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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. Genug, genug, lieber Peregrin! – Mir ist nichts unausstehlicher als diese dithyrambische Art von Filosofie, die sich die Miene giebt, das unergründliche Geheimniß der Natur ausfündig gemacht zu haben; und doch mit allen den Fantasiebildern, in welche sie ihre vorgeblichen Offenbarungen verkleidet, entweder nichts, als was jedermann schon längst gewußt hatte, offenbart, oder geradezu platten Unsinn sagt. Indessen hat mich gleichwohl die Neugier einst verleitet, unter so vielen andern Ausgeburten der menschlichen Thorheit, mich auch mit diesem gnostischen Aberwitz bekannt zu machen: und du kannst also getrost voraussetzen, daß es überflüssig wäre, dich über das ganze theurgische System deines hochwürdigsten Profeten weiter auszubreiten; wie viel oder wenig es auch mit dem Ebionitischen, Valentinianischen, und andern dieser Art, wovon es in der Folge verschlungen wurde, gemein haben mochte. Die Vollständigkeit deiner eigenen Geschichte wird, denke ich, nichts dadurch verlieren.

Peregrin. Erlaube mir nur noch diese einzige Anmerkung. Es kommt bey dieser gnostischen Theosofie alles im Grunde darauf an, daß die abstrakten Begriffe der gemeinen Filosofie darin versinnlicht, und den Wörtern, wodurch sie bezeichnet werden, die unbekannten Wesen und Urkräfte selbst, wovon jene metafysischen Begriffe nur leere Hülsen sind, untergelegt werden: und gerade dieß war es, was diese Art zu filosofieren für alle warmen Köpfe und glühenden Herzen eben so anziehend und verführerisch machte, als sie den kalten Köpfen deiner Art immer verächtlich seyn mußte. Ihr wußtet, daß die Göttin, in deren Arme man euch zu führen versprach, nur ein Wolkengebilde war; was für Genuß hätte euch also eine wissentliche Täuschung verschaffen können? Wir Ixionen hingegen glaubten in der Wolke die Göttin, deren Gestalt sie uns vorspiegelte, selbst zu umfassen, und fühlten uns selig, nicht nur weil wir nicht wußten daß wir getäuscht wurden, und also unser Genuß (so lange die Täuschung dauerte) wirklich war; sondern auch, weil die Ähnlichkeit der Wolke mit der Göttin etwas wirkliches, und also der Gegenstand, der uns in diese Entzückungen setzte, mehr als ein bloßes Hirngespenst war. Denn, wofern auch dem Menschen in jenem irdischen Leben alle unmittelbare Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt versagt ist, so wird doch niemand zu läugnen begehren, daß in dem unergründlichen Geheimnisse der Natur (wie du es nanntest) etwas sey, das sich zu den Äonen oder Urkräften der Gnostiker, und dem ewigen Urwesen, aus welchem sie ausströmen, ungefähr so verhält, wie die Juno der Fabel zu der Wolke, womit Jupiter den Ixion täuschte. Immerhin mögen also die Bestrebungen der wärmsten Einbildungskraft, sich zum wirklichen Anschauen dieser unerreichbaren Gegenstände zu erheben, vergeblich seyn: so sind doch diese Gegenstände selbst wirklich; so besitzt doch die menschliche Seele das Vermögen sich eine Art von Schattenbildern von ihnen zu machen; und so ist begreiflich, wie jenes bloße Bestreben in den innern Sinnen begeisterter Menschen Gefühle und Erscheinungen hervorbringen kann, die bey aller Täuschung noch immer Realität genug haben, um das Subjekt derselben, wenigstens seiner eigenen Schätzung nach, unbeschreiblich glücklich zu machen.

Lucian lächelnd. Ich glaube etwas davon zu begreifen, Freund Peregrin. Aber weiter, wenn ich bitten darf!

