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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Lucian. So habe ich mir diese Geschichte immer gedacht, und es ist bey diesem, wie bey allen andern Mährchen des Babyloniers Damis, ziemlich leicht, das Natürliche und Wahre von dem Wunderbaren, wodurch er es, dem Genie seines Landes gemäß, aufzustutzen sucht, zu unterscheiden.

Peregrin. Der alte Menippus erzählte mir eine Menge dergleichen Anekdoten, worauf der Schildknapp Damis und andere seines gleichen ihren Glauben gründeten, daß Apollonius wenigstens ein Halbgott, wo nicht gar ein ganzer Mensch-gewordner Gott gewesen sey; welche aber, seiner Meinung nach, weiter nichts bewiesen, als daß er ein Mann von ungewöhnlich großem Genie und Karakter war – und damit sehr viel bewiesen. Es ist natürlich, sagte er, daß derjenige von gemeinen Menschen für mehr als ein Mensch gehalten wird, der das Größte was ein Mensch seyn kann, und also so weit über sie erhaben ist, daß ihnen schwindelt wenn sie an ihm hinauf sehen. Wir stritten uns öfters über diesen Punkt; denn ich konnte dem angenehmen Wahne, den Apollonius für eines der glänzendsten Beyspiele eines vermenschten Dämons zu halten, ohne eine allgemeine Umkehrung meiner ganzen Vorstellungsart unmöglich entsagen; und Menippus, entweder weil er diese Bemerkung gemacht hatte, oder weil er nicht stark an seinen Meinungen hing, begnügte sich bey unsern Dispüten über diese Dinge gemeiniglich, sich mit einem ungläubigen Vielleicht in die Sokratische Unwissenheit zurückzuziehen.

Ich fragte ihn einst, wie es käme, daß ein Weiser von so außerordentlicher Art, wie Apollonius, keine Schüler, die seiner würdig wären, hinterlassen, und daß dieser zweyte, oder vielleicht zum zweyten Mahl in die Welt gekommene Pythagoras auf die Pythagoräer unsrer Zeit so wenig gewirkt habe? Menippus schien dieß für eine Bestätigung und natürliche Folge seiner Meinung von der Person des Apollonius anzusehen. Ein ungewöhnlich großer Mann, sagte er, hat eben deswegen wohl dumpfe Anstauner, abergläubische Verehrer, kindische Nachahmer und mechanische Wiederhaller seiner Worte, aber keine Söhne und Erben seines Geistes, seiner Naturgaben und seines Karakters. Indessen, wenn man einer Sage, die seit einiger Zeit sich verbreitet, glauben dürfte, so befände sich in der Gegend von Halikarnassus eine Art von Profetin oder Magierin, die eine Ausnahme hiervon machte. Man spricht sehr verschieden von dem was sie seyn soll. Einige geben sie für eine Ägyptische oder Syrische Priesterin aus; nach andern ist sie nichts Geringers als die Erythräische Sibylle, die nach einer Verschwindung von tausend Jahren sich wieder sehen läßt; die meisten aber halten sie für eine Tochter des Apollonius, dem sie ungemein ähnlich seyn soll, und geben ihr, um ihren Ursprung noch mehr zu verherrlichen, ich weiß nicht welche Göttin oder Nymfe zur Mutter, mit welcher er sie, nach seiner Verschwindung aus den Augen der Menschen, in einer der glücklichen Inseln, wohin er sich ohne zu sterben zurückgezogen, erzeugt haben soll. Kurz, diese Dioklea, wie sie sich nennt, ist eine sehr geheimnisvolle Person: aber darin stimmen alle Gerüchte von ihr überein, daß ihr nichts vergangenes noch künftiges unbekannt sey, daß sie mit den Göttern umgehe, viele Wunderkuren verrichtet habe, und überhaupt ganz unbegreifliche Dinge zu thun im Stande sey. Wenn mich, setzte er hinzu, mein hohes Alter nicht an Smyrna fesselte, so hätte ich selbst die Reise nach Halikarnaß gemacht, um diese wundervolle Person kennen zu lernen, und zu sehen, ob sie dem Apollonius, dessen Bild keine Zeit aus meinem Gedächtniß auslöschen kann, wirklich so ähnlich ist als man sagt. – Besitzest du, fragte ich ihn, keine Bildsäule oder Büste von ihm? Mehr als Eine, erwiederte er, und führte mich sogleich in ein Museum, wo er mir unter andern Brustbildern großer Männer verschiedene zeigte, die den Apollonius vorstellen sollten, aber an deren jedem er vieles auszusetzen hatte. Ich drückte diejenige, die er für die ähnlichste erklärte, tief in meine Seele, und beschloß bey mir selbst, (wiewohl ich ihm nichts davon merken ließ) daß sich der Mond nicht zweymahl ändern sollte, ehe ich mich durch meine eigenen Augen überzeugt hätte was an der Sache wäre.

