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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Ich hatte bald nach meiner Ankunft zu Smyrna von meinem Vater verschiedene Aufträge erhalten, die mich nöthigten meinen Aufenthalt an diesem Orte zu verlängern. Je weniger diese Geschäfte mit dem, was mir jetzt allein am Herzen lag, gemein hatten, desto mehr nahm meine Sehnsucht, den Unbekannten wieder zu sehen und den Aufschluß seiner geheimnisvollen Eröffnungen von ihm zu erhalten, mit jedem Tage zu. Als meine Geschäfte geendiget waren, fehlten noch fünf bis sechs Tage bis zum siebenten nach dem Neumond. Ich verließ Smyrna, weil ich nichts mehr da zu thun hatte: aber zu Mitylene warteten neue Aufträge auf mich, und überdieß sollte ich so bald als möglich nach Parium zurückkehren. Was war also natürlicher, als von Smyrna gerade nach Mitylene, und von Mitylene nach Hause zu reisen? Wozu diese Landreise nach Pergamus, die mich so weit von meinem Wege abführte – als die Weissagung des Unbekannten wahr zu machen, welcher, wofern ich den Ausrechnungen der kalten Vernunft, und dem, was im Grunde meine Pflicht war, mehr Gehör gegeben hätte, als meinem Hang zum Außerordentlichen, unstreitig dießmahl zum Lügenprofeten geworden wäre. Aber wirklich wurde der Drang nach Pergamus zu gehen unvermerkt so stark, daß ich keinen Willen in mir fand, nur zu versuchen ob ich ihn überwältigen könnte. Das Sonderbarste an der Sache ist, daß die Vorhersagung des Unbekannten dadurch, daß ich sie vorsetzlich wahr machte, nichts von ihrem Wunderbaren in meinen Augen verlor: denn woher hätte er voraus wissen können, dachte ich, daß ich so viele Beweggründe, einen ganz andern Weg zu nehmen, dem bloßen Verlangen ihn wieder zu sehen aufopfern würde, wenn er nicht die Gabe hatte, Gesinnungen in meiner Seele voraus zu lesen, die in vielen Tagen erst entstehen sollten?

Lucian. Mit Personen von so gutem Willen ist es in der That eine bequeme Sache ein Wundermann zu seyn.

Peregrin. Wie wollten die Wundermänner auch zurechte kommen, wenn es nicht solche gutwillige, jeder Täuschung immer selbst entgegen kommende Seelen in der Welt gäbe? Dieß war also auch hier der Fall. Ich reisete so eilfertig, als ob mir alles daran gelegen gewesen wäre, die Weissagung meines Unbekannten ja nicht zu Wasser werden zu lassen, und langte schon am sechsten Tage nach dem Neumond zu Pergamus an, wo ich den ganzen Abend damit zubrachte, mich allenthalben, wo er zu finden seyn konnte, nach ihm umzusehen. Allein seine Stunde war noch nicht gekommen. Mein Glaube wurde dadurch nicht erschüttert, aber meine Ungeduld nahm überhand. Endlich ward ich des folgenden Tages einen Sklaven gewahr, der mir eine Zeit lang von ferne bald zur Seite gegangen bald nachgefolgt war, und mich sehr aufmerksam zu betrachten schien. Ich blieb bey einem alten Denkmahle an einem wenig gangbaren Platze stehen: der Sklave näherte sich mir endlich, fragte mich sehr demüthig mit leiser Stimme, ob ich Peregrinus von Parium sey? und da ich es bejahte, überreichte er mir einen versiegelten Zettel, der nichts als diese Worte enthielt: »Folge diesem wohin er dich führen wird« – mit der Unterschrift, der Unbekannte von Smyrna. Der Sklave sagte hierauf: wenn ich diesen Abend um die vierte Stunde nach Sonnenuntergang mich an einem gewissen Platze einfinden wollte, würde er mich dahin führen wo man mich erwartete. Ich versprach es. Die Stunde kam, ich begab mich an den bestimmten Ort, und bald erschien auch der Sklave wieder, und brachte mich durch eine Menge enger Gassen an eine kleine Thür, die uns, auf ein Zeichen das er gab, von innen aufgemacht wurde.

