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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrin. Sie war noch uneigennütziger als du denkst; denn es zeigte sich in der Folge, daß sie, wie ihr der Anschlag alles zu haben nicht gelingen wollte, bescheiden genug gewesen wäre, mich mit den Empusen zu theilen. Ich machte mich mit so guter Art als ich konnte von ihr los, indem ich ihr ein unverbrüchliches Stillschweigen über die Geheimnisse, die sie mir vertraut hatte, angeloben mußte. Die Flucht, womit ich schon mehrere Tage umging, war mit so wenig Schwierigkeiten verbunden, daß ich der Hülfe dieser Sklavin dazu nicht vonnöthen hatte. Aber, anstatt daß ihre geheimen Nachrichten von Diokleens bisherigem Lebenslauf, und die Furcht, die sie mir vor ihrer angeblichen Zauberey einzujagen hoffte, meine Lust zum Fliehen hätte vermehren sollen, fand ich mich nach dieser Unterredung weniger dazu geneigt als jemahls. Ich konnte mich nicht entschließen, die Villa Mamilia zu verlassen, bevor mich Dioklea eine Probe ihrer so hoch gerühmten Geschicklichkeit in der pantomimischen Tanzkunst hätte sehen lassen. Ich ergriff die erste Gelegenheit, die sich anbot, um zu versuchen ob ich ihr Lust dazu machen könnte, ohne ihr merken zu lassen, daß ich mehr von ihrer Geschichte wisse, als sie mir selbst davon zu entdecken beliebt hatte. Es traf sich, daß einer von den Knaben und eines von den kleinen Mädchen, womit dieses Haus so reichlich bevölkert war, während wir bey Tische saßen, die Fabel von Amor und Psyche ganz artig für Kinder ihres Alters tanzten. Ich möchte wohl, sagte ich, nachdem wir ihnen eine Weile zugesehen hatten, ein so schönes Süjet von der berühmten Anagallis tanzen gesehen haben! Mein Wille war, indem ich dieß sagte, so unbefangen dazu auszusehen, daß Dioklea glauben müßte, ich dächte nicht mehr noch weniger dabey, als wenn ich gewünscht hätte die Glycera des Menanders oder die Korinna des Ovidius gesehen zu haben: aber ich erröthete, zu meinem großen Verdruß, so plötzlich und stark bey dem Nahmen Anagallis, daß sie leicht merken konnte, ich müsse mehr von ihr wissen als ich das Ansehen haben wollte. Ohne die geringste Betroffenheit in ihrem Gesichte zu zeigen, versetzte sie: Du hast also auch von dieser Anagallis gehört? Und da ich mich wunderte, wie sie daran zweifeln könne, flüsterte sie mir lächelnd zu: Ich bin eine mächtigere Zaubrerin als du denkst; du sollst sie tanzen sehen, wiewohl sie schon eine geraume Zeit aus der Welt verschwunden ist.

