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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Rudolf glaubte seiner Sache ganz gewiß zu sein, besonders als er, bei dem Beginn der Napoleonischen Invasion in Deutschland, seine kriegerischen Neigungen erwachen fühlte und – zum höchsten Frohlocken des alten Herrn – in preußischen Kriegsdienst trat. Er haßte Napoleon, seit derselbe Kaiser war, nicht wegen seiner Despotie, sondern wegen seines unerhörten Glückes. Ein kleiner Artillerielieutnant binnen zehn Jahren Dictator über die Revolution und französischer Kaiser!! . . . und er? – Nichts! – Da ihm die Mittel fehlten, sich im großen Weltstrudel zu betäuben, fiel sein Blick öfter, wenn auch ungern und gleichsam unfreiwillig, in sein Inneres, und wenn er den großen Schutthaufen betrachtete, in welchem verwirrt und zerbrochen Grundsätze, Ueberzeugungen, Leidenschaften durcheinander lagen, so schauderte er vor diesem verwüsteten Dasein zurück und fragte sich selbst, ob es denn für einen vernünftigen Menschen möglich sei, in diesem Zustand zu bleiben. Aber wo war ein Ausweg? wo war ein Licht, eine Kraft, eine ordnende Hand, um diese Ruinen zu bemeistern? Nicht in sich, nicht um sich fand er sie – und über sich selbst hinaufzuschauen und aus der Sphäre des negirenden Verstandes in den des fragenden überzugehen – dazu fehlte ihm der innere Drang. Man lebt nicht sechsunddreißig Jahre verloren in die Außendinge, hingegeben der Welt der Erscheinungen, der Schatten – ohne deren Rückwirkung in sich selbst zu spüren und ihnen ähnlich zu werden. Aber ebensowenig nimmt der Mensch – er sei denn zur tiefsten Stufe sittlicher Entartung oder geistigen Stumpfsinnes herabgesunken! – jene Verähnlichung wahr, ohne daß ihm, wenigstens zeitweise, dabei zu Muth werde, als habe er einen immensen Schatz verloren; und das macht ihn traurig.

Wie einst in die Aufregung der Weltfreuden stürzte sich Rudolf von Horburg jetzt in die des Krieges. Der Kampf that ihm moralisch sehr wohl. Der furchtbare Ernst des Schlachtfeldes voll Leichen, voll Sterbender, voll gräßlichem Weh, voll blutigem Jammer – und mit dem noch furchtbareren Hintergrund eines Meeres von Thränen über die tausend und tausend und aber tausend vor der Zeit vernichteten, zerstörten Existenzen – entrückte seine Gedanken und seine Theilnahme der frivolen Oberflächlichkeit und den niedrigen Geldinteressen: er begann sich für die Sache zu interessiren, für die er sich schlug und seinen persönlichen Egoismus in den Hintergrund zu stellen. Nach der Schlacht von Jena und nach all der Schmach, die auf ihren Verlust folgte, ging Horburg in österreichische Dienste; und als auch hier Napoleon siegte, ging er nach England und mit den Engländern nach Spanien, um dort den Freiheitskampf gegen den Unterdrücker aller Nationen fortzusetzen. Endlich schlug auch für Deutschland die Stunde der Befreiung und nun verließ er Spanien und den englischen Kriegsdienst, um wieder auf deutschem Boden unter deutschen Fahnen zu stehen und allendlich zu siegen. Aber mit dem Siege, mit dem Einzug der verbündeten Heere in Paris erlosch seine Freude am Kriegsdienst: er nahm den Abschied. Und weil er dies binnen kaum acht Jahren zum vierten Mal that, so hatte er nirgends eine eigentliche Carriere gemacht. Orden hatte er; aber keine Zukunft. Seine Rastlosigkeit machte ihn zu einem Schiff, das ohne Ballast und Compaß auf hoher See treibt.