Ich folgte ihm an seiner Hand durch einen finstern Gang in ein kleines Gemach, das er hinter mir verschloß. Auch dieser Winkel war ohne Licht, hatte aber eine viereckige Öffnung, die mit einem so durchsichtigen Flor bedeckt war, daß sie die Stelle eines Fensters vertreten konnte. Ich wurde bald gewahr, daß diese Öffnung durch die Mauer einer Scheune ging, welche von einigen Lampen ziemlich schwach erleuchtet war. So viel ich sehen konnte, befanden sich hier eine Anzahl Personen von allerley Alter, Geschlecht und Stande versammelt, die in großer Stille auf verschiedenen Reihen von Bänken um einen Tisch herum saßen, der einige Stufen über den Boden der Scheune erhöht und mit einem Teppich zugedeckt war.

Ich hatte kaum Zeit dieß alles zu bemerken, als ein Mann in einem langen leinenen Gewande, ein großes purpurnes Kreuz auf der Brust, mit einem Rauchfaß herein trat, und die Scheune mit Wolken von Weihrauch erfüllte; eine Ceremonie, die meiner Nase um so willkommner war, da ihr der dumpfige Geruch des Ortes und die Atmosfäre der anwesenden Personen beschwerlich zu werden anfing, und leicht den Verdacht hätte erregen können, daß ich mich nicht in der besten Gesellschaft befinde, wiewohl ich zu merken anfing, daß ich unter Christianern sey. Bald darauf erschien ein anderer, ungefähr eben so gekleidet, stellte sich vor den Tisch, und begann eine Art von Wechselgesang anzustimmen, wobey die Gemeine von Zeit zu Zeit, mit halber Stimme und mit ziemlich genauer Beobachtung der Modulazion und des Rhythmus, einfiel und dem Sänger zu antworten schien. Ich konnte zwar mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit nur einzelne Worte dieser Litaney (wie es die Christianer nennen) verstehen; allein das Feierliche dieses sehr einfachen und um so herzrührendern Gesangs, weil er bloße Sprache des innigsten Gefühls der Singenden zu seyn schien, wirkte mit seiner vollen Kraft auf meinen innern Sinn, und erregte (zumahl da der Sabäische Wohlgeruch den ersten widrigen Eindruck verschlungen hatte) unvermerkt ein leises Verlangen in mir, mit den guten Wesen, die sich mir durch diesen einzigen Sinn auf eine so angenehme Art mittheilten, in nähere Gemeinschaft zu kommen.

