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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Mein Unbekannter gab dieses sonderbare Orakel mit einer Begeisterung, einem Feuer in den Augen, einem, ich weiß nicht welchem mehr als menschlichen Klang der Stimme, von sich, daß ich davon ergriffen wurde, und den Muth verlor, ihn zu fragen was er damit wollte. Nachdem wir beide eine ziemliche Weile geschwiegen hatten, nahm er das Wort wieder, und sagte in einem sanftern, aber nach und nach immer feierlicher werdenden Tone: »Du bist zu einer großen Bestimmung berufen, Peregrin! – Eine mächtige Stimme vom Himmel ist durch alle Lande erschollen. Der Eingeladenen sind viele, aber die Zahl der Erwählten ist klein. Wir stehen am Rand einer furchtbaren Umkehrung der Dinge. Das Licht ist mitten aus der Finsterniß hervorgebrochen; das Reich der Dämonen und ihrer Diener naht sich einem schrecklichen Ende. Schon ist die Stadt Gottes herab gestiegen, durch das Licht selbst, das von ihr ausstrahlt, den geblendeten Augen der Unheiligen noch verborgen: aber sie wird plötzlich, gleich der Morgensonne aus Wolken, hervorbrechen; die Völker der Erde werden sich zu ihr versammeln, und jeder ihrer Strahlen wird ein Blitz seyn, der die Feinde des Lichts verzehren wird.«

Lucian. Immer besser! Ich erkenne deinen Mann an dieser Weissagung. Die wackern Leute, zu denen er gehört, bedrohten die Welt so lange mit einer fürchterlichen Umkehrung der Dinge, bis sie es in ihre Macht bekamen, die Drohung wahr zu machen.

Peregrin. Er hielt abermahl ein, und heftete einen Blick auf mich, der mein Innerstes durchforschen zu wollen schien. Ich gestehe dir, daß die Spitzen meiner Haare sich zu bewegen anfingen. So hatte ich noch keinen Menschen sprechen gehört! Ohne zu verstehen was er wollte, fühlte ich alle Kräfte meines Wesens durch seine Reden erschüttert; geheime Ahnungen stiegen in mir auf; mir war nicht anders, als ob ich dem Augenblick einer großen Veränderung nahe sey. Indessen hatte ich mich doch, nach einer ziemlich langen Pause, so zusammen genommen, daß ich eben die Lippen öffnen wollte, ihn zu bitten, daß er sich über die geheimnisvollen Dinge, die er mit der Begeisterung und der Gewißheit eines Profeten vorgebracht, deutlicher gegen mich erklären möchte; als er mir zuvorkam, und in einem viel ruhigern Tone fortfuhr: »Fasse dich, Peregrin! – Ich habe dich in Erstaunen gesetzt. Es war nöthig, um den erstorbenen Keim des Lebens in deinem Innersten wieder zu erwecken. Du bist gefallen, aber du wirst dich wieder erheben. Ich sehe das Zeichen der Erwählung auf deiner Stirne. Von nun an haben die Dämonen, in deren Schlingen du dich zu Halikarnaß verfingest, keine Gewalt mehr über dich. Reinige dein Gemüth mit Strenge gegen dich selbst von jeder körperlichen Befleckung! Nur durch Ertödtung des thierischen Menschen wird der geistige ins Leben geboren; und keine andern als diese können Bürger der heiligen Gottesstadt werden, in die ich dich einen Blick des Geistes thun ließ. Noch einmahl, Peregrin, das Reich des Lichtes ist nahe – es hat schon angefangen – unwissend und als ein Fremdling, wie dein Nahme sagt, stehst du bereits in seiner Mitte. Bald wird die Decke von deinen Augen fallen; du wirst in Mysterien, wovon jene zu Eleusis nur täuschende Schatten sind, zum Anschauen eines ganz andern Lichtes kommen, und ein ganz anderer Führer der Seelen, als jener fabelhafte Hermes, wird das Göttliche in dir zu seinem Ursprunge zurück führen! – Dann wirst du mein Bruder seyn, Peregrin! wirst die Stimme des hohen Berufs hören, zu welchem du erwählt bist, und der Ehre theilhaftig werden, ein Mitarbeiter an dem glorreichsten aller Werke zu seyn, und unter dem Zepter des großen Eingebornen die neu geschaffene Erde regieren zu helfen.«

