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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrin. Nichts weniger als zudringlich. Es verging beynahe ein halbes Jahr, ehe ich von dem letztern, mit Gelegenheit einiger Waaren, die meinem Vater von Smyrna kamen, ein Briefchen erhielt, worin er meldete, daß er mich in kurzem zu Parium besuchen würde. Bald darauf erschien er wirklich in unserm Hause in Gestalt eines Handelsmanns von Ägina, Nahmens Hegesias, der von verschiedenen unsrer Korrespondenten Aufträge an meinen Vater hatte. Er betrug sich dabey mit so vieler Geschicklichkeit und Klugheit, daß der Alte ganz von ihm eingenommen wurde, und sein Anerbieten, sich hinwieder von ihm mit Aufträgen nach einigen Plätzen der Ionischen Küste beladen zu lassen, mit Vergnügen annahm. Dieß setzte ihn in kurzem auf einen so freundschaftlichen Fuß mit uns, daß es mir an Gelegenheit nicht fehlen konnte, so viele besondere Unterredungen mit ihm zu haben als ich nur immer wünschte. Ich erhielt einige der Bücher von ihm, die von den Christianern damahls noch sehr geheim gehalten wurden, und hauptsächlich die Geschichte der drey letzten Lebensjahre ihres Meisters, seine Wunderthaten, seine öffentlichen Reden, und den geheimern Unterricht, der nur seinen auserwählten Anhängern zu Theil ward, enthalten. Ich verschlang diese Bücher mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, und schöpfte daraus eine so innige Liebe für die Person dieses wunderbaren und in seiner Art einzigen Menschensohnes, daß es mir nicht schwer gewesen wäre, ihm noch weit unglaublichere Dinge, als er zum Theil gesagt haben soll, mit eben der zutraulichen Gutherzigkeit zu glauben, womit ich, auf das Wort und die ehrliche Miene meines Freundes Hegesias, an die historische Zuverlässigkeit der Erzähler so außerordentlicher Dinge glaubte. Hegesias ließ nichts außer Acht, was mich in meinem neuen Glauben bestärken, und mir den Beruf eines Mitarbeiters an dem großen Werke der Zerstörung des Reichs der Finsterniß immer wichtiger machen konnte; und kurz, (um dich mit der Beschreibung meiner Fortschritte nicht noch längere Zeit aufzuhalten als ich gebrauchte sie zu machen) er fand mich in so guter Verfassung, daß er kein Bedenken trug, mir noch in der Nacht vor seiner Abreise von Parium den ersten Grad der Iniziazion in den Mysterien der Christianer zu ertheilen, und bey dieser Handlung deren einfache aber herzerschütternde Feierlichkeit durch die Stille der Mitternacht und das Schauerliche des Ortes, den er dazu ersehen hatte, nicht wenig erhöht wurde – ein Gelübde von mir anzunehmen, das mich auf ewig zum Genossen des Reichs des Lichtes und zum unversöhnlichen Bekämpfer des Reichs der Finsterniß machen sollte.