Als der Wechselgesang zu Ende war, erfolgte eine allgemeine tiefe Stille, die nur zuweilen durch halb laute abgebrochne Worte und Seufzer, welche ich mir damahls nicht zu erklären wußte, unterbrochen wurde. Der Mann mit dem Rauchfaß erschien abermahl, und erfüllte den ganzen Versammlungsort mit einer dicken Wolke von Weihrauch: und als sie sich zertheilt hatte, sah ich auf dem erhöhten Platze vor dem bedeckten Tische – wen anders als meinen Unbekannten, im Begriff eine Anrede an die Gemeine zu halten. Seine Stellung und sein ganzes Äußerliches gebot Ehrfurcht; er hatte das Ansehen eines Weisen, dessen Gemüth von allen Leidenschaften und Gebrechen der sterblichen Natur gereinigt ist, und der gewohnter ist mit höhern Wesen als mit Erdenkindern umzugehen. Niemahls hörte ich einen Menschen mit einem so wahren Tone der Überzeugung von Dingen sprechen, die außer der Einbildung und Vorstellungsart dessen, der sie glaubt, keine Realität haben, oder von deren Realität es wenigstens nicht möglich ist sich durch Anschauung oder Vernunftschlüsse zu überzeugen. Seine Rede bezog sich zwar unmittelbar auf das Lob eines gewissen Märtyrers, (mit den Christianern zu reden) dessen Gedächtniß an diesem Tage von ihnen begangen wurde: aber ihr ganzer Inhalt schien mir darauf abgezielt zu seyn, mir – den er doch wohl nicht ohne eine besondere Absicht hierher gebracht hatte – über die geheimnißvollen Dinge, in die er mich zu Smyrna hatte blicken lassen, einigen nähern Aufschluß zu geben. Er sprach von dem Jüngling, der an diesem Tage die Wahrheit durch die standhafteste Erduldung eines grausamen Todes verherrlichst habe, als von einem edeln Kämpfer, der in dem großen Streite, worin die Kinder des Lichts mit den Geistern der Finsterniß und ihrem Anhang begriffen wären, rühmlich gefallen sey, um nach der bevorstehenden glorreichen Endigung dieses heiligen Krieges als Sieger wieder aufzustehen, und einer von denen zu seyn, welche die neue Erde regieren würden. Er breitete sich mit hinreißender Beredsamkeit über diesen Zeitpunkt aus, dessen Glorien zu beschreiben ihm (wie er sagte) Bilder und Worte fehlten; wiewohl er den ganzen Reichthum der Sprache erschöpfte, nur einen matten Schattenriß davon zu entwerfen. Er kündigte ihn mit der Gewißheit eines Profeten, der das Künftige schon gegenwärtig sieht, als etwas sehr nahe bevorstehendes an, und ermahnte die anwesenden Brüder und Schwestern, (die er in der eigenen Sprache seiner Sekte mit den prächtigsten Titeln belegte) um so tapferer und unermüdeter in dem Streite zu seyn, wozu sie berufen wären, da jeder Sieg, den sie über den Feind erhielten, den großen Tag beschleunigte, an welchem alles neu werden, oder vielmehr, durch die Wiedervereinigung mit dem Urquell des Guten, in den ursprünglichen Stand der reinsten und göttlichsten Vollkommenheit zurückkehren würde. Dieser Feind hätte, wie sie wohl wüßten, ehemahls seinen Sitz in ihnen selbst gehabt, und seine Herrschaft über sie durch die Gewalt ausgeübt, womit er sie zu den Werken der Finsterniß hingerissen hätte: aber, wiewohl er, seitdem der neue Mensch in ihnen zu leben angefangen, aus ihrem Herzen vertrieben sey, so suche und finde er doch, so lange das Göttliche in ihnen in diesem sterblichen Leibe gefangen gehalten werde, tausend Wege, sich durch die Sinne in den innerlichen Menschen wieder einzuschleichen, das Licht ihrer Seele zu umnebeln, und Aufruhr, Stürme und Verheerungen in ihrem Inwendigen anzurichten. Da nun zu Ertödtung des thierischen Menschen kein anderes Mittel sey, als das Leben des geistigen zu befördern: so ermahnte er sie mit großem Ernste, dem erstern, so viel nur immer mit der schuldigen Erhaltung des natürlichen Lebens bestehen könne, alle Nahrung zu entziehen, jede sinnliche Lust und Begierde in der Geburt zu ersticken, und durch öfteres Fasten, Wachen und Anhalten im Gebet den Einfluß der himmlischen Kräfte in ihr Innerstes zu unterhalten. Söhne des Lichts, rief er, euch gebührt es, rein und ohne Makel zu seyn, wie der Vater der Lichter, von dem ihr abstammet! Brüder des Eingebornen, Erstlinge der neuen Schöpfung, auserwählt mit Ihm das herrliche Reich zu regieren, dessen Stifter und König Er ist, euch gebührt es, aller Gemeinschaft mit den Kindern dieser Welt zu entsagen, und jede Gleichstellung mit den Unheiligen für Schmach zu halten. Gehet aus von ihnen! Sondert euch ab von ihnen! Ihr Anhauch ist Befleckung, ihre Berührung Gräuel und Bann! Welche Gemeinschaft könnte zwischen dem Licht und der Finsterniß seyn? welche Theilnehmung zwischen den Glaubigen und den Unglaubigen? Ihre Augen sind verschlossen, die eurigen aufgethan. Sie trachten nach dem Was auf Erden, Ihr nach dem was droben ist. Euer Wandel ist im Himmel. Dieser verächtliche Kothklumpen unter euern Füßen hat nichts das eurer Wünsche werth sey. Die zerbrechliche Schale, meine Brüder, die uns noch umgiebt, ist es allein, was uns hindert das Leben der Geister zu leben: aber auch diese dünne Scheidewand wird, durch das Feuer der göttlichen Liebe unvermerkt verzehrt, immer dünner, immer durchsichtiger. Hier hielt er auf einmahl ein; sein Haupt sank zurück, er schaute mit starren Augen empor, und schien einige Augenblicke in Verzückung zu schweben, während die Stille in der Versammlung noch stiller ward, und alle Augen mit Erstaunen auf ihn geheftet waren. – Sollten aber auch, fuhr er wieder zu sich selbst kommend fort, sollten gleich viele unter euch in diesem Leben, welches nur die Geburt ins wahre Leben ist, noch nicht bis zum Anschauen selbst gelangen, noch nicht entkörpert genug seyn, daß die Herrlichkeiten der unsichtbaren Welt ihrem Geiste aufgeschlossen würden: hat nicht der Glaube, der euch mitgetheilt ist, ein Auge, zu sehen was ihr nicht sehet, wiewohl ihr um und um davon umgeben seyd? hat er nicht eine Hand, zu ergreifen was euch ferne scheint, wiewohl es euch so nahe ist? Und wenn weder Glaube noch Liebe Grenzen haben; wenn beide so unendlich sind wie ihr Gegenstand, so unerschöpflich, wie die Äonen,So nannten die Gnostiker, zu welchen der Unbekannte gehörte, die höchsten himmlischen Kräfte, welche sie als die ersten Ausflüsse der Gottheit, des Urquells aller geistigen Kräfte und Vollkommenheiten, betrachteten. deren Ausflüsse sie sind – wer, meine Brüder, kann sagen, was dem, der Glauben und Liebe hat, zu thun oder zu erreichen unmöglich ist?

