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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Auszug aus Lucians Nachrichten vom Tode des Peregrinus.

Die öffentlichen Kampfspiele zu Olympia, womit die zwey hundert sechs und dreyßigste Olympiade begann, waren der Zeitpunkt, und eine Ebene in der Gegend dieser Stadt der Schauplatz, welchen der Filosof Peregrinus, auch Proteus genannt, dazu ausersehen hatte, den Griechen und Ausländern aus allen Theilen der Welt, so diese Spiele zu Olympia zu besuchen pflegten, die außerordentlichste und schauerlichste aller Tragödien, das Schauspiel eines sich freywillig verbrennenden Cynikers, zu geben.

Auch Lucian, wiewohl er die Olympischen Spiele schon dreymahl gesehen hatte, hielt es der Mühe werth, einem solchen Schauspiele zu Liebe diese Reise zum vierten Mahle zu machen; und als er nach Elis (der nicht weit von Olympia gelegenen Hauptstadt der Republik dieses Nahmens) gekommen war, hörte er, indem er bey dem dortigen Gymnasion vorbey ging, einen cynischen Filosofen, um den sich eine Menge Volks versammelt hatte, mit der brüllenden Stimme die zum Kostum dieser Kapuziner der alten Griechen gehörte, dem Peregrinus eine Lobrede halten, und sein Vorhaben, sich zu Olympia zu verbrennen, in der, seinem Orden eigenen, popularen und deklamatorischen Manier rechtfertigen. – Von nun an mag Lucian in seiner eigenen Person sprechen.

»Und man darf sich noch erfrechen, (rief der Cyniker) einen Mann wie Proteus einer eiteln Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Götter des Himmels und der Erde, der Flüsse und des Meeres, und du Vater Herkules! Wie? diesen Proteus, der in Syrien in Banden lag, ihn, der seiner Vaterstadt fünf tausend Talente schenkte, ihn, den die Römer aus ihrer Stadt vertrieben, ihn, der unverkennbarer ist als die Sonne, und der es mit Jupiter Olympius selbst aufnehmen könnte, – Ihn beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? – That etwa Herkules nicht eben dasselbe? Starb Äskulap und Dionysos nicht durch einen Wetterstrahl? und stürzte sich nicht Empedokles in den Flammenschlund des Ätna?«

Als Theagenes (so nannte sich der Schreyer) dieß gesagt hatte, fragte ich einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meinte, und was Herkules und Empedokles mit dem Proteus zu schaffen hätten? – Du weißt also nicht, versetzte er mir, daß Proteus sich nächstens zu Olympia verbrennen wird? – Sich verbrennen? rief ich mit Verwunderung: wie ist das gemeint? und warum will er sich verbrennen? – Aber wie mir jener antworten wollte, schrie der Cyniker wieder so abscheulich, daß ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich hörte also nochmahls den erstaunlichen Hyperbolen zu, die jener zum Lobe des Proteus in einem Strom von Worten ausgoß. Dem Diogenes und seinem Meister Antisthenes geschähe schon zu viel Ehre, sagte er, wenn man sie nur mit ihm vergleichen wollte. Dazu wäre nicht einmahl Sokrates gut genug. Kurz, er forderte endlich Jupitern selbst zum Kampf mit seinem Helden heraus; doch fand er zuletzt für besser, die Sachen zwischen ihnen ins Gleichgewicht zu bringen, und schloß seine Rede folgender Maßen: »Mit Einem Worte, die zwey größten Wunder der Welt sind der Olympische Jupiter und Proteus; jenen bildete die Kunst des Fidias, diesen die Natur selbst; und nun wird dieses herrliche Götterbild auf einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren, und uns als Waisen zurück lassen!« – Der Mann schwitzte wie ein Braten, indem er dieß tolle Zeug vorbrachte aber bey den letzten Worten brach er auf eine so komische Art in Thränen aus, daß ich mich des Lachens kaum erwehren konnte; er machte sogar Anstalt sich die Haare auszuraufen, nahm sich aber doch in Acht, nicht gar zu stark zu ziehen. Endlich machten einige Cyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden Redner unter vielen Trostsprüchen davon führten.

