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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. In der That scheint die Circe, in deren Schlingen du gefallen warst, an Alles gedacht zu haben.

Peregrin. Nachdem ich das Bad verlassen hatte, und in einem daran stoßenden kleinen Gemache mit einer sehr zierlichen Kleidung von Fuß auf angethan worden war, öffnete sich eine Thür, und ich befand mich in einem großen Parterre, in welches Flora alle ihre schönen Kinder zum Vergnügen der Göttin der Liebe versammelt hatte. Eine Menge kleiner Zefyre, die unter den Blumen umher schwärmten, hüpften mir mit Kränzen und Sträußern entgegen, und führten mich, in tausend lieblichen Gruppierungen vor mir hergaukelnd, durch einen kleinen Wald von immer blühenden Citronenbäumen, auf eine sanft empor steigende Anhöhe, wo ein prächtiger doppelter Säulengang sich um einen großen Platz herum zog, in dessen Mitte ein Brunnen, mit Gruppen von vergoldetem Erze geziert, das schönste Wasser in ein geräumiges Becken von Jaspis ausströmte.

Ich folgte meinen kleinen Führern in einem Zustande von Begeisterung, den du dir eher einbilden kannst, als ich ihn beschreiben könnte. In meinem Leben hatte ich mich nie so leicht gefühlt; mir war als ob ich mit schärfern Augen sähe und mit feinern Ohren hörte, oder vielmehr als ob ich jetzt erst zu leben anfinge, und mit jedem Augenblick ein neuer Sinn, eine neue Quelle geistiger Gefühle sich in mir aufthäte.

Lucian. Eine sehr natürliche Folge der unmittelbaren Mittheilungen der Liebesgöttin bey einem zwanzigjährigen Neuling in ihren Mysterien, der durch sein ganzes bisheriges Leben, und vornehmlich durch die guten Dienste einer Tochter des Apollonius, vorbereitet war, auf eine so angenehme Art mit der Wahrheit selbst getäuscht zu werden!

Peregrin. Im Grunde des Platzes erhob sich zwischen den zwey Bogen, die der Säulengang zu beiden Seiten machte, ein Pavillion von Frygischem Marmor, aus dessen weit offner Pforte mir zwey Köre junger Nymfen singend und tanzend entgegen kamen, die mich in diesem Palast, als meiner künftigen Wohnung, willkommen hießen, und das Glück des neuen Adonis priesen. Sie entschlüpften mir wieder aus den Augen, und ganze Schwärme neuer Amorinen und Zefyretten hüpften von allen Seiten herbey, um mich in den schimmernden Marmorsählen und zierlichen Gemächern meiner neuen Wohnung herum zu führen, welche mit dem reichsten und ausgesuchtesten, was alle der Wollust dienstbaren Künste zu Befriedigung des feinsten Geschmacks, der üppigsten Fantasie und der verwöhntesten Sinnlichkeit erfunden haben, bis zur Verschwendung angefüllt war. Aber weder das alles, noch die Menge der schönen Gemählde, Bildsäulen und Hermen, womit die Gallerie ausgeziert war, konnte mehr als einen flüchtigen Überblick von mir erhalten: meine Augen suchten überall nur die Göttin, und suchten sie vergebens. Der einsamste Busch, die dunkelste Höhle, wo ich mich ungestört dem Anschauen ihres Bildes, das sich mir aus meiner eignen Seele entgegen spiegelte, und den süßen Erinnerungen, die keinem andern Gedanken Raum gaben, überlassen konnte, wäre mir tausendmahl lieber gewesen als alle diese Herrlichkeiten.

Ich eilte also wieder in die Gärten, warf mich neben einer Quelle, die aus der Urne einer schönen marmornen Nymfe sprudelte, unter ein dichtes Gewölbe von hohen Bäumen und duftenden Gebüschen, und verlor mich im Gefühl meines Glückes, in einer Art von Entzückung, worüber vielleicht alle andere Bedürfnisse vergessen worden wären, wenn die Liebesgötter, die mir zugegeben waren, mich nicht zur gewöhnlichen Zeit zu mir selbst gebracht, und zu einer Tafel geführt hätten, die unter einem dichten Laubgewölbe für mich bereitet war. Die lieblichste Musik unterhielt mich, ohne daß ich sah woher sie kam, während ich meine durch die höchste Kunst des Komus gereitzte und befriedigte Eßlust stillte, und dauerte, sich unvermerkt entfernend, noch lange fort, nachdem die Tafel und die Amorinen wieder verschwunden waren. Endlich überschlich mich eine wollüstige Mattigkeit, und ich verschlummerte die heißen Stunden des Tages unter den geistigten Träumen, die vermuthlich jemahls ein aus den ersten Umarmungen seiner Göttin kommender Verliebter geträumt hat. Ich erwachte wieder um die Zeit, da die Sonne ungefähr noch den sechsten Theil ihrer täglichen Reise zu vollenden hat, und eilte mit aller Munterkeit und Ungeduld, die ein Vorrecht unverdorbener Jugend ist, meine angebetete Göttin so lange zu suchen bis sie sich finden ließe. Ein anmuthiger Schlangengang führte mich auf einem sanften Abhang unvermerkt in ein enges von buschigen Felsen umringtes Thal –