Lucian. Um der Grazien willen, Peregrin, halt ein! Laß es an dieser Probe genug seyn! Ich sehe, dein Unbekannter war ein Meister in seiner Kunst. Braucht es einer größern Probe, als daß er dich noch in diesem Augenblicke mit seiner göttlichen Raserey wieder angesteckt hat? – Du guter Peregrin! Da hattest du deinen Mann gefunden!

Peregrin. In der That sog mein Ohr, oder vielmehr meine ganze Seele mit tausend unsichtbaren Ohren, alle seine Worte mit einer wunderbaren Befriedigung ein. Was ich fühlte war dem unbeschreiblichen Gefühl ähnlich, womit ein lechzender Wanderer, der lange nach einem Tropfen frischen Wassers schmachtete, die ersten Züge aus einer ihm unverhofft entgegen rauschenden Felsenquelle thut. Der Unterschied war nur, daß, wie bey jenem der Durst mit jedem Zuge abnimmt, ich hingegen mit jedem Zuge begieriger ward, mich, den Kopf zu unterst, in diesen Strom zu stürzen, und kaum meine äußersten Lippen gelabt zu haben glaubte, als der göttliche Mann zu reden aufhörte. In eben demselben Augenblick erschien auch der Sklave, der mich hierher gebracht hatte, wieder, nahm mich bey der Hand, und führte mich eilends davon, indem er mir ins Ohr flüsterte, daß nun die heiligen Mysterien, bey denen kein Uneingeweihter zugegen seyn könnte, ihren Anfang nehmen würden. Ich entfernte mich, die Glücklichen beneidend, denen erlaubt war an diesen Mysterien Theil zu nehmen; und im Weggehen hallte mir noch das herzerhebende Getön eines neuen Hymnus nach, den die Gemeine anstimmte.

Lucian. Natürlicher Weise entferntest du dich also mit dem Entschluß, je eher je lieber einer von diesen beneideten Glücklichen zu werden: und da dieß vermuthlich gerade das war, was der Unbekannte wollte, so wirst du, hoffe ich, deines Wunsches bald genug gewährt worden seyn?

Peregrin. Dein Scharfsinn hat dich dießmahl nur zur Hälfte getäuscht, Lucian. Meine Gedanken hast du errathen: aber der Unbekannte war nicht so leicht zu entziffern als ich. Er überließ mich den ganzen Morgen, der auf diese merkwürdige Nacht folgte, meiner Sehnsucht, ihn allein zu sehen und zum Vertrauten dessen was in meinem Gemüthe vorging zu machen; aber vergebens erwartete ich ihn in meiner Wohnung, vergebens suchte ich ihn überall auf, wo ich ihn zu finden vermuthen konnte. Endlich, da ich um die siebente oder achte Stunde nach Hause kam, fand ich einen Brief, worin er mir sagte: »Es wäre ihm nicht erlaubt mich jetzt zu sprechen; aber wir würden uns zu rechter Zeit wieder sehen: inzwischen sollte ich zu Parium, wohin mich meine Pflicht zurück rufe, denjenigen erwarten, der mir zugesandt werden würde, um mich auf dem rechten Wege weiter zu bringen.«

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