Er war aber kaum von der Kanzel herab gestiegen, so stieg schon ein Anderer wieder hinauf, um die Zuhörer nicht aus einander gehen zu lassen, bevor er dem noch flammenden Opfer seines Vorgängers eine Libazion aufgegossen hätte. Sein erstes war, daß er eine laute Lache aufschlug, wodurch er, wie man wohl sah, seinem Zwerchfell eine nöthige Erleichterung verschaffte. Hierauf fing er ungefähr also an: Hat der Marktschreyer Theagenes seine verwünschte Rede mit den Thränen des Heraklitus beschlossen, so fange ich umgekehrt die meinige mit dem Gelächter des Demokritus an – und nun brach er von neuem in ein so anhaltendes Lachen aus, daß die meisten von uns Anwesenden sich nicht erwehren konnten ihm Gesellschaft zu leisten. Endlich nahm er sich wieder zusammen, und fuhr fort: »Was könnten wir auch anders thun, meine Herren, wenn wir so höchst lächerliches Zeug in einem solchen Tone verbringe hören, und sehen, wie bejahrte Männer, um eines verächtlichen kleinen Rühmchens willen, auf öffentlichem Markte nur nicht gar Burzelbäume machen? Damit ihr aber doch das Götterbild, das nächster Tage verbrannt werden soll, etwas näher kennen lernet, so höret mir zu; mir, der schon seit langer Zeit seinen Karakter studiert und sein Leben beobachtet, außerdem aber noch verschiedenes von seinen Mitbürgern und von Personen, die ihn nothwendig sehr genau kennen mußten, erkundiget hat.

»Dieses große Wunder der Welt wurde in Armenien, da er kaum die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, im Ehebruch ertappt, und genöthigt, mit einem Rettig im Hintern,Eine damahls gewöhnliche Art von Selbstrache beleidigter Ehemänner. sich durch einen Sprung vom Dache zu retten, um nicht gar zu Tode geprügelt zu werden. Gleichwohl ließ er sich bald darauf wieder gelüsten, einen schönen Knaben zu verführen; und bloß die Armuth der Ältern, die sich mit drey tausend Drachmen abfinden ließen, war die Ursache, daß er der Schande, vor den Statthalter von Asien geführt zu werden, entging. Doch, ich übergehe alle seine Jugendstreiche dieser Art; denn damahls war das Götterbild freylich noch ungeformter Thon, und von seiner Ausbildung und Vollendung noch weit entfernt. Aber was er seinem Vater gethan, ist allerdings nicht zu übergehen, wiewohl ihr vermuthlich alle schon gehört haben werdet, daß er den alten Mann, weil er ihm mit sechzig Jahren schon zu lange lebte, erdrosselt haben soll. Da die Sache bald darauf ruchtbar wurde, sah er sich gezwungen, sich selbst aus seiner Vaterstadt zu verbannen, und von einem Lande ins andere unstät und flüchtig herum zu irren.

»Um diese Zeit geschah es, daß er sich in der wundervollen Weisheit der Christianer unterrichten ließ, da er in Palästina Gelegenheit fand mit ihren Priestern und Schriftgelehrten bekannt zu werden. Es schlug so gut bey ihm an, daß seine Lehrer in kurzer Zeit nur Kinder gegen ihn waren. Er wurde gar bald selbst Profet, Thiasarch, Synagogenmeister, mit Einem Wort Alles in Allem unter ihnen. Er erklärte und kommentierte ihre Bücher, und schrieb deren selbst eine große Menge; kurz, er brachte es so weit, daß sie ihn für einen göttlichen Mann ansahen, sich Gesetze von ihm geben ließen, und ihn zu ihrem Vorsteher machten. – Es kam endlich dazu, daß Proteus bey Begehung ihrer Mysterien ergriffen und ins Gefängniß geworfen wurde; ein Umstand, der nicht wenig beytrug, ihm auf sein ganzes Leben einen sonderbaren Stolz einzuflößen, und diese Liebe zum Wunderbaren und dieses unruhige Bestreben nach dem Ruhm eines außerordentlichen Mannes in ihm anzufachen, die seine herrschenden Leidenschaften wurden. Denn so bald er in Banden lag, versuchten die Christianer (die dieß als eine ihnen allen zugestoßene große Widerwärtigkeit betrachteten) das Mögliche und Unmögliche, um ihn dem Gefängniß zu entreißen; und da es ihnen damit nicht gelingen wollte, ließen sie es ihm wenigstens an der sorgfältigsten Pflege und Wartung in keinem Stücke fehlen. Gleich mit Anbruch des Tages sah man schon eine Anzahl alter Weiblein, Wittwen und junge Waisen sich um das Gefängniß her lagern; ja die vornehmsten unter ihnen bestachen sogar die Gefangenhüter, und brachten ganze Nächte bey ihm zu. Auch wurden reichliche Mahlzeiten bey ihm zusammen getragen, und ihre heiligen Bücher gelesen; kurz, der theure Peregrin (wie er sich damahls noch nannte) hieß ihnen ein zweyter Sokrates. Sogar aus verschiedenen Städten in Asien kamen einige, die von den dortigen Christianern abgesandt waren, ihm hülfreiche Hand zu leisten, seine Fürsprecher vor Gericht zu seyn, und ihn zu trösten. Denn diese Leute sind in allen dergleichen Fällen, die ihre ganze Gemeinheit betreffen, von einer unbegreiflichen Thätigkeit, und sparen dabey weder Mühe noch Kosten. Daher wurde auch Peregrinen seiner Gefangenschaft halber eine Menge Geld von ihnen zugeschickt, und er verschaffte sich unter diesem Titel ganz hübsche Einkünfte.

