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Ida von Hahn-Hahn: Peregrin - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitlePeregrin
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
year1864
publisherVerlag von Franz Kirchheim
addressMainz
titlePeregrin
created20020701
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1864
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Ein zerrissenes Leben.

Als gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts Englands Kolonien in Nordamerika sich vom Mutterlande losrissen, unter schweren Kämpfen ihre Selbständigkeit errangen und die Vereinigten Staaten bildeten, frohlockte man in Europa über den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Nirgends aber konnte das Glück der Befreiung von englischer Botmäßigkeit höher geschätzt werden und ein stärkeres Echo der Sehnsucht wecken, als in Irland. England hatte zwar damals, aus Furcht vor revolutionären Bewegungen, den Iren einige Concessionen gemacht, die aber nur zeigten, in welcher unerhörten Knechtschaft, in welchem Helotismus man das Volk hielt und welches Raubsystem man gegen dasselbe übte – und zwar immer im Schutze und im Namen der Gesetze übte, die noch um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Existenz der katholische Religion nicht anerkannten. Ire und Katholik fielen aber zusammen, waren ein untrennbarer Begriff. Der Grund und Boden von Irland ging für den Iren fast ganz verloren. Die Krone England, holländische und englische Herren, der anglikanische Clerus – letzterer mit zwei Millionen Acres und mit dem Zehnten aller übrigen Ländereien – wurden Grundbesitzer. Kein Katholik durfte Güter erwerben, ja, er durfte sie nicht länger als auf dreißig Jahre pachten. Die Concessionen Englands bestanden nur darin, daß der irische Katholik jetzt »unbenutzbare Sümpfe« pachten durfte und auch zum Unterthaneneid zugelassen wurde; aber das, was ihm das Höchste war, Confessionsschulen und Collegien für seine Kinder zu errichten – das blieb ihm versagt. In Belgien, in Frankreich, in Rom mußte er sie erziehen lassen, wenn er ihre katholischen Grundsätze und den Glauben, worin sie wurzeln, bewahren wollte. Wo von einer Regierung so viel Zündstoff zu berechtigter Unzufriedenheit aufgespeichert wird, kann es nicht Wunder nehmen, wenn sie, angefacht durch die Gährung der Zeit, in Flammen ausbricht. Das geschah auch in Irland. Aber der Aufstand unter Lord Edward Fitz-Gerald wurde bald unterdrückt. England mit all seiner Macht war zu nah und Irland hatte zu wenig Hülfsmittel, als daß der Ausgang hätte zweifelhaft sein können.

Einer der Hauptführer des Aufstandes war Reginald O'Connor. Dennoch traf ihn nicht Lord Edward Fitz-Geralds Schicksal, der das mißglückte Unternehmen mit dem Tode büßte. O'Connor entkam, aber freilich besonders dadurch, daß sein Bruder für ihn gut sagte, Reginald werde nie nach Irland zurückkehren, und weil sich die Regierung auf diesen Bruder verließ – denn er fiel ab vom Glauben. Dafür erhielt er Reginalds confiscirtes Vermögen. Erdrückt von Gram floh Reginald O'Connor mit seiner Frau und zwei Kindern hinweg von der geliebten Heimath und dahin, wo jeder Katholik, wenigstens geistiger Weise, sich zu Hause fühlt – nach Rom. Dort lebte er, ein Nachkomme der alten irischen Könige, in den beschränktesten Verhältnissen, von dem geringen Vermögen seiner Frau. Aber er war durchaus nicht unglücklich, nachdem er den Trennungsschmerz vom »grünen Erin« – von »der Insel der Heiligen« – von dem »Smaragd des westlichen Meeres« überwunden hatte. Rom war der Ort, der einem Charakter, wie O'Connor, Ersatz für jeden Schmerz, für jeden Verlust bot. Je wenige Hoffnungen er in der Welt hatte, desto höher rankten sie sich über alles Irdische empor und statt dem Vaterlande, das er verloren hatte, wendete sie sich einzig und allein der Kirche zu. Dies übernatürliche Vaterland war unverlierbar. Wer dessen Dienst sich weihte, erlag keiner Tyrannei. Genau, wie er, dachte seine Frau. So erzogen sie ihre Kinder, Reginald und Colomba. Beide wurden dem Kloster bestimmt und Beide umfaßten mit ganzem Herzen ihren Beruf.

»Da seid Ihr sicher für die Ewigkeit, meine Kinder!« sagte O'Connor; »denn da liebt Ihr nur das, was Ihr in Ewigkeit lieben sollt – unsern göttlichen Heiland. – Freilich geht die Liebe auf unserer armseligen Erde Hand in Hand mit dem Leiden – auch im Kloster; aber Ihr seid doch mit Eurer Liebe auf dem schnurgeraden Wege durch das Leid hindurch zur himmlischen Freude. Per aspera ad astra ist der Wahlspruch unseres Hauses. Was O'Connor heißt, muß ihn inne halten, er möge wollen oder nicht. Die Welt nennt das: Schicksal! Aber wir wissen, daß Gott die Schicksale zu unserm ewigen Heile lenkt.«

»Ich bin eine Braut Christi – per aspera ad astra!« sagte Colomba, das zehnjährige Kind, nahm den schwarzen Schleier der Mutter und umhüllte damit ihr allerliebstes Gesichtchen. Der ältere Bruder aber sagte:

»Der Wahlspruch ist kein Scherz, Colomba, und das Ordensleben ist es auch nicht. Damit darf man nicht spielen.«