Ein paar Tage darauf lud sie mich zu einem kleinen Schauspiel ein, das sie mir zu Ehren veranstaltet habe. Die Scene war mit zwey Kören von Liebesgöttern, Zefyrn und jungen Nymfen besetzt, die unter einem mit Musik begleiteten Tanz einen Lobgesang auf Amor und Psyche zu singen anfingen. Bald darauf theilten sie sich wieder zu beiden Seiten, und es erschien eine Tänzerin, die mir beym ersten Anblick die nehmliche Psyche darstellte, die ich öfters in Mamiliens Gallerie betrachtet hatte, wo sie, von der Hand Aetions gemahlt, unter die vorzüglichsten Zierden derselben gerechnet wurde. Ihre Kleidung, von einem sehr zarten Indischen Gewebe, zeichnete mit Anstand und Grazie die zierlichste Jugendgestalt, und eine Fülle der feinsten goldgelben Haare floß in großen ringelnden Locken um ihre schönen Schultern den Rücken hinab. Ohne diese gelben Haare hätte sie beym ersten Anblick Dioklea scheinen können; wiewohl die Tänzerin auch noch schlanker und feiner gebildet schien. Ich betrachtete sie mit einem halb schauderlichen Erstaunen, ungewiß wofür ich sie halten sollte, und beynahe zweifelhaft, ob das was ich sehe nicht wirklich ein Wunder der Zauberkünste sey, deren die Sklavin Myrto ihre Gebieterin beschuldigt hatte. Aber das sogleich angehende Spiel ihrer Arme und Hände, oder vielmehr die bewundernswürdige Musik aller Glieder und Muskeln ihres ganzen Körpers, die mit unbeschreiblicher Fertigkeit, Wahrheit und Anmuth zu einem immer mahlerischen und vorbildenden Ausdruck der Fabel, deren verschiedene Scenen sie darstellte, zusammen stimmten, – bemächtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit zu stark, um einem andern Gedanken Raum zu lassen. Dieser pantomimische Tanz – der, ohne Hülfe der Wortsprache, bloß von einer melodiösen und ausdrucksvollen Musik unterstützt, in einer allgemein verständlichen, unmittelbar zur Empfindung und Einbildungskraft redenden Sprache, die feinsten Schattierungen nicht nur der stärkern Leidenschaften, sondern sogar der zartesten Gemüthsregungen, den Augen mit der größten Deutlichkeit verzeichnete – gewährte mir ein Vergnügen, das nach und nach zu einem nie gefühlten und beynahe unaushaltbaren Entzücken stieg. Aber was wurde erst aus mir, als auf einmahl alle Amoretten und Nymfen verschwanden, und die reitzende Psyche in meine Arme flog, mich vollends zu überzeugen, daß sie mir Wort gehalten, und – um mich einen der stärksten Züge aus dem Nektarbecher der Wollust thun zu lassen – wieder Anagallis geworden sey! – O gewiß warst du eine Zaubrerin, Dioklea! wiewohl in einem andern Sinn als es die uneigennützige Myrto nahm; in dem einzigen, worin es vermuthlich jemahls Zaubrerinnen gegeben hat: denn alles was Natur und Kunst Reitzendes, Verführerisches und Seelenschmelzendes haben, war in dir aufgehäuft! Wer hätte, mit einer Empfindlichkeit wie die meinige, deinen Zaubereyen widerstehen können! – Diese einzige Stunde, Lucian, warf mich auf einmahl mitten in den Taumel der ersten Tage meiner Verirrungen zurück: und da die Gefälligkeit der wieder auferstandnen Anagallis eben so unerschöpflich war, als die Quelle dieser neuen Art von Unterhaltung, wozu ich ihr so unverhofft Gelegenheit gemacht hatte; so dauerte dieser neue und letzte Rückfall länger, als ich dir ohne Beschämung gestehen dürfte.

Lucian. Ich glaube gar, du willst dir noch Leid seyn lassen, daß die Götter des Vergnügens mit ihren Wohlthaten so verschwenderisch gegen dich gewesen sind? Täuschung oder nicht! Welcher König (möchte ich mit Anagallis-Dioklea sagen) ja welcher Weise in der Welt hätte sich nicht um diesen Preis täuschen lassen wollen!

Peregrin. Um die Sache in ihrem wahren Lichte zu sehen, lieber Lucian, mußt du dich in meine eigenste Person hinein denken, und den Zustand, worin du mich so beneidenswürdig findest, mit demjenigen vergleichen, worin ich von Kindheit an aufgewachsen war, und der im Grunde als eine bloße Entwicklung meines Ichs anzusehen ist. Wäre meine vorige Gemüthsverfassung, und die ganze Sinnesart, woraus sie entsprang, bloß das Werk einer unfreywilligen Beraubung angenehmer Gegenstände, und also eines nothgedrungnen Bedürfnisses, den Mangel eines reellen Genusses durch Schimären zu ersetzen, kurz, wäre das hohe Selbstgefühl, die innere Ruhe, die Zufriedenheit mit mir selbst, das Ahnden einer erhabenen Bestimmung, und das Aufstreben zu idealischer Vollkommenheit, die mein vormahliges Glück ausmachten, bloße Täuschung gewesen: dann wäre wohl nichts begreiflicher, als warum sie gegen eine Kette der lebhaftesten und ausgesuchtesten Vergnügungen der Sinne und des Geschmacks, welche keine Täuschungen sind, nicht hätten aushalten können. Aber jene Ideen und Gesinnungen, wie viel oder wenig sie auch mit Wahnbegriffen in meinem Kopfe verschlungen seyn mochten, waren meinem Gemüthe natürlich und wesentlich; die moralische Venus, die meinem Geiste vorschwebte, war kein Fantom, sondern ewige unwandelbare Wahrheit; nicht dieses Ideal, sondern meine durch erwachende Naturtriebe überraschte Fantasie, hatte mich in das künstliche Netz gelockt, das meiner erfahrungslosen Jugend von sinnlicher Liebe und Wollust gestellt wurde. Dieß, däucht mich, macht einen großen Unterschied; und bey dieser Bewandtniß der Sache ist wohl nichts natürlicher, als daß ich keine dauernde Zufriedenheit in einem Zustande finden konnte, worin tausend andere sich viele Jahre lang den Göttern gleich geachtet hätten.