Der Großonkel war schon vor einigen Jahren gestorben; das Vermögen auf einen andern Großneffen übergegangen, der freilich auch nicht zu den Herrnhutern gehörte, aber den Namen des alten Herrn führte. Rudolf behielt nur sein Jahrgeld. Indessen berührten ihn seine beschränkten Verhältnisse jetzt weniger tief, als vor acht Jahren, weil er während dieser ganzen Zeit in der Atmosphäre hoher Begeisterung und großer Opfer gelebt hatte – die nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben war. Jetzt starb auch seine Mutter. So lange seine Eltern lebten, hatte er freilich nur besuchsweise sich bei ihnen aufgehalten, aber doch stets in schriftlichem Verkehr mit ihnen gestanden – doch stets Jemand gehabt, der seine Leiden und Freuden theilte, für ihn sorgte, für ihn sich opferte, der für ihn Wege und Stege zu ebnen suchte, welche er selbst dann wieder verwirrte – kurz, der mit jener nnverwüstlichen Liebe ihn liebte, die in solchem Maß nur im Herzen von Vater und Mutter wohnt. Jetzt hörte das auf. In seinem Alter hat gewöhnlich der Mann längst entweder eine Familie gegründet oder einen Beruf gewählt, der seine Thätigkeit in Anspruch nimmt und ihn in Verbindung mit der menschlichen Gesellschaft setzt. Keines von beiden war bei Rudolf der Fall. Er war allein; er stand allein; er lebte für nichts und für Niemand. Er kannte Menschen in Masse, er hatte auch manche gute Freunde – aber Alle standen innerhalb ihrer Verhältnisse, ihres besondern Kreises! Alle gingen ihren Weg, zu ihrem Ziel. Doch er – wo war sein Ziel? . . . . Und war es denn möglich, in dieser Weise fort zu existiren? . . . Ließ sich dies verfehlte Leben doch nicht endlich in feste, ruhige Bahnen lenken? . . . Ließ sich nicht eine ansprechende Beschäftigung finden, indem er seine Erfahrungen und Erlebnisse aufzeichnete, die ihm seit vierundzwanzig Jahren auf dem Schauplatz aller Weltbegebenheiten zu Theil geworden waren? – Er hatte sein elterliches Haus verkauft und sich nach der Schweiz an den Bodensee begeben, wo er in aller Stille über den letzten Plan nachdachte. Was ihn darin störte, war – daß er nicht einen festen Standpunkt zu finden wußte, der ihm als Warte diente, um die einzelnen Bilder, Gruppen und Richtungen so zu überschauen, daß ihm deren innerer Zusammenhang klar wurde. Der Mensch, der nur für sich selbst die Interessen des Augenblicks und die Strömung einer Epoche verfolgt – der nur vorübergehend, weil es gerade zu seiner Neigung paßt, mit seinem Bedürfniß stimmt, von großen Schicksalen berührt, in ihre Entwickelung sich verflechtet: verliert den Maßstab für jene große Gemeinsamkeit der Menschheit, die von einer höheren Ordnung geknüpft ist und in ihr eine ewige Grundlage hat. So wie Rudolf nachzudenken begann, fiel ihm das auf. In dieser Stimmung machte er die Bekanntschaft eines Irländers, der in der nordöstlichen Schweiz reiste, um die Stellen kennen zu lernen, wohin die irischen Missionare Fridolin und Gallus vor grauen Jahrhunderten das Licht des Christenthums brachten und zugleich den Grund zu den Städten GlarusFridolin war Abt im Kloster des hl. Hilarius zu Poitiers. Er weihte in der Schweiz mehrere Kirchen diesem Heiligen. Um die größte entstand eine Stadt und die Kehllaute der Schweizer Mundart verwandelten den Namen Hilarius in Glarus. Canton Glarus führt noch jetzt im Wappen St. Fridolins Bild. und St. Gallen legten. Rudolf war nie mit Männern zusammengekommen, die in den alten Mönchen der ersten christlichen Jahrhunderte nicht nur Glaubensboten, sondern auch Träger der Civilisation, Beschützer und Förderer des bürgerlichen Lebens, des Gewerbfleißes, der geistigen Bildung sahen. Diese Auffassung war ihm so neu, daß sie ihn ungemein interessirte – und der Ire, der schnell den Mangel einer religiösen Grundlage in Horburg erkannte, benutzte dessen Teilnahme, um ihm die Reise nach Rom anzurathen und gab ihm, als Rudolf dazu geneigt war, einen Brief an O'Connor mit.

So kam Horburg in das Gartenhäuschen am Monte Celio – in den schlagendsten Gegensatz zu Allem, was ihm bisher vorgekommen war! Menschen, die in der Verbannung so zufrieden lebten, wie in ihrem Königreich, und in der Beschränktheit wie auf einem Thron; – die so voll großer und schöner Gedanken waren, daß ihnen für die irdischen Güter kein Gedanke, viel weniger ein Wunsch übrig blieb; – die kein anderes Streben kannten, als in sich und um sich das Reich Gottes auszubreiten: nein! solche Mirakelmenschen waren ihm noch nicht vorgekommen! Die Vendée fiel ihm ein, der alte Marquis und Magdalene. An hochherziger und tiefreligiöser Gesinnung ließ sich eine Aehnlichkeit finden; aber was bei ihnen fromme Ergebung in den Willen Gottes war – das war hier frohe Hingebung an diesen angebeteten Willen; und obschon sich Rudolf durchaus keine Rechenschaft über diese zarte Schattirung in der Seelenstimmung geben konnte, so empfand er sie an dem wunderbar heitern Frieden, in welchem O'Connor, wie in seinem eigentümlichen Element, lebte und webte. Für Horburg lag das Häuschen am Celio wie auf einem andern und bessern Stern – allein der Genius dieses Sternes war für ihn Colomba.

Er kam oft, dann öfter, dann täglich. Er durchwanderte mit O'Connor ganz Rom und Roms Umgebungen – und im Gespräch mit ihm Roms Geschichte, welche mittelbar die Geschichte der Menschheit ist. Denn eine göttliche Idee liegt dieser Geschichte zum Grunde, und der liebevollste Ausdruck dieser Idee ist Rom: Rom ist die christliche Offenbarung sichtbar und tatsächlich geworden. Daher ist es der Kern, aus welchem, und die Axe, um welche die Ausgestaltung der Weltgeschichte vor sich geht. Rom! das ist der tiefinnerste Gedanke aller Menschen, die selbständig in der Geschichte austreten, hassend oder liebend, abfallend oder aufbauend, Feind oder Freund. Rom! das ist das Wort, welches die Epochen bewegt, indem ein Blitz, ein Funke dieser göttlichen Idee neu aufleuchtend, zündend in die Welt hineinstrahlt. Rom! das ist der magnetische Pol für die Geister – anziehend Diejenigen, welche in der Richtung der göttlichen Idee wirken und arbeiten, abstoßend Jene, die ihr zuwider denken und handeln. Rom! das ist das wahre Zeugniß für Christus den Gottmenschen, denn die ersten Zeugen vergossen hier ihr Blut für ihren Glauben an ihn, den Gekreuzigten, den Auferstandenen, und aus diesem Blut und diesem Glauben ist Rom geboren. Darum hat es auch eine ewige, eine unvergängliche Signatur. Darum heißt es »das ewige Rom« – nicht aber, weil es die Ruinen von einigen Jahrtausenden aufweist! das thut auch Egypten; doch Niemand sagt: »Das ewige Theben.« – Könnte man in die geistige Werkstatt eines jeden denkenden Menschen hineinblicken, gleichviel zu welcher Zeit, in welchen Verhältnissen, mit welchen Bestrebungen er gelebt hat, man würde finden, daß der Heerd dieser Werkstatt – Rom ist. Und wer das läugnen möchte, bedenke doch, daß Rom die Hieroglyphe für katholische Kirche – und diese die Stellvertreterin der göttlichen Autorität ist.