Die Geschicke der ewigen Stadt, welche O'Connor erlebte und durchlebte, seitdem er sich in Rom niedergelassen hatte, waren so recht von der Art, um einen gläubigen Sinn in der Hingebung an die Kirche – und in der Zuversicht zu bestärken, daß nicht nur ihre Dogmen, sondern auch ihre Institutionen in höherer Kraft und Weisheit wurzeln, als nur menschliche Einrichtungen. O'Connor erlebte, daß der Consul Bonaparte Rom durch den General Berthier als Republik proclamirte, daß eine Statue der Freiheitsgöttin, die päpstliche Tiare mit Füßen tretend, auf die Engelsbrücke gestellt wurde – jene Brücke, die zu St. Peter und zum Vatican führt und auf welcher Engels-Statuen mit den Leidenswerkzeugen des Heilandes in den Händen stehen. O'Connor erlebte, daß trotz dieser Mißhandlungen der herrliche achtzigjährige Pius VI. weder die Flucht ergreifen, noch dem Kirchenstaat entsagen wollte; – daß Bonaparte ihn in's südliche Frankreich nach Valence schleppen ließ, wo der Tod den Qualen des Greises ein Ende machte; – daß Pius VII. in all diesen Stürmen friedlich in Venedig gewählt wurde und nach Rom zurückkehrte, um auch seine weltliche Herrschaft wieder anzutreten, weil die republikanischen Gelüste nach und nach keinen Beschützer mehr an Bonaparte fanden; daß Pius VII. zweimal von dem Despoten, der nunmehr Kaiser Napoleon geworden war, nach Frankreich beordert und in den drückendsten Verhältnissen Jahre lang dort festgehalten wurde. O'Connor erlebte, daß Napoleon erlag, als Pius VII. triumphirend in Rom einzog und alle italienischen Gebiete des Kirchenstaates wieder erhielt. Und das Alles erlebte O'Connor in dem kurzen Zeitraum von 1798 bis 1815! Immer schien das Schifflein Petri in höchster Gefahr, bald in den Wellen des jakobinischen Hasses unterzugehen, bald an der Felsenklippe despotischer Usurpation zu zerschellen – und immer wieder legte sich der Sturm, die Wellen glätteten sich, das Ungewitter rauschte vorüber und das Schifflein tauchte friedlich aus den Wogen empor, denn es trug den Nachfolger des Petrus und einen Andern! – Wäre nicht der Gram um Irland und um den Abfall des Bruders gewesen, so hätte keine Wolke O'Connors Zufriedenheit beschattet, denn wie alle Menschen, die aus ganzer Seele an großen Ideen hängen und in ihnen leben, spürte er die Beschränktheit seiner Verhältnisse durchaus nicht wie ein Unglück. In einer Vigne am Fuß des Celius, zwischen dem Coliseum und dem Lateran, bewohnte er ein kleines Gartenhaus, das die Gärtnersleute nicht benutzten und das der Besitzer deßhalb verfallen ließ. Diesen Umständen entsprach der Mietzins. Ueberdies war Rom damals keineswegs wie jetzt von Fremden überfluthet. Hohe Reisende, Gelehrte und Künstler besuchten zwar die ewige Stadt und hie und da kam es vor, daß irgend ein reicher junger Mann, sogar eine reiche Familie den Römerzug machte; aber es waren vereinzelte Erscheinungen. In einer Epoche besonders, wo die französische Revolution, deren schreckliche Kriege, das Zerfallen aller Verhältnisse, die seit tausend Jahren auf dem europäischen Festlande bestanden hatten, die Napoleonischen Eroberungen und Usurpationen, den Welttheil in Unsicherheit, Spannung und Grauen versetzte: damals besonders waren Fremde eine Seltenheit, die spurlos verschwand und nicht den geringsten Einfluß hatte. Daraus entsprang für den Fremden der Vortheil, ganz unbeachtet nach seinen Verhältnissen leben zu können. Erst nach dem Jahre 1815 begann die europäische Völkerwanderung der Reisenden gen Italien und Rom.

Inzwischen war der junge Reginald den Weg gegangen, auf den der Vater ihn geleitet hatte. Bei den irischen Dominicanern von S. Clemente war er in's Noviziat eingetreten. Des Ordens Bestimmung, die Predigt des Evangeliums, gab ihm die Hoffnung, dereinst als Missionär unter seinen Landsleuten in Irland zu wirken. Colomba blieb allein bei ihren Eltern. Doch war ihr Eintritt bei den Benedictinerinnen von S. Cecilia nur eine Frage der Zeit, da Colomba eine zarte Gesundheit hatte. In Rom, wo so zahlreiche Klöster und alle Institute und Congregationen von Laien so gewiß klösterlich eingerichtet sind, ist das weltliche Leben so sehr vom geistlichen umgeben und durchweht, daß der Eintritt eines Kindes in den geistlichen Stand von der Familie als das, was es wirklich ist, ein gnadenreiches Ereigniß, betrachtet wird und nicht als ein gewaltsames Zerreißen der Familienbande, als ein Aufgeben der wahren Bestimmung – wie das noch so häufig diesseits der Alpen geschieht. Nach dem großen Raub und Vertilgungszug gegen die Klöster, der mit der französischen Revolution begann und dann im katholischen Deutschland mit höchstem Eifer fortgesetzt wurde und ein Vierteljahrhundert mindestens dauerte, wuchs die Generation in Abscheu und Verachtung der Klöster – und die darauf folgende in Gleichgültigkeit gegen dieselben auf. Aber aus dieser Gleichgültigkeit, die den »überwundenen Standpunkt« nicht der Beachtung werth hielt, entwickelte sich allmälig die Rückkehr zur richtigen Auffassung und mehr und mehr wird aus einer Familie die Verzweiflung schwinden, wenn eines ihrer Glieder dem Klosterberuf folgt. Wo ein gesundes, kräftiges Glaubensleben herrscht, betrachtet man überhaupt die Opfer, die der geistliche Stand erheischt, nicht als unnatürlich, sondern als übernatürlich, als Wirkung der Gnade – und je größer die Gnade des Berufenen, desto größer sein Glück. Nur da, wo der Glaube fehlt, klammert sich der Mensch für sich selbst und die Seinen an irdische Freuden und Genüsse – und nennt sie Glück.

