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Peregrinus Proteus

Christoph Martin Wieland: Peregrinus Proteus - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrinus Proteus
authorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568234
titlePeregrinus Proteus
pagesVII-XXIII, 1-471
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Peregrin. Du wirst mich auch gar zu unschuldig nennen, Lucian, – genug, mir fiel das nicht ein. Wäre Kallippe bey dem Vorschlage roth geworden, hätte sie einige Bedenklichkeit geäußert, so möchte vielleicht auch in mir ein Zweifel über die Schicklichkeit der Sache rege geworden seyn: aber daß sie so unbefangen, so schnell und so ruhig ihren Beyfall gab, ließ mich in meiner natürlichen Sicherheit. Ich liebte zwar Kallippen, aber mit einer so jungfräulichen Unwissenheit, daß ihr Schlafzimmer für mich nichts mehr war als jeder andere Ort. Und in der That hätte sie im innersten Heiligthum der Vesta nicht sichrer vor geheimen Absichten und Anschlägen auf ihre Unschuld von meiner Seite seyn können als in ihrem Schlafzimmer.

Lucian. Was für ein schlauer kleiner Bube euer Dämon Amor ist, Peregrin! Wie er die guten arglosen Seelen durch seine kindisch unschuldige Miene zu locken weiß! Und doch wette ich, das Schlafzimmer war die Ursache alles Unheils.

Peregrin. Höre nur. Beynahe hätte ich noch einen kleinen Umstand vergessen, der auch nicht ganz unwichtig war, wiewohl ich damahls nicht auf ihn achtete. Die junge Sklavin war immer bey unsern Zusammenkünften gegenwärtig; Anfangs ohne sich einen Augenblick ganz zu entfernen; bey der zweyten und dritten ging sie ab und zu; in der Folge blieb sie bald kürzer bald länger aus, oft eine halbe Stunde, auch noch länger; aber alles so ungezwungen und absichtlos, daß ich ihre Abwesenheit kaum gewahr wurde.

Lucian. Die Spitzbübin!

Peregrin. Es vergingen mehrere Tage, ehe ich wieder den gewöhnlichen Wink von ihr erhielt.

Lucian. Auch das vielleicht nicht ohne Absicht – Aber Du merktest immer nichts?

Peregrin. Gewiß nicht, außer daß mir die Zeit doch länger vorkam als ich ungefähr gerechnet hatte. Ich fing an für Kallippen unruhig zu werden, als die Sklavin mir durch den gewöhnlichen Weg das zwischen uns abgeredete Zeichen gab. Es war eine ziemlich dunkele Nacht, und alles im Hause lag in tiefem Schlafe begraben, als ich durch den Garten zu einem niedrigen Fenster in das Haus herein gelassen wurde. Ich konnte mir selbst nicht recht sagen warum, aber zum ersten Mahle war mirs, als ob ich um diese Zeit nicht in diesem Hause seyn sollte. Diese kleine Unruhe verschwand zwar in dem Augenblicke, da mir die schöne Kallippe in ihrem Zimmer mit Augen voll Dank und Liebe entgegen kam; doch kehrte sie von Zeit zu Zeit wieder, wiewohl ich sie zu unterdrücken suchte. Kallippe ward es endlich gewahr. Sie fragte mich nach der Ursache einer Unruhe, die sie noch nie an mir bemerkt hatte, und ich gestand ihr, daß ich sie und mich weder in diesen Mauern noch in diesem Zimmer für sicher halten könne. – Ohne Zweifel schlagen unsre Herzen auch hier sympathetisch, sagte sie; du irrest dich nur in der Ursache. Auch mir, fuhr sie fort, (und mit einem zärtlich wehmüthigen Tone, der alle meine Nerven in antwortende Schwingungen setzte) auch mir ahndet daß wir uns zum letzten Mahle sehen. Nicht als ob wir hier das mindeste zu befürchten hätten. Ich, liebster Proteus, zittre vor einer ganz andern Gefahr, der einzigen, die ich zu befürchten habe – Ich darf, ich kann dich nicht länger sehen. Frage mich nicht nach der Ursache – denn du bist unter allen Sterblichen der letzte, der sie wissen darf.

