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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrin. Wir kommen ihr immer näher, lieber Lucian. Nur Eines Umstandes muß ich, ehe ich mein so genanntes Apostolat wirklich antrete, noch vorher erwähnen; und dieser war, daß ich während meines Aufenthaltes zu Ikonium, unter andern jungen Männern, die in der Pflanzschule des Kerinthus beysammen lebten, einen kennen lernte, der meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben würde, wenn ihn der Vorsteher auch nicht durch eine besondere Art von fein beobachtender Hochachtung von den andern unterschieden hätte. Er nannte sich Dionysius, war (dem Ansehen nach) einige Jahre älter als ich, und hatte Paflagonien (wo er aus einer kleinen Stadt gebürtig war) schon in seinen ersten Jünglingsjahren verlassen, um sich zu Athen aus einem Paflagonier zu – einem Menschen bilden zu lassen. Nachdem er in dieser ehrwürdigen Grabstätte der Sokraten und Platonen über zehn Jahre von einer Filosofenschule zur andern herum geirret und nirgends hinlängliche Befriedigung gefunden hatte, begab er sich, um mit der Natur und den Menschen durch eigenes Anschauen bekannt zu werden, auf Reisen; durchwanderte Griechenland, Italien, Gallien, Spanien, das Römische Afrika und Ägypten; wurde zu Alexandrien mit Hegesias, und durch diesen mit Kerinthus bekannt, und gefiel sich so wohl bey diesen Männern, (welchen, wenn sie jemand an sich ziehen wollten, schwerlich zu widerstehen war) daß er, nachdem sie einander eine Zeit lang beobachtet hatten, den Entschluß faßte, sich in ihren Mysterien einweihen zu lassen, und sein Loos mit dem ihrigen zu verketten. Die Heiterkeit und anscheinende Ruhe, die sich in der Fysionomie dieses Dionysius ausdrückte, zog mich eben so stark zu ihm, als ihn ich weiß nicht was in der meinigen hinwieder anzuziehen und zu interessieren schien. Wir suchten und fanden einander öfters; aber die Aufrichtigkeit meiner Schwärmerey hielt ihn (wie ich in der Folge aus seinem eigenen Munde hörte) wider seinen Willen in einer Art von Respekt, und unsre Gespräche blieben, wie unsre Freundschaft, immer an der äußersten Grenze der Vertraulichkeit stehen. Kerinthus und Hegesias schienen große Absichten mit ihm zu haben; allein zu Beobachtungen dieser Art waren meine Augen damahls noch nicht hell genug. Ich trennte mich ungern von diesem Menschen, den ich, seiner Kälte ungeachtet, ungemein liebenswürdig fand, und der überdieß wegen seiner mannigfaltigen Kenntnisse ein unterhaltender Gesellschafter war. Aber die Zeit kam, da wir, mit dem Bedauern einander nicht näher gekommen zu seyn, scheiden mußten: er blieb bey unserm Vorsteher zurück, und ich wurde mit einem jungen Akoluthen, der mir zum Dienst zugegeben war, nach Kappadocien geschickt, um bey den Brüdergemeinen, die in diesem großen Lande zerstreut waren und unter die eifrigsten gerechnet wurden, meine erste Mission anzutreten.

Über diesem Geschäfte, worin ich – da ich es mit Kappadociern zu thun hatte – ziemlich glücklich war, gingen einige Jahre hin, binnen welcher Zeit es mir gelang, verschiedene zahlreiche Gemeinen mir der Kerinthischen Schwärmerey anzustecken, und in mehrern andern wenigstens einen so guten Anfang zu machen, daß es dem Profeten ein leichtes war, das übrige durch seine eigene Gegenwart, und durch einige Wunder, die ich ihn verrichten sah, vollends zu Stande zu bringen.

Lucian. Wunder? – Was nennst du Wunder, Freund Peregrin?

