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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrin. Ich ward endlich gewahr, daß die Fackel Amors, die zu diesen Mysterien unentbehrlich war, in wenig Augenblicken erlöschen würde, und zog mich, noch früh genug um die Thür des Tempels ohne tappen zu finden, zurück, nachdem ich meinen Myrtenkranz nebst dem Rosenzweig und Lilienstängel zu den Füßen der Göttin niedergelegt hatte. Ich fand vor der Thür einen von den Knaben, der mir das feierliche Gewand wieder abnahm, und ich kehrte mit einem neuen Bilde in meiner Seele zurück, das, so zu sagen, ihre ganze Weite ausfüllte, aber, anstatt kalter Marmor zu seyn, von aller der Liebe belebt war, die –

Lucian. – der kalte Marmor in dir angezündet hatte!

Peregrin, nach einer kleinen Pause. Mein Zustand in dieser Nacht war wachend und schlafend ein immer währender Traum von meiner angebeteten Göttin. Bald lag ich wieder im Tempel zu ihren Füßen, bald wandelte ich an ihrer Seite im Hain von Amathunt, bald fand ich mich mit ihr in die himmlische Sfäre der Schönheit und Liebe verzückt, und sah und fühlte unaussprechliche Dinge. Diese Gemüthsverfassung wäre vielleicht bey jedem andern völlig erklärter Wahnsinn geworden: aber bey mir war sie durch alles vorhergehende so gut vorbereitet, hing mit meinen herrschenden Ideen so schön zusammen, und war meiner ganzen Art zu seyn so angemessen, daß ich mich in meinem Leben nie so heiter, so gut und so glücklich gefühlt hatte. Kurz, mein Zustand war – bey aller Überspannung meiner Fantasie – der Begeisterung, worin sich jeder gefühlvolle und noch ungeschwächte Jüngling in den goldnen Tagen der ersten Liebe befindet, ähnlich genug, um im Grunde die natürlichste Sache von der Welt zu seyn.

Ich brachte einen Theil des folgenden Morgens mit Diokleen in den Rosengebüschen zu. Sie sagte mir: daß ich von nun an den Tempel so oft besuchen könnte als ich wollte, ohne daß es dazu ihrer Gegenwart oder besonderer Feierlichkeiten vonnöthen hätte; sie würde mir zu diesem Ende einen eigenen Schlüssel zustellen, um davon freyen Gebrauch zu machen; nur mit dem einzigen Vorbehalt, daß der Tempel nie vor Untergang der Sonne aufgeschlossen werden dürfte, und bey ihrem Aufgang wieder zugeschlossen seyn müßte. Die Göttin, setzte sie hinzu, hat Wohlgefallen an der hohen Reinheit deiner Empfindungen, die unter den Sterblichen einem Wunder ähnlich ist; und ich müßte mich sehr irren, oder dir ist ein Loos beschieden, das selbst unter den Söhnen der Weisen nur selten einem Glücklichen zu Theil wird, wiewohl mir nicht erlaubt ist dir mehr davon zu sagen.

Lucian. Aha! Ich sehe sie kommen! – Dachte ichs doch gleich vom Anfang an!

Peregrin. Ich errathe deinen Gedanken: aber nicht zu voreilig, Lucian! du könntest dich betrogen finden. Man ist mit den Leuten, in deren Gesellschaft ich dich gebracht habe, nicht so leicht im Klaren. Gedulde dich! das Drama nähert sich seiner Peripetie.

Mein gestriger erster Besuch des Tempels, und was dabey in mir vorgegangen, war natürlicher Weise der vornehmste Gegenstand, worüber sich Dioklea mit mir unterhielt. Sie fragte mich, ob ich jemahls zu Knidos gewesen sey? und da ich mit Nein antwortete, fuhr sie fort: Du kennst also die berühmte Venus des Praxiteles nur dem Nahmen nach; aber vermuthlich hast du die Venus des Alkamenes zu Athen gesehen? – Öfters, war meine Antwort: allein, o wie wenig ist sie mit dieser zu vergleichen! oder vielmehr, wie unendlich ist der Unterschied zwischen dem was ich beym Anschauen der einen und der andern erfahren habe! – Jene, sagte Dioklea, flößte dir wohl nur kalte ruhige Bewunderung ein; aber diese? – »Ein Gefühl, das meine Brust zu zersprengen schien, das meine ganze Seele kaum zu ertragen vermochte. In jener sah ich nur das Symbol der höchsten Schönheit; in dieser erkannte und fühlte ich die gegenwärtige Göttin selbst.« – Bey allem dem, versetzte sie, muß ich dich erinnern gegen deine Fantasie auf der Hut zu seyn; sie arbeitet oft zur Unzeit der höhern Einwirkung entgegen, und weidet uns mit Schatten, da wir ohne ihre zu große Dienstfertigkeit das Wesen selbst haben könnten. Du glaubtest die Gegenwart der Göttin zu fühlen, und es war vielleicht bloße Täuschung. Das sicherste Mittel dich vor den Blendwerken der Einbildung zu verwahren, ist ihrer Geschäftigkeit Einhalt zu thun, und dich gänzlich den Gefühlen deines Herzens zu überlassen. Durch diese allein kannst du hoffen, die Göttin dir günstig zu machen. Das Herz, nicht die Einbildungskraft, ist das Organ, das ihrer Mittheilungen empfänglich ist. – Nach diesen Worten verließ sie mich, damit ich mir diese Lehren durch eigenes Nachdenken wahr machen könnte.