Peregrin. Der geheime Unterricht, den mir Hegesias während meines Aufenthalts zu Nikomedien ertheilte, anstatt daß er der letzte Grad meiner Iniziazion gewesen seyn sollte, (wie ich mir schmeichelte) war ohne allen Zweifel vielmehr eine Art von Probe, worauf man mich stellte, um zu sehen, ob ich würdig sey zum Aufschlusse des wahren Geheimnisses zugelassen zu werden. Denn in diesem Punkte sich nicht zu irren, mußte ihnen aus mehr als Einer Rücksicht sehr angelegen seyn. Wäre meine Vernunft damahls schon meiner Fantasie mächtig genug gewesen, daß ich – anstatt alle diese Blendwerke einer den Thatsachen des Christenthums untergelegten theurgischen Magie (woraus die Gnosis des Kerinthus größten Theils zusammen gewebt war) im Wortverstande zu nehmen und mich unbeschreiblich dafür zu erhitzen – vernünftige Zweifel gegen den wörtlichen Sinn derselben und gegen ihre Übereinstimmung mit der reinen Lehre des Gottgesandten geäußert, und den scharf sehenden Menschenkenner Hegesias durch mein ganzes Benehmen überzeugt hätte, daß ich durch schimmernde Luftgestalten nicht zu täuschen sey: so würde er wohl kein Bedenken getragen haben, mir das Innere des Ordens wirklich aufzuschließen, mich des Unterschiedes zwischen seiner exoterischen und esoterischen Lehrart zu verständigen, und, kurz, mir zu vertrauen, daß der buchstäbliche Sinn nur für die schwächern und schwärmerischen Seelen, der moralische und politische hingegen (der alles wieder in die natürliche Ordnung der Dinge einleitete, und welchem jener nur zur Hülle dienen sollte) nur für die Wenigen sey, die an der Spitze der ganzen Verbrüderung standen, und eben darum heller sehen mußten als die übrigen. Aber einen Enthusiasten meiner Art, einen Menschen, dem das, was Kerinthus und Hegesias nur als Mittel zu ihrem Zwecke gebrauchten, der Zweck selbst war, und dem, so wie man die Binde von seinen Augen genommen hätte, auf einmahl alle Lust zum Werke vergangen wäre, konnte man unmöglich in ein Geheimniß von dieser Wichtigkeit sehen lassen.

Sie beschlossen also (wie die That zeigte) den einzigen Gebrauch von mir zu machen, wodurch ich ihrer Sache wirklich Nutzen schaffen konnte, und wozu ich mich selbst so treuherzig darbot. Sie bemächtigten sich, zu Beförderung des Reichs Gottes, nach und nach und mit meinem besten Willen, meines Erbgutes; mich selbst aber, so bald sie sahen, daß der Eifer für die Ausbreitung der heilsamen Lehre (wie sie ihre Gnosis nannten) meine ganze Seele in Flammen gesetzt hatte, bestimmten sie in den Missionen zu arbeiten, welche der Orden in allen Theilen der Asiatischen und morgenländischen Provinzen des Römischen Reichs unterhielt. Denn außerdem, daß sie mich bereit sahen, für die Sache Gottes (wofür ich die ihrige ansah) alles mögliche zu wagen und zu leiden, glaubten sie in meinen Fähigkeiten und selbst in meinem Äußerlichen alles zu finden, was ihnen einen glücklichen Proselytenmacher in meiner Person versprechen konnte. Ein einziges Requisit ging mir noch ab: ich sah für einen Missionar noch zu wohl genährt aus. Aber dafür wußte der kluge Hegesias in kurzem Rath zu schaffen. Das heilige Werk, wozu mich der Herr erwählt hatte, erforderte eine strenge Vorbereitung; und so mußte ich einige Monate lang so viel fasten, wachen und beten, daß die wenige Nahrung und die vielen in erhitzender Betrachtung und Kontemplazion durchwachten Nächte mir bald genug das Ansehen eines Indischen Büßers gaben, welches in der That ein wesentliches Erforderniß zu dem Beruf ist, dem ich mit brennendem Verlangen entgegen ging.

