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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Vierter Abschnitt.

Lucian. Ich muß gestehen, Freund Peregrin, daß du einen reichen Stoff zu Selbstgesprächen aus der Villa Mamilia mitgebracht hattest. Mit aller meiner Kälte kann ich mich doch so ziemlich in deine damahlige Lage hinein denken, und ich zweifle sehr, ob sich eine schmerzlichere für einen Jüngling, der mit so hohen Erwartungen dahin gekommen war, ersinnen ließe.

Peregrin. So wie du mich nun kennest, wirst du mir ohne Mühe glauben, daß das, was mich am meisten schmerzte, nicht der Verlust der Wollüste und Vergnügungen war, womit die schöne Römerin und ihre sinnreiche Freundin mich ein ganzes Jahr lang überfüllt hatten. Selbst die Vernichtung der schwärmerischen Hoffnungen, die mich nach Halikarnassus zogen, kränkte mich jetzt so wenig, daß ich im Gegentheil unbegreiflich fand, wie es möglich gewesen, dem Urbilde der Vollkommenheit eine Venus Urania, und dieser ein Marmorbild, das am Ende doch nur eine wollustathmende Erdentochter vorstellte, unterzuschieben. Meine ganze ehemahlige Vorstellungsart hatte durch eine fysische Folge meiner neuen Erfahrungen eine große Veränderung erlitten. Meine Einbildungskraft war abgekühlt. Alles was in meinen ekstatischen Träumen und Gesichten Täuschung gewesen war, erschien mir jetzt auch als solche; und ich glaubte deutlich zu sehen, wofern es ja möglich wäre, zu jener einst so feurig gewünschten Erhöhung meines Wesens und Empfänglichkeit für die Einflüsse der göttlichen Naturen zu gelangen, so müßte es wenigstens auf einem ganz andern Wege geschehen, als auf dem, der mich an der Hand der sehr unechten Tochter des Apollonius in die Arme einer Venus Mamilia geführt hatte.

Aber, wenn gleich die Fantomen, die ich ehemahls als Wahrheit liebte, verschwunden waren, so war doch der Raum noch da, den sie eingenommen hatten; und dieses ungeheure Leere wieder auszufüllen, wurde nun das dringendste meiner Bedürfnisse. Ich hatte mich verirrt; aber das Ziel, wohin ich wollte, stand noch immer unverrückt, als der einzige Zweck meines Daseyns, in dunkler Ferne vor meinen Augen; und bis ich den rechten Weg dahin gefunden hatte, war keine Ruhe noch Glückseligkeit für mich. Mein Zustand in dieser Gemüthslage ist der dunkelste Schatten im Gemählde meines Erdelebens, woraus ich dir jetzt die lichtesten Stellen aushebe. Alles, was ich mich davon erinnern kann, ist, daß es mir unmöglich schien, aus dieser Leerheit, diesem Hin- und Herschwanken, dieser immer getäuschten Bestrebung in einem bodenlosen Moore Grund unter mir zu finden, mich jemahls heraus zu arbeiten, und daß mir diese Unmöglichkeit endlich unausstehlich wurde. Ich irrte von einem Orte zum andern und konnte nirgends bleiben. Da ich mich aber, nachdem auf diese Weise mehrere Monate verstrichen waren, jetzt vor allen Nachstellungen der Römerin sicher hielt, kehrte ich nach der Ionischen Küste zurück, und langte zu Anfang der schönen Jahreszeit in Smyrna an, ohne daß die körperliche Stärkung, die mir dieß mühsame Herumwandern verschaffte, eine merkliche Erheiterung meines Gemüthes hätte bewirken können.

Zu Smyrna war meine erste Sorge, den alten Menippus zu besuchen, der ohne seine Schuld die Veranlassung zu allen Abenteuern gegeben hatte, welche mir seit unserer ersten Zusammenkunft zugestoßen waren: aber ich fand ihn nicht mehr unter den Lebenden. Der Anblick einer unzähligen Menge von Fremden, wovon dieser große Handelsplatz wimmelte, und worunter ich viele Ägypter, Syrer und Armenier sah, weckte jetzt auf einmahl den Gedanken wieder in mir auf, der mich vor anderthalb Jahren nach Smyrna geführt hatte; und ich beschloß, zu Ausführung desselben mich an Bord des ersten Schiffes zu begeben, das nach Laodicea abgehen würde.

