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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Die Schulen der Filosofen hatten damahls keinen aufzuweisen, der sich über das Gewöhnliche merklich erhoben hätte. Sogar unter denen, die sich mit dem Pythagorischen und Platonischen Kostum dekorierten, fand ich nicht Einen, von dem ich mich im geringsten angezogen gefühlt hätte. Da die Stadt, ihrer Größe ungeachtet, nur sehr mittelmäßig, wie du weißt, bevölkert war, und die Athener alle mögliche Muße hatten, sich um alles zu bekümmern was sie nichts anging: so beschäftigte ich eine Zeit lang ihre Aufmerksamkeit und ihren Witz, und sie ließen es nicht an Epigrammen fehlen, zumahl da ihnen meine Lebensweise mit meiner Jugend und Gestalt sehr lächerlich abzustechen schien. Weil ich aber, ohne darauf zu achten, bey meiner Weise blieb, und nach Verlauf weniger Wochen in einem der nächst gelegenen Flecken ein Landhaus miethete; hörte ich bald auf, etwas Neues für sie zu seyn: und so wie ich ihnen aus den Augen kam, kümmerte sich niemand mehr um mein Daseyn, bis ein kleines Abenteuer, das dein Ungenannter zu Elis nicht vorbey gelassen, aber eben so übel zugerichtet hat wie die Liebesgeschichte mit Kallippen, mich auf eine sehr unangenehme Art wieder in Erinnerung bey ihnen brachte.

Der Zufall ließ mich einst in einem Gehölz am Fuße des Pentelikus einen Knaben von vierzehn bis funfzehn Jahren finden, der dürres Reisig zusammen las, und dessen ungewöhnliche Schönheit meine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein, und bewunderte die Offenheit und Lebhaftigkeit seiner Antworten. Auf einmahl fiel mir die Anekdote von der ersten Bekanntschaft ein, welche Sokrates einst mit einem eben so schönen Knaben in einem engen Gäßchen von Athen gemacht hatte, und daß unter der Leitung des Weisen und seines Genius aus diesem Knaben der berühmte Xenofon geworden war. Mein Waldknabe schien mir ein nicht weniger glückliches Naturell zu versprechen; ich beschloß an ihm zu thun was Sokrates an dem jungen Xenofon gethan hatte, vergaß aber unglücklicher Weise, daß Sokrates damahls ein Mann von funfzig Jahren war, und ich kaum zwanzig zählte. Die Reinheit meiner Seele und die Unschuld meiner Absichten ließen mich an diesen Unterschied nicht denken; und es fiel mir – mir, der das Urtheil anderer Leute nie in Anschlag brachte – so wenig ein, daß jemand an meinem guten Willen für diesen Knaben etwas tadelhaftes finden könnte, als wenn ich einen Vogel aus dem Walde mit nach Hause gebracht hätte, um ihn singen zu lehren. Ich hing damahls, ohne daß mich meine kleine Erfahrung mit der schönen Kallippe behutsamer über diesen Punkt gemacht hätte, noch sehr stark an dem Platonischen Glauben, daß die äußere Schönheit ein Widerschein der innern sey; und meine rasche Einbildung weissagte sich in meinem jungen Xenofon vielleicht einen künftigen zweyten Pythagoras oder Apollonius, ohne es nur für möglich zu halten, daß es eben so wohl ein Alcibiades oder Kallias seyn könnte. Aber außer dem Verdienste, das ich mir durch die Pflege einer so schönen Pflanze um die Menschheit zu machen hoffte, hatte ich noch die besondere Absicht, mir in ihm einen künftigen Gehülfen in den Mysterien der hohen Magie zu erziehen, die damahls das große Ziel meiner Wünsche und Gedanken war, und wozu ich die Pythagorische und Platonische Filosofie, welcher ich seit einiger Zeit mit großem Fleiß abgelegen hatte, als eine Vorbereitung ansah. Die Schönheit und Unschuld des jungen Gabrias war eine sehr wesentliche Bedingung zu meinen Absichten, so wie seine Unwissenheit kein Hinderniß derselben war. Denn je reiner ich seine Seele von erkünstelten Begriffen und falscher Wissenschaft fand, desto geschickter war sie, die Ideen aufzufassen, zu welchen ich sie nach und nach zu erheben hoffte.