Endlich kündigte mir Hegesias an, daß er eine Reise zu machen hätte, auf welcher ich sein Gefährte seyn würde. Wohin, sagte er mir nicht, und mir war es nicht erlaubt zu fragen; denn ein unbedingter Gehorsam gegen alle Winke des Vorstehers – von welchem vorausgesetzt wurde, daß er seine Verhaltungsbefehle unmittelbar von unserm Herren empfange – war eine der ersten Pflichten, zu deren Erfüllung ich mich, vor meiner angeblichen Einführung in das innere Heiligthum des Ordens, verbindlich gemacht hatte. Hegesias selbst schien in diesem Stücke nichts vor mir voraus zu haben. Er verbarg mir sorgfältig, daß er die rechte Hand, ja, im eigentlichen Verstande des Wortes, das Faktotum des hochwürdigen Kerinthus war, und wollte dafür angesehen seyn, daß er ein eben so blindes und passives Werkzeug in der Hand des Herren sey als ich selbst.

Nach einer langen Wanderschaft, auf welcher wir Bithynien, Galazien und Frygien die Kreuz und die Quer durchzogen und überall die Brüder besucht und gestärkt hatten, langten wir endlich zu Ikonium an, wo Kerinthus eine der ansehnlichsten Pflanzschulen seiner Sekte angelegt hatte. Wir fanden ihn mitten unter seinen Zöglingen, welche (wie ich in der Folge erfuhr) theils von ihm selbst, theils von einem seiner Vertrauten, zu der nehmlichen Bestimmung, wozu der Herr meine Wenigkeit erwählt hatte, ausgebildet wurden. Kerinthus empfing mich mit aller Zärtlichkeit und Offenheit, die mich (falls ich noch gezweifelt hätte) gewiß machen mußten, daß ich ein Jünger von der vertrautesten Klasse sey, und daß er vor mir kein Geheimniß mehr habe; und, so lange ich zu Ikonium lebte, zeichnete er mich durch tausend Merkmahle einer besondern Achtung vor den übrigen Brüdern, welche, wie ich, zum fahrenden Apostolat bestimmt waren, aus. Nichts konnte, bey allem Anschein von der offensten Mittheilung, feiner seyn als sein Betragen gegen mich; wiewohl ich diese Reflexion zu machen erst lange nachher fähig war, und damahls alles so für wahr nahm wie es schien. Um dir nur ein einziges Beyspiel davon zu geben, so wußte er es so einzurichten, daß ich es selbst war, der die erste Anregung von dem Amte, wozu er mich bestimmt hatte, that, indem ich ihm davon als von einem Geschäfte sprach, wozu ich mich innerlich berufen fühlte. – »Ich zweifelte keinen Augenblick, (war seine Antwort) als mir geoffenbaret wurde daß du zu diesem hohen Beruf erwählt seyest, daß dir auch die Gewißheit davon in deinem Innersten würde gegeben werden.«

Von dieser Zeit an unterhielt er sich mit mir, so oft wir allein waren, von keinen andern Gegenständen, als die sich auf dieses Geschäft bezogen, und theilte mir eine Menge Verhaltungsregeln und Kautelen mit, die ich dabey zu beobachten haben würde. Er verbarg mir nicht, daß von mehr als fünf hundert größern und kleinern Brüdergemeinen, welche damahls durch Asien, Syrien und Ägypten zerstreut waren, kaum der siebente Theil in näherer und unmittelbarer Verbindung mit ihm stehe; und daß es daher von unumgänglicher Nothwendigkeit sey, zahlreiche Arbeiter auszusenden, um der Verwirrung, dem Mißtrauen und den Spaltungen, welche der Geist der Finsterniß unter den Gemeinen zu unterhalten geschäftig sey, vorzubeugen, und alle diese zerstreuten Schafe, durch die engeste Verbindung ihrer Hirten unter einander, nahe genug beysammen zu halten, um die Stimme des Oberhirten immer hören zu können, und von keinen blinden oder betrügerischen Leitern irre geführt zu werden. Er ließ sich hierüber, besonders über die Klugheit, womit die Vorsteher der verschiedenen Gemeinen geprüft, behandelt und gewonnen werden müßten, in sehr genaue Instrukzionen ein, die ich übergehe, weil sie mich zu weit von mir selbst abführen, und einem Menschenkenner, wie du, wenig neues sagen würden.

Lucian. Ich muß gestehen, Peregrin, daß ich der Entwicklung dieses Theils deiner Geschichte mit Verlangen entgegen sehe.

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