O'Connor sprach viel in diesem Sinn mit Horburg, oder besser gesagt, zu ihm. Er hatte, so wenig wie sein Freund Arran, eine Ahnung von Horburgs Apostasie. Er hielt ihn für aufgewachsen und altgeworden in der Irrlehre und fand es ganz in der Ordnung, daß deren Bruchstücke einen denkenden Mann auffordern mußten, dem harmonischen und vollendeten Bau, welchem sie entnommen sind, nachzuforschen. Hätte O'Connor Horburgs Apostasie gekannt, so würde er ihn freilich noch mehr bemitleidet, aber zugleich gerechtes Mißtrauen in die Aufrichtigkeit seines Charakters und seines Strebens gesetzt und ihn nicht in die Vertraulichkeit seines Hauses aufgenommen haben. Horburg beobachtete über diesen Punkt seiner Vergangenheit tiefes Schweigen, während er sein ganzes buntbewegtes Leben, welches durch den gänzlichen Mangel an Befriedigung für Herz und Geist etwas Tragisches bekam, in tausend Bildern aufrollte – und natürlich nur in solchen, die ihm vorteilhaft waren oder leicht eine Entschuldigung fanden.

»Sollte so viel Muth, Thatkraft, Hingebung an eine edle Sache nicht dadurch in das richtige Geleise kommen, daß der wahre Glaube Horburg erleuchtet?« sagte O'Connor zu seiner Frau – und sie entgegnete:

»Wir dürfen es hoffen, aber wir müssen viel für ihn beten, weil er allzusehr in die Welt verwickelt ist, um höherer Wahrheit leicht zugänglich zu sein.«

Colomba fand heimlich, daß die Welt, von welcher Horburg so viel zu erzählen wußte, ganz anders und viel anziehender sei, als sie sich dieselbe bis jetzt vorgestellt hatte. Das Anziehendste darin war aber er selbst, und weil sie das fühlte, schwieg sie darüber. Ihre Eltern waren dermaßen an Colomba's unschuldige Offenheit gewöhnt, daß sie Gedanken und Neigungen, über welche ihre Tochter nicht sprach, auch gar nicht bei ihr voraussetzten – und so kam es denn, daß ihr junges unbewachtes Herz in aller Stille einem Manne sich zuneigte, auf den sie zugleich mit tiefem Mitleid und mit tiefer Bewunderung blickte – mit diesen zwei Empfindungen, die auf den zartesten und edelsten Saiten des leiblichen Herzens erklingen. Das Gefühl der Bewunderung allein würde den Mann allzu fern hinstellen, und das Gefühl des Mitleids allein – allzu hilfsbedürftig; aber wenn beides verschmilzt, so wird daraus eine unsäglich innige Liebe, die zugleich sich anschmiegen und trösten will.

Horburg war scharfsichtiger als Colomba's Eltern. Ihm entging nicht diese zweifache Regung ihres Herzens. Es war wie ein Frühlingshauch über das seine, das sich erneut und erfrischt fühlte und im Wiederschein dieses unverhofften Sonnenstrahles ein neues Leben vor sich aufgehen sah. Es ist nicht ganz selten, daß Männer, die längst über die Jugend hinaus sind und mit dem Leben des Herzens entweder abgeschlossen, oder nie es gekannt, oder darauf verzichtet haben – daß sie, von der heftigsten Leidenschaft ergriffen, die schwierigsten Verhältnisse beseitigen und die trennendsten Abgründe überbrücken, um zu dem Besitz eines Wesens zu gelangen, das ihnen fern steht an Jahren, entgegengesetzt in der Richtung, fremdartig in Denk und Sinnesweise. Eine solche Leidenschaft entbrannte in Horburg für Colomba. Alle Stürme seines Innern legten sich, alle Ungewitter seiner Seele gingen zur Ruhe, all der eisige Nachtreif von Verachtung der Welt und der Menschen zerschmolz vor dem Gedanken, Colomba zu besitzen. Er sah sie monatelang täglich in der Traulichkeit des häuslichen Lebens, immer dieselbe in ihrer bezaubernden Einfachheit, aus welcher zuweilen, wie ein Stern aus dem stillen Morgenroth, die tiefste Gesühlsinnigkeit auftauchte – und er dachte, das Leben dürfe ja in dieser Weise nur fortgesetzt werden. Für Colomba's Ansprüche und Gewohnheiten reiche auch sein Jahrgeld aus, und die Existenz in Rom biete ihm einen Stoff zum Nachdenken, zu anregendem Studium in solcher Fülle, wie er bei seinem Weltleben keine Ahnung davon gehabt hatte.