Peregrin. Ich will damit eben nicht sagen, daß er den Mond vom Himmel herab gerufen habe, um ihn in seinen linken Rockärmel hinein und zum rechten wieder heraus rollen zu lassen; oder daß er durch sein bloßes Wort Berge versetzt und Flüssen einen andern Lauf geboten habe: indessen muß ich doch bekennen, daß ich ihn höchst seltsame Nervenkrankheiten, welche (wie leicht zu erachten) auf Rechnung böser Dämonen gesetzt wurden, durch bloßes Handauflegen vertreiben sah; wobey doch vielleicht, als kein unbedeutender Umstand, nicht zu vergessen ist, daß dieses Handauflegen mit einem ziemlich lange anhaltenden Streicheln und Reiben verbunden war –

Lucian. Das laß' ich gelten!

Peregrin. Einige Teufel wurden durch die bloße Kraft lieblich betäubender Wohlgerüche und die Magie eines feierlich schönen Gesangs, den er von den Brüdern und Schwestern mit gedämpften Tönen anstimmen ließ, vertrieben. Ein paar Kranke – in der Einbildung vermuthlich – wurden bloß dadurch plötzlich gesund, daß er ihnen, nach allerley vorbereitenden Feierlichkeiten, auf einmahl mit mächtiger Stimme befahl zu glauben daß sie gesund seyen –

Lucian. Auch nicht übel!

Peregrin. Das stärkste Stück aber, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, war die Auferweckung einer – hysterischen Jungfrau, welche, als er herbey gerufen wurde, nach der Versicherung ihrer weinenden Verwandten, schon vor zwey Tagen gestorben war –

Lucian. Und – den einzigen Umstand, daß sie noch lebte, ausgenommen – ohne Zweifel alle Zeichen einer todten Person an sich hatte?

Peregrin. Wie es auch damit beschaffen seyn mochte, bey den ehrlichen Kappadocischen Bauern galt diese Auferweckung für ein augenscheinliches Wunder; und ich kann nicht läugnen, daß ich selbst bey dieser Gelegenheit so sehr Kappadocier war als ein anderer; mit so vielem Anstand und in einer so großen Manier wußte der hochwürdige Kerinthus seine Rolle in solchen Scenen zu spielen. Kurz, die Wirkung der Wunder, die er zum Beweise seiner Sendung that, war so entscheidend, daß nicht nur alle anwesenden Brüder, die noch an ihm gezweifelt hatten, sondern sogar viele von der Neugier herbey gezogene Götzendiener auf der Stelle gewonnen wurden. Ich, dem er sich gleich im ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft als ein außerordentlicher und mit höhern Wesen in Verbindung stehender Mann dargestellt hatte, wurde vielleicht durch diese Dinge am wenigsten befremdet: indessen gaben sie doch meinem Glauben an ihn einen neuen Schwung; und ich zog nun, nachdem er mir seine wunderthätigen Hände aufgelegt hatte, desto getroster auf das neue Abenteuer aus, zu dessen Bestehung er mich, mit den nöthigen Empfehlungen und Instrukzionen versehen, nach Syrien abschickte.

Die Eroberung dieser Provinz lag ihm sehr am Herzen. Denn die Brüder zu Antiochia, Seleucia und Laodicea am Meer waren zum Theil reiche Handelsleute, von deren Vermögen und Verbindungen in allen Theilen des Römischen Reiches der geheime Orden, dessen Seele er war, große Vortheile ziehen konnte, wenn es ihm nur erst gelang, die Gemeinen selbst auf seinen Ton zu stimmen, und mit seinen Anhängern in den Provinzen des kleinen Asiens in nähere Vereinigung zu bringen. Da die Syrer überhaupt Leute von sehr lebhaften Sinnen und warmer Einbildungskraft sind, so schien ich ihm zu diesem Werk ein auserwähltes Rüstzeug zu seyn; und damit meine Bearbeitung eines so guten Bodens desto schneller und reichlicher Früchte bringen möchte, hatte er mich durch Hegesias und andere seiner heimlichen Anhänger als einen Jünger aus der Schule des heiligen Johannes ankündigen lassen, der die Tradizion der wahren Lehre unmittelbar aus der lautersten Quelle geschöpft habe, und sowohl dieses Vorzugs halber, als wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Eifers für die Ausbreitung des Reichs unsers Herren, als ein wahrhaft apostolischer Mann aufgenommen zu werden verdiene.

