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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Sechster Abschnitt.

Peregrin fährt in seiner Geschichte fort. Nach etlichen Jahren erfolgte der Tod meines Vaters, plötzlich, aber niemand befremdend, da man, seiner Leibesbeschaffenheit und Lebensweise nach, schon lange voraus vermuthet hatte, daß ein Stickfluß etwas früher oder später seinem Leben ein Ende machen würde. Keiner Seele in Parium, am wenigsten mir selbst, fiel nur der Gedanke einer Möglichkeit ein, daß nach mehrern Jahren die boshafteste Verleumdung fähig seyn könnte, von diesem Umstande den Stoff zu jenem schändlichen Gerüchte herzunehmen, dessen dein ungenannter Redner zu Elis sich so boshaft und zuversichtlich gegen mich bedient hat. Das gute Vernehmen, welches immer zwischen meinem Vater und mir, der Verschiedenheit unsrer Grundsätze und Neigungen ungeachtet, verwaltete, und die Achtung, in welche mein sittlicher Karakter und ein Betragen, das keiner Art von Verleumdung die mindeste Blöße gab, mich bey meinen Mitbürgern gesetzt hatte, machte einen solchen Argwohn eben so unnatürlich, als es die That selbst gewesen wäre. Meines Wissens hatte ich um diese Zeit in ganz Parium keinen Feind. Der einzige Menekrates, der seit mehrern Jahren alle nur ersinnliche Künste der Erbschleicherey (die du in deinen Todtengesprächen so meisterlich geschildert hast) angewandt hatte, um sich eine ansehnliche Stelle in dem letzten Willen meines Vaters zu verschaffen, ließ mich einige Erkältung seiner Freundschaft spüren, nachdem sich bey Bekanntmachung des Testaments gezeigt hatte, daß seiner gar nicht darin erwähnt, und nur seine Gemahlin Kallippe, als Nichte meines Vaters, mit einem nicht sehr erheblichen Legat bedacht worden war. Die Wahrheit zu gestehen, auch diese Dame, die seit meiner Zurückkunft nach Parium ihre alten Ansprüche an mich bey jeder Gelegenheit ohne Erfolg erneuerte, gab mir seit Eröffnung des Testaments wenig Ursache, sie für meine besondere Gönnerin zu halten; indessen kam ihr Mißvergnügen doch zu keinem öffentlichen Ausbruch. Erst nachdem ich durch meine Entfernung von Parium, und durch das Gerüchte, daß ich unter die Christianer gegangen sey, ein Gegenstand des allgemeinen Tadels meiner Mitbürger geworden war, erlaubte sie sich (wie ich lange nachher erfuhr) Anmerkungen und Winke über mich, die den ersten Grund zu der Verleumdung legten, auf welche ich zu rechter Zeit wieder zurück kommen werde.

Lucian. Ich brauche dich wohl nicht erst zu versichern, mein Bester, daß du bey mir schon gerechtfertiget bist. Wäre die Rede nur von irgend einer großen Narrheit, so wirst du mir erlauben zu sagen, daß meine Partey genommen wäre: aber wer dich eines Bubenstücks beschuldiget, hat seinen Prozeß bey mir verloren, und wenn er auch ganz Mysien zum Zeugen gegen dich aufstellen könnte. Doch, das versteht sich von selbst. – Wohlan denn, Freund Peregrin! das einzige Hinderniß, das deiner gänzlichen Vereinigung mit den Christianern im Wege stand, ist nun fortgeräumt; du bist frey und Herr über ein ansehnliches Vermögen – Doch nein! ich vergesse, daß du dir bereits einen unsichtbaren Herren gegeben hast, dessen sichtbare Hausverwalter schon vorläufig bedacht gewesen waren, dich aller Sorge, was du mit deinem Erbgut anfangen wollest, zu entbinden. Vermuthlich hattest du nun nichts Angelegneres, als alles je eher je lieber dem wundervollen Unbekannten zu Füßen zu legen?

Peregrin. Das konnte nicht fehlen. So bald ich von der ganzen Erbschaft, die sich nach Abzug einiger Vermächtnisse auf zwey hundert und zwanzig Talente belief, Besitz genommen hatte, schrieb ich an Hegesias: Ich hoffte, man würde nun kein längeres Bedenken tragen, in meine gänzliche Absonderung von den Kindern der Finsterniß einzuwilligen, und zu erlauben, daß ich mich selbst, und alles was ich besäße, einzig und allein dem Dienst unsers Herren und der Beförderung seines Reiches aufopferte.

In der That hatte Hegesias, durch seine Verbindungen mit den vornehmsten Kaufleuten und Wechslern in den Asiatischen Handelsplätzen, bereits auf eine so gute Art, daß ich ihm noch dafür verbunden seyn mußte, dafür gesorgt, daß ein großer Theil meines Vermögens schon zu seinen Befehlen stand. Er begnügte sich also, ohne etwas bestimmtes auf mein Ansuchen zu antworten, mir eine Zusammenkunft in Nikomedien vorzuschlagen, wo wir uns mündlich darüber besprechen könnten; als bis dahin er von dem Profeten (wie Kerinthus gewöhnlich von seinen Anhängern genannt wurde) zu vernehmen hoffte, was der Wille unsers Herrn in Absicht meiner wäre.