Ein Mal, zum ersten Mal, seitdem er O'Connor besuchte, traf er Colomba allein im Garten. Sie schöpfte Wasser am Brunnen in ihre Gießkanne. Er ging rasch auf sie zu. Als sie die Schritte hörte, wendete sie sich langsam und erröthend um, denn sie hatte Rudolfs Schritte erkannt. Er blieb vor ihr stehen und sagte nur:

»Colomba!«

Er hatte schon öfter in Gegenwart der Eltern, und über ihren Taubennamen scherzend, Colomba sie genannt; aber jetzt klang es ganz anders in Stimme, Ton, Ausdruck – ganz anders! Fragend, bittend, beschwörend, wiederholte er:

»Colomba!«

Sie wollte die Angen zu ihm aufschlagen, aber zwei große Thränen hingen an ihren langen schwarzen Wimpern, und verwirrt bückte sie sich, um ihre Gießkanne zu nehmen. Allein Rudolf kam ihr zuvor, stellte die Gießkanne auf den Brunnenrand und sagte:

»Colomba . . . . ich muß erst Antwort haben.«

»Ja!« sagte sie verwirrt.

»O!« rief er, »das ist gerade das Wort . . . . genau die Antwort, die ich ersehne! Bleibt es bei diesem süßen, glückseligen Ja . . . . Colomba?«

Sie hatte sich gefaßt und ihre Augen getrocknet, sah ihn traurig an und erwiederte:

»Meine Eltern wünschen, daß ich in's Kloster trete.«

»Die Eltern werden vor allen Dingen wünschen, daß ihr Kind glücklich sei,« entgegnete Horburg. »Glaubt Colomba ihr Glück im Kloster zu finden?«

»Ach . . . ich habe es geglaubt!« rief sie in Thränen.

»Und jetzt?«

»Ach jetzt . . . . jetzt glaub' ich es nicht mehr.«

»Nun, so wollen wir dies den Eltern sagen!« rief Rudolf entzückt.

»Ich fürchte, es betrübt sie!« entgegnete sie ängstlich.

»Wenn aber das Kloster mich betrübt . . . . in solcher Weise und solchem Maß betrübt, wie das bei Eltern nimmermehr der Fall sein kann . . . . was dann, Colomba?« fragte er stolz und hart.

»Ich weiß es nicht!« rief sie und faltete angstvoll ihre Hände.

»Es versteht sich ja von selbst,« sagte Rudolf begütigend, »daß so vortreffliche Eltern gern einen Plan aufgeben werden, den sie nur in der Voraussetzung machten, das Glück ihres Kindes zu begründen! warum sollten sie, die in einer so unaussprechlich glücklichen Ehe leben, diese ihrer Tochter mißgönnen? . . . . Nein Colomba, das ist ganz undankbar! das Kloster mag gut sein für Personen, die mit einem ungeteilten, ruhigen Herzen eintreten. Läßt aber das Herz in der Welt seine Liebe zurück, so wird ihm das Kloster zur Hölle, denn es verzehrt sich in unstillbarer Sehnsucht. Welche Eltern könnten ihr Kind zu einer solchen Tortur verdammen?«

»O die meinen nicht!« rief sie lebhaft und ermuthigt.

»So wollen wir sie gleich um ihren Segen bitten,« sagte Horburg, nahm Colomba's Hand und ging mit ihr dem Hause zu.

Sie zitterte dermaßen, daß ihre Knie wankten und daß sie stehen blieb, um Athem zu schöpfen.

»Wenn ich nur nichts Böses thue!« stammelte sie.

»Seit wann ist es böse, einen unglücklichen Menschen glücklich zu machen?« fragte er mit dem gewissen Ton, der ihr Herz vibriren ließ.

»O!« rief sie, »das ist ja sehr wohlgefällig vor Gott.«

Sie nahm all ihre Kraft zusammen und trat mit Horburg in das Wohnzimmer, wo O'Connor am Schreibtisch saß und mit schmerzlichem Erstaunen Rudolfs Antrag anhörte.

»Wäre die Sache nicht so ernst,« erwiederte er traurig, »so würde ich an Ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. Colomba, im Vergleich zu Ihnen, ist ein Kind den Jahren, der Erziehung, der Bildung nach. Alles trennt sie von Ihnen – nichts verbindet sie.«

»Nur die Liebe!« rief Horburg.

»Die arme Liebe muß viel Verantwortung auf sich nehmen,« fuhr O'Connor fort. »Die unbefangene Colomba hat vielleicht ein gewisses Interesse für Sie gefaßt – aus Gründen, die uns wohlbekannt sind und die meine Frau und mich bewogen, Sie gastfrei aufzunehmen; allein es ist nicht edel von Ihnen, diese Exaltation eines kleinen, unerfahrenen Mädchens zu benutzen, um eine Liebe daraus zu machen.«

»Colomba!« rief Rudolf in seinem herrischen Ton, um sie als Zeugin aufzustellen.

Colomba hatte sich gleich bei ihrem Eintritt neben Mißtriß O'Connor niedergekniet und ihr Gesicht auf deren Schooß verborgen. Jetzt stand sie auf und sagte lebhaft:

»Nein, lieber Vater, das hat er nie gethan! ich sah ihn, ich hörte ihn, ich betete für ihn, ich dachte an ihn . . . . daraus ist ganz von selbst eine Liebe geworden. Aber ich habe erst jetzt erfahren, daß das Liebe ist« . . . . –

»Nun und jetzt?« fragte die Mutter angsthaft.