In der That hatte meine Schwärmerey um diese Zeit den höchsten Grad ihrer Hitze erreicht. Meine innige Liebe für das Ideal der reinsten Menschheit, unter welchem ich mir die Person unsers ersten Meisters dachte, und mein Sinn für die Wahrheit seiner eben so erhabenen als einfachen Lebensweisheit hatte sich mit der schwärmerischen Gnosis und dem Glauben an die bevorstehende Theokratie des Kerinthus völlig amalgamiert; und meine von so viel brennbaren Materien entzündete und in stetem Feuer erhaltene Seele kochte und strudelte von einem so heißen Verlangen, ihre Gefühle und Überzeugungen mit ihrer ganzen Fülle von Glauben, Liebe und Hoffnung über alle, die derselben nur einiger Maßen empfänglich wären, auszuströmen, daß Kerinthus schwerlich ein tauglicheres Subjekt zu Ausführung dessen, wozu er mich sendete, hätte finden können.

Ich machte meine erste Erscheinung in den Gemeinen, die unter der Aufsicht des Bischofs von Laodicea standen, und wurde allenthalben wie ein Engel, der geraden Weges vom Himmel käme, aufgenommen. Das Evangelium Johannis, wovon mir Kerinthus eine von ihm nach seinen Grundsätzen verfälschte Abschrift mitgegeben hatte, und die Auslegung, die ich – der selbst keine andere Abschrift kannte – den Brüdern in ihren Versammlungen über die darin enthaltnen Geheimnisse vortrug, wirkten außerordentlich. Mein Ansehen unter diesen guten Leuten, deren größter Theil sich eben so treuherzig von mir täuschen ließ als ich selbst getäuscht war, nahm von Tag zu Tage zu, und – kurz, meine Mission ging so gut von Statten, daß in weniger als zwey Jahren mehr als die Hälfte der Gemeinen in Syrien und Palästina unvermerkt in den feinen Netzen des Kerinthus gefangen war, und sammt ihren Vorstehern unter die unsichtbare Leitung und Oberherrschaft eines Ordens kam, von dessen Existenz sie nicht die geringste Ahndung hatte.

Du stellst dir wohl von selbst vor, daß bey diesem Geschäfte von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten und Hindernisse zu bekämpfen waren, deren Beschreibung meine Erzählung ohne Noth verlängern würde. Dafür konnte ich aber auch sicher auf beständige Unterstützung der Unsichtbaren rechnen; und, was mir am meisten zu Statten kam, war der Umstand, daß die Bischöfe und andere Diener der Gemeinen, welche mir hätten hinderlich seyn können, durch ansehnliche Verbesserungen ihrer Einkünfte, die ihnen aus der Ordenskasse (vermuthlich auf Unkosten meines Erbgutes) zuflossen, klüglich gewonnen waren, sich wenigstens bloß leidend bey der Sache zu verhalten.

Mitten in dem Laufe meiner apostolischen Triumfe wurde ich ganz unvermuthet von einer unsichtbaren Hand aufgehalten, welche keinem der unsichtbaren Obern, von welchen ich abhing, zugehörte. Hättest du wohl gedacht, Lucian, daß der geheime Pfeil, der mich zu Antiochia traf, in Parium abgeschossen wurde?

Lucian. In deiner Vaterstadt? – Ich begreife. Deine Verwandten und präsumtiven Erben hatten wohl keine Lust, ruhig zuzusehen, wie das ansehnliche Erbgut, worauf das Gesetz, falls dir etwas menschliches begegnete, ihnen die nächste Anwartschaft gab, in die Brüderkasse der Christianer, wie in einen Strudel der nichts wieder zurück gab, hinein stürzte?

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