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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Dieß ist zum Heil hinreichend, mein Bruder, sagte unser Wegweiser: aber Kinder sind doch nicht geboren, um Kinder zu bleiben; sie sollen Jünglinge und Männer werden, und bedürfen alsdann, ja schon um es zu werden, stärkere Speise.

Der Hauswirth erwiederte nichts hierauf. Nach einer kleinen Weile fuhr jener fort: Ich weiß daß man dir Vorurtheile gegen unsre Gemeine beygebracht hat; aber ich bin gewiß, wenn du unsern Profeten gesehen, wenn du ihn gehört hättest, du würdest andres Sinnes werden.

»Mein Bruder, versetzte unser Wirth mit Wärme, ich werde nie einen solchen Mann wieder sehen wie Johannes, der Liebling unsers Herren, war! Wohl mir, daß ich ihn gesehen habe, den liebenswürdigen Greis, den wir alle wie unsern Vater liebten und als den Stellvertreter seines geliebten Meisters verehrten, und daß sein Bild, oder vielmehr sein Geist in himmlischer Lichtgestalt, noch immer vor mir schwebt, so oft ich mich seiner erinnere! Unvergeßlich wird mir, so lang' ich lebe, der Augenblick seyn, da er in diesem Hause, in diesem nehmlichen Gemache wo wir jetzt sind, als ich ein Knabe von sieben Jahren war, seine heiligen Hände auf mich legte und mich segnete! Und so lang' ich lebe, werd' ich den herzlichen Ton der letzten Worte in meiner Seele hören, mit denen er von seiner Gemeine zu Efesus schied. Durch eine besondere Schickung hatte mich damahls mein Vater in meinem vierzehnten Jahre nach Efesus gebracht, um meine Erziehung daselbst vollenden zu lassen. Bald darauf fühlte der Heilige, der beynahe das ganze erste Jahrhundert des Heils durchlebt hatte, daß die Stunde des Scheidens gekommen sey. Er wurde in einem Lehnstuhl in die Gemeine getragen, die sich in dem Hause, wo er wohnte, versammelt hatte. Nie, nie wird mir dieser Anblick, diese Gefühle, die mein Innerstes durchdrangen, aus dem Sinne kommen! Wenn uns ein Engel in Gestalt eines Greises erscheinen wollte, so würde er die Gestalt des von seinen Kindern scheidenden Johannes annehmen. Seine Augen waren dunkel geworden: aber das letzte Auflodern der erlöschenden Flamme schien sie auf einmahl zu erheitern, und in einem Blick voll Liebe auf uns alle auszustrahlen. Die ganze Gemeine lag in heiliger Stille und mit thränenden Augen auf den Knien um ihn her, seinen letzten Segen zu empfangen. Er erhob sich, breitete seine Arme gegen uns aus, segnete uns, sank zurück, und war verschieden.«

Die Stimme unsers guten Wirths erstickte bey den letzten Worten, und Thränen rollten über seine glühenden Wangen herab; er sah eine lange Weile unverwandt empor; mein Wegweiser schwieg, wie in Gefühl verloren; und ich – ich gelobte mir selbst, daß von nun an alle meine Gedanken dahin gerichtet seyn sollten, so bald immer möglich in die Gemeinschaft dieser liebenswürdigen Menschen aufgenommen zu werden, die in meinen Augen einen Timon selbst mit dem ganzen Menschengeschlecht ausgesöhnet hätten.

Bald darauf stand unser Wirth schweigend auf, führte uns in ein für uns aufgerüstetes Schlafgemach, und wünschte uns eine gute Nacht.

Mein Herz war zu voll, als daß ich, wiewohl von der Reise sehr ermüdet, selbst hätte ruhen, oder meinem Gefährten Ruhe lassen können. Wie ist es möglich, sagte ich zu ihm, daß so gute Menschen, wie ich nun sehe daß ihr seyd, von der Welt so sehr verkannt werden können?