»Jetzt« . . . . – sagte Colomba zögernd, »ist mein Glück – sein Glück.«

Mißtriß O'Connor brach in Thränen aus. O'Connor sagte ernst:

»Ich vergebe Dir, daß Du den Wunsch Deiner Eltern nicht erfüllst, Colomba; aber ich kann Dir nicht vergeben, daß du die trennende Kluft des Glaubens vergessen konntest. Das ist sträflicher Leichtsinn, der keine Berücksichtigung verdient.«

»Ach, wir hoffen ja Alle auf seine Bekehrung, und beten für ihn,« rief sie.

»Ja, das thaten wir – und wir werden es ferner thun . . . . und gibt ihm Gott die Gnade, das Licht des wahren Glaubens zu erkennen und sich demselben zuzuwenden, so ist es noch immer Zeit zu einem Ehebündniß. Jetzt aber, da ich in vier Monaten vertrauten Umgangs noch nicht die Ueberzeugung gewann, daß es dem Herrn von Horburg ernstlich darum zu thun ist, die Wahrheit der Offenbarung zu suchen – jetzt werde ich nimmermehr Deine Verbindung mit einem Manne zugeben, welcher in der Irrlehre wandelt und folglich principiell ein Todfeind und Verfolger des heiligen katholischen Glaubens ist. Eine solche Zumuthung darf O'Connor's Tochter nicht an ihren Vater machen.«

Colomba warf einen flehenden Blick auf Rudolf, um ihn zu bitten, sich von dem Vorwurf der Todfeindschaft gegen den katholischen Glauben zu reinigen. Aber in Rudolf regten sich die alten Dämonen des Stolzes und der Eigenliebe. Colomba liebte ihn; das war ihm genug, um an der Durchführung seines Willens festzuhalten, und daß es Hindernisse gebe, reizte seine Leidenschaft nur noch mehr. Wozu also diesem fanatischen Irländer Concessionen machen! Er sagte mit starrer Kälte – und nicht ganz wahrheitsgetreu, aber es machte den Effect, den er beabsichtigte:

»Diese Scene beweist mir, daß die Katholiken unverbesserlich in ihrem religiösen Fanatismus sind. Eine Scene dieser Art machte mich vor achtzehn Jahren zum Protestanten!«

»Zum Protestanten? Sie waren also Katholik?« rief Mißtriß O'Connor; – und Colomba rief:

»O dann wird er auch wieder katholisch!«

O'Connor selbst nahm seine ganze Kraft der Selbstbeherrschung zusammen und sagte ruhig, aber mit flammenden Augen:

»Für den Protestanten, der unverschuldet in der Irrlehre lebt, kann ich Achtung haben und in brüderlicher Gesinnung mit ihm verkehren. Bei dem Apostaten, der in reifen Jahren mit vollem Bewußtsein den Abfall vollführt – ist weder das Eine noch das Andere möglich . . . . und darum, Herr von Horburg, sehen wir uns jetzt zum letzten Mal.«

»Und was sagt Colomba?« fragte Rudolph höhnisch.

»Colomba wird sich auf ihre Pflicht besinnen!« rief Mißtriß O'Connor, da sie sah, daß ihr Mann sprachlos vor Entrüstung war. Colomba aber rief:

»Sie leidet und liebt!«

Horburg verließ das stille Häuschen, das ihn so liebevoll aufgenommen und in welches er solche Zerstörung gebracht hatte. Aber sein Plan war gemacht.

Unter den Söhnen des Gärtners, der diese Vigne gepachtet hatte und das größere Haus bewohnte, befand sich ein Bursche von etwa sechzehn Jahren, dessen verschlagener Ausdruck schon früher von Horburg bemerkt worden war. Er hieß Marco. Als Horburg an einer benachbarten Trattorie vorüberging, trat Marco heraus und Horburg fragte ihn im muntern Ton:

»He, mein Sohn! willst Du Dir ein hübsches Trinkgeld verdienen?«

Marco lachte und zog die Schultern bis zu den Ohren hinauf, um auszudrücken: »Warum nicht?«

»Es gilt eine Wette! Komm' morgen Abend um diese Stunde auf den Platz bei S. Clemente und erzähle mir Alles, was bei den Leuten in Eurem Gartenhäuschen geschieht.«

»Va bene!« sprach Marco laconisch und ging von dannen.

O'Connor redete inzwischen sehr sanft und liebreich mit Colomba, weil er meinte, sie werde leicht die Thorheit ihrer Liebe einsehen. Dem war aber nicht so. Die kindlich zärtlichen Gefühle, die sie bis jetzt für ihre Eltern und für Denjenigen gehabt hatte, dessen Braut sie sich seit ihren kindlichen Tagen unbefangen nannte – waren nicht erloschen; aber die Fähigkeit und Neigung, die in jedem Menschenherzen liegt, einem Gegenstand die Quintessenz aller Empfindungen zuzuwenden, war erst jetzt in Colomba erwacht und hatte sich unüberlegt, wie die erste Jugend ist, und eben daher mit intensiver Kraft auf Horburg gerichtet. Colomba erklärte ihren Eltern, sie wolle gewiß nicht Gott beleidigen und gewiß eine gute Tochter sein; doch sei es eben so gewiß, daß sie Horburg liebe – und deßhalb unmöglich ein Herz in das Kloster zu bringen, das zwischen Gott und einem Menschen getheilt sei.

Darin gab O'Connor ihr vollkommen Recht.