Colomba O'Connor lebte in ihrer friedlichen Zurückgezogenheit ungefähr so, wie einst der hl. Hieronymus der edlen Römerin Laeta rieth, ihre Tochter zu erziehen: »wie im Tempel und in der Wüste« – so fromm, so abgeschieden. Die Welt war für sie ein unbestimmter Begriff von Verkehrtheit und Wirrsal, wie wenn man in einer großen volkreichen Stadt auf einem hohen Thurm steht und von unten herauf ein dumpfes Getöse des menschlichen Treibens vernimmt. Sie hatte nicht das mindeste Verlangen, sich in diesen Tumult zu mischen. Nur die Schicksale der Kirche in der Welt, die Leiden, die Einflüsse, die Siege, die, gemäß ihrer Bestimmung, ganz untrennbar von ihr sind; nur die Schicksale der Völker und der Länder und der einzelnen Menschen, insofern sie aus dem Zusammenhang mit der Kirche sich entfalten und gestalten – kannte Colomba; und das genügte ihr. Da gab es genug der Ideale, die für jede edle junge Seele einen namenlosen Zauber haben. Da gab es heilige Liebe und heilige Schmerzen, geheiligten Kampf und geheiligten Triumph; – und wo der Sturz in irgend einen Abgrund erfolgte, zeigte die fromme Reue auch schon die Rettung auf dem Dornenweg der gottgefälligen Buße. Zärtlich liebte Colomba ihre Eltern und ihren Bruder; zärtlicher – den göttlichen Heiland und seine schmerzenreiche Mutter. Zu den Menschen zog nichts sie hin, als eine unaussprechliche Barmherzigkeit. Den Armen, den Kranken, den Nothleidenden, die in ihren Bereich kamen, suchte sie aus allen Kräften zu helfen, und da die Geldmittel, die ihr zu Gebot standen, äußerst gering waren, so ersetzte sie das durch persönliche Dienstleistungen. Die ganze Nachbarschaft kannte und liebte sie und nannte sie zärtlich bei ihrem Namen »la Colomba,« und später, als sie in anmuthiger Schönheit heranwuchs »la Colombella.« Bei sechszehn Jahren war sie eine reizende Erscheinung; aber sie wußte es nicht.

Eines Tages kam ein Fremder in die Vigne, fragte den Gärtner nach Herrn O'Connor und ging dann auf das Gartenhaus zu. Vor demselben begoß Colomba einige Gemüsebeete. Der Fremde fragte, ob sie wohl einen Brief an Herrn O'Connor abgeben wolle. Sie nahm freundlich den Brief, lief ins Haus und ließ den Fremden zwischen den Salatbeeten stehen. Herr O'Connor erkannte freudig die Handschrift eines theuern Jugendfreundes und las:

»Lieber Freund! ich empfehle Dir und Deiner Frau so dringend wie möglich den Ueberbringer dieser Zeilen, der ein deutscher Edelmann ist und Horburg heißt. Ich habe nämlich die Hoffnung, daß er sich zu unsere heiligen Glauben bekehren und seinen Aufenthalt in Rom benutzen werde, um sich gehörig zu unterrichten. Du mußt aber sehr vorsichtig mit ihm umgehen. Er ist scheu und verschlossen.«

»Mit dem Bonaparte geht's zu Ende. Er hat den heiligen Vater nach Savona zurückgeschickt und es heißt, er werde demselben nächstens die Heimkehr nach Rom gestatten. ein sicheres Zeichen, daß sein frecher Uebermuth gebrochen ist. Er hat wie Jacob mit dem Engel ringen wollen und ein verrenktes Bein davon getragen. Hoffentlich mehr; – denn die Heere der Verbündeten kommen nah und näher. Ich gehe nach Savona, um den heiligen Greis in der Verbannung zu verehren und dann, will's Gott! ihm nach Rom zu folgen. Zuvor hole ich aber meine Frau, die seit einem halben Jahre ihren sterbenden Vater bis zu seinem letzten Athemzug gepflegt hat, aus der Bretagne ab. Also auf Wiedersehen am Grabe der Apostel, wo der Balsamduft des ewigen Lebens weht. Dein Freund Arran. Paris, den 1. Februar 1814.«

»Nun, lieber Vater, welche Antwort soll ich geben?« fragte Colomba, als Herr O'Connor den Brief zusammenlegte und frohlockend rief:

»Te deum laudamus!« – Dann setzte er hinzu: »Ist der Fremde hier?«

»Ja, draußen im Garten,« sagte Colomba und folgte ihrem Vater, der sich beeilte, Herrn von Horburg in's Haus zu führen, während Colomba ihre unterbrochene Gartenarbeit fortsetzte. Aber sie blickte dem Fremden nach, staunend über das Gebieterische seiner Erscheinung. Aeltere Männer waren ihr sonst immer alt erschienen; aber dieser, der doch auch längst über die Mitte des Lebens hinaus war, kam ihr nicht alt vor. Als er nach einer halben Stunde in Begleitung ihres Vaters aus dem Hause kam, durch den Garten ging und sie grüßte, verneigte sich Colomba tief – und als ihr Vater dann allein zurück kam, sagte sie zu ihm:

»Der Fremde sieht aus wie ein entthronter König. Ist er das, lieber Vater?«

»Gewissermaßen . . . . ja, mein Kind! Der Glaube ist unsere Krone, denn er macht uns zu Kindern des großen Königs der Ewigkeit, zu Erben des Himmelreichs. Wer den Glauben verloren hat – hat seine Krone verloren und in der Beziehung kann man von diesem Herrn von Horburg sagen, daß er ein entthronter König sei. Aber warum glaubtest Du das, Colomba?«

»Weil er so schön, stolz und traurig aussieht. Ich fürchte ihn gekränkt zu haben, indem ich ihn in der Eile im Garten stehen ließ.«