Hegesias hatte schon mehr als Einmahl seine ganze Beredsamkeit anwenden müssen, den Eifer, den er selbst in mir entzündet hatte, zu mäßigen, und mich zu überzeugen, daß es Pflicht sey, mich den Verrichtungen, welche die Vorsehung mir dermahlen angewiesen habe, nicht eher zu entziehen, bis ein höherer Befehl mich davon abrufe. Aber in diesen feierlichen Augenblicken ergriff mich das Verlangen, alles zu verlassen und mich meinem neuen Beruf gänzlich und mit ungetheilter Thätigkeit zu widmen, mit solcher Gewalt, daß ich von neuem in ihn drang, und in Hoffnung, seinen Widerstand auf einmahl zu entwaffnen, mit großem Feuer mich auf die Antwort berief, die unser Meister dem reichen Jüngling ertheilt hatte, der ihn fragte, was er thun müsse um selig zu werden. Nichts konnte, meiner Meinung nach, entschiedener seyn, als die Anwendbarkeit dieser Antwort auf meinen Fall. Allein Hegesias war nicht so leicht aus seinem Vortheil zu werfen als ich mir einbildete. Er strafte meine Ungeduld mit sanftem aber unerbittlichem Ernst, und bestand schlechterdings darauf , daß es mir nicht erlaubt sey, meinen Vater eher zu verlassen, als bis er meines Dienstes nicht mehr benöthigt seyn würde. »Die Antwort, die dem Jüngling, auf den du dich beziehest, ertheilt wurde, sagte er, paßt so wenig auf deinen Fall, daß sie vielmehr gegen dich entscheidet. Die Gemüthsverfassung, worin du dich in diesem Augenblicke befindest, ist gerade das Gegentheil der seinigen: denn Er schlich sich traurig fort, als er hörte daß er das alles fahren lassen müsse, was Du mit Ungeduld zu verlassen wünschest. Irre dich nicht, mein Bruder, fuhr er fort – dich selbst, nicht deine äußerlichen Umstände, dich selbst zu verläugnen, indem du dem feurigsten Wunsche deines Herzens widerstehst, ist die erste Pflicht, die dir deine Aufnahme in die Gemeinschaft der Kinder des Lichtes auflegt! Wie, Peregrin? du schmeichelst dir das große Gebot unsers Herren zu erfüllen, und ihm alles aufzuopfern, indem du in der That nur eine mühsame drückende Last von dir würfest, und, anstatt seinen Willen zu thun, deinen eigenen thätest? Gerade diese leidenschaftliche Begierde, womit du alles um seinetwillen verlassen möchtest, würde dein Opfer verwerflich machen; denn sie ist bloße Täuschung deines noch nicht ganz überwältigten Selbst, oder vielmehr ein unsichtbares Netz, welches dein böser Dämon dir über den Kopf zu werfen sucht. Willst du dich gewiß machen ob deine Selbstverläugnung echt ist? Opfre dem, welchem du alles was du bist und hast aufzuopfern bereit zu seyn wähnest, diese unzeitige Begierde auf; kehre in dein väterliches Haus zurück, und glaube, du dienest dem Herrn, indem du fortfährst die Geschäfte deines Vaters mit Aufmerksamkeit und Eifer zu besorgen. Du wirst, wenn du in diesem geringen Posten treu gewesen bist, zu rechter Zeit an einen höhern abgerufen werden.«

Hegesias ertheilte mir diese Züchtigung mit einem so ernsten und Gehorsam fordernden Tone, daß ich den Unbekannten von Smyrna zu hören glaubte. Ich unterwarf mich also mit aller Demuth, die einem NeofytenSo wurden von den damahligen Christianern diejenigen genannt, die nur noch den ersten Grad der Iniziazion in ihren Mysterien erhalten hatten. zukam, und empfing seinen Segen, mit der Versicherung, daß ich mich von nun an als einen Bürger der Stadt Gottes, die in kurzem in sichtbarer Glorie auf die Erde herab steigen würde, zu betrachten hätte: und da ich mit Übernahme der strengen Pflichten dieser hohen Würde auch alle Vorrechte derselben erhalten hätte, so könnte ich gewiß seyn, daß ich, von diesem Augenblick an, unter dem unmittelbaren Schutz und Einfluß aller Geister des Lichtes, und in einer Verbindung mit den Genossen ihres Reiches stehe, die weder durch Raum noch Zeit gehemmet werden könne, und wovon ich ohne mein Zuthun, so oft es der Dienst unsers Königs erforderte, untrügliche Beweise erhalten würde.

Lucian. Dieser Hegesias spielte, wie es scheint, keine geringe Rolle unter den Kindern des Lichtes.

Peregrin. Er war, wie ich in der Folge erfuhr, einer der vertrautesten und thätigsten geheimen Agenten meines Unbekannten; ein Amt, wozu ihn seine außerordentliche Gegenwart und Geschmeidigkeit des Geistes, seine Weltkenntniß, und seine Geschicklichkeit mit allen Arten von Menschen umzugehen und ihr Zutrauen zu erwerben, ganz vorzüglich geschickt machte. Es war beynahe unmöglich ihm zu entgehen, wenn er sich eines Menschen bemächtigen wollte, der nur einige Anlage hatte, wissentlich oder unwissentlich, in einem höhern oder niedrigern Posten, als Gewicht, Rad oder Springfeder, an dem großen Werke, dessen Seele der Unbekannte war, arbeiten zu helfen. Er sprach mit vieler Fertigkeit alle Sprachen, die in dem ganzen damahligen Umfang des ungeheuern Römer-Reichs gesprochen wurden; besaß große Geschicklichkeit und Kenntnisse in Handelsgeschäften; stand mit vielen Großen und mit den vornehmsten Häusern in allen Handelsplätzen des Reichs in Verbindung, und konnte der Sache, welcher er sich gewidmet hatte, desto wichtigere Dienste thun, da sich (außer den Brüdern, die ihn kannten oder denen er sich zu erkennen gab) niemand einen Christianer hinter ihm vermuthet hätte. Denn er war, um zum Besten der guten Sache Allen Alles seyn zu können, von jeder äußerlichen Handlung dispensiert, die ihn den Profanen hätte verdächtig machen können; eine Befreyung, welche mein Unbekannter den thätigsten unter seinen Vertrauten gewöhnlich zu ertheilen pflegte, und die er auch mir (wiewohl ich noch weit von diesem Grade war) durch Hegesias ertheilen ließ, da es mir von ihnen selbst zur Pflicht gemacht wurde, meine Verbindung mit den Brüdern vor meinen Verwandten und Mitbürgern geheim zu halten.