Während ich die Anstalten zu einer so langen Reise machte, traf es sich eines Tages, daß mir auf einem einsamen Spaziergange, den ich in einer Gegend des Ufers, wo der Fußtritt eines Menschen etwas seltenes war, beynahe alle Abende zu machen pflegte, ein Mann in den Wurf kam, der hier eben so fremd zu seyn schien als ich, und durch seine Gestalt und Miene sowohl als durch seine Kleidung, die einen Syrer oder Fönizier vermuthen ließ, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nie sah ich so viel Tiefsinn mit so viel Feuer, einen so finstern Blick mit einer so offnen Stirn, und etwas so anziehendes mit einem solchen Ehrfurcht-gebietenden Ernst in Einem Gesichte vereinigt. Ich fand ihn, indem ich um die Ecke eines vorragenden Felsen herum kam, in einer natürlichen Nische, welche die Zeit in den Felsen gegraben hatte, auf einem Steine sitzen, mit einem aufgerollten Buche auf seinem Schooße, in dessen Lesung er begriffen war, als ihn meine unvermuthete Erscheinung aufzuschauen bewog. Er warf, unter seinen schwarzen überhängenden Augenbraunen hervor, einen scharfen Blick auf mich, und fuhr wieder fort in seinem Buche zu lesen. Ich weiß nicht welcher geheime Zug sich bey seinem Anblick in mir regte. Meine erste Bewegung war, mich ihm zu nähern: aber ich sah so wenig Einladendes in seinem Auge, daß ich es nicht wagte. Ich ging tiefer in den Wald hinein, der sich auf dieser Landspitze bis nah ans Ufer erstreckte, und als ich zurück kam, fand ich den Unbekannten nicht mehr.

Des folgenden Abends trieb mich ein mehr als gewöhnlicher Grad von Trübsinn abermahls in diese Gegend. Ich sah mich lange vergebens nach dem Fremdling um, den ich, ohne zu wissen warum, hier wieder anzutreffen hoffte. Alles weit umher war einsam, still und schauervoll. Meine Gedanken wurden immer trüber. Ich stand mit gesenkter Stirn, an den Rumpf einer alten Eiche gelehnt, als ich auf einmahl den Fremden gewahr ward, der langsam bey mir vorüber ging. Er hielt einen Augenblick still, heftete einen Blick auf mich, der mir bedeutungsvoll schien, wiewohl ich ihn nicht entziffern konnte, und als ich, nach einigem Zaudern, zum Entschluß kam ihm zu folgen, war er wieder verschwunden.

Der Mann fing an mich zu beunruhigen. Ich entfernte mich; aber sein Bild folgte mir; ich konnte mich nicht davon los machen, und es kam mir sogar im Schlafe wieder vor. Etwas, das ich mir selbst nicht erklären konnte, hielt mich am dritten Abend zurück, den einsamen Ort, wo ich diese sonderbare Erscheinung schon zweymahl gehabt hatte, zum dritten Mahle zu besuchen: aber ein eben so unerklärbares Etwas zog mich beynahe wider meinen Willen dahin. Ermüdet setzte ich mich auf den Stein, wo der Unbekannte neulich gesessen hatte, und hing, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, meinen gewöhnlichen Gedanken nach, als er plötzlich wieder vor mir stand.

Lucian. Man muß gestehen, Peregrin, deine Abenteuer haben alle einen ganz eigenen Anfang – immer so feierlich! so geheimnisvoll!

Peregrin. Das ist das letzte, Lucian, das sich so anfängt; und wiewohl meine Neugier gereitzt war, so gewann doch der Unbekannte durch diese ungewöhnliche Art meine Bekanntschaft zu suchen nichts, als daß ich alle meine Klugheit (welches freylich nicht viel gesagt ist) aufbot, um auf meiner Hut gegen ihn zu seyn. Dioklea hatte mich mißtrauisch gemacht.

Lucian. Und doch wollte ich wetten, mit allem deinem Mißtrauen wurdest du so gut wieder betrogen, als du dich mit der reitzenden Kallippe, dem schönen Gabrias, und der göttlichen Dioklea betrogst, da du lauter Vertrauen warst.

Peregrin. Alles zu seiner Zeit, lieber Lucian. – So bald der Unbekannte nahe genug war, daß ich nicht zweifeln konnte seine Absicht sey mich anzureden, stand ich auf, als ob ich ihm meinen Sitz überlassen wollte, und machte eine Bewegung mich zu entfernen, aber wie einer der erst ein Band zerreißen muß, wodurch er zurück gehalten wird. – Wie, Peregrinus? sprach der Unbekannte mit einem Tone, der sogleich den Weg zu meinem Herzen fand, und einem Blicke, der wie ein Lichtstrahl in das Dunkle meiner Seele drang, – du fliehest vor deinem guten Genius? – Bey dieser Anrede blieb ich stehen, und raffte alle Kälte, die ich in meine Gewalt bekommen konnte, zusammen, um ihm statt der Antwort mit einer so ungläubigen als befremdeten Miene ins Gesicht zu sehen. Aber ich zweifle sehr, daß der Erfolg meinem Willen gehorsam war. Denn, indem ich es sprach, lief mir ein Schauder durch alle Adern, und das unfreywillige Erstaunen, mich von einem so sonderbaren Unbekannten mit einer so seltsamen Anrede bey meinem Nahmen nennen zu hören, verschlang in einem Augenblicke mein Bestreben, dieses außerordentliche Wesen durch eine angenommene Kälte von mir zurück zu schrecken.