»Beruhige Dich! Diesen kleinen Verstoß hat Herr von Horburg gewiß gar nicht bemerkt.«

Das war ganz richtig: er hatte nur das liebliche junge Mädchen bemerkt, das mit ihren glänzenden Gazellenaugen unschuldig und schüchtern zu ihm aufblickte. Frühe schon waren solche Stürme durch sein Leben gegangen und hatten sein Inneres so verwüstet, daß ihm die Unschuld – die Unkenntniß des Bösen – wie ein Märchen vorkam. Rudolf von Horburg war das Opfer verkehrter Elternliebe. Sie hatten das einzige Kind vergöttert, nicht erzogen; hatten nie seinen Willen gebändigt, nie von ihm Selbstverläugnung gefordert. Was der Knabe nicht übte, leistete noch viel weniger der Jüngling. Der Strudel der Leidenschaften, der um ihn und in ihm brauste, verschlang ihn. Doch hatte er edle Naturanlagen – und darum fand er nicht das Glück, nicht die Befriedigung, die er verlangte. Es muß Edleres, es muß Höheres geben, sprach er zu sich selbst; . . . aber was? aber wo? – Die großen Worte der französischen Revolution: Freiheit! Menschenrechte! schlugen an sein Ohr, als er in Mainz studirte und zogen ihn, trotz des Widerstrebens seiner trostlosen Eltern, nach Paris. Abermals gerieth er dort in den furchtbarsten Strudel der entfesselten Leidenschaften; abermals wurde er nur betäubt, nicht befriedigt und nur kurze Zeit täuschten ihn die hohlen Declamationen einer Brüderlichkeit, die auf der Guillotine ihre Wiege haben sollte und ein permanenter Brudermord war. Sein kalter klarer Verstand zeigte ihm die grausige Verirrung eines politischen Fanatismus, der um jeden Preis mit der historischen Entwickelung brechen will, damit seine Theorien zur unbedingtesten Herrschaft gelangen. Als ob die menschliche Vergesellschaftung eine Schachpartie wäre, die man vom Schachbrett herunterwerfen und dann ein neu combinirtes Spiel flugs aufstellen könne! – Aber er gewöhnte sich an ein Leben in den heftigsten Aufregungen. Die Führer der Revolution, die ja Alle – ohne Ausnahme, Alle! von ihren Ideen besessen waren, anstatt sie zu besitzen, bewegten sich eben deshalb nur auf dem Boden selbstsüchtiger Anschauungen und Bestrebungen und vielleicht Anfangs nach einem gewissen Instinkt von Gerechtigkeit, der aber bald in dem Tumult der Leidenschaften sich verfälschte und sie schief leitet. Dadurch geriethen sie in Verirrungen, die, sogar im Licht der natürlichen Vernunft und ohne einen höheren christlichen Standpunkt betrachtet – außerhalb menschlicher Handlungsweise liegen. Sie wurden wie jene Bestien, die der Blutgeruch berauscht und die, wenn sie einmal Blut gekostet haben, unersättlich darnach sind. Sie lebten, sie athmeten, sie handelten im Blutrausch und die gräßliche Atmosphäre dieses Rausches ballte sich in blutrothen Wolken um das Gewissen, den Verstand, die Sinne Derjenigen, die ihnen nachfolgten, indem sie die Worte Freiheit und Menschenrechte gedankenlos nachlallten, während die unerhörteste Despotie und das blutigste Unrecht gegen die Menschheit Frankreich terrorisirte.

Bis zum Tode der unglückseligen Königin blieb Rudolf von Horburg in Paris. Es hieß, er sei einer ihrer ergebensten Agenten gewesen und habe mehrere Plane eingeleitet, um sie zu retten. Nach ihrer Hinrichtung erfüllte ihn nur noch der bitterste Haß gegen die Schreckensmänner. Um demselben Luft zu machen, folgte er der Aufforderung eines jungen Edelmannes aus der Vendée, an dem Kriege Theil zu nehmen, den dort das tiefgläubige Volk gegen die Republikaner führte, welche ihm seinen König gemordet hatten – und seine Religion, seine Kirche, seine Priester rauben wollten. Horburg war weder ein warmer Royalist, noch ein treuer Katholik. Nicht die Begeisterung für eine gerechte Sache, noch für die höchsten Güter des Lebens führte ihn nach der heldenmütigen Vendée, sondern eine Art von Rachedurst gegen die Revolution, die ihm vor drei Jahren mit allem Reiz einer Fata Morgana erschienen war und dann in ein blutdürstiges Ungeheuer sich verwandelt hatte, das sogar eine Madame Elisabeth, eine Marie Antoinette verschlang. Die kriegerische Aufregung that ihm wohl. Er schlug sich mit ungeheuerer Bravour und die eigentümliche Kriegsführung, diese Guerillazüge von bewaffneten Bauern und Landedelleuten erhielt ihn in beständiger Spannung. Die Vendée wurde besiegt; ihre Helden fielen fromm und demüthig wie die alten Kreuzfahrer; denn auch sie kämpften für die heilige Sache des Kreuzes, welches einst minder durch den Halbmond des Türken, als jetzt durch das »Höchste Wesen« eines Robespierre bedroht war; – und sie retteten ihr höchstes Gut: Glauben und Kirche. Ihre Altäre wurden nicht entweiht durch den Cultus der Göttin Vernunft! – Horburgs Freund war an den Folgen seiner Wunden gestorben. Dadurch trat er in nähere Beziehung zu dessen Familie, denn er hatte ihn treu gepflegt. Die Tochter des Hauses, Magdalene, war das erste junge Mädchen, das auf Rudolf von Horburg den Eindruck machte, daß es möglich sei, ein Weib mit dem Herzen zu lieben. Nach all den entsetzlichen Bildern, deren Zeuge er seit Jahren gewesen war, that ihm das schlichte, patriarchalische Leben in diesem kleinen einfachen Schlößchen ungemein wohl und er fing an zu begreifen, wenn er das Walten dieser vortrefflichen Menschen beobachtete, daß es ein erlaubtes Glück innerhalb des Kreises heiliger Pflichten gebe, welches auch ihm erreichbar sei.