Auf diese Antwort beschleunigte ich meine Abreise mit Ungeduld; und, nachdem ich alle meine Angelegenheiten zu Parium in Ordnung gebracht, schiffte ich mich, unter dem Vorwande die mir angefallnen Landgüter in Bithynien zu besichtigen, nach Nikomedien ein, ohne mich das gemächliche Leben, welches ich im Schooße des Vergnügens unter meinen Mitbürgern hätte genießen können, auch nur einen Augenblick dauern zu lassen; so voll war meine ganze Seele von den Herrlichkeiten, die in der Gemeinschaft der Kinder des Lichts auf mich warteten, und von dem hohen Beruf, dem ich entgegen eilte! Denn wie konnte der höchste Stolz eines Sterblichen einen größern Gedanken erstreben, als an dem glorreichen Werk aller Äonen, welche ihre göttlichen Kräfte und Einflüsse zur Zerstörung des Reichs des Gottes dieser Welt und seiner Dämonen vereinigten, ein Mitarbeiter zu seyn, und eine neue Erde unter dem Zepter des Mensch-gewordnen Logos regieren zu helfen? – Du kennest doch diese Sprache, Lucian?

Lucian. Meinen Ohren wenigstens ist sie nicht so fremd als meiner Vernunft.

Peregrin. Auch dieser wird sie sehr verständlich seyn, wenn ich dir diese vorgeblichen Geheimnisse der Geisterwelt aus der räthselhaften Bildersprache unsrer Sekte in die gewöhnliche Menschensprache übersetze. Erinnere dich der großen Entwürfe eines Alexanders und Julius Cäsars, – aus dem ganzen Erdboden ein einziges Reich, aus allen Völkern eine einzige Nazion zu machen, diesem ungeheuern Reiche eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen.

Mein Kerinthus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem seinigen nicht besser gelang als dem großen Alexander, so bin ich doch gewiß, daß er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der großen Revoluzion gelegt zu haben, die wir in den Zeiten der Theodosier zu Stande kommen sahen. Diese furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bey unsrer ersten Zusammenkunft so feierlich ankündigte, der Untergang des Reichs der Dämonen, das Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Völker der Erde versammeln, und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren sollten – alle diese pompösen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiß wußte er was er damit sagen wollte: und was konnte dieß anders seyn, als daß es der neuen Theokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und Staatsverfassung umzustürzen? Diese Revoluzion zu bewirken und zu beschleunigen, war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.

Lucian. Dein Kerinthus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger Enthusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so lange als man deine Vernunft in dem gehörigen Helldunkel zu erhalten wußte. Alles war verloren, wenn man dich sehen ließ, was hinter dem hoch tönenden mystischen Prunk verborgen steckte, und wie natürlich diese theurgische Magie war, womit man die herrschende Leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte.

Peregrin. Der Erfolg wird zeigen, daß du richtig gerathen hast, Lucian. Hegesias empfing mich zu Nikomedien mit der zärtlichsten Bruderliebe; führte mich in die dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber gänzlich unter dem Zauber des Kerinthus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers über die Treue, die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hätte, und endigte mit der Versicherung: daß er nun kein Bedenken mehr trüge, den letzten Vorhang wegzuziehen, und mich in Geheimnisse schauen zu lassen, welche selbst dem größern Theile der Brüder nur in Bildern und Symbolen geoffenbaret würden.

Dieses Versprechen spannte, wie du denken kannst, meine Erwartung auf den höchsten Grad; und Hegesias, dem das Mystagogenamt hierbey aufgetragen war, wußte dem geheimen Unterricht, den ich nun einige Wochen lang von ihm empfing, alles das Feierliche, Heilige und Magische zu geben, wodurch seine Wirkung auf ein Gemüth, wie das meine, zehnfach verstärkt werden mußte. Die Gnosis umleuchtete mich wie ein überirdisches Licht, das aus offnem Himmel auf mich herab strömte; ich fühlte mich davon empor getragen, fühlte die schauervolle Gegenwart und das gewaltige Eindringen der göttlichen Urkräfte in das Innerste meines Wesens, und glaubte, mit Einem Worte, in manchen Augenblicken jenes hohe dämonische Leben, jenes unmittelbare Zusammenfließen mit der göttlichen Natur – ein Gefühl, unter welchem (wie viel Täuschung auch dabey seyn mag) alle menschliche Sprache einsinkt – wirklich zu erfahren, wovon in meiner ersten Jugend, und in dem Hain Uraniens zu Halikarnaß, nur der schwache Schimmer leiser Vorempfindungen (wie ich jetzt wähnte) in meiner Seele aufgedämmert hatte. – Vermuthlich würde eine ausführliche Darstellung dieser erhabenen Gnosis wenig Interesse für dich haben –

Lucian. Darauf kannst du dich verlassen! nicht das allermindeste!

Peregrin. Ich begnüge mich also zu sagen, daß sie weder mehr noch weniger als ein Gewebe von theosofisch-magischen Träumereyen war, welche Kerinthus eben so leicht den Grundbegriffen des damahligen Christenthums anzupassen wußte, als sie sich mit jeder andern Moral und Religion in Verbindung setzen ließen. Denn es war eine der natürlichen Folgen seiner Theorie, daß der menschliche Geist, trotz der dichten Rinde von kaltem und finsterm Stoffe, womit er nach seiner Verbannung aus den empyreischen Wohnungen umzogen worden, doch nie so ganz verfinstert geblieben sey, daß nicht, gleichsam durch die Risse und Spalten dieser Kruste, einige Funken und Strahlen des allumfließenden Oceans von Feuer und Licht, der sich ewig aus dem Abyssus der Gottheit ergießt, in sie eingedrungen wären, und –

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