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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Du begreifst nun, fuhr Dioklea fort, wie natürlich es zuging, daß du auf deinen Brief ohne Nahmen eine Antwort mit der Aufschrift, an Peregrinus Proteus von Parium, auf deinem Schooße fandest, als du im Hain aus einem Schlafe erwachtest, der, ohne daß du es merktest, sehr genau beobachtet worden war. Mamilia, die vor Ungeduld brannte den wunderbaren Jüngling selbst in Augenschein zu nehmen, hatte ihn mit eigner Hand auf deinen Schooß gelegt. Der schlafende Endymion kann schwerlich seine Göttin stärker bezaubert haben als du die deinige, da sie dich, wie in einem süßen Traume, in der schönsten Beleuchtung des durch einige Zweige gebrochnem Mondlichtes, vor sich liegen sah. Du wirst mir, da du die Lebhaftigkeit dieser feurigen Römerin nun kennst, gern glauben, daß ich alle Mühe von der Welt hatte, sie wieder wegzubringen, ehe sie sich, durch den Kuß den sie dir geben wollte, in Gefahr setzte, den schlummernden Träumer zur Unzeit aufzuwecken. Mir kostete diese Scene meinen Schlaf; denn ich mußte den ganzen Rest der Nacht an Mamiliens Bette zubringen, um die Ergießungen ihrer Leidenschaft anzuhören, und ihre Ungeduld durch die Beschreibung aller Maschinen, die zu ihrem Vortheile zusammen spielen sollten, einzuschläfern. Wir konnten nicht zweifeln, daß die bloße Versetzung in einen so romantischen, mit lauter schönen Gegenständen angefüllten Ort, verbunden mit dem Scheine des Wunderbaren, den alles von sich werfen sollte, auf einen Neuling, den seine eigene Schwärmerey und die ihm unbewußte Magie des noch mit seiner ganzen Stärke wirkenden Naturtriebes so ganz wehrlos in unsre Hände lieferte, schon sehr viel zur Beförderung unsers Anschlages thun würde. Aber das meiste kam doch auf den ersten Eindruck an, den die Tochter des Apollonius bey der ersten Zusammenkunft auf dich machen sollte; und daher wurden auch (wie du dich erinnern wirst) alle Umstände so gewählt und verbunden, daß sie die verlangte Wirkung thun mußten, und daß keiner hätte fehlen dürfen, ohne dieser etwas von ihrer Stärke zu benehmen. Alles mußte mit deinen enthusiastischen Ideen zusammen klingen, alles mußte sie wahr machen und immer höher spannen, alles in deinen Augen ungewöhnlich und wunderbar seyn und dir doch natürlich vorkommen, alles übereinstimmen deine Vernunft vollends zu betäuben, und deine bezauberte Seele mit ungewissen Erwartungen, neuen entzückenden Gefühlen, und dumpfer Ahndung der hohen Mysterien, die der Gegenstand deiner Wünsche waren, anzufüllen. Bey einem so arglosen, so unerfahrnen, so schwärmerischen Jüngling war wenig zu besorgen, daß er das Maschinenspiel, wodurch er gefangen werden sollte, so leicht entdecken würde: aber du wirst dich nun auch hinten nach erinnern, wie sorgfältig alles darauf angelegt war, dir eine solche Entdeckung unmöglich zu machen. Unsere Nymfen und Amoretten, die gewandtesten Geschöpfe von der Welt, waren jedes zu seiner Rolle aufs beste abgerichtet. Die Beschaffenheit des Ortes, und die Art, wie die Gärten der Villa von dem geheiligten Hain und dem Bezirke, der die Felsenwohnung umgiebt, abgesondert sind, ließ dich nicht ahnden, daß eine solche Villa in der Nähe sey. Wiewohl der hintere Theil des Tempels, der dem Anschein nach an einen Felsen angelehnt ist, unmittelbar mit derselben zusammen hängt, so war diese Verbindung doch durch die dichten Gebüsche und hohen Bäume, die den Tempel umgeben, so gut versteckt, daß sie ohne eine sehr genaue Untersuchung schwerlich entdeckt werden konnte; und sowohl damit du hierzu keine Gelegenheit finden möchtest, als um die gute Wirkung der Theofanien, womit wir dich beglücken wollten, zu befördern, wurde dir gleich Anfangs zum Gesetz gemacht, daß der Tempel nur nach Sonnenuntergang besucht werden dürfe. Die Bildsäule der Göttin war schon lange zuvor nach dem Modell der schönen Mamilia verfertigt worden, und eine jede andere, wäre es auch die Knidische selbst gewesen, würde zu unserer Absicht nichts getaugt haben. Ohne Zweifel wäre diese Absicht eben so wenig erreicht worden, wenn sie dir bey Tageslicht und an einem andern Orte, als das Bild irgend einer schönen Römerin, gezeigt worden wäre. Aber nachdem die Idee der Göttin in deiner Fantasie nun einmahl mit diesem Bilde zusammen geschmolzen war, und Mamilia, sogar im Marmor, schon beym zweyten Besuche deine Sinne so stark beunruhiget hatte: so durften wir es wagen, sie dir mit ihren Grazien in eigener leibhafter Person, wiewohl in Wolken und in einem übernatürlich scheinenden Lichte, erscheinen zu lassen, und konnten um so gewisser seyn, daß die abgezielte Täuschung bey dir erfolgen, und daß dir selbst der Taumel deiner Sinne als eine natürliche Folge der vermeinten Theofanie erscheinen werde, da du, zu allem Überfluß, durch die zwischen uns vorgefallenen Unterredungen (deren du dich vermuthlich noch besinnest) so trefflich zu dieser Scene vorbereitet warst. Denn du wirst nun leicht begreifen, warum ich zu eben der Zeit, da ich dich des Wohlgefallens der Göttin an der Reinheit deiner Empfindungen versicherte, mir so angelegen seyn ließ, dich zu überzeugen, daß es in ihrem Belieben stehe, durch welche Art von Einwirkung sie sich dir mittheilen wolle. – Spitzbübin! rief ich, (wiewohl mit einer Umarmung, die ich ihrer reitzend schalkhaften Miene nicht versagen konnte) ich erinnere mich noch deiner eigensten Worte: »Ist die Liebe, die sie dir eingeflößt hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck seyn? Die reinste Liebe – Venus Urania kann keine andere erwecken – veredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.« – Du hast ein treffliches Gedächtniß, versetzte sie lächelnd: vermuthlich verstehst du nun auch, – nachdem wir dir den Schlüssel nicht nur zu dem was mit dir vorgenommen wurde, sondern auch zu dem was in dir vorging, gegeben haben – was ich damit meinte, als ich zu zweifeln schien, »ob du auch einer so rein und ganz sich hingebenden Liebe, wie die Göttin verlange, fähig seyest?« – Und gleichwohl, bey allen diesen Täuschungen, glaubtest du nicht, als dir Mamilia mit ihren drey Mädchen in der helldunkeln Wolke von gemahlter Leinwand erschien, die Göttin der Liebe selbst mit ihren ewig jugendlichen Grazien zu erblicken? und kannst du läugnen, daß dich diese vermeinte Theofanie unaussprechlich glücklich machte? – Weil ich sie für Theofanie hielt, fiel ich ihr ins Wort. O daß ihr mich doch ewig in diesem Wahne gelassen hättet! – Sey versichert, antwortete Dioklea, es wäre geschehen, wenn nicht die Natur selbst es unmöglich gemacht hätte, nach dem höchsten Grade von Genuß, dessen die Sinne fähig sind, noch länger getäuscht zu werden. Aber, wer wollte sich, wenn er so glücklich geworden ist als es ein Sterblicher seyn kann, noch beklagen, daß man ihn nicht gar zum Gott gemacht hat? Und zudem, hattest du nicht, in den Stunden da sich die Göttin in Mamilien verwandelte, Augenblicke, worin du dich wirklich vergöttert fühltest? – »O da war mir Mamilia noch immer die Göttin selbst.« – Und sollte sie es nicht, trotz aller Aufschlüsse die du bekommen hast, wieder werden können? sagte Dioklea.