Als er der Zuneigung Magdalenens sicher zu sein glaubte, wendete er sich an deren Vater und bat um ihre Hand.

»Drei Fragen muß ich Ihnen vorlegen,« entgegnete der alte Marquis liebreich, »bevor ich Ihren Antrag beantworte. Wenn Sie nur mein Gastfreund wären, würde ich sie nie stellen. Aber Sie wollen Magdalenens Gatte und mein Sohn werden – das ändert die Sache.«

Horburg räumte ihm gern dies Recht ein.

»Sind Sie bei Ihrer Wahl der Zustimmung Ihrer Eltern gewiß? Magdalene ist eine Fremde in Ihrem Lande; deßhalb muß sie im Herzen Ihrer Eltern zuerst eine Heimath finden.«

»Meine Eltern werden mit offenen Armen die Tochter aufnehmen,« sagte Rudolf lebhaft, »die ich ihnen, gleichviel aus welchem Lande, zuführe.«

»Ist Ihre Familie von altem Adel?« fragte der Marquis weiter. »In Frankreich soll der Adel freilich mit dem Königthum abgeschafft sein. Doch in der Vendée denkt man anders! Der Adel hat seine Traditionen von Loyalität gegen Kirche und König, und gemäß diesen Traditionen entwickelt und gestaltet sich das Leben. Wer mit uns Hand in Hand gehen will, muß im großen Ganzen eines Sinnes, einer Richtung mit uns sein.«

»Der Adel meiner Familie, Herr Marquis, ist so gut und so alt wie der Ihre, denn wir kennen den Ursprung desselben nicht.«

»Jetzt die wichtigste aller Fragen! ist Ihre Familie katholisch? . . . . und sind Sie katholisch?«

»Die Familie Horburg ist katholisch, allein meine Mutter ist protestantisch,« entgegnete Rudolf.

»Und Sie? . . . . was sind Sie?«

»Nun . . . . ich bin katholisch – wenn überhaupt – von einer äußerlichen Confession die Rede sein soll.«

»Nein,« sagte der Marquis gelassen, »nicht von einer äußerlichen Confession, sondern von einem Glaubensbekenntniß, in welchem sich der ganze innere Mensch ausspricht – mit seinen Ueberzeugungen, mit seinen Hoffnungen, mit seiner Richtung durch die Zeit auf die Ewigkeit.«

»Da ich ein solches Glaubensbekenntniß nicht habe,« sagte Rudolf kalt, »so werden Sie mich gewiß davon dispensiren, es abzulegen.«

»Gewiß!« entgegnete der Marquis; »aber es ist auch eben so gewiß, daß Magdalene dann nicht Ihre Frau werden kann.«

»Aber ich liebe Magdalene! . . . . Aber ich bin ihr nicht gleichgültig, Herr Marquis! . . . . Wozu diese Schroffheit der alleinseligmachenden Kirche des Feudalstaates in unserm Jahrhundert der Brüderlichkeit und der Aufklärung!« – rief Rudolf beleidigt.

»Diese Brüderlichkeit und diese Aufklärung habe ich mit dem Leben meines einzigen Sohnes – hat die Vendée und ganz Frankreich mit Strömen des edelsten Blutes und der bittersten Thränen bezahlt,« entgegnete der Marquis ruhig, aber mit zitternder Stimme. »Sie werden begreifen, daß ein Mann, der jenen Worten huldigt, kein Gemahl für meine Magdalene ist; also lassen Sie uns hier abbrechen.«

»Herr Marquis,« rief Rudolf erregt, »ich habe Ihnen durch die That bewiesen, daß ich jene Worte verabscheue – denn ich habe wie ein ächter Sohn der Vendée gegen die Vertreter der Guillotinen-Aufklärung mit Ihnen gekämpft – und Blut und Leben mehr als Einmal in die Schanze geschlagen.«

»Ja,« erwiderte der Marquis liebreich, »diese tapfere Großmuth wird Ihnen Gott vergelten und ich will nicht weiter untersuchen, ob sie nicht mehr aus dem Thatendrang einer feurigen Jugend, als aus Sympathie für die Vendée entsprang. Daß ich sie, so wie sie eben ist, zu schätzen weiß, habe ich Ihnen ebenfalls durch die That bewiesen, denn Sie leben als Gastfreund in meinem Hause. Aber wenn Sie auch die Brüderlichkeit und Gleichheit im Sinne eines Marat und Robespierre verabscheuen, so habe ich doch keine Bürgschaft, daß Sie dieselben nicht in Ihrem Sinn auf das religiöse Gebiet verpflanzen, wenn Sie sich nicht einfach und klar einen Sohn der katholischen Kirche nennen, deren Dogmen glauben und deren Vorschriften erfüllen.«

»Aber, Herr Marquis!« rief Rudolf ungeduldig, »das Alles hat ja gar keinen Zusammenhang mit meiner Bitte! nicht auf den kirchlichen Dogmen beruht das Glück der Ehe, sondern auf der liebenden Eintracht von zwei Herzen.«

»Einer solchen Auffassung der Ehe kann ich nimmermehr das Heil meiner Tochter anvertrauen!« rief der Marquis bewegt. »Die Eintracht kann in Zwietracht – die Liebe in Gleichgültigkeit . . . ja, in Abneigung übergehen, denn das Menschenherz ist schwach und allen Leidenschaften zugänglich. Wer bürgt mir dafür, daß Sie – wenn Sie mit Ihrer Gesinnung außerhalb der Kirche stehen – nicht in der Verblendung der Leidenschaft der Aufklärung der Jacobiner huldigen, die Frankreich durch eine Gesetzgebung besudeln, welche die Ehescheidung erlaubt. Nein, Herr Baron! wenn irgend ein menschliches Verhältniß – so ist es vor Allem die Ehe, die den Boden der Kirche zu ihrem Gedeihen bedarf, denn nur dort hilft Gott Selbst in den heiligen Sacramenten ihre schweren Pflichten tragen.«

Rudolf verstummte vor Erstaunen. Er hatte diese Sprache nie gehört. Er dachte mitleidig, der Marquis gehöre gewiß zu einer frommen Secte und sagte laut und bittend:

»Wird es mir nicht erlaubt sein, mit Fräulein Magdalene in dieser Sache zu reden?«

»Sie denkt wie ich, wie wir Alle,« sagte der Marquis.