Um deine Geduld durch Erzählung des stufenweisen Wachsthums meiner vermuthlich beyspiellosen Leidenschaft nicht auf eine allzu große Probe zu stellen, will ich von dem Besuche, den ich in der folgenden Nacht im Tempel machte, nichts weiter sagen, als daß dießmahl die Art, wie das Anschauen der Göttin auf meine Sinne wirkte, indem ich mich (nach dem Rathe der Tochter des Apollonius) den Empfindungen, die sie mir einflößte, gänzlich überlassen wollte – zuletzt so lebhaft wurde, daß sie mich erschreckte und gegen mich selbst mißtrauisch machte. Ich eilte in großer Unruhe aus dem Tempel hinweg, und beschloß mich der Göttin nicht wieder zu nähern, bis ich durch die sorgfältigste Reinigung meiner Seele alles Sinnliche von meiner Liebe abgewaschen hätte, welche, meiner Meinung nach, ganz rein und geistig seyn müßte, um mich der wirklichen Theofanie als des einzigen Zieles meiner Wünsche fähig zu machen. Ich konnte nicht von mir erhalten, mit einer so heiligen Jungfrau, als Dioklea in meinen Augen war, von dieser Entschließung zu sprechen, weil ich mir keine Worte zu finden getraute, das, was sie veranlaßt hatte, zart genug auszudrücken, um keine unziemlichen Vorstellungen in ihr zu veranlassen. Sie konnte indessen leicht bemerken, daß es nicht ganz richtig mit mir stehen müsse: ich war unruhig, tiefsinnig, zerstreut, und suchte die Einsamkeit um meine Gemüthsverfassung vor ihr zu verbergen, ohne zu bedenken, daß ich sie eben dadurch verrieth.

Indessen that sie doch, als ob sie nichts davon gewahr würde, und vermied, nach dem Beyspiel das ich ihr gab, alles was mich zu einer Erklärung hätte nöthigen können. So ging der Tag vorüber, und in der nächsten Nacht hatte ich wirklich so viel Gewalt über mich selbst, mir das Anschauen meiner geliebten Göttin zu versagen, wiewohl ich mich mehr als zehnmahl auf den Weg machte, und einmahl schon bis an die äußere Pforte gekommen war.

Diese grausame Selbstpeinigung kostete mir eine schlaflose Nacht. Meine Unruhe wurde dadurch mehr vergrößert als vermindert, und ich sah am folgenden Tage so blaß und hohläugig aus, daß Dioklea sich nicht länger überheben konnte, Kenntniß davon zu nehmen. Was ist mit dir vorgegangen, Proteus? fragte sie mich. Wo ist deine vorige Heiterkeit und Ruhe? Woher diese Blässe deines Gesichts? dieses trübe Feuer in deinen Augen? Und warum besuchtest du gestern den Tempel nicht, sondern schweiftest die ganze Nacht durch im Hain und in den Gärten umher? – Ich fand lange keine Antwort auf diese Fragen. Endlich bemühte ich mich, nicht ohne große Verlegenheit und vieles Stocken, in so behutsamen Ausdrücken als ich (mit Gefahr ein wenig unverständlich zu seyn) nur immer finden konnte, ihr die Bedenklichkeiten zu eröffnen, die mir die Pflicht auferlegt hätten, mich freywillig aus den Augen der Göttin zu verbannen. Sie schien mir mit Erstaunen in die Augen zu sehen, wiewohl sie mich mehr als zu wohl verstanden hatte. Sie schwieg eine gute Weile. Endlich nahm sie mich lächelnd bey der Hand und sagte: Du bist ein wenig wunderlich, Proteus, und die Göttin ist nur zu gütig gegen dich. Steht es etwa nicht in ihrer Willkühr, durch welche Art von Einwirkung sie ihre Macht über dich beweisen will? Und wie sollten deine Sinne allein bey den entzückenden Einströmungen ihrer Gegenwart unempfindlich bleiben, da sie sogar die leblose Natur mit Wonnegefühlen durchschüttert? Wie kannst du glauben, daß die Göttin etwas unmögliches und unnatürliches von dir fordern werde? – Ist die Liebe, die sie dir eingeflößt hat, nicht ihr eigenes Werk? Kann Liebe ohne Verlangen, Verlangen ohne Ausdruck seyn? Die reinste Liebe – Venus Urania kann keine andere erwecken! – veredelt und verfeinert die Sinne, erhöht und begeistert sie, aber vernichtet sie nicht.