Indessen dauerte doch dieser letzte Rückfall in das goldene Netz der Zaubrerin Dioklea lange genug, daß ich das Vergnügen hatte mein beliebtes Rosenwäldchen zum zweyten Mahl in voller Blüthe zu sehen. Während dieser Zeit hatte Mamilia mehr als Einmahl den Einfall gehabt, und Mittel gefunden, ihre vernachlässigten Ansprüche wieder geltend zu machen: da sie aber, nach ihrer leichten Sinnesart, bloß die Vergnügung einer augenblicklichen Laune suchte, und weder zu lieben wußte noch geliebt zu werden verlangte, so schien sie mich ihrer Freundin immer wieder mit eben so wenig Eifersucht zurück zu geben, wie sie ihr alles übrige, was sie hatte, zum Gebrauch überließ. Denn dieß that sie mit so wenigem Vorbehalt, daß ein Fremder lange ungewiß bleiben konnte, welche von beiden die Dame des Hauses sey. Überdieß brachte sie einen großen Theil der Zeit, die ich noch hier verweilte, bald zu Milet, bald auf ihren Gütern zu Rhodus zu, und schien sich ohne uns gut genug zu belustigen, um von unserm Thun und Lassen keine Kenntniß zu nehmen.

Dioklea bediente sich dieser Freyheit mit so vieler Behutsamkeit, hatte eine so große Mannigfaltigkeit reitzender Formen und Umgestaltungen in ihrer Gewalt, wußte auf so vielerley Art zu gefallen, und dem Überdruß durch eine so große Abwechslung und eine so feine Mischung der Vergnügungen der Sinne, der Einbildungskraft und des Geschmacks zuvorzukommen, daß sie sich mit einigem Rechte schmeicheln konnte, einen bey eben so vieler Empfindsamkeit weniger sonderbaren Menschen, als ich war, noch ziemlich lange in ihren Fesseln zu erhalten. Gleichwohl konnte sie mit allen ihren Künsten nicht verhindern, daß die Täuschung, die dazu gehörte, wenn sie sich sogar in den Augen eines sehr von ihr eingenommenen Zuschauers in eine Psyche, Danae, oder Leda verwandeln sollte, immer schwerer wurde, je öfter man sie in dergleichen Rollen gesehen hatte; und wie nichts unterm Monde vollkommen seyn kann, so war es ganz natürlich, daß sie mir, nachdem die Stärke des ersten Eindrucks durch öftere Wiederhohlung geschwächt worden war, zuletzt immer weiter unter dem Ideale zu bleiben schien, dem sie so nahe als möglich zu kommen sich beeiferte.

Die Zeit, da auch dieser Talisman alle seine Zauberkraft an mir verlor, rückte immer näher heran, als die schöne Mamilia auf den Einfall gerieth, die bevorstehenden Dionysien durch ein großes Bacchanal zu feiern, wobey Dioklea die Ariadne und ich den Bacchus vorstellen sollte.

Du wirst mich, denke ich, gern mit einer Beschreibung dieses Festes verschonen, dessen ich mich ungern erinnere, wiewohl es würdig gewesen wäre, einem Sardanapal oder Elagabalus gegeben zu werden. Die üppige Römerin, die sich viel darauf zu gut that, die ganze Einrichtung dieser Lustbarkeit mit allen ihren Scenen selbst erfunden und angeordnet zu haben, hatte sich vorgesetzt, die Darstellung eines echten Bacchanals, wie es von Mahlern und Dichtern geschildert wird, so weit zu treiben als sie nur immer gehen könnte; und sie hatte zu diesem Ende eine ziemliche Anzahl frischer wohl gebildeter Jünglinge aus ihren weitläufigen Landgütern zusammen gebracht, welche die Faunen und Satyrn vorstellen mußten, während sie selbst sich an der bescheidenen Rolle einer gemeinen Bacchantin genügen ließ. Aber, ihrer Meinung nach, der feinste Zug von Imaginazion an dem ganzen Feste, und etwas, wodurch sie mich auf eine sehr angenehme Art zu überraschen hoffte, war: daß sie mit ihrer immer gefälligen Freundin die Abrede genommen hatte, wenn diese, als Ariadne, ihre Person bis zum letzten Akt gespielt haben würde, sich, unter Begünstigung der Dunkelheit, unvermerkt an ihren Platz zu setzen, und das übrige in ihrem Nahmen vollends auszuspielen. Der arme Bacchus, von einer zweyfachen Trunkenheit erhitzt, fand den Betrug, als er ihn endlich entdeckte, so angenehm, daß er in dem Taumel, worein der Zusammenfluß so vieler berauschenden Umstände seine Sinne setzte, mehr Bacchus war als einem Sterblichen geziemet. Mamilia ließ nichts, was dem Karakter einer Bacchantin Ehre machen konnte, unversucht, ihn dazu aufzumuntern; und um dieses echte Satyrspiel mit einem recht lustigen Ende zu krönen, mußte zuletzt Ariadne an der Spitze eines Schwarms von Faunen, Satyrn, Mänaden, Amoretten und Nymfen, alle mit Fackeln in der Hand, unversehens dazu kommen, und ihren Ungetreuen, unter einem ungezähmten Gelächter des ganzen Thyasos, auf der That ertappen.