»Aber vielleicht fühlt sie anders!« rief Rudolf.

Schweigend schellte der Marquis und ließ durch den eintretenden Diener Magdalene rufen. Bis sie erschien, gab Rudolf ungefragt einen Ueberblick des Vermögens seiner Eltern, die ein großes Haus in Mannheim und ein schönes Gut in der Pfalz besäßen. Der Marquis hörte wohlwollend zu. Magdalene kam; ein ernstes Mädchen von zwanzig Jahren, gar nicht schön von Zügen, aber mit einem solchen Ausdruck von Seelenadel und reinster Güte, daß sie wunderschön anzusehen war. Sie verneigte sich tief, als sie eintrat, küßte dem Vater die Hand und blieb vor ihm stehen. Der Marquis sagte liebreich:

»Magdalene, so eben hat sich Herr von Horburg bei mir um Deine Hand beworben; er wünscht aber aus Deinem Munde die Entscheidung zu hören.«

»Das wird nicht nöthig sein,« entgegnete Magdalene erröthend; »sie gebührt Ihnen, mein lieber Vater.«

»In diesem Fall mußt Du sie dennoch aussprechen, mein Kind; denn Herr von Horburg hat bei den vielen Vorzügen, die wir Alle an ihm schätzen, ein großes Unglück.«

Magdalene warf einen angsthaften Blick ans den Marquis – und als dieser hinzusetzte:

»Das Unglück . . . . kein gläubiger Christ zu sein!« da glitt eine tiefe Blässe über ihr Antlitz, sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie sanft:

»Wenn Sie das wußten, mein lieber Vater, warum haben Sie mich rufen lassen? Eine solche Verbindung ist undenkbar.«

»Thor der ich war, zu hoffen, daß ich Ihnen nicht gleichgültig sei, Fräulein Magdalene!« rief Rudolf um so stürmischer, als ihn die Ruhe und Gelassenheit reizte, womit Vater und Tochter sprachen.

»Nein,« sagte Magdalene und ließ ihr stilles, ernstes Auge auf ihm ruhen; »Sie waren kein Thor.«

»Und dennoch weisen Sie mich zurück, Magdalene!«

»Es ist eine Kluft zwischen uns, die durch nichts ausgefüllt werden kann . . . . als durch Ihre Rückkehr zum Glauben, auf welche Ihre Aussöhnung mit der Kirche folgen würde.«

»Nein!« rief er, »um den Preis der Lüge mag ich das Paradies nicht kaufen. Leben Sie wohl!«

Er eilte hinweg, verschloß sich in seinem Zimmer, schrieb zwei Zeilen des Abschieds an den Marquis und verließ das Schloß, ohne Jemand von der Familie zu sehen. Einen Diener beauftragte er, ihm seinen Koffer nach Paris zu schicken und gab seine dortige Adresse.

Und damit war diese Epoche, die beste und glücklichste seines Lebens, abgeschlossen.

Seine vorherrschende Empfindung war gekränkter Stolz, der sich Lust machte in Groll gegen die katholische Kirche. Er blieb in Paris. Dort war der Blutrausch verdampft; aber aus dem Niederschlag von dessen giftigen Dünsten – und als Gegensatz zu den Schrecknissen des Todes, unter denen die Menschen gezittert hatten – entsprang eine Gier nach den Genüssen und Freuden des Lebens, welche brutale Entsittlichung verrieth und welche nur allzu oft die nächste Folge großer allgemeiner Kalamitäten ist, sobald diese nicht im Hinblick auf das Kreuz getragen werden. Seelen, die das thun, fehlen zwar nie; allein auf der großen Schaubühne der Zeit kommen nicht sie zum Vorschein. Während des Directoriums und des Consulates lebte Paris in einem Rausch von heidnischer Genußsucht. Dort verschwendete Rudolf von Horburg seine Jahre, sein Vermögen und alle Kraft und Lust, um die guten Anlagen in seiner Natur auszubilden. Seine Eltern waren nichts weniger als zufrieden mit seiner verkehrten Richtung und wünschten lebhaft, ihn vermählt zu sehen. Mehrmals riefen sie ihn zurück. Er kam auch immer . . . . jedoch nur, um sie umzustimmen und um sie zu veranlassen, seine Schulden zu zahlen. Unter dem Vorwand, daß nur die Schulden ihn in Paris fesselten und daß seine Heimkehr von deren Abtragung abhänge, wußte er immer von Neuem bedeutende Geldsummen von ihnen zu erhalten. Als sein Vater starb, flehte seine Mutter ihn an, sich in der Heimath niederzulassen.