»Das Herz, das im Kloster seinen Frieden finden will, muß ausschließlich nach der himmlischen Liebe verlangen,« sagte er, »und nie werden Deine Eltern Dich zu einem Schritt drängen, den nur die Gnade eingibt. Aber nie werden sie gestatten, daß Du im Rausch Deiner jungen Leidenschaft ein Ehebündniß schließest, welches Dein Seelenheil gefährdet. Nur da findet die Seele ihren Frieden, sei es im geistlichen, sei es im weltlichen Leben, wohin die Hand Gottes unter dem Einfluß der Gnade sie führt. Ueberlege, ob das bei Dir der Fall ist, und – wenn Du aufrichtig bist, wirst Du sehr schnell zur Einsicht kommen.«

»Könnte ich nicht das Werkzeug Gottes sein, um eine verirrte Seele zurückzuführen?« fragte Colomba schüchtern.

»Bei Menschen, die guten Willens sind, wäre das möglich,« erwiederte O'Connor; – »aber bei einem Apostaten, mein Kind, ist der gute Wille ein Sklave so finsterer Leidenschaften geworden, daß seine Bekehrung ein noch größeres Wunder der Gnade ist, wie jede andere Bekehrung. Du hast es ja selbst gehört: verletzter Stolz, die Sünde Lucifers, machte Horburg zum Abtrünnigen – und gerade der Stolz, der eine ungeziemende Ueberhebung des Menschen ist, zieht ihn in die tiefsten Abgründe. Da ist die Rettung schwer! Wer sie versuchen will, muß eine unaussprechlich reine Absicht auf Gottes Ehre und eine heilige Liebe zum Opfer haben.«

»Nun so laß mich dies Opfer für ihn sein!« rief Colomba feurig.

»Für ihn: sehr gern, mein Kind! An ihn . . . niemals.«

Sie schlug die Augen nieder; sie hatte das verwechselt. O'Connor fuhr fort:

»Unter keinen Umständen wäre Horburg der Mann, den ich Dir zum Gatten wünschen könnte. Er ist vierundvierzig Jahr alt; Du . . . kaum siebzehn. Sein gebieterischer Charakter bekommt durch die Erfahrung, Menschenkenntniß und Weltbildung, welche die Jahre mit sich bringen, ein solches Uebergewicht, daß er Deinen Charakter erdrücken und lähmen – nicht ausbilden würde. Indem die Natur mehr als ein Vierteljahrhundert zwischen Euch gelegt hat, trennt sie Euch gerade so, wie übernatürliche Rücksichten Euch trennen.«

Während der Vater sprach, fühlte Colomba unwillkürlich die Wahrheit seiner Worte; aber Rudolf hatte sich zu sehr ihres Herzens bemächtigt, um durch vernünftige und religiöse Gründe daraus verdrängt zu werden; – und als Horburg mit Marco auf dem bestimmten Platz zusammentraf, berichtete dieser, die Signorina sei nach ihrer Gewohnheit Morgens und Abends in den Garten gekommen, um ihre Beete zu begießen, habe aber sehr traurig und verweint ausgesehen. Zuletzt sei sie am Brunnen niedergekniet, habe den Kopf auf den Rand gelegt und bitterlich geweint.

»Brav, Marco! Du hast Deine Sache gut gemacht!« entgegnete Horburg. »Nun wollen wir weiter sehen, ob Du schlau bist. Wenn es dunkel geworden ist, legst Du dies versiegelte Blättchen so auf das erste Beet, daß die Signorina – aber nur sie! – morgen früh es findet. Dann kommst Du morgen Abend wieder hieher und berichtest, ob sie geweint oder gelacht hat . . . und was sonst noch vorfiel.«

Marco empfing den Zettel und ein Trinkgeld, und sie trennten sich.

O'Connor überlegte inzwischen mit seiner Frau, daß es gut sein werde, Colomba auf einige Zeit zu entfernen, da ein Wechsel der Umgebung leicht einen Wechsel des Gedankenkreises nach sich zieht. Als sie darüber einig waren, machte O'Connor einen Spaziergang und begegnete bei der Heimkehr Horburg am Coliseum, der eben von seinem Zwiegespräch mit Marco zurückkam. Beide Männer grüßten sich kalt und fremd. Obschon es stark dunkelte, glaubte O'Connor doch einen solchen Ausdruck von höhnischem Trotz bei Horburg zu bemerken, daß er nicht ohne den tiefsten Schmerz daran denken konnte, sein Kind durch eine Herzensneigung an diesen Mann gefesselt zu wissen. Colomba empfing ihren Vater wie gewöhnlich mit liebevoller Zärtlichkeit; aber ihr Frohsinn war fort. Sie wußte nichts ihm zu erzählen, sie hatte nichts ihn zu fragen; ihre Gedanken waren mit andern Gegenständen beschäftigt, und als er fragte, ob sie nicht ein wenig singen wolle? – versuchte sie es zwar, aber ihre Stimme bebte dermaßen und sie kämpfte dermaßen mit hervorquellenden Thränen, daß ihm das Herz weh that. Da sagte er:

»Komm' her, Colomba! Du bist zu erschüttert, um singen zu können, mein armes Kind! Sieh, wie verkehrte Neigungen den Frohsinn und den Frieden des eigenen Herzens und der ganzen Familie trüben. Die Leidenschaft wirkt zerstörend auf einen ganzen, glücklichen Kreis von Menschen! Deine Mutter und ich – wir glauben, es werde Dir leichter werden, Dich zu besinnen, zu sammeln und zu fassen; wenn Du Dich auf etwa acht Tage in ein Kloster begibst« . . . . –

»Ich kann aber nicht da bleiben!« rief Colomba ganz außer sich und umschlang verzweiflungsvoll die Mutter.