Die Neigung, die den Knaben gleich Anfangs zu mir zu ziehen schien, verwandelte sich ziemlich schnell in eine so große Anhänglichkeit, daß er mich bat, ihn als einen Menschen zu betrachten der mir gänzlich angehöre. Von dieser Zeit an lebte er einige Wochen beständig mit mir in dem vorerwähnten kleinen Landhause. Es zeigte sich indessen immer mehr, daß meine Hoffnungen von der Anlage des jungen Gabrias zu voreilig gewesen waren. Seine Lebhaftigkeit war mit einem Leichtsinn und einem Hang zum Muthwillen und zur Sinnlichkeit verbunden, der ihn zum untauglichsten aller Menschen machte, in Mysterien eingeweiht zu werden, deren erste Stufe die Reinigung der Seele von allen thierischen Neigungen ist.

So bald ich mich hiervon überzeugt hielt, verging mir alle Lust mich weiter mit ihm abzugeben. Hätte ich keine andere Zwecke mit ihm gehabt, als ihn zu einem leidlichen Bürger von Athen zu bilden, so war freylich die Hoffnung dazu nichts weniger als verloren; er konnte sogar werden was seine Landsleute einen liebenswürdigen Menschen hießen; denn er war der angenehmste Plauderer von der Welt, hatte Witz und drollige Einfälle, machte auf einen Blick das Lächerliche an einer Person oder Sache ausfündig, und besaß die Gabe, anderer Leute Stimme, Geberden, Gang und übrige Eigenheiten nachzuahmen, in einem ungewöhnlichen Grade: aber für meine Absichten war er unverbesserlich, und ich suchte mich also je eher je lieber von ihm los zu machen. Dennoch wußte er mich zwey- oder dreymahl durch seine außerordentliche Liebe zu mir, die er meisterlich spielte und mit den zärtlichsten Liebkosungen begleitete, wieder dahin zu bringen, daß ich ihn noch länger bey mir duldete: bis endlich sein Betragen (welches einem weniger Unerfahrnen schon lange hätte verdächtig seyn müssen) keinen Zweifel mehr übrig ließ, daß er sich an mir eben so sehr betrogen habe als ich mich an ihm.

Er wurde noch an demselben Tage aus dem Hause geworfen; aber auch an demselben Tage meldete sich ein alter schlecht gekleideter Mann mit einer Miene von böser Vorbedeutung, als Vater des jungen Gabrias, bey mir, beklagte sich mit großer Heftigkeit, daß ich seinen Sohn – das unschuldigste Kind von der Welt, eh' er in meine Hände gefallen sey – verführt hätte, und forderte Genugthuung deswegen, wenn ich nicht wollte, daß er seine Klage gegen mich noch in dieser Nacht im Areopagus laut erschallen ließe. Ich merkte bald genug, daß ich einen Mann vor mir habe, dem es nicht um Versicherungen oder Beweise meiner Unschuld, sondern um mein Geld zu thun war; und alle Standhaftigkeit, die ich ihm entgegen setzte, wurde zum Schweigen gebracht, da er mir sagte, daß Gabrias bereit wäre, über Gewalt gegen mich zu klagen. – Wie schlecht diese Leute auch waren, so war ich ein Fremder, ohne Freunde, und konnte darauf rechnen, ganz Athen, vornehmlich die ganze Zunft der Filosofen, die sich eine falsche Rechnung auf mich gemacht hatten, wider mich zu haben. Aber auch ohne diese Rücksichten hätte ich lieber mein ganzes Vermögen hingegeben, ehe ich in einem solchen Handel vor Gericht erschienen wäre. Ich bequemte mich also, dem alten Bösewicht die Summe worauf er bestand, und die in der That nicht gering war, zu bezahlen, wie ich mich bequemt haben würde, mein Leben oder meine Freyheit von einem Seeräuber los zu kaufen.

Dieser Zufall, der wie ein Blitz bey hellem Himmel auf mich herab stürzte, unterbrach das innere Geschäfte meiner Seele auf eine höchst schmerzliche Weise. Der Aufenthalt zu Athen wurde mir durch den Gedanken, was für Leute meinen guten Nahmen in ihrer Gewalt hätten, unerträglich; ich konnte mich nicht schnell und weit genug von Menschen entfernen, die mir zu meinem Zwecke so wenig halfen, und unter welchen man solchen Bübereyen ausgesetzt war. Ich packte also meine Sachen zusammen, und begab mich schon am dritten Tage nach dieser verhaßten Begebenheit an Bord eines Schiffes, das nach Smyrna abzugehen begriffen war.