Die Zurückkunft der schönen Römerin, die dieser sonderbaren Unterredung ein Ende machte, verfehlte die Wirkung nicht, welche die Tochter des Apollonius von ihren Reitzungen und meiner starken Anlage, immer auf eine oder andere Art zu schwärmen und getäuscht zu werden, erwartete. Meine Verführerinnen glaubten die außerordentlichen Mittel, die nun nicht länger zu gebrauchen waren, auch nicht länger nöthig zu haben. Sie hatten den Zauber, der vorher auf meiner Einbildungskraft lag, nun auf meine Sinne geworfen, und zweifelten nicht, in der fortwährenden Trunkenheit, worin sie mich durch immer abwechselnden Genuß der ausgesuchtesten Vergnügungen zu erhalten wußten, mich unvermerkt dahin zu bringen, daß meine vorige Denkungsart mir selbst endlich eben so lächerlich werden müßte als sie ihnen war. Kurz, sie hofften mich aus dem eifrigsten Verehrer und Nachahmer des Pythagoras und Apollonius in den ausgemachtesten Epikuräer zu verwandeln. Auch in den Künsten, die zu einer solchen Operazion erfordert wurden, war Dioklea eine ausgelernte Meisterin; und hätte nur Mamilia mehr Gelehrigkeit für ihre Unterweisungen gehabt, so möchte es ihr, wo nicht auf eine sehr lange, doch gewiß auf eine weit längere Zeit gelungen seyn, mich in dem Taumel zu erhalten, der in den ersten Tagen nach ihrer Zurückkunft mein ganzes Daseyn in einem fortdauernden Moment von Genuß und Wonne verschlang. Aber diese kluge Mäßigung, die allen Befriedigungen der Sinne so nöthig ist, diese Kunst dem Überdruß von ferne schon zuvor zu kommen, die Begierde immer lebendig zu erhalten, sie auf tausendfache Art zu ihrem desto größern Vergnügen zu hintergehen, sie in jedem Genuß einen noch vollkommnern ahnden zu lassen, und dieß alles auf eine so ungezwungene Art und mit so viel Grazie zu bewerkstelligen, daß es Natur scheint, – alle diese feinen Künste, worin Dioklea unübertrefflich war, vertrugen sich nicht mit der raschen Sinnesart der feurigen Römerin. Der Zwang, den sie sich hätte auflegen müssen, um ihren Adonis wie einen Liebhaber, den man verlieren könnte, zu behandeln, war der Tod des Vergnügens in ihren Augen: kurz, sie betrug sich als ob sie wirklich die Göttin wäre, deren Rolle sie so gern spielte; und ihr Günstling hätte nichts Geringers als der ewig junge Apollo oder der unerschöpfliche Sohn der Alkmene seyn müssen um nicht viel eher, als sie es vielleicht erwarten mochte, gesättigt, ermüdet, und wieder zu sich selbst gebracht zu werden.