Diese mir ganz neue Sprache setzte mich in Erstaunen: aber Kallippe ließ mir keine Zeit zu mir selbst zu kommen. Sie sagte mir, mit einem Ausdruck von Wahrheit und zugleich mit einer Sanftheit, die ihren Worten einen unbeschreiblichen Zauber gab, das zärtlichste was die erste Liebe einem gefühlvollen jungen Weib eingeben kann; und das Ende davon war die Wiederhohlung, daß wir uns zum letzten Mahl gesehen hätten. Wir müssen scheiden, rief sie mit erstickter Stimme, indem sie ihre schönen Arme um meinen Hals wand – Lebe wohl, Proteus! und erinnere dich zuweilen – der Unglücklichen, die dich deiner und ihrer Tugend aufopfert! – Lebe wohl!

Ein so unvermutheter Sturm, auf mein Herz und meine Sinne zugleich, war zu stark um seine Wirkung zu verfehlen; aber es kam noch ein Umstand hinzu, der den Sieg der schönen Kallippe über den unerfahrnen Neuling entscheidend machen mußte. Sie war bey allen unsern Zusammenkünften immer äußerst anständig gekleidet gewesen. Dieß war sie, dem ersten Anblick nach, auch jetzt; nur für die heftigen Bewegungen des Schmerzes und der Liebe, denen sie sich in diesen Augenblicken des Scheidens überließ, zu leicht. Freylich war es eine sehr warme Sommernacht: aber für eine so zärtliche Abschiedsscene war eine Tunika, die ein einziger Seidenwurm hätte gesponnen haben können, gar zu dünn; und als die zärtliche Kallippe ihre Arme um meinen Nacken wand, und in einem Augenblicke, wo der Gedanke eines ewigen Scheidens sie außer sich setzte, ihren Busen etwas zu heftig an den meinigen drückte, kam natürlicher Weise eine so duftartige Hülle in eine Unordnung, die in einem solchen Moment ihren Reitzen ein zu großes Übergewicht über meine unverwahrten Sinne gab.

Was in diesem Augenblick in mir vorging, ist schwer zu beschreiben. Ein allgemeines Zittern überfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den Augen, und ich wäre, glaube ich, zu Boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren Armen aufgehalten, und zu ihrem Ruhebette geführt hätte, wo ich in kurzem wieder zu mir selbst kam, indessen sie, den rechten Arm noch immer um meinen Leib geschlungen, Augen auf mich heftete, die alles Feuer der Liebe in mich zu ergießen schienen. Die Sklavin war bey dieser Scene nicht zugegen; Kallippe mußte meinen Zufall nicht für gefährlich genug gehalten haben, sie um Hülfe zu rufen.

Die Götter mögen wissen, wie das alles sich geendigt hätte, wenn nicht in diesem Augenblick ein großer Lärm im Hause uns auf einmahl aus unserm Taumel gerissen und genöthigt hätte, auf das, was außer uns vorging, Acht zu geben. Wir sind verrathen, rief die bestürzte Kallippe, indem das Getümmel immer näher kam, und die donnernde Stimme des Menekrates sich bereits deutlich unterscheiden ließ. Ich sprang auf, und brauchte mich nicht einen Augenblick zu besinnen, daß außer meinem plötzlichen Verschwinden kein Mittel sey die Dame und mich zu retten.

Lucian. In solchen Fällen haben die Dämonen ohne Körper ein beneidenswürdiges Vorrecht.

Peregrin. Ich lief an das Fenster, das in den Garten ging; aber, außerdem daß die Höhe für einen Sprung zu gefährlich war, sah ich den Garten von verschiedenen mit Knütteln und Stangen bewaffneten Sklaven besetzt, in deren Hände zu fallen noch gefährlicher schien. Ein anderes Fenster ging in einen kleinen Hof, der zu einem Holzbehältniß zugerichtet und mit einem Schindeldache versehen war, das nahe an Kallippens Fenster reichte, und von welchem es nicht unmöglich schien, durch einen Sprung auf das ziemlich flache Dach des niedrigen Seitengebäudes eines benachbarten Hauses zu kommen. Das weitere mußte dem Zufall überlassen werden. Menekrates pochte inzwischen, mit einem so lauten und herrischen Befehl aufzumachen, an der verschloßnen Thür des Schlafzimmers, daß Kallippe, ohne den Verdacht zu vergrößern, nicht länger verziehen konnte, sie zu öffnen. Ich wagte also den entscheidenden Sprung. Ich gelangte glücklich auf das benachbarte Dach, und von diesem in einen kleinen Garten, wo es mir nicht schwer fiel, über eine niedrige und baufällige Mauer in ein enges Gäßchen herab zu glitschen, an dessen Ausgang ich mich vor der Hinterthür meines eigenen Hauses, und einen Augenblick darauf in der Freyheit befand, von einer Gefahr, deren bloßer Gedanke alle meine Haare empor richtete, wieder zu Athem zu kommen. Allerdings war es viel Glück, daß ich meine so oft wiederhohlte Unvorsichtigkeit mit der bloßen Angst, noch immer wohlfeil genug, bezahlte: indessen verhielt sich die ganze Sache wie ich dir erzählt habe; die Prügel und der Rettig waren bloße Verzierungen, womit dein Ungenannter das Geschichtchen seinen Zuhörern interessanter zu machen hoffte.