Lucian. Diese Erlaubniß, zum Vortheil des ganzen Ordens jede beliebige Person unter jeder erforderlichen Maske vorzustellen, giebt mir auf einmahl Licht über die Möglichkeit, wie eine zu meiner Zeit noch so sehr verachtete Sekte schon in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts ihrer Zeitrechnung so zahlreich und ansehnlich seyn konnte, daß sie die Eifersucht der Priester der alten Götter nothwendig erregen mußte. Ihre Anzahl war schon unter den Antoninen viel größer als man glaubte, da vermuthlich nicht wenige (zumahl in den höhern Klassen der bürgerlichen Gesellschaft) aus mancherley Rücksichten, und zum Theil auch (wie dein Hegesias) in der Absicht, ihren Brüdern bey jeder Gelegenheit desto nützlicher seyn, und überhaupt ihre neue Theokratie im Stillen desto ungehinderter gründen und ausbreiten zu können, mit Vergünstigung der Obern ihre Verbindung mit den Christianern so lange geheim hielten, bis veränderte Umstände diese Zurückhaltung immer weniger nöthig machten.

Peregrin. Sehr wahrscheinlich. Indessen muß ich gestehen, daß für mich selbst, wiewohl ich mehrere Jahre in ziemlich enger Verbindung mit einigen von ihnen gestanden, ein undurchdringliches Dunkel auf der Geschichte des Ursprungs und der ersten Zeiten dieses in der Folge für die ganze Menschheit so wichtig gewordenen Ordens liegt. An meinen Vermuthungen darüber kann dir wenig gelegen seyn; auch würden sie uns zu weit von der Geschichte meiner eigenen Wenigkeit abführen, um welche es doch jetzt allein zu thun ist. Aber was ich aus eigener Erfahrung weiß, ist, daß zwischen den Christianern unter dem so genannten großen Konstantinus, und den größern und kleinern, durch den ganzen Römischen Erdkreis zerstreuten Brüdergemeinen, die man zu meiner Zeit unter diesem Nahmen zu begreifen pflegte, ein mächtiger Unterschied war. Denn damahls herrschte noch so wenig Zusammenhang, Ordnung und Übereinstimmung unter ihnen, daß vielleicht nicht zwey Gemeinen von beträchtlicher Größe zu finden waren, die in allen Stücken Eines Glaubens und Sinnes gewesen seyn sollten. Aus Mangel eines genau bestimmten und allgemein angenommenen Lehrbegriffs, blieben viele Punkte ihres Glaubens zweifelhaft: und da eine Menge Fragen, die man sich nicht entbrechen konnte nach und nach aufzuwerfen, aus eben diesem Grunde nicht rein aufgelöst werden konnten; so hing jede besondere Gemeine hierin größten Theils von den Meinungen und Vorurtheilen ihrer Vorsteher und Lehrer ab. Der Meister selbst hatte nichts schriftliches hinterlassen, das seinen künftigen Anhängern zur Richtschnur hätte dienen können. Natürlicher Weise war also das Maß von Gedächtniß und Verstand, das seinen ersten Schülern zu Theil geworden war, nebst dem Glauben an die Redlichkeit ihres Willens, die einzige Gewährleistung, welche diese den ihrigen für die Wahrheit der Thatsachen, wovon sie als Augenzeugen sprachen, und der Lehren, die sie aus seinem Munde gehört zu haben versicherten, geben konnten. Was Wunder also, daß sogar schon bey Lebzeiten derjenigen, durch welche die ersten Brüdergemeinen gepflanzt wurden, Irrungen, Streitigkeiten und Spaltungen entstanden, die das Ansehen dieses oder jenes Lehrers um so weniger verhüten oder ersticken konnte, weil derjenige, der etwas anderes lehrte, sich ebenfalls auf Tradizion, oder auf Schriften, die im Grunde für nichts mehr als für geschriebene Tradizion gelten konnten, berief, und also so viel anscheinendes Recht hatte, als jener, seine Lehre für diejenige zu geben, die mit dem Sinne des Meisters und mit dem Geiste seiner Worte am besten übereinstimme.

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