»Das wundert dich? antwortete er mit dem Lächeln, womit man auf die einfältige Frage eines Kindes antwortet: eben darum weil wir gut sind. Können wir, die wir noch so weit unter dem Vorbilde unsers Meisters und Herren sind, können wir erwarten, daß es uns besser ergehen werde als ihm?« – Und nun fing er an, durch meine Fragen veranlaßt, und durch das Interesse womit ich ihm zuhörte aufgemuntert, sich mit einer immer zunehmenden Wärme über den Karakter des außerordentlichen Menschensohnes, den er seinen Meister und Herren nannte, auszubreiten; der (wie er sagte) in einem Alter, worin gewöhnliche Menschen kaum die ersten Elemente der Weisheit zu fassen fähig sind, die weisesten Männer aller Völker und Zeiten so weit hinter sich zurück ließ, daß die Hermes und Zoroaster, die Pythagoras und Sokrates, sich für glücklich geachtet haben würden seine Schüler zu seyn; in dem Alter der Leidenschaften sich als ein so vollkommnes Muster der Mäßigung, Enthaltsamkeit, Ruhe des Gemüths, Sanftmuth, und überhaupt aller Tugenden, die am schwersten auszuüben sind, darstellte, daß er seine Feinde öffentlich auffordern konnte ihn irgend einer Vergehung zu zeihen, und daß selbst der Römische Prokurator von Judäa, wiewohl feige genug den Unschuldigen dem Hasse der Priester und der Wuth des Pöbels Preis zu geben, laut gestehen mußte, er finde keine Schuld an ihm. – »Wo ist jemahls, fuhr er fort, ein Menschensohn gesehen worden, der so gesprochen, so gelebt, und ein so reines Leben mit einem so bewundernswürdigen Tode gekrönt hätte? Ohne die geringste Anforderung an diese Welt, ohne Sorge für sich selbst, gewiß daß der Auftrag, womit er auf die Erde gesendet worden war, alle Mächtigen und Reichen, alle Priester und Schriftgelehrten, und überhaupt alle Regenten und Unterthanen des Reichs der Finsterniß zu seinen tödtlichsten Feinden machen würde, – ging er mitten unter ihnen seinen Weg so heiter und ruhig fort, als ob er nicht voraus gewußt hätte, daß dieser Weg ihn gerade ans Kreuz führe. Jeder seiner Schritte zu diesem grausenvollen Ziele war mit einer Wohlthat bezeichnet, jedes seiner Worte ein goldner Spruch der Weisheit, o wie weit erhaben über alles, was vor ihm, selbst bey unsern auf ihre höhere Kultur so stolzen Griechen, diesen Nahmen geführt hatte! Wer sprach jemahls zugleich mit solcher Hoheit und Einfalt, so tief und doch so faßlich, so Gott-geziemend und doch zugleich so menschlich, von himmlischen und göttlichen Dingen? Es war unmöglich ihn mit unbefangenem Sinne zu hören, ohne die Wahrheit seiner Worte zu fühlen, oder vielmehr zu fühlen, daß es die Wahrheit selber war, die in Gestalt eines Menschensohnes zu Menschen sprach. Es war unmöglich nur ein bloß natürlich guter Mensch zu seyn, und ihn zu sehen, zu hören, mit ihm zu leben, ohne von seiner unwiderstehlichen Holdseligkeit und Güte überwältiget zu werden, und ihm mit einer Liebe, die kein anderer Sterblicher einflößen konnte, zugethan zu seyn. Alle seine Jünger und Jüngerinnen, sogar diejenigen, die er zu beständigen Gefährten und Zeugen seines Lebens auserwählt hatte, hingen bloß durch diese Liebe an ihm. Seine Person blieb ihnen immer ein unauflösliches Geheimniß; mehrmahls wurden sie sogar irre an ihm: aber auch, nachdem sie nun gewiß waren, daß sie nichts in dieser Welt von ihm zu hoffen hätten, gewiß waren, daß im Gegentheil ihre Anhänglichkeit an ihm ihnen nichts als Haß und Verfolgung, ein mühseliges Leben und einen peinvollen Tod zuziehen würde; auch da wirkte diese unbegreifliche Liebe noch immer so wunderbar in ihnen fort, daß sie, nach seinem Beyspiel, keine Gefahren, keine Leiden, keine Martern scheuten, um den von ihm empfangnen Auftrag zu vollziehen, indem sie der ganzen Welt das Reich Gottes ankündigten, zu dessen Gründung er auf die Erde gekommen war. So lebte er, auch nach seinem Hingang, noch immer (wie er ihnen versprochen hatte) mitten unter den Seinigen; oder vielmehr nur seine Gestalt war ihren Augen entschwunden, Er selbst lebte in ihnen fort, redete aus ihnen, wirkte aus ihnen, und vollendete durch sie das große Werk, welches die Geister der Finsterniß durch seinen Tod im Werden zu zerstören gehofft hatten. – Und dieser göttliche Mensch, (rief mein begeisterter Evangelist mit verstärkter Stimme aus) dieser weiseste, beste, reinste, liebevolleste, liebenswürdigste und geliebteste aller Menschen, starb im drey und dreyßigsten Jahr eines solchen Lebens – am Kreuze! – – Und nun, setzte er nach einer ziemlich langen Pause hinzu, wirst du dich noch länger wundern, die Jünger eines Meisters, der so verkannt wurde, nicht besser behandelt zu sehen? In der That geht es uns noch viel zu gut: und ich fürchte sehr, es ist ein schlechtes Zeichen unsrer Lauterkeit und Gleichförmigkeit mit ihm, daß uns die Kinder dieser Welt seit geraumer Zeit so viele Ruhe lassen.«

Ich hatte, wie du leicht erachten kannst, gegen eine Antwort, die den Knoten so rasch entzwey hieb, nichts zu erwiedern, und konnte es um so weniger, da mir in diesem Augenblick eine Stelle meines Plato einfiel, wo er behauptet: »Ein vollkommen weiser und guter Mensch würde eben darum, weil er dieß wäre, von den übrigen Menschen nothwendig gemißkannt, gehaßt, geschmähet, verfolgt und endlich gar getödtet werden, ohne daß er darum sogar am Kreuze aufhören würde, sich selbst gleich zu bleiben.«

Sollte man, dachte ich, nicht glauben, ein profetischer Geist hätte dem Attischen Filosofen diese Worte als eine Weissagung eingegeben, welche mehrere Jahrhunderte nach ihm unter einem Volke, dessen bloßer Nahme ihm vielleicht unbekannt war, auf eine so auffallende Weise in Erfüllung gehen sollte?