Lucian. Da haben wirs!

Peregrin. »Kannst du, fuhr er in eben dem herzgewinnenden Tone fort, kannst du glauben, daß uns ein bloßer Zufall hier zusammen gebracht habe? Es giebt keinen Zufall, Peregrin! Wir sollten uns finden, und wir fanden uns.«

Ich fühlte mich überwältigt. Ich setzte mich wieder auf meinen Stein, und der Unbekannte ließ sich mir gegenüber auf einem bemoosten Felsenstücke nieder.

»Du fliehest die Menschen, (fuhr er fort, da meine Zunge noch immer gebunden schien) du suchst die Einsamkeit, suchest Ruhe, und lebst im Kriege mit dir selbst, sehnest dich nach dem Licht, und taumelst in der Finsterniß. Noch so jung an Jahren, an Erfahrung schon so reich, was hast du an Weisheit gewonnen? Vor wenig Monaten noch eine so schöne Blume, wo ist der Glanz deiner Blüthe? Empusen in Lichtgestalten haben ihn mit ihrem Hauche befleckt! Der stolze Ixion glaubte die Königin der Götter zu umarmen; noch glücklich, wenn die vermeinte Göttin an seinem Busen in eine Wolke zerflossen wäre! Aber er selbst schmolz in den Armen einer Sirene hin.«

Und dieß alles liesest du in meinem Gesichte? rief ich mit Erstaunen und Bestürzung aus: Wunderbares Wesen, wer bist du?

»Nicht wofür du mich vielleicht hältst, wiewohl mehr als ich scheine. Du bist lange genug getäuscht worden, Peregrin! es ist Zeit, daß dir der Weg der Wahrheit aufgeschlossen werde. Ich nannte mich deinen guten Genius, denn ich vertrete seine Stelle bey dir; und, wiewohl ich im Grunde nicht mehr bin als du selbst, so kann ich doch, in der Hand dessen dem ich diene, ein Werkzeug deiner Rettung werden.«

Du begreifst, lieber Lucian, daß mein Erstaunen mit jedem Augenblick wachsen mußte. Wie konnte der Unbekannte mit den geheimsten Umständen meiner Geschichte so vertraut seyn, als ob er wirklich mein Genius wäre?

Lucian. Dein alter Bedienter wird wieder geschwatzt haben.

Peregrin. Da hätte er mehr sagen müssen als er selbst wußte.

Lucian. Er wußte doch Etwas, wenn schon nicht Alles; und ein so schlauer Mann, als mir dein Unbekannter scheint, brauchte zu dem, was ihm deine eigene Gegenwart sagte, nur einige Bruchstücke von Nachrichten, um das Räthsel deiner Person ziemlich leicht aufzulösen.

Peregrin. In der That vermuthete ich selbst so etwas; und dieser Gedanke gab dem letzten Funken von Mißtrauen, den die Offenheit des Unbekannten in mir übrig gelassen hatte, noch so viel Nahrung, daß seine Reden nicht die ganze Wirkung auf mich thaten, die er erwarten konnte. Aber auch dieß las er in meinem Gesichte. »Mich wundert nicht, fuhr er fort, daß du unschlüssig bist, was du von mir denken sollst. Nichts ist was es scheint, wiewohl dem Erleuchteten Alles scheint was es ist. Die Natur ist eine Hieroglyfe, wozu wenige den Schlüssel haben, und der Mensch kennet alles andere besser als sich selbst. Er gleicht einem ausgesetzten Königssohne, der, von Hirten erzogen, in schlechter Gesellschaft, unter tausend verworrenen Zufällen und Abenteuern grau ward, ohne von seinem Ursprung und von dem, wozu er geboren war, einige Ahnung gehabt zu haben. Was für Trost hat der Blinde davon, daß rings um ihn her Sonnenschein ist? Was hilft dem Bettler das Gold in den Eingeweiden der Erde? Das Leben des Menschen, das sein Alles scheint, ist Nichts; immer von einem Augenblicke verschlungen, der schon dahin ist ehe man gewahr wurde daß er da war, ist es Nichts! Aber, – o möchtens die Menschen wissen! möcht' es ihnen der Donner, der die Todten wecken wird, in die Seele donnern! – es ist mit der Zukunft schwanger, die Alles ist.«

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