiner äußern und innern Sinne – auf mich machte – Nein, Lucian, fordre es nicht! – es wirft mich zu sehr vor dir zu Boden! Du würdest nicht begreifen können, wie dieses Weib, – die das war was ich wußte, – die, wiewohl noch immer voller Reitze, doch gewiß in einer ruhigern Gemüthsstimmung und bey hellem Tageslichte wenig Eindruck auf meine Sinne gemacht hätte, in diesem Augenblicke den Mann, den ich dir bisher geschildert habe, aus einem Enthusiasten von der höchsten Klasse, aus einem halben Engel – in einen wüthenden – ich kann das Wort nicht aussprechen – in einen –

Lucian. So laß es mich sagen – in einen Satyr verwandeln konnte. – Freund Peregrin, das begreife ich so gut, daß ich noch keine von allen deinen Begebenheiten besser begriffen habe; so gut, daß dieß Geständniß in meinen Augen allen deinen übrigen das Siegel der Wahrheit aufdrückt, und daß ich, hätte Dioklea in jenem nehmlichen Augenblick, unter solchen Umständen, unmittelbar nach einer so heftigen Revoluzion in deinem ganzen Seyn und Wesen, auf einen Menschen wie du, diese Wirkung nicht gethan, entweder geglaubt hätte, du verschweigest mir etwas, oder gezwungen gewesen wäre, in deine ganze bisherige Erzählung ein Mißtrauen zu setzen. – Gieb dich also zufrieden, daß du, mit allen deinen Visionen und trotz der hohen Gnosis des Kerinthus, doch nur ein Mensch, das ist, ein Ding warst, das unter gewissen Umständen und Bedingungen ein halber Engel, unter andern ein ganzer Satyr seyn kann, – und sage mir, wie benahm sich die schöne Theodosia in diesem Sturme?

Peregrin. Ich bin ihr die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, daß sie das Mögliche und das Unmögliche versuchte, um dem wüthenden Nymfolepten zu entgehen; aber ihre Kräfte reichten nicht so weit. Überdieß war die Thür von außen verriegelt, und noch lauter zu schreyen als sie wirklich schrie, uns beide dadurch zum Stadtmährchen von Antiochia zu machen, und auf die unschuldigen Christianer eine Nachrede zu bringen, welche gewiß von ihren Feinden sehr grausam gemißbraucht worden wäre, dazu war sie zu verständig und zu edel denkend. – Aber laß mich kein Wort weiter von dieser widerlichen Scene sagen; denn Du, der alles so gut begreift, begreifst auch dieß, daß Dioklea –

Lucian. O gewiß begreife und billige ich sogar, – unter allen vorwaltenden Umständen, versteht sich – daß sie dir vergab; dir, da du (wie ich mir leicht vorstellen kann) im Staube vor ihr lagst, und, von Scham und Reue beynahe vernichtet, um Gnade flehtest, eben so aufrichtig vergab, als sie gethan haben würde, wenn du sie durch eine unfreywillige Bewegung mit einem Messer verwundet hättest. – Nichts davon zu sagen, daß eine Dame von Diokleens Stand, Alter und Karakter sich im Grunde durch einen so außerordentlichen Beweis der Gewalt ihrer Anziehungskraft weniger beleidigt als geschmeichelt finden mußte.

Peregrin. Dieß, Lucian, war wohl nicht der Fall mit Diokleen. Was geschehen war, verrückte ihren ganzen Plan, und konnte ihr also unmöglich anders als äußerst unangenehm seyn. Und in der That, wenn ich bedenke, daß dieser Sturm, wie du es zu nennen die Güte hattest, vielleicht das einzige war, was mich von den Verführungen dieser schlauen Kreatur retten, und in die ruhige Fassung setzten konnte, ohne welche es mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, unmöglich gewesen wäre ihren Anschlag auf mich zu vereiteln: so bin ich beynahe versucht, jenen wilden Ausbruch, der so ganz und gar nicht in meinem natürlichen Karakter war, eher für das Werk meines guten Genius zu halten, oder wenigstens in die Zahl der unerklärbaren Zufälle zu setzen, durch welche wir, indem wir bloß als blinde Werkzeuge einer mechanisch auf uns wirkenden Ursache handeln, von irgend einem großen Übel befreyet oder irgend eines großen Gutes theilhaftig werden; Zufälle, wovon jeder Mensch, vielleicht ohne Ausnahme, auffallende Beyspiele aus seiner eigenen Erfahrung anzuführen hat. Der Verfolg meiner Erzählung wird dich, denke ich, überzeugen, daß ich Grund habe diese Bemerkung zu machen.

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