Ich machte die Reise von Smyrna nach Halikarnaß zu Lande, und mit solcher Eilfertigkeit, daß ich zu Efesus nicht einmahl so lange verweilte, um den Dianentempel zu sehen, dem ich zu einer andern Zeit eine große Reise zu Liebe gethan hätte. Je näher ich dem Ziel meiner Reise kam, je öfter hörte ich von der weisen Dioklea, oder Apollonia, wie sie von vielen genannt wurde, sprechen. Man erzählte seltsame und (wie es zu gehen pflegt) übertriebene Dinge von ihren Orakeln und Wundern, von ihrem einsamen Aufenthalt in einem heiligen Walde der Venus Urania, von ihrer Felsenwohnung, in welche keinem Menschen den Fuß zu setzen erlaubt sey, und wo sie von unsichtbaren Nymfen bedient werde, und wie übel es gewissen Verwegenen bekommen sey, die sich aus Vorwitz oder einer andern sträflichen Absicht hätten erfrechen wollen, ohne ihre Erlaubniß in ihre geheimnisvolle Wohnung einzudringen. Alles was ich hörte, vermehrte mein Verlangen, mit dieser Tochter des Apollonius (wofür ich sie, ungesehen und ununtersucht, zu erkennen geneigt war) so bald als möglich genauer bekannt zu werden. Besonders war ich über den heiligen Hain der Venus Urania, worin sie sich aufhielt, erfreut: denn ich schloß daraus, daß sie mit dieser Gottheit, zu deren Anschauen zu gelangen schon lange das Ziel aller meiner Bestrebungen war, in unmittelbarer Verbindung stehen müßte. Die Schwierigkeit war nur, wie ich Zutritt bey ihr erhalten könnte, da meine Fremdheit, mein Geschlecht und meine Jugend meinen Wünschen nicht geringe Hindernisse entgegen setzten. Nach vielem Hin- und Hersinnen schien mir das schicklichste zu seyn, ihr mein Anliegen schriftlich vorzutragen. Ich machte ihr, mit Verschweigung meines Nahmens, in wenigen aber starken Zügen eine Abschilderung von mir selbst; entdeckte ihr das mich unumschränkt beherrschende Verlangen, in den Mysterien der höchsten und heiligsten Magie iniziiert zu werden, und wie weit ich es in der Vorbereitung dazu gebracht zu haben glaubte; und, um ihre Zuneigung desto eher zu gewinnen, setzte ich hinzu, (wie es denn auch die reine Wahrheit war) daß ich der himmlischen Venus, als der ewigen Quelle und Fülle des höchsten und unvergänglichen Schönen, schon seit mehreren Jahren ein heiliges Gelübde gethan hätte, mich von aller irdischen Liebe und allem sinnlichen Liebesgenuß rein zu erhalten, und meine Seele sowohl als meinen Leib in unbefleckter Unschuld für ihren Dienst, dem ich mich gänzlich gewidmet hätte, aufzubewahren. Alles dieses vorausgeschickt, legte ich ihr diese zwey Fragen vor: Ob mein Verlangen der Göttin angenehm sey? und, was ich in diesem Falle weiter zu thun hätte?

In einer Entfernung von vierzig bis funfzig Schritten von dem Felsen, worin Dioklea sich aufhielt, lief eine hohe und dichte Hecke von wilden Myrten um denselben, deren Pforte immer verschlossen blieb. Vor dieser Pforte lag ein großer Sfinx von weißem Marmor, in dessen offnen Mund alle, welche die Profetin um etwas befragen oder ersuchen wollten, ein Papier steckten, worauf ihr Anliegen kurz und deutlich ausgedrückt war. Aber so wie man ihre Antworten oder ihre Hülfe unentgeldlich erhielt, so war auch die Erlaubniß, sich durch dieses Mittel an sie zu wenden, auf eine einzige Stunde eines gewissen Tages in jeder Woche eingeschränkt, und die Erhörung hing gänzlich von der Willkühr der Göttin oder ihrer Priesterin ab. Auch durfte niemand, der sich einer Übelthat oder Verunreinigung, wodurch er der Göttin mißfällig seyn könnte, bewußt war, den Graben überschreiten, der den heiligen Bezirk von dem übrigen Walde absonderte; und man pflegte sich daher gewöhnlich eines Knaben unter zwölf Jahren zu bedienen, um die Briefe oder die Zettel dem Sfinx in den Mund zu stecken.