Lucian. – dessen Beschreibung ich dir erlasse, wie romantisch es auch ohne Zweifel gewesen seyn wird.

Peregrin. Daran thust du mir einen großen Gefallen, lieber Lucian; denn in der That sah ich von allen seinen romantischen Schönheiten so viel als nichts, weil ein ganz anderes Schauspiel sich meiner Augen bemächtigte, und, hätte ich ihrer auch so viele gehabt als Argus, sie alle zugleich angezogen und beschäftigt haben würde. In einer der Felsenwände, die dieß liebliche Thal von jeder andern Seite als der, woher ich hinein gekommen war, unzugangbar machten, hatte die Kunst eine hohe und geräumige Grotte, und in dieser Grotte ein so schönes, heimliches und einladendes Bad erschaffen, als sich irgend eine Göttin zu ihrer Erfrischung in den glühenden Tagen des Sommers nur immer wünschen könnte. In einem Gebüsche von Rosen und Myrten, das die Grotte umgab, umher irrend, war ich ihr nahe genug gekommen, um durch ein leichtes Plätschern nach der Ursache desselben neugierig zu werden, und – wen anders als meine Göttin? in eben der Lage zu erblicken, worin eine nicht so gefällige Unsterbliche überrascht zu haben dem unglücklichen Aktäon einst so übel bekam. Wiewohl ich nun, allem Ansehen nach, kein ähnliches Schicksal zu besorgen hatte, so hielt mich doch Ehrfurcht und Entzücken bey diesem unverhofften Anblick so gefesselt, daß ich mir kaum zu athmen getraute aber glücklicher Weise war das Gebüsche zugleich so dunkel und so durchsichtig, daß ich sehen konnte ohne gesehen zu werden.

Lucian. Man sollte denken, deine Augen müßten durch die Bildsäule, die der Göttin so ähnlich war, mit ihrer Gestalt schon so bekannt gewesen seyn –

Peregrin. Bekannt? – O ja; aber was für ganz andere Augen hatte mir die letzte Nacht gegeben! Welch ein Unterschied! Nicht geringer, als ob einer in ein Buch schaute, dessen Karaktere ihm unbekannt wären, oder ob er die Sprache und die Zeichen verstände, worin es geschrieben ist.

Lucian. Du hast Recht, Peregrin! daran dachte ich nicht; und das macht doch in der That, selbst für einen so kalten Anschauer der Schönheit als ich und meines gleichen, einen großen Unterschied.

Peregrin. Zudem vereinigten sich hier noch verschiedene kleine Umstände, die Schönheit der Göttin in ein Licht zu setzen, worin ich sie noch nie gesehen hatte. Die Grazien, die ich in immer abwechselnden Gruppierungen um sie her beschäftigt sah, waren bekleidet; zwar leicht und nymfenhaft, aber doch genug, um mit allen ihren Reitzen eine Art von Schatten zu machen, der die unverhüllte Schönheit der Göttin desto mehr erhob. Überdieß war die Zeit dieser neuen Theofanie so schlau gewählt worden, daß ein Strom von Sonnenstrahlen zwischen den Felsenspalten gerade in die gegenüber liegende Grotte fiel, und eine Glorie auf die badende Göttin warf, die meine Bethörung hätte vollenden müssen, wenn noch etwas daran zu vollenden gewesen wäre.

Lucian. Du glaubst also, daß auch diese Bade-Scene absichtlich angelegt war?

Peregrin. Ohne Zweifel; denn ich hatte (wiewohl ich damahls nicht darauf merkte) immer den einen oder andern sichtbaren oder unsichtbaren Amor neben mir, oder über mir, oder hinter mir, der auf alle meine Bewegungen Acht gab, und kraft dieser Vorsicht konnte Quintilla genau wissen, um welche Zeit ich ungefähr auf dem Spaziergang, den mir einer von ihnen gezeigt hatte, nicht weit von der Grotte anlangen würde.