Dieser letzte Zug stellte den bestürzten After-Bacchus auf einmahl in die vollkommenste Nüchternheit her, und der Zauber, unter welchem er so lange gelegen, war unwiederbringlich aufgelöst. Ein Mensch, der in einem entzückenden Traum an Jupiters Tafel mitten unter den seligen Göttern gesessen hätte, und im Erwachen sich von Gespenstern, Furien, Gorgonen und Harpyen umzingelt fände, könnte von keinem grauenvollern Erstaunen ergriffen werden, als ich, da ich mich in einer solchen Lage dem unsittigen Muthwillen einer solchen Gesellschaft Preis gegeben sah. Indessen behielt ich doch so viel Gewalt über mich selbst, daß ich die Bewegungen zurück hielt, deren Ausbruch meine Demüthigung nur vergrößert, und die Entschließung, die ich auf der Stelle faßte, vielleicht unausführbar gemacht haben würde. Aber so bald das Unvermögen es länger auszuhalten diesen Scenen der wildesten Schwärmerey endlich ein Ende machte, und die sämmtlichen Bewohner der Villa, die daran Theil genommen hatten, in einem allgemeinen Schlaf versunken lagen: raffte ich mich auf, bekleidete mich mit der einfachsten Kleidung die ich finden konnte, und verließ, ohne von Mamilien und ihrer Freundin Urlaub zu nehmen, mit einem Vorrath neuer Begriffe und Erfahrungen, den ich mit dem Verlust meiner Unschuld und Gemüthsruhe theuer genug bezahlt hatte, diesen verhaßten Boden, ohne auch nur Einen Blick auf die Wunder der Natur und Kunst, womit er bedeckt war, zurück zu werfen.

Lucian. Vermuthlich war dieß gerade was die edle Römerin wollte. Denn ich kann dir nicht bergen, dieses Bacchanal, und diese Abrede mit der ehrwürdigen Venuspriesterin Anagallis, hat mir ganz das Ansehen eines Anschlags, einen Menschen, der uns lästig zu werden anfängt, mit guter oder böser Art los zu werden. Die scharfsichtige Dioklea mußte dich zu gut kennen, um die Wirkung, die ein so übertrieben ausschweifendes Possenspiel auf dich thun mußte, nicht voraus zu sehen.

Peregrin. Ich denke du hast es getroffen, ob ich gleich noch immer glaube, daß Dioklea bey dieser ganzen Sache bloß einer allzu großen Gefälligkeit gegen ihre Freundin schuldig war. Wie es aber auch damit seyn mochte, so war doch jeder Tag, um den ich eher aus diesen Sirenenklippen entrann, Dankes werth, und wenn ich ihn auch dem Überdruß der edlen Mamilia Quintilla schuldig gewesen wäre. Allein so viel gutes traute ich ihr damahls nicht zu; ich besorgte vielmehr, daß es der launischen und viel vermögenden Römerin leicht einfallen könnte, mir nachsetzen zu lassen. Diese unnöthige Furcht bewog mich, so bald ich zu Halikarnaß anlangte, anstatt den Weg gerade nach Milet zu nehmen, tiefer ins Land hinein zu gehen; wo ich einige Wochen in großer Verborgenheit damit zubrachte, dem was mit mir vorgegangen war nachzudenken, und zu überlegen, was für Mittel mir übrig geblieben seyn könnten, das so übel verfehlte Ziel meiner Wünsche zu erreichen.

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