»Sobald mein sechsunddreißigstes Jahr abgelaufen sein wird,« sagte Rudolf, verkaufte ohne Vorwissen der Mutter, die sich jetzt ganz in Mannheim niederließ, sein schönes Gut in der Pfalz und verschleuderte in gewohnter Weise sein Vermögen binnen drei Jahren in Paris und in Spaa – dem Baden-Baden jener Zeit – wo er mit den Engländern, die es überschwemmten, auf's Unsinnigste wettete und spielte. Das Alles machte ihn gar nicht glücklich, allein es zerstreute ihn fortwährend und betäubte die edleren Regungen, die sich dann und wann bei ihm einstellten und die ihm unbequem waren. Und so stand er denn bei sechsunddreißig Jahren in der Welt ohne Vermögen, ohne Beruf, ohne Interesse, ohne Stellung, ohne Zukunft, ohne Aussichten, ohne Gott und ohne Glauben – die kläglichste Ruine eines ursprünglich schönen Menschenbildes. Seine arme Mutter weinte, jammerte, rang die Hände; Rudolf bat sie, sich zu fassen und ihn lieber recht dringend ihrem Onkel zu empfehlen, welcher in der Herrnhuter-Gemeinde zu Neuwied lebte, unvermählt war und ein ziemlich beträchtliches Vermögen besaß – und sehr liebte. Sie that es.

Dem alten Herrnhuter graute in jeder Beziehung vor dem Großneffen: ein Atheist, ein Verschwender, ein Anhänger Napoleons! Ein schärferer Gegensatz zu dem sparsamen Mitglied der Brüdergemeinde, der die legitimen Fürsten und den Frieden der europäischen Völker durch diesen aus dem Jacobinerthum herausgewachsenen Kaiser bedroht sah – war nirgends zu finden, als in Rudolf von Horburg. Aber Rudolf hatte einen eigentümlich herrischen Zug im Charakter. Er war gar nicht herrschsüchtig; dazu verachtete er die Menschen zu sehr; er wollte nicht in der festen Beziehung zu ihnen stehen, welche mit der Beherrschung Anderer verbunden ist. Aber – wie es fügsame Naturen gibt, so gibt es auch herrische. So war Rudolf. Er hatte sich immer als den Gebieter Derjenigen betrachtet, mit denen er in Berührung kam und demgemäß gehandelt. Zuerst an der Schwäche seiner Eltern – später an der Ueberlegenheit, welche Geld und viel Geld in gewissen Kreisen – kaltblütiger Muth und stolze Unerschrockenheit überall ausübt – hatte sich diese gebieterische Gewohnheit entwickelt und gestärkt. War er der Guillotine entgangen, hatte er die tausend Gefahren des Krieges in der Vendée bestanden. so werde er auch ferner als Sieger aus seinen Schicksalskämpfen hervorgehen: das war seine Ueberzeugung. Freilich . . . bei Magdalene war er der Besiegte gewesen. Aber was bedeutet eine Niederlage neben so vielen Triumphen? sprach er hochfahrend zu sich selbst; während er doch im Stillen diese eine Niederlage nicht verschmerzen, nicht vergessen konnte. Jetzt nahm er sich vor, den alten reichen Onkel zu gewinnen, um ihn zu beerben. Der gute Herrnhuter hatte einen Abscheu vor der katholischen Kirche – nicht weil er sie kannte, sondern weil er sie nicht kannte, und die allerconfusesten Ansichten von ihr hatte. Voltaire war ein Katholik – Voltaire war ein Jesuitenschüler und zugleich die Incarnation der Gottlosigkeit: folglich hatten die Jesuiten, die wiederum eine Incarnation der katholischen Kirche waren, ihm durch ihre Lehren diese Gottlosigkeit beigebracht: folglich war die katholische Kirche gottlos. Daß Voltaires Gottlosigkeit sich gerade dadurch äußerte, daß er ihre Dogmen, Institutionen und Verhältnisse mit giftigstem Haß verfolgte, daß Voltaires Hauptbestreben dahin ging, sie zu vernichten in ihrem Einfluß auf die Seelen – hätte dem alten Herrnhuter wohl die Augen öffnen und ihm beweisen können, daß Voltaire nichts anderes sei, als ein entartetes Kind der großen katholischen Familie, deren Mutter die Kirche ist. Aber so weit ging und dachte der gute Alte nicht. Es ist so unbequem, aus dem permanenten Halbschlaf geweckt zu werden, in welchem man sein ganzes Leben hingebracht hat! so lästig die Augen an helles Licht zu gewöhnen, wenn die Dämmerung ihnen während siebenzig Jahren so wohlthätig war! – Dennoch war er zu gutmüthig, um seiner Nichte, der Frau von Horburg wehe zu thun, indem er den Besuch ihres Sohnes abwies. Allein er empfing Rudolf mit ängstlicher Zurückhaltung. Dieser aber ließ sich nicht abschrecken, vermied vorsichtig jeden Stein des Anstoßes und ließ nur diejenigen Punkte hervorleuchten, die dem Onkel genehm waren, nämlich den Widerwillen gegen die katholische Kirche und die Kriegeszeiten in der Vendée. Diese Gesinnungen beruhigten den alten Herrn ungemein, obschon die Verschwendung immer noch ein höchst bedenkliches Kapitel in Rudolfs Leben blieb.

»Aber, lieber Vetter,« sagte er eines Abends ganz bedächtig zu Rudolf, »wie kommt es nur, daß Sie, der Sie die katholische Kirche und deren Product, die französische Revolution, so tief verabscheuen, dennoch Katholik geblieben sind?«

»Das kommt daher, Herr Onkel, weil sich in Frankreich Niemand um die Religion des Nebenmenschen bekümmert und von selbst kommt man nichts darauf, sie zu wechseln.«

»Hm! hm! das hat sein Gutes und sein Schlimmes. Zur Bruderliebe gehört Glaubens-Eintracht. Wir sollen einander im Glauben an unsern lieben Herrn und treuen Heiland befestigen. Ihrer Aeußerung zufolge wäre es also nicht wahr, was man damals behaupten hörte, die Vendée sei rabbiat katholisch?«

»Doch, Herr Onkel!« rief Rudolf; »rabbiat katholisch, das ist die wahre Bezeichnung für die Vendée. Sie wissen ja, daß stets in Zeiten der Aufregung der Fanatismus nahe liegt. Es war eine ganz natürliche Reaction gegen das empörende Gebahren der Schreckensmänner mit ihrer »Göttin Vernunft« und wurde von den Priestern ausgebeutet, um sich den Boden zu erhalten, der ihnen im übrigen Frankreich unter den Füßen weggezogen wurde.«

»Welch ein Glück für Frankreich, wenn die revolutionären Fluthen die Priester wegschwemmen wollten,« sagte der alte Herr und faltete andächtig seine Hände.