»Armes Kind, daran denken wir nicht,« sagte Mißtriß O'Connor liebevoll. »Nicht zu den Benedictinerinnen von S. Cecilia wollen wir Dich führen, sondern zu den Ordensfrauen von Bambino Gesù, bei denen man sich ein Paar Tage oder Wochen aufhält, sei es, um geistliche Uebungen zu machen, sei es, um sich in stiller Abgeschiedenheit vom Weltleben zu erholen. Und einer solchen Erholung bedarfst Du sehr.«

Colomba sah in der kurzen Trennung von den Eltern eine günstige Gelegenheit, um sich einmal recht ungestört auszuweinen und ging nun willig auf den Vorschlag ein, am andern Morgen sich dahin zu begeben, da O'Connor sagte, er habe bereits der Oberin ihre Ankunft gemeldet.

Ihrer Gewohnheit treu, war Colomba's Geschäft in der Frühe nach dem Besuch der Messe in S. Clemente, die Gartenbeete zu begießen. Sie entdeckte schnell das Zettelchen, das ihren Namen trug. Krampfhaft ergriff sie es, blickte scheu um sich, ob Niemand sie beobachte, riß es auf und las die Worte in englischer Sprache:

»Die Liebe wacht und waltet über Colomba.«

Es kam eine tiefe, unanssprechliche Beruhigung über sie. Wodurch? weßhalb? . . . . sie wußte es nicht! allein sie fühlte, daß Rudolf ihr im Geist nahe sei. Beinahe fröhlich nahm sie Abschied von ihrem Vater und ging mit der Mutter nach ihrem Bestimmungsort. Am Abend konnte Marco an Horburg erzählen, die Signorina sei auf acht Tage in's Kloster zum Bambino Gesù bei S. Maria Maggiore gegangen und habe gar nicht betrübt ausgesehen; – die Signora hingegen recht traurig. Er habe das gut bemerken können, da er sie begleitet und ein Säckchen mit ihren Kleidungsstücken getragen habe.

»Bravissimo, Marco! vor der Hand ist's genug!« rief Horburg hoch erfreut, setzte dann aber rasch hinzu: »Ich denke, daß ich Dich bald wieder brauchen werde.«

Der unbestimmte süße Trost, den Colomba aus jenen Worten Rudolfs geschöpft hatte, versiegte bald. Die Leidenschaft ist eine unersättliche, aufzehrende Flamme, die immer neu genährt sein will und unbefriedigt durch die Nahrung bleibt. Auf den flüchtigen Trost folgte um so tiefere Entmuthigung. Sie hatte für keinen Zuspruch, für keine Unterhaltung, für keine Beschäftigung das mindeste Interesse. Sie löste sich auf in Thränen und bekam nach drei Tagen ein so heftiges Heimweh nach ihren Eltern und ihren gewohnten Umgebungen, daß die guten Ordensfrauen beratschlagten, ob es nicht besser sei, sie zurückzubringen. Eine Botschaft von Mißtriß O'Connor entschied die Frage! Eine Ordensfrau möchte die Güte haben, Colomba sogleich nach Hause zu bringen, denn der Vater sei erkrankt; da es schon finster sei, schicke sie einen Wagen.

Colomba packte hastig, beängstigt und doch froh ihre Sachen zusammen, nahm flüchtig Abschied von der Oberin und verließ das Kloster, mehr denn je entschlossen, niemals weder dieses noch sonst irgend eines wieder zu betreten. Vor der Pforte stand Marco neben dem Wagen und öffnete den Schlag. Colomba fragte ihn, ob ihr Vater sehr krank sei. Er entgegnete, das könne er nicht sagen; er habe nur den Auftrag bekommen, ihr die Botschaft zu bringen. Er schloß den Wagen und sie fuhren ab – Colomba voll Verlangen nach ihren Eltern, ihrem Hause, ihren Umgebungen, ihren Beschäftigungen, weil das Alles voll lebendigster Erinnerung an Rudolf war.

Nach einiger Zeit hielt der Wagen, der Kutscher stieg ab, öffnete den Wagenschlag und sagte, sein Pferd sei lahm geworden; die Damen müßten die Güte haben, sich in den Wagen seines Kameraden zu bemühen. Er war Colomba beim Aus- und Einsteigen behülflich; dann sprang er selbst zu ihr in den andern Wagen – und der Kutscher jagte davon, der Porta del popolo zu und von da gen Tor di Quinta auf dem Wege nach Florenz. Colomba's Entführung war vollkommen gelungen!