Lucian. Das war viel auf einmahl, guter Peregrin! Nach einer solchen Weissagung wird wieder eine ziemliche Pause erfolgt seyn?

Peregrin. Der Unbekannte ergriff bey den letzten Worten meine Hand, drückte sie mit Inbrunst, und stand auf. »Ich sehe, sprach er mit gerührter Stimme, dein Herz ist voll; allein mehr zu sagen ist mir nicht erlaubt. Ich stehe unter einem höhern Befehl. Ich muß dich verlassen. Am siebenten Tage nach dem nächsten Neumond werden wir uns zu Pergamus wiedersehen.« – Und hiermit küßte er mich mit einem Blick voll Liebe und Vertrauen auf die Stirn, entfernte sich eh' ich ein Wort sprechen konnte, und verlor sich zwischen den Felsen aus meinen Augen.

Ich stand in einer unfreywilligen Bewegung auf, als ob ich ihm folgen wollte: aber die Furcht ihm zu mißfallen zog mich schnell zurück. Mit einem in der That sehr vollen Herzen setzte ich mich auf den Stein, wo dieser wunderbare Sterbliche oder Genius gesessen hatte. Seine Stimme schien noch leise um die Felsen zu tönen, von denen ich eingeschlossen war; von seinen Reden war kein Wort aus meinem Gedächtniß entschlüpft; noch hörte ich sie alle in meinem Innern wiederhallen, und ich blieb, in tiefes Nachdenken über ihren Inhalt versunken, so lange sitzen, bis die einbrechende Nacht mich endlich nöthigte nach meiner Wohnung zurückzukehren.

Hier war mein erstes, meinen alten Freygelaßnen in die schärfste Untersuchung zu nehmen, ob Er es sey, der den Unbekannten mit dem geheimern Theile meiner Begebenheiten so vertraut gemacht habe? Aber es fand sich, daß der Alte ihn weder selbst gesehen, noch mit irgend einem andern, von welchem jener seine Nachrichten hätte ziehen können, ein Wort von mir und meinen Angelegenheiten gesprochen hatte.

Lucian. Und was schlossest du hieraus?

Peregrin. Eigentlich zu reden, nichts: aber ich machte mir doch selbst einen Vorwurf darüber, daß ich, nach allem was ich von dem Unbekannten mit meinen Augen gesehen und aus seinem Munde gehört hatte, noch eines Mißtrauens gegen ihn fähig sey.

Lucian. An diesem Zug erkenn' ich dich, Freund Peregrin: diese Gemüthsbeschaffenheit war es eben, die dir immer alle Vortheile, die du aus deinen Erfahrungen hättest ziehen können, rauben mußte.

Peregrin. Du wirst dich um so weniger wundern, daß ich so leicht in die Falle des Unbekannten einging, (wofern wir es anders, durch ein etwas vorschnelles Urtheil, für eine Falle erklären wollen) wenn du bedenkst, wie dringend bey mir das Bedürfniß war, das Leere, das meine letzte Entzauberung in meiner Seele zurück gelassen hatte, wieder auszufüllen; und daß die Harmonie in meinem Innern durch nichts andres hergestellt werden konnte, als indem die ganze Thätigkeit meines Geistes wieder auf den großen Zweck gerichtet wurde, der, wiewohl ich ihn auf einem Irrwege verfehlt hatte, nicht aufhörte, noch ohne eine gänzliche Verwandlung meines Ichs aufhören konnte, das Ziel meiner ewigen Sehnsucht zu seyn. Mir war, als ob mich die Reden des Unbekannten mit einer neuen Lebenskraft angeweht hätten. Ihre Beglaubigung war in meinen eigenen Gefühlen und Wünschen. Sie blieben mir, wie sein Bild, immer gegenwärtig; mit jeder Erinnerung senkten sie sich tiefer in meine Seele ein, und sein Abschiedskuß brannte noch lange auf meiner Stirne.