Dioklea war, indem sie dieß sagte, lebhafter geworden als ich sie noch nie gesehen hatte: sie bemerkte dieß vielleicht in meinen Augen, und hielt auf einmahl ein. – Soll ich dir sagen, (fuhr sie nach einer ziemlich langen Pause in einem ruhigern Tone und mit einem kaum merklichen ironischen Lächeln fort) soll ich dir sagen, was ich von deiner Liebe denke? Sie täuscht dich! oder vielmehr, du täuschest dich selbst mit einer Art von fantasierter Liebe, die du gleichsam durch Kunst und durch theurgische Mittel in dir erzwingen willst, weil du dich durch sie zu einer Stufe von Vollkommenheit empor zu schwingen hoffest, die deiner stolzen Eigenliebe schmeichelt. Wahre Liebe ist zu stark an ihren Gegenstand geheftet, zu tief in ihn versenkt, um so viel auf sich selbst Acht zu geben, und so behutsam und ängstlich über unbedeutende Dinge zu seyn. Du bist vielleicht einer sich so rein und ganz hingebenden Liebe nicht fähig: aber, glaube mir, die Götter lassen sich mit weniger nicht abfinden; und wiewohl es möglich ist, durch ihre besondere Gunst zu jener Theilnehmung an ihrer Macht zu gelangen, die das einzige Ziel deiner Wünsche scheint, so giebt es doch kein Mittel ihnen diese Gunst wider ihren Willen abzunöthigen.

Dioklea berührte mich durch diese Rede an einem sehr empfindlichen Theile; denn in der That war ich mir sehr wohl bewußt, mit den Absichten, die sie mir zuschrieb, zu ihr gekommen zu seyn: aber auf der andern Seite fühlte ich noch lebhafter, daß mir das Bild der Göttin eine Liebe eingehaucht hatte, die meine ganze Seele beschäftigte, und wovon das, was ich ehemahls für Kallippen fühlte, kaum eine leise Ahndung genannt werden konnte. Da mich nun ihr Vorwurf von dieser Seite nicht traf, so antwortete ich mit einer Zuversicht, die ihr vermuthlich nicht unangenehm war: dießmahl wäre wohl, wenn ich es sagen dürfte, Sie selbst diejenige, die sich irrte, wenn sie mich beschuldigte, daß meine Liebe bloßer Selbstbetrug, oder gar eine heuchlerische Maske eigennütziger Absichten sey. Ich erklärte mich so warm und lebhaft über diesen Punkt, daß sie genöthigt war, ihren Worten einen mildern Sinn zu geben, oder vielmehr zu behaupten, ich hätte den ihrigen nicht recht gefaßt. Dieser kleine Streit, der erste und letzte den wir mit einander hatten, endigte sich in einer Aussöhnung, wodurch wir bessere Freunde wurden als jemahls, und brachte eine Lebhaftigkeit in die Unterhaltungen dieses Tages, die der Einförmigkeit unsrer Lebensart sehr zu Statten kam.

Meine Ungeduld die Göttin wieder zu sehen gab den Vorstellungen, welche Dioklea meinen vielleicht allzu zärtlichen Bedenklichkeiten entgegen gesetzt hatte, so viel Gewicht, daß ich das Ende eines Spaziergangs, wozu sie mich nach der Abendmahlzeit einlud, kaum erwarten konnte, wiewohl sie sichs so angelegen seyn ließ mich angenehm zu unterhalten, daß sie nicht wohl befürchten konnte mir lange Weile zu machen. Es war schon ziemlich spät, als sie sich von mir beurlaubte, und ich eilte nun mit geflügelten Schritten dem Tempel zu. Nie hatten die Nachtigallen, die in großer Menge ein dichtes Gehölze zur Linken des Tempels bewohnten, sich so sehr beeifert meine Aufmerksamkeit auf ihre lieblichen Wettgesänge zu ziehen; aber nie war es ihnen weniger gelungen. Meine ganze Seele war bereits in meinen Augen. Ich verdoppelte meine Schritte, schloß die Pforten des Tempels hastig auf, und – stand auf einmahl wie versteinert, da ich Amors Fackel ohne Feuer und den Tempel so dunkel fand, daß die geöffnete Thür nicht Licht genug einließ, um das Bild der Göttin unterscheiden zu können.

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