Indessen stand die arme Klosterfrau bestürzt und verwirrt neben dem ersten Wagen – und zwar ganz allein. Marco war gleich nach der Abfahrt eiligst nach Hause gelaufen und Horburg, der den Kutscher gespielt hatte, war mit Colomba entflohen. Da aber die Klosterfrau keine Ahnung von dem Zusammenhang dieser Ereignisse hatte, so hielt sie das Ganze so lange für ein unbegreifliches Mißverständniß, bis sie sich orientirt hatte, wo sie denn eigentlich sei. Da aber überfiel sie ein furchtbarer Schreck – denn sie befand sich auf dem weiten, öden, menschenleeren Platz vor S. Maria degli Angeli in den Thermen des Diocletian! Das konnte kein Mißverständniß, das mußte eine böse Absicht sein, denn diese Richtung war derjenigen entgegengesetzt, die sie hätten einschlagen müssen. Die abgelegene Stätte, weit und breit keine Menschen, keine Wohnungen, die Dunkelheit, die im September um acht Uhr Abends vollständig ist und vor fünfzig Jahren durch keine Gasflammen gelichtet wurde, erfüllten die Klosterfrau mit namenlosem Grauen und sie eilte, so schnell die lähmende Angst um Colomba's Schicksal es gestattete, zurück zum Kloster des Bambino Gesù. Nachdem ihre Schritte verhallt waren, tauchte ein Mann irgendwo aus dem Dunkel auf, ging zu dem verlassenen Pferde, das geduldig vor dem Wagen auf eine lenkende Hand wartete, klopfte es liebkosend auf den Hals, um sich als Herr kund zu geben und fuhr dann gelassen nach Hause.

Die Oberin des Bambino Gesù war in Verzweiflung über die entsetzliche Kunde, welche durch die einbrechende Nacht noch schauerlicher wurde. Wo war das unglückselige Kind? bei wem war es? ging es freiwillig mit dem Entführer? war es geraubt? – Sie ließ den Beichtvater des Klosters, der in der Nachbarschaft wohnte, zu sich bitten und theilte ihm den Vorfall mit. Trotz der späten Stunde eilte der Pater sogleich zu O'Connor. Die Gärtnersleute, durch deren Haus er kommen mußte, um in die Gartenwohnung zu kommen, schliefen längst. Es dauerte geraume Zeit, bis sie wach wurden und öffneten. Dem Pater kam jede Minute wie eine Ewigkeit vor. Er dankte Gott, als er im Gartenhause durch einen Spalt der Fensterladen Licht schimmern sah, doch die Angst gewann wieder die Oberhand, als auf sein Klopfen und auf die Nennung seines Namens – O'Connor selbst die Thür aufschloß.

»Sie sind also nicht krank?« stammelte er.

»Wie kommen Sie auf den Gedanken?« fragte O'Connor erstaunt und setzte schnell und ahnungsvoll hinzu: »Was gibt es mit Colomba, mein Pater?«

»Sie ist fort . . . . entführt mit teuflischer List . . . nach einem durchdachten Plan!« rief der Pater. »Hören Sie, Signor, diese historia calamitatis. Rufen Sie Ihre Frau . . . . das Kind muß vor dem Verderben geschützt, das Lamm aus den Klauen des Wolfes gerettet werden.«

»Ruhig, mein Pater, ruhig!« sagte O'Connor tonlos; »will Colomba, so kann sie selbst sich schützen; will sie nicht, so vermögen wir Alle nichts. Ich bitte, erzählen Sie mir den ganzen Hergang.«

Der Pater that es. O'Connor konnte aber nicht daraus entnehmen, ob Colomba im Einverständnis mit Horburg gehandelt habe oder nicht. Für den Augenblick, zu mitternächtlicher Stunde, waren keine Nachforschungen anzustellen. O'Connor beherbergte den Geistlichen, um in der Frühe des nächsten Morgens mit ihm auf das Polizeibüreau zu gehen. Es war eine furchtbare Nacht für O'Connor! angsthaftes Mitleid mit Colomba überwog im Vaterherzen alle Entrüstung, allen Zorn, alle Verachtung gegen Horburg. Er konnte sich nicht entschließen, seine Frau zu wecken; sie erfuhr ja immer früh genug die herzzerreißende Kunde. Er ging hin und her im Zimmer, im Garten, er kniete betend vor einem Cruzifix: er fand keine Ruhe! Wo war sein Kind? . . . . Die Botschaft ihres Todes hätte für ihn nicht diese gräßliche Bitterkeit gehabt: er hätte sie in der Hand Gottes gewußt! . . . jetzt war sie in den Krallen des Satans . . . . sie! seine Colomba! – – –

Der Jammer der Mutter gab ihm am andern Morgen etwas Fassung. Er sprach ihr Trost zu, den er selbst nicht fühlte, geleitete sie nach dem Kloster vom Bambino Gesù, das ebenfalls in der größten Zerstörung war – und begab sich dann zur Polizeibehörde. Seine verschiedenen Nachforschungen ergaben, daß Baron Horburg und seine Frau Pässe nach der Schweiz, Frankreich und Deutschland nahmen und am gestrigen Abend mit Extrapost und mit vorangestellten Courierpferden auf allen Stationen, nach Florenz abgereist waren. O'Connor war gleich entschlossen, ihnen nachzusetzen. Was er thun werde, wenn er sie gefunden – das war ihm nicht klar; das gab er Gott anheim. Er reiste ebenfalls mit Courierpferden nach Florenz und verfolgte auf jeder Station ihre Spur – denn überall hörte er, daß etwa dreißig Stunden vorher Pferde für eine Courierchaise bestellt worden wären. Aber in Florenz versiegte die Spur. Weder die Gasthöfe, noch Paß- und Postbüreau's gaben die mindeste Auskunft. Die Flüchtlinge waren verschwunden. Nach drei Tagen voll trostlosem Suchen, Forschen und Fragen mußte O'Connor sich entschließen, die Rückreise anzutreten. Diese drei Tage verwandelten den kräftigen Mann in einen Greis. Der namenloseste Gram grub Furchen auf seine Stirn, in seine Züge, die beredsamer als Worte sein Leid erzählten.

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