Lucian. Wahrscheinlich wartete beides auf dich, wenn dir dein guter Dämon nicht noch so glücklich durchgeholfen hätte. Übrigens sind diese Verzierungen, wie du wissen wirst, bey Geschichten dieser Art, wovon das Publikum meistens Etwas, aber selten die wahren Umstände erfährt, zu gewöhnlich, als daß man dem Ungenannten ein großes Verbrechen daraus machen könnte, sie, vielleicht ohne historischen Grund, der bloßen Wahrscheinlichkeit zu Ehren hinzu gedichtet zu haben. – Aber wie erging es der armen Kallippe? Denn, wiewohl ich gestehe, daß sie mir in dieser ganzen Sache bey weitem nicht der unschuldigste Theil zu seyn scheint, so kann ich doch nicht umhin zu wünschen, daß sie nicht zu hart für eine so verzeihliche Schwachheit gebüßt haben möchte.

Peregrin. Es war ein Glück für sie, daß ihre Sklavin die Geliebte eines Freygelaßnen war, welcher alles über den alten Menekrates vermochte, und sie, indem er sich für ihre Unschuld verbürgte, von der angedrohten Tortur rettete, die ihr ohne Zweifel das Geständniß der Wahrheit ausgepreßt haben würde. Kallippe, vielleicht nicht so unvorbereitet auf solche Scenen als ich ihr zutraute, war Meisterin genug über sich selbst, um die Unwissende zu spielen; und da sich nichts fand, was gegen sie hätte zeugen können, so blieb sie am Ende noch berechtiget, Genugthuung von ihrem Unholde zu verlangen, dessen unzeitige Eifersucht ihren sanften Schlummer gestört und ihre unbefleckte Ehre angeschmutzt hatte. Zu gutem Glücke war mein Vater eben wieder nach Hause gekommen. Ich entdeckte ihm den ganzen Hergang; er nahm sich seiner beleidigten Nichte an: und da beide Theile ihre Ursachen hatten, die Sachen nicht aufs äußerste zu treiben und dem Gelispel der Parianer je eher je lieber ein Ende zu machen; so überließ Menekrates seiner Gemahlin die Freyheit, über sein Haus in der Stadt und über ihre Tugend nach eigenem Gutdünken zu schalten, und zog sich bald nachher auf eines seiner Landgüter zurück, während ich in aller Stille Anstalten traf, an eben demselben Tage nach Athen abzureisen.

Das sonderbare Vorgefühl, womit ich in die ehrwürdige Minervenstadt eintrat, – die Meinung von ihrem hohen Alterthume, das sich bis in der Götterzeit verlor, – die Heiligkeit eines Ortes, wo man keinen Schritt thun kann, ohne dem Denkmahl eines Gottes oder Heros oder merkwürdigen Menschen zu begegnen, – die Erinnerung an ihren ehemahligen Glanz, an alles was sie einst war, und was Griechenland, und durch dieses die ganze Welt ihr zu danken hat, – im Gegensatz mit ihrer jetzigen Stille und Ruhe, stimmte in den ersten Tagen meines Aufenthalts zu Athen meine vorhin schon wunderbar genug gestimmte Seele in einen Ton von Melankolie und Feierlichkeit, der mit dem leichten muntern Geiste der Athener einen starken Mißklang machte. Wenig um diese letztern und um alles Unbedeutende was sie thaten, da sie nichts Bedeutendes mehr zu thun hatten, bekümmert, entzog ich mich beynahe aller Gesellschaft, hielt mich immer an den einsamsten Orten auf, besuchte den Keramikus, die Akademie, die Pökile, das Lyceon, nur in den frühen oder nächtlichen Stunden, wenn sonst niemand da zu sehen war: kurz, anstatt wie andere Leute in dem wirklichen Athen zu leben, schwebte ich bloß wie ein abgeschiedener Geist über dem Grabe des großen und herrlichen Athen, das – nicht mehr war.

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