Lucian. Ganz gewiß wußte dein Unbekannter auch dieß voraus! Der verstand sich auf die profetische Kunst! Und mit welcher Sicherheit er vorher sagte, ihr würdet euch am siebenten Tage nach dem ersten Neumond wiedersehen! Das ist doch keine Begebenheit, die sich so voraus berechnen läßt wie eine Mondsfinsterniß! Und Er, er bestimmt nicht nur den Tag; er nennt dir, damit du ihn ja nicht verfehlen kennest, sogar den Ort, wo ihr euch wiederfinden würdet. Der große Profet! Wie gut er seinen Mann kannte!

Peregrin. Spotte nicht, Lucian! So simpel die Sache scheint, so gehörte doch vielleicht ein Mann von ungewöhnlichem Geiste dazu, ein so simples Mittel, seiner Sache gewiß seyn zu können, zu finden. Du wirst über meine Einfalt lachen; ich gestehe dir aber aufrichtig, daß ich mir damahls eben so wenig zu erklären wußte, wie der Unbekannte wissen könnte daß wir uns zu Pergamus wiedersehen würden, als woher er meinen Nahmen und meine Begebenheiten zu Halikarnaß erfahren habe.

Lucian. Und doch hattest du nichts eilfertigeres zu thun, als den Ort und den Tag in dein Denkbuch einzuzeichnen?

Peregrin. Ich that es wirklich, wiewohl ich meinem Gedächtniß auch ohne diese Beyhülfe hätte trauen dürfen; aber als ich es that, war ich weit von dem Vorsatz entfernt, die Vorhersagung durch eine freywillige Reise nach Pergamus wahr zu machen. Indessen wurde doch nach einem vierzehntägigen Aufenthalt zu Smyrna, wo die einsame Felsengegend alle Abende einen Besuch bekam, unvermerkt Anstalt gemacht, von Smyrna nach Kyme, von Kyme nach Myrina, von Myrina nach Grynion vorzurücken, ohne daß sich ein wesentlicherer Beweggrund hätte angeben lassen, als daß ich dem gebenedeiten Pergamus dadurch immer näher kam.

Lucian. Darf ich dich, weil wir doch (wie es scheint) jetzt zu deiner Verbindung mit den Christianern gekommen sind, ohne Unterbrechung fragen, ob du vor dem Tage, der dich mit dem Unbekannten zusammen brachte, niemahls Neugier oder Gelegenheit hattest, diese Leute näher kennen zu lernen? Eine aus Palästina entsprungene Sekte, die einen gekreuzigten Gott zum Stifter hatte, und sich eines Geistes rühmte, welcher Galiläischen Fischern die Gabe mittheilte alle Sprachen des Erdbodens zu reden, eine Sekte, welche die reinsten und erhabensten Grundsätze der Filosofie mit allem, was der Magismus Schwärmerisches hat, in Verbindung zu bringen wußte, und sich einer Menge von Mitgliedern rühmte, die durch die bloße Kraft ihres Glaubens, oft an Einem Tage, mehr und größere Wunder gewirkt haben sollten, als dein Apollonius von Tyana in seinem ganzen Leben, – eine solche Sekte, sollte man denken, hätte eine Imaginazion wie die deinige um so mehr reitzen sollen, da sie einen so dichten Schleier um ihre Mysterien zog, und überdieß durch Beyspiele der größten Standhaftigkeit und einen mehr als Pythagorischen Gemeingeist die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Peregrin. Beynahe möchte ich deine Frage auf dich selbst zurück drehen; denn für einen so eifrigen Menschenforscher, wie du warst, scheinst auch Du ehemahls um eine genauere Kenntniß der Christianer wenig bekümmert gewesen zu seyn.