»Übrigens wurde er (als es zu gerichtlicher Entscheidung seines Schicksals kam) von dem damahligen Statthalter in Syrien wieder in Freyheit gesetzt; einem Manne, der die Filosofie liebte, und so bald er merkte wie es in dem Kopfe dieses Menschen aussah, und daß er Narrs genug war aus Eitelkeit und Begierde zum Nachruhm sterben zu wollen, ihn lieber fortschickte, ohne ihn auch nur einer Züchtigung werth zu halten. Peregrin kehrte also in seine Heimath zurück, fand aber bald, daß das Gerücht von seinem Vatermorde noch immer unter der Asche glühte, und daß viele damit umgingen, ihm einen förmlichen Prozeß deßwegen an den Hals zu werfen. Die Hälfte seines väterlichen Vermögens war über seinen Reisen aufgegangen, und der Rest bestand ungefähr in funfzehn Talenten an Feldgütern. Denn die sämmtliche Verlassenschaft des Alten war höchstens dreyßig tausend Thaler werth, und nicht, wie Theagenes lächerlicher Weise geprahlt hatte, fünf Millionen; welches eine größere Summe wäre, als wofür das ganze Städtchen Parium und fünf andere benachbarte oben drein verkauft werden könnten. Wie gesagt also, der Verdacht seines Verbrechens war noch warm, und es hatte alles Ansehen, daß in kurzem ein Ankläger gegen ihn auftreten würde. Besonders war das gemeine Volk über ihn aufgebracht, und beklagte, daß ein so wackerer Mann, wie der Alte nach dem Zeugniß aller seiner Bekannten gewesen war, auf eine so gottlose Art aus der Welt gekommen seyn sollte. Nun sehe man, durch welche schlaue Erfindung der weise Proteus sich aus diesem bösen Handel zu ziehen wußte! Er hatte sich inzwischen einen großen Bart wachsen lassen, und ging gewöhnlich in einem schmutzigen Kaput von grobem Tuch, mit einem Tornister auf den Schultern und einem Stecken in der Hand. In diesem tragischen Aufzug erschien er nun in der öffentlichen Versammlung der Parianer, und erklärte ihnen, daß er hiermit die ganze Verlassenschaft seines seligen Vaters dem Publikum überlassen haben wolle. Diese Freygebigkeit that auf den gemeinen Mann eine so gute Wirkung, daß sie in laute Bezeigungen ihres Dankes und ihrer Bewunderung ausbrachen. Das heißt man einen Filosofen, schrieen sie, einen wahren Patrioten, einen echten Nachfolger des Diogenes und Krates! Nun war seinen Feinden der Mund gestopft, und wer sich hätte unterfangen wollen des Vatermordes noch zu erwähnen, würde auf der Stelle gesteiniget worden seyn. Indessen blieb ihm nach dieser Schenkung nichts anders übrig, als sich abermahls aufs Landstreichen zu begeben: denn da konnte er auf einen reichlichen Zehrpfennig von den Christianern rechnen, die überall seine Trabanten machten, und es ihm an nichts mangeln ließen. Auf diese Weise brachte er sich noch eine Zeit lang durch die Welt. Da er es aber in der Folge auch mit diesen verdarb, – man hatte ihn, glaube ich, etwas, das bey ihnen verboten ist, essen sehen – und sie ihn deswegen nicht mehr unter sich duldeten, gerieth er in so große Verlegenheit, daß er sich berechtigt glaubte, die Güter von der Stadt Parium zurück zu fordern, die er ihr ehemahls überlassen hatte. Er suchte beym Kaiser um ein Mandat deßwegen an: weil aber die Stadt durch Abgeordnete Gegenvorstellungen that, richtete er nichts aus, sondern wurde befehligt, es bey dem zu lassen, was er einmahl aus eigener freyer Bewegung verfügt habe.

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