Wie unangenehm die Gefühle und Betrachtungen seyn mußten, die auf dieses zweyte Erwachen folgten, wird dir die Kenntniß, die du bereits von der eigenen Form meiner Seele, und der sonderbaren Vorstellungsart die ihr natürlich war, erlangt hast, anschaulicher machen, als ich es durch irgend eine Schilderung bewirken könnte. Diese Form, diese Vorstellungsart war mir zu wesentlich, um durch irgend eine zufällige Veränderung ausgelöscht zu werden. Die ungewohnte Trunkenheit, worein Mamiliens Zauberbecher meine Sinne gesetzt hatte, konnte unter keinen Umständen von langer Dauer seyn; und ihre verschwenderische Art zu lieben beschleunigte nur den Augenblick des Erwachens.

Mein erstes Gefühl in diesem schmerzlichen Augenblicke war die Höhe, von welcher ich gefallen war, und die Tiefe, worin ich lag. Aber glücklicher Weise war es nicht der Sturz eines Ikarus, dessen mit Wachs zusammen geleimte Flügel an der Sonne schmolzen, sondern der Fall eines Platonischen Dämons aus den überhimmlischen Räumen in den Schlamm der gröbern Elemente. Wie groß auch meine Beschämung darüber war, so fühlte ich doch, daß mich dieser Fall nur erniedriget und besudelt, nicht zerschmettert hatte. Die Schwingen meiner Seele waren nicht zerbrochen; ich konnte sie wieder los winden, mich wieder in die reinen Lüfte, die ich gewohnt war, empor schwingen, und die Erfahrungen selbst, die mich jetzt demüthigten, konnten mir dazu dienen, mich künftig vor ähnlichen Verirrungen zu hüten, und das Ziel meiner innersten Wünsche desto sicherer zu erreichen.

Dieses Gefühl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das dunkle Bewußtseyn der in mir liegenden Kräfte und Hülfsquellen war es, was mich in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, daß Gedanken wie diese gleich Anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen Stärke auf mich gewirkt hätten. Im Gegentheil, ich wurde finster, mißmuthig und übellaunisch; alles umher verlor seinen Reitz und Glanz, und nahm die Farbe meiner düstern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zürnte bitterlich auf diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenofons Araspes mit dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst. Ich schämte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion, eine Theatergöttin für Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzücken der Augenblicke, wo mich diese Täuschung zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich betrachtete in den Stunden der bösen Laune die üppige Mamilia als eine zauberische Lamie, die mich bloß deswegen nährte und liebkosete, um mir alles Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll unvermischten Weins von Thasos in der schönen Hand dieser Lamie dargeboten, und zuvor von ihren wollustathmenden Lippen beschlürft, meine Lebensgeister wieder in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu hohlen, die meine einsamen Stunden vergiftete.

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