Lucian. Die rechte Antwort auf diese Gegenfrage würde uns zu weit aus dem Wege führen, Freund Peregrin. Und dann wirst du mir erlauben zu sagen, daß der Fall bey dir und mir nichts weniger als eben derselbe war. Ich hatte einen natürlichen Abscheu vor dieser Art von Leuten; dich zog eine natürliche Sympathie zu ihnen.

Peregrin. Also kurz, lieber Lucian, die Ursache, warum ich in der That nie neugierig gewesen war die Christianer näher kennen zu lernen, war die einfachste von der Welt; denn es war ungefähr eben dieselbe, warum ich nie daran dachte, mit den seltsamen Geschöpfen, womit du in deiner wahren Geschichte den Mond und die Sonne bevölkert hast, Bekanntschaft zu machen. Du wirst dich erinnern, daß zu unsern Zeiten in guter Gesellschaft entweder gar nicht, oder nur mit Verachtung von den Christianern gesprochen wurde. Zu Parium hatte ich kaum ihren Nahmen nennen gehört, und zu Athen auch diesen nicht. Mein Großvater hegte aus mancherley Ursachen einen grenzenlosen Abscheu vor Juden und Judenthum; seine Vorurtheile gegen sie waren vielleicht zum Theil ungerecht, aber sie waren unheilbar: und weil die Christianer für eine Jüdische Sekte galten, und, was noch schlimmer war, für eine, die sogar von den Juden selbst aus ihrem Mittel ausgestoßen worden; so glaubte man ihnen kein Unrecht zu thun, wenn man das Schlechteste von ihnen dachte und sagte; zumahl da ein so weiser und gerechter Fürst wie Trajan, und Männer wie Plinius und Tacitus keine bessere Meinung von ihnen gehegt hatten. Mit diesen Vorurtheilen gegen Juden und Christianer aufgewachsen, hatte ich es, wie gesagt, nie der Mühe werth gehalten, mich genauer nach ihnen zu erkundigen; und wiewohl mein Unbekannter, wie du bemerkt hast, ein Christianer war, und sogar eine wichtige Person unter ihnen vorstellte, so kam doch damahls, eben darum weil er mir Ehrfurcht und Vertrauen einflößte, kein Verdacht in meine Seele, daß er zu einer so verächtlichen Menschenklasse gehören könnte. Denn dieß war sie in meinem Wahne so sehr, daß, wiewohl ich wußte daß sich eine zahlreiche Gemeine derselben zu Smyrna befand, mir gar nicht einfiel, die geringste Nachfrage ihrenthalben zu thun.

Lucian. Der Unbekannte scheint gute Nachrichten von dir gehabt zu haben. Denn nun sehe ich offenbar, daß er sich deiner zuvor versichern wollte, eh' er es wagte sich vor dir zu einem Nahmen zu bekennen, gegen welchen du so stark eingenommen warst. Würde er sonst Bedenken getragen haben, dich mit den Christianern zu Smyrna in Bekanntschaft zu bringen?

Peregrin. In der That wußte er mehr von mir als ich ihm zutraute. Aber das letztere zu unterlassen, mochte er wohl noch einen andern Beweggrund haben: denn er war das Haupt einer von den vielen besondern Sekten, in welche sich die Christianer um diese Zeit zu spalten anfingen; und da die Gährung, welche seine Lehre in der Gemeine zu Smyrna verursachte, damahls gerade am stärksten war, würde es auf keine Weise klug von ihm gewesen seyn, mich in einem so kritischen Augenblicke zum Zeugen derselben zu machen. Aber durch alle diese Aufklärungen laufen wir der Geschichte vor.

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