Ich konnte mich nicht enthalten meinem Gefährten diesen Gedanken mitzutheilen. Er schien meiner Meinung zu seyn, und behauptete: die Weisen unter den abgöttischen Völkern hätten sich öfters in dem Falle befunden, ohne es selbst zu wissen, Vorboten und Ankündiger des Gottgesandten zu seyn. Sein Eifer, mich vollends zu überzeugen, wurde nun immer feuriger, je mehr Eindruck seine Reden auf mich zu machen schienen. Vermuthlich wollte er, da wir uns mit Anbruch des Tages wieder trennen sollten, sich nicht vorzuwerfen haben, er hätte es an sich fehlen lassen, mich auf den rechten Weg zu bringen; und so überschlich uns der Morgen unvermerkt, ohne daß der Schlaf in unsre Augen gekommen war.

Lucian. Dein Wegweiser war, wie ich sehe, nicht ohne Absicht zu diesem Amte befördert worden. Aber bey aller Geschicklichkeit und allem Eifer, womit er sich seines Auftrages entledigte, sollte dir doch aufgefallen seyn, daß mächtig viel Deklamazion in seinem Vortrage war; und es lag, dünkt mich, nur an dir, das ganze Räthsel des außerordentlichen Mannes, zu dessen Anhänger er dich machen wollte, auf eine viel simplere Art zu erklären als die seinige. Das Außerordentliche an ihm mußte sich so ziemlich verlieren, und alles wieder in den begreiflichen Lauf der Dinge eintreten, so bald du bedachtest, daß die Geschichte, oder, um ihr ihren rechten Nahmen zu geben, die Mythologie aller dieser Göttersöhne, vom Brama der Indier, dem Hermes der Ägypter, dem Zoroaster der Baktrianer, dem Zamolxis der Geten, dem Linus und Orfeus der Griechen, u. s. w. bis auf unsern wundervollen Apollonius herab, in der Hauptsache immer eben dieselben Erscheinungen und eben dieselben Resultate giebt. Immer, von der Empfängniß bis zum Tode, alles wunderbare übermenschliche Natur und Kräfte, übermenschliche Weisheit und Tugend; Gemeinschaft mit den Göttern und einer unsichtbaren Welt; Gewalt über die Elemente und die vermeintlich in ihnen herrschenden Geister; unwiderstehliche Einwirkung auf gewöhnliche Menschen; hinreißende oder alle Herzen gewinnende Beredsamkeit; Gabe Wunderdinge zu thun, Todte zu erwecken, das Zukünftige vorher zu sagen, u. s. w. Immer ein unter den Sterblichen erschienener wohlthätiger Dämon in Menschengestalt, um sie von großen Übeln zu befreyen und in einen höchst glücklichen Zustand zu versetzen, irgend eine neue Religion, einen geheimen Gottesdienst und Orden, oder eine Theokratie zu stiften, welche Anfangs das wohlgemeinte Werk unschuldiger Enthusiasten, zuletzt, und in ziemlich kurzer Zeit, zu einer ganze Völker und Reiche unterjochenden Priester-Regierung wird. Für uneingenommene Zuschauer der menschlichen Dinge löset sich in allen diesen Fällen der geheimnisvolle Knoten durch ein und eben dasselbe Dilemma auf. Entweder die Wundermänner täuschten ihre Anhänger und den übrigen großen Haufen – vielleicht aus wohlthätigen Absichten – vorsetzlich, was z. B. von den Stiftern unsrer Eleusinischen Mysterien unläugbar ist: oder sie täuschten unwissender Weise sich selbst durch ihren Enthusiasmus, und andere durch den natürlichen Zauber, womit große Seelen auf kleine wirken. In beiden Fällen erklärt sich alles auf die natürlichste Art von der Welt; zumahl wenn man bedenkt, wie wenig dazu gehört, daß in den Augen unwissender und abergläubischer Leute aus einem ungewöhnlichen Menschen ein Heros, und aus einem Heros ein Gott werde. Man müßte die menschliche Natur wenig kennen, wenn man von den unmittelbaren Jüngern eines solchen Mannes, oder von den Jüngern dieser Jünger, etwas anderes erwartete, als daß sie immer mehr sagen werden als sie wirklich gesehen und gehört haben. Und wie sehr kommt ihnen dabey der Umstand zu Statten, daß sie nie begieriger seyn können, unglaubliche Dinge zu erzählen, als ihre meisten Zuhörer es sind, dergleichen zu hören und zu glauben!

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