Ich hatte mir jenseits des Grabens ein Zelt aufschlagen lassen, wohin ein einziger alter Diener, der bey mir war, meine unentbehrlichsten Bedürfnisse bringen mußte. Aber von dem Augenblick an, da ich meinen Brief an Dioklea abgelegt hatte, brachte ich den ganzen Tag in dem Innern des Hains zu, dessen heilige Dunkelheit und Stille das schicklichste Mittel war, die Abgeschiedenheit oder den Pythagorischen Tod, wodurch ich in das dämonische Leben übergehen mußte, zu befördern, und mein Inneres dem himmlischen Licht aufzuschließen, worin ich zum unmittelbaren Anschauen der göttlichen Dinge zu gelangen versichert war. Eine unzählige Menge schneeweißer Tauben schienen die einzigen Bewohner dieses Hains zu seyn, deren Farbe das Symbol der Reinheit, so wie ihr sanftes Girren (der einzige Laut der die tiefe Stille belebte) mir ein Bild des sehnenden Verlangens der Seele war, sich mit der höchsten Schönheit zu vereinigen. Die damahlige Jahrszeit, (es war im Anfang des Sommers) der reine Himmel dieses schönen Landes, dem wenige in der Welt zu vergleichen sind, die durch die lieblichste Kühlung gemilderte Wärme, alles trug das seinige bey, einen Jüngling von zwanzig Jahren, der so sonderbar gestimmt war, in diese Art von wachenden Träumen zu versetzen, wo, unter einem Schlummer der Sinne den das Flattern eines Schmetterlings erwecken kann, das Zauberspiel der begeisterten Einbildung zum Anschauen und die leiseste Ahndung der Seele zur Empfindung wird, – wo wir in vorbey blitzenden Augenblicken sehen und hören, was keine Zunge beschreiben, kein Apelles mahlen, kein Günstling der Musen in Töne setzen kann, – und das, was wir in diesen unbegreiflichen Augenblicken erfahren, es uns vielleicht durch unser ganzes Leben unmöglich macht, dem Gedanken Raum zu geben, daß es Täuschung gewesen seyn könnte.

Lucian. Eine glücklichere Stimmung hätte in der That die göttliche Dioklea oder Apollonia ihrem künftigen Schüler nicht wünschen können!

Peregrin. Nachdem ich den größten Theil des Tages und der Nacht auf diese Weise vorbey geträumt hatte, war ich endlich in einer süßen Ermattung unter einigen Lorberbäumen mitten im Hain eingeschlafen. Beym Erwachen fand ich die Antwort der Tochter des Apollonius auf meinem Schooße liegen. Wie groß war mein Erstaunen, als ich, der in meinem Briefe nicht genannt war und schwerlich in ganz Karien von jemand gekannt seyn konnte, die Aufschrift erblickte: An Peregrinus Proteus von Parium. Es konnte nur durch die Entzückung, in welche mich der Inhalt setzte, übertroffen werden. »Mein Verlangen war der Göttin angenehm, und noch heute sollte ich mich in der ersten Stunde nach Mitternacht vor der Pforte einfinden, die in den innersten Bezirk des heiligen Haines führte.«

Ich erlasse dir, lieber Lucian, die Beschreibung alles dessen, was bis zu dieser feierlichen ersten Stunde nach Mitternacht in mir vorging. Du kennst nun bereits deinen Mann so gut, als ein Geist aus deiner Klasse ihn zu kennen fähig ist; und überdieß habe ich dir noch so viele sonderbare Dinge bis zu dem Augenblick meiner Verlüftung (wie es dein Unbekannter zu nennen beliebt hat) zu erzählen, daß ich mich, wo es nur immer ohne Nachtheil der Sache geschehen kann, der möglichsten Kürze werde befleißigen müssen.

Lucian. Du kannst wenigstens auf einen willigen und dankbaren Hörer rechnen, Peregrin. So lange du meine Aufmerksamkeit unvermerkt immer höher spannst, werde ich deine Erzählung nie zu umständlich finden.

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