Die Göttin wurde ihrer Rolle eher müde als ihr Zuschauer der seinigen; sie verließ das Bad meiner Rechnung nach sehr bald, und nachdem sie von ihren Grazien wieder angekleidet worden war, wurden plötzlich auf ein gegebenes Zeichen alle Gebüsche umher lebendig, und eine unzählige Menge junger Nymfen und kleiner Amorinen eilte herbey, sie zurück zu begleiten. Ich entfernte mich so schnell ich konnte; und als ich eine Weile darauf von einer andern Seite gegen den Pavillion zurück ging, fiel mir mitten in einem dunkeln Myrtenwäldchen ein kleiner Tempel in die Augen, vor dessen halb offner Pforte ein Amor, mit dem Zeigefinger auf den Lippen, stand. Er winkte mir, öffnete die Pforte, schloß sie hinter mir zu, und ich befand mich in einem Augenblick zu den Füßen der Göttin, die in halb sitzender Lage auf einem thronförmigen Ruhebette mich zu erwarten schien. Die Wollust selbst hatte dieses Gemach, wie zur Scene ihrer Siege, mit einem zauberischen Rosenlichte beleuchtet, dessen Quelle verborgen war; und ein Pausanias hätte etliche Blätter zu Beschreibung aller Wunder der Kunst, womit es ausgeziert war, verwenden können. Aber besorge nichts, Lucian; wiewohl das Ganze, auch bey einem unaufmerksamen Anblick, nothwendig eine wunderbare Wirkung that, so ward ich doch nicht so viel von den Theilen gewahr, daß ich dir diese Wirkung begreiflich machen könnte; denn auch hier sah ich nur die Göttin.

Die in der letzten Nacht angefangene Einweihung in ihren Mysterien wurde in dieser vollendet: aber da ihr der Zwang ihrer Gottheit endlich lästig werden mochte, so verwandelte sich Venus Urania unvermerkt in die leibhafte Mamilia Quintilla; und, wiewohl in dem süßen Taumel, worin sie ihren Adonis zu erhalten wußte, selbst das Übermaß ihrer Gunsterweisungen die Täuschung eine Zeit lang beförderte, so kam doch endlich der Augenblick, wo die Erscheinung der Grazien eben so erwünscht als nothwendig war.

Sie erschienen auch wie gestern; aber mit ihrer Ankunft lösete sich, leider! der Zauber auf, der meine Vernunft seit einiger Zeit so seltsam gebunden hatte. Ein gewisses spöttelndes Lächeln, das ich in den Augen und Lippen derjenigen, die mir die Nektarschale anbot, überraschte, machte mich stutzen. Ich betrachtete sie mit einer mißtrauischen Aufmerksamkeit, heftete dann mit Bestürzung meine Augen auf die Göttin, und glaubte – o Himmel, welche Verwandlung! – in der Grazie nur eine Cypassis, und in der vermeinten Venus Urania nur eine sehr irdische Lais oder Fryne zu entdecken.

Die plötzliche Veränderung, die bey diesem Gedanken in mir vorging, war zu groß, um einer Kennerin wie Mamilia unbemerkt zu bleiben; aber ohne das geringste Zeichen von Verdruß darüber sehen zu lassen, sagte sie bloß mit einem unbeschreiblich süßen Lächeln zu mir: Du bedarfst der Ruhe, mein Geliebter! – Und, auf einen Wink, den sie ihren Mädchen zuwarf, hüllte sie sich in einen großen Schleier ein, und verschwand mit ihnen aus meinen Augen.

Wie bedürftig ich auch (nach dem Urtheil der schönen Mamilia) der Ruhe seyn mochte, so war doch in dem Zustande, worein mich meine so plötzliche – wiewohl freylich sehr natürliche – Entzauberung geworfen hatte, für diese Nacht an keine Ruhe mehr zu denken. Der Fall eines Faeton, mit welchen Farben ihn auch ein Dichter ausmahlen könnte, gäbe nur ein schwaches Bild des Sturzes ab, den meine taumelnde Seele von der Spitze ihrer vergötternden Aussichten that, als der magische Nebel so auf einmahl von meinen Augen niedersank. Keine Beschreibung könnte die Beschämung des betrognen Dämons und den Unwillen erreichen, worin er über sich selbst entbrannte, der Held einer lächerlichen Posse, das Spielzeug einer Bande leichtfertiger Weibsstücke gewesen zu seyn, die sich zusammen verschworen hatten, ihren Muthwillen mit seiner Unschuld und Aufrichtigkeit zu treiben.

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