»Ganz Ihrer Ansicht, Herr Onkel!« versicherte Rudolf.

»Aber um die Vendée thut es mir doch leid, daß das treue tapfere Volk dermaßen in den Stricken der Diener Babels liegt.«

»Auch das ist ganz meine Meinung, Herr Onkel,« betheuerte Rudolf in aller Aufrichtigkeit.

»Da wir so sehr eines Sinnes sind – was mich ebenso überrascht als erfreut,« sagte der Großonkel freundlich schmunzelnd, »wie wäre es denn, mein lieber Vetter, wenn Sie tatsächlich Babels Heerlager und die Gezelte des Antichrists verließen und Sich zu uns hielten.«

Rudolf schwankte zwischen der Freude über seinen Fortschritt in der Zuneigung des Onkels und dem Schreck vor dem Gedanken zu den »Stillen im Lande« – wie die Herrnhuter zuweilen genannt wurden – sich zu gesellen. Er antwortete zögernd: »Herr Onkel, Sie wissen besser als ich, daß dazu die Wiedergeburt gehört.«

»Also auch das ist Ihnen schon bekannt!« rief vergnügt der Alte. »Ja freilich, lieber Vetter, die Wiedergeburt gehört dazu; aber an der wird es der treue Gott nicht fehlen lassen, wenn Sie nur recht fest an ihn glauben.«

Rudolf hatte eine so tiefe Verachtung der göttlichen Offenbarung, daß ihm jeder positive Glaube als eine Unmöglichkeit für den denkenden Menschen, und nur für den Fanatiker und den Selbstbetrüger als möglich erschien. Daher fand er die Zumuthung, der Brüdergemeinde sich anzuschließen, unaussprechlich abgeschmackt. Magdalenens ernstes Bild schwebte vor seiner Seele. Er hatte sie geliebt, wie man ein edles Wesen zu lieben pflegt – so, daß sie ihm eine bessere Richtung hätte geben können. Sie hatte seine Aussöhnung mit der Kirche verlangt und er – dieselbe abgelehnt, weil ihm die Religion ein Wort ohne Werth und Sinn war. Jetzt trat ihm wiederum die so sehr verachtete Religion als die Bedingung entgegen, durch welche seinem Schicksal eine günstigere Wendung zu geben sei – und so tief war sein sittliches Bewußtsein gesunken, so stumpf das Gefühl für Ehre und Würde in ihm geworden, daß er dem gemeinen Zug zum Gelde folgte, während er dem edleren der Liebe widerstand. Er sagte nach einer Pause:

»Ihre Einsicht, Herr Onkel, wird Ihnen besser als eine Auseinandersetzung von meiner Seite sagen, daß mein Leben bisher ein allzu entschiedener Gegensatz zu dem Leben der frommen Brüdergemeinde war, als daß ich ohne Bangigkeit an einen so totalen Umschwung der Existenz denken könnte.«

»O lieber Vetter!« rief der alte Herr ganz lebhaft, »wähnen Sie ja nicht, daß wir Sie hier in Neuwied behalten wollen. Mit nichten! wir brauchen thätige und erfahrene Männer, um neue Colonien zu gründen, um unsere Missionen in fremden Welttheilen zu besuchen und zu kräftigen, um Verbindungen anzuknüpfen, welche durch Handel und Wandel auch pecuniären Segen über unsere Gemeinden bringen. Sie könnten einen sehr gottseligen und dabei thätig bewegten Wirkungskreis halten!«

»Aber zuvor die Wiedergeburt!« sagte Rudolf so ernsthaft, als sei es ihm Ernst damit.

Seiner Mutter schrieb er jedoch: der Onkel wolle ihn zum religiösen Commis voyageur der Herrnhuter machen; das übersteige jede erlaubte Forderung. Bei seinem Indifferentismus in Glaubenssachen könne er sich zwar dazu verstehen, der lutherischen oder reformirten Form zu folgen, nimmermehr aber einer solchen, deren Ausübung ihn namenlos lächerlich machen würde.

Frau von Horburg war reformirt – und obschon der Katholicismus ihres Mannes und ihres Sohnes ihr nicht im mindesten störend gewesen war, weil er in den Seelen Beider nur als Name existirte, so machte es ihr eine, auf ihrem Standpunkt begreifliche Freude, daß ihr Sohn sich zu ihrem Bekenntniß halten wolle. Vielleicht hoffte sie dadurch etwas mehr Einfluß auf ihn zu gewinnen. Ihr einsames Alter, ihre beschränkten Vermögensverhältnisse, ihre schmerzlichen Erfahrungen hatten sie ernster gemacht und etwas aufgerüttelt aus ihrem religiösen Indifferentismus. Sie schrieb ihrem alten Onkel, er möge sich vor der Hand mit Rudolfs Entschluß begnügen, das reformirte Bekenntniß anzunehmen; man dürfe nicht zu viel von einer Natur fordern, die bis jetzt in allzu großer Unabhängigkeit erstarkt sei und der erste Schritt zum Bessern werde hoffentlich einen zweiten und dritten nach sich ziehen. Der Onkel möge ihm deshalb nicht sein Wohlwollen entziehen, sondern diese Aufrichtigkeit achten.

Der alte Herr schien sich wirklich hiermit begnügen zu wollen. Er nannte den Tag, an welchem Rudolf das reformirte Bekenntniß ablegte, einen der glücklichsten seines Lebens und setzte dem Neffen sogleich ein bestimmtes Jahrgeld aus.

»Künftig das Weitere, lieber Vetter!« sagte er mit stillzufriedenem Lächeln.

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