Lucian. Was du thatest um dir dieses Gesindel vom Halse zu schaffen, würde ich, und vermuthlich ein jeder anderer, an deinem Platze auch gethan haben; wiewohl vielleicht wenige seyn mögen, die zu einem so schlimmen Handel so unverschuldet gekommen wären wie du. Der Verfasser der Liebesgötter, zu denen ich eben so unschuldig Vater seyn muß, würde gesagt haben, du hättest deine Strafe durch deine Unschuld verdient: aber, meiner Meinung nach, verdientest du sie durch die Unvorsichtigkeit, dich mit einem dir unbekannten Athenischen Knaben – wenn er auch schöner als Ganymed und Adonis gewesen wäre – in einen Umgang einzulassen, der einen jungen Menschen von deinem Alter nothwendig verdächtig machen mußte; zumahl da du den Vorwurf gegen dich hattest, ein Sonderling und ein Verächter der besten Gesellschaft zu seyn, die vielleicht in der ganzen Welt zu finden war; denn dafür galten die Athener unsrer Zeit, und nicht ohne Grund, däucht mich. Übrigens ist es sehr möglich, daß der Alte so ganz Unrecht nicht hatte, sich zu beschweren daß du seinen Sohn verführt habest.

Peregrin. Wie so?

Lucian. Der Junge konnte wirklich, da du ihn im Walde antrafst, noch unschuldig gewesen, und, ohne die Sokratische Liebe die du so plötzlich auf ihn warfst, es noch lange geblieben seyn. Vermuthlich erzählte er zu Hause, was ihm mit dem schönen fremden Herrn im Walde begegnet sey. Sein Vater, ein dürftiger, schlecht denkender, und wo es auf Gewinn ankam wenig bedenklicher Mann, machte seine Glossen darüber. Natürlicher Weise hatte er von einer so geistigen uninteressierten Liebe zu schönen Bübchen oder Mädchen, wie die deinige war, nicht die geringste Vorstellung noch Ahndung; er erkundigte sich vermuthlich nach dir, erfuhr daß etwas bey dem fremden Herrn zu gewinnen sey, machte nun seinen kleinen Plan auf den einen oder den andern Fall, und unterrichtete den Jungen wie er sich zu benehmen habe. Die Hoffnung eines nahmhaften Gewinns ist für Leute von diesem Schlag eine unwiderstehliche Verführung; und so hättest du dich denn doch, mit aller deiner Unschuld, als den Verführer des jungen Gabrias anzusehen.

Peregrin. In diesem Sinne allerdings. Indessen war der weise Sokrates selbst, nach dem unverwerflichen Zeugnisse, welches ihm der schöne Alcibiades in ziemlich großer Gesellschaft darüber ertheilte, nicht reiner von diesem seinem Liebling, als ich von dem jungen Gabrias; wiewohl ich dich versichern kann, daß der berüchtigte Günstling Hadrians ihm den Vorzug der Schönheit kaum hätte streitig machen können. Wäre ich gesinnt gewesen wie zehen tausend andere, so hätte alles den gewöhnlichen Gang genommen, und dein Unbekannter zu Elis würde wahrscheinlicher Weise eine Verleumdung weniger gegen mich vorzubringen gehabt haben. Ich bezahlte also meine Tugend mit drey tausend Drachmen und einer Verwundung meiner Ehre, wovon ich die Narbe bis an meinen Tod behielt.

Lucian. Deine Tugend, und – deinen Mangel an Klugheit, bitte ich hinzu zu setzen. Wer, ohne sich den Gesetzen dieser letztern, welche die große Tugend des gesellschaftlichen Lebens ist, zu unterwerfen, in seinem Betragen gegen andere bloß von seinem Herzen und von einer idealischen Vorstellungsart geleitet wird, läuft immer Gefahr ähnliche Erfahrungen zu machen.

Peregrin. Diese Klugheit war freylich nie meine Tugend. Durch sie allein würde mein ganzes Leben eine andere Gestalt gewonnen haben, alle Abenteuer, woraus es zusammen geflochten ist, würden unterblieben, und Peregrin –

Lucian. – würde, mit Einem Worte, nicht Peregrin gewesen seyn – welches, nach dem ewigen Beschluß der großen Pepromene, oder, wenn du lieber willst, vermöge der Natur der Dinge, eben so wenig möglich war, als daß Lucian unschuldiger Weise hätte in den Fall kommen können, aus dem Fenster des alten Rathsherrn Menekrates zu springen, oder einem Athenischen Sackträger drey tausend Drachmen dafür zu bezahlen, daß er seinem Jungen einen Kuß auf